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Jüdische Rundschau · 1910-09-02 · Heft 35 (2.9.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 4M. .1 U ii D1SCH 1• KU N ÜSCHAU No. ׳}=>. Deutscher Zionismus Geisime Leistung kann nie verloren gelten. Übernil .'dien wir, «lull die reine Idee sielt trotz aller äußeren Widerstünde sctilielilieh durelisclzt; und der gesamte Portscliriu uieuseliltelier Kultur und Oesülutig beruht ja am letzten linde darauf, dall die Resultate «eistijter Arbeit aller Völker a11f«enot1m1en und als H.uislctiie für neue l'oi tsehrllle verwandt werden, lut politischen!,eben können wir aber he• sonders deutlich erkennen, in welcher Weise freutdes Ktiltiirk'tit atiicenominen wird. Im Osten Deutschlands berühren sielt deutsche und polnische Kultur. Pie Deutschen sind als l.cltrmeister ins Land gekommen, und die Polen sind die geklingen Schiller geworden. Man sollte den• Ken, ein Sieg deutscher Kultur, ein Vordringen deut■ sehet An halte die polnische lügcnart geschwächt. Wir sehen, dall das Gegenteil ciugcirctcu ist. licgierig haben die Polen fremdes deutsches Kulturgut, dessen geistige Mehrwertigkeit sie erkannten, in sieh aufgenoininen, aber sie haben es aus polnischer Seele heraus begn’iou, und das Ergebnis ist kein Vordringen deutscher Art, sondern die Polen sind kämpf* fühig geworden gegen die eindringenden Kräfte freunder Nationalität, durch Waffen, deren Gebrauch sie von ihren Gegnern gelernt haben. Dieselbe l'.tscheimmg beobachten wir überall.!11 Japan ist dieser Proztdl außerordentlich weit vorgeschritten; Resnlt.de europäischer Arbeit sind umgesetzt worden in Leistungen eigenen Geistes, und der Sieg etiropäischcr Kultur ist zugleich ein Sieg der japanischen Nation geworden. l’ür das Wesen des deutschen Zionismus bieten sich hier neue Lrkeuutnismüglichkeiteu. Der gröbere Teil der deutschen Juden hat im PJ. Jahrhundert eine .־uissimilatorisehe Umwicklung durehgcmaehl. Wertvolle P.estandteile unseres Volkes, mit starkem intel- Icktuellem Streben haben ihre jüdischen Kulturiultnltc restlos verloren und an deren Stelle sind Lrgclmissc deutscher Kultur getreten, und zum materiellen Inhalt ihres Denkens wurden deutsche Dichtung, deutsche Philosophie und üesehiehts- Schreibung. Und diese deutschen Juden haben, wenn auch zu einem kleinen Teil, die Hntwicklnng zum Zionismus durclimuchcn körnten. Sie merkten, und je schöpferischer sie waren, um so stärker muliten sic es empfinden, dall der Rhytmus ihres Denkens grundsätzlich verschieden war von dem ihrer Umgobung. Sie empfanden die entsetzliche Tragik, ge- ׳/wütigen zu sein in einer Sprache zu denken, die ihren schöpferischen l’üliigUeitcu nicht adaetpiat war. Die unzerstörbare Kraft und Eigenart des jüdischen liiutes setzte sielt, trotz krampfhafter Unterdrück tnigs.. versuche, illr jeden Kundigen erkennbar durch. Die Besten empfanden den Zustand dieser inneren Un• freiheit am klarsten, denn gerade diu Püllc deutschen Kulturgutes hatte ihrem Urteil neue Grundlagen gegeben, und gerade durch diese Assimilation wurde in ihnen die Voraussetzung geschaffen, zu erkennen, dall der Mensch mir daun frei ist, wenn die fertigen Inhalte des Denkens und die schöpferischen Fällig- Leiten des denkenden /Menschen von gleicher lügenart sind. Lin neuer He wu II tsc 1 nszus t a tul wurde in ihnen geschaffen, die Idee des politischen Zionismus. Kampffähig waren sie geworden gegen den assimilierenden Einfluß deutscher Kultur in dem Augenblick, in dem diese Kultur ihnen zur Lrkenntitts ihrer Sondernd diu kritischen Mittel geliefert hatte. Nur der Mensch, der nach eigenem Kcclit und Gesetz lebt, im eigenen Lande, ist frei. So hätte die neue Hewulltseinsformel lauten können. Das llcrzl'sehe Wort: .,Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judentum!" bedeutet gerade für die deutschen Juden einen Hrlüsuugsruf, denn der Zionismus, die Juden• Maalsidee war ja für sie gleichzeitig der gesamte Inhalt ihres .Imlcnlums. Der Zionismus wurde so ein Pcrsouliclikvitspmbtcin für sie; der Kampf um die innere Preilteit zwang sie zum Anseblull au diese politische Bewegung, wenn iltre moralischen Luergieu noch stark genug waren. Der östliche Zionismus lim zur Grundlage den selbstverständlich c n jüdischen Nitilomdis* ums׳ aller Volksgenossen; aus Jüdischer Sphäre! heraus ist er geboren, er soll die Lrhaitung jüdischen j Kttltnrmaterials garantieren, dem mir im eigenen; Lande eine Portemwickluug bcschicden sein kann. < Der letzte Grund des Zionismus ist aber hu Osten \ wie im Westen genau derselbe. Durch das ge- 111 einsatuc Blut sind die gleichen schöpferischen Pähigkeiten bedingt, dieselbe Art ׳zu denken und zu fühlen. Nur die Lntstclmngsnrsuche stellt sich int deutschen Zionismus anders dar als im russischen. Angesichts des höchst unbefriedigenden Ausgangs der Polemik, die sieh an den bekannten Oppenheimersehen Artikel angeseliiosseu hat, ist cs heute wieder notwendig, die nationale Geschlossenheit unseres Volkes zu beIonen, gerade dann, wenn wir uns über die Somlcrart unserer zionistischen lümviekiupg klar werden wollen. Man könnte vielleicht sagen, I datl dasselbe jüdische Preiheitsgefiihl sich beim deut- ( sehen Juden dann zur Klarheit durchringt, wenn er! seiner nationalen P.igeuhcit sich bewußt wird, das- ׳ 6elhe beim russischen Juden, wenn sein selbst*; verständlicher Nationalismus ihn in die Reihen der zionistischen Partei führt. Der Schwerpunkt unserer Aufgabe liegt also in der nationalen Lr- ׳/.ielisuig. Viele glauben, dall es sieh hier um ein leeres Selilagwort bandelt, wir aber wissen heute, dail nationale Przielumg den einen bestimmten Inhalt hat. dem Einzelnen den Zionismus als die Erkenntnis seiner jüdischen Persönlichkeit zu erklären, den Bewulltseinszustand zu schaben, der ihn kampfiahivf macht gegen die Assimilation. Um eben s o g 111 c Zionisten zu sein wie unsere östlichen Brüder, müssen wir bessere Zionisten sein als jene, so paradox das klingt. Wir wissen eben, daß wir nichts haben als die reine Idee, daß uns ull die beruhigenden Unterlagen fehlen, die im östlichen Judentum noch nnverlorcn vorhanden sind. Und wir wissen, daß zwar w׳ir im Zionismus den stärksten Inhalt unseres Lebens erblicken, daß wir aberkannt imstande sind für die Gesinnung unserer K i 11 d e r zu garantieren. Gerade wir emplhuleii, daß das deutsche Judentum in einer Zeit der Ln tseheidung lebt, und daß'wir keine Zeit zu verlieren haben. Der Zionismus, unsere Rückkehr! zum Judentum, verlangt die Rückkehr ins Judenland voll uns viel schneller und viel gebieterischer als von den •luden des Ostens, diu ihr Judentum noch auf Generationen hinaus gesichert selten. Unsere zionistische Arbeit kann Infolgedessen niemals durch Kompromisse gefördert werden, wir erleben sonst im deutschen Judentum denselben Vorgang, den wir als wesentliche Lntstchungsursachc des deutschen Zionismus erkannt haben. 1״ j1u!l. sehen Jngemlvcreincn und anderen Org־,u1is;monCft huren wir heute schon unsere zionistische Termim». logic, mit llitie deren man sich gegen uns!:»c j^. sirchuugcu wehrt. Und unsere Gesi1mungvznlllSS1n> die in diese Vereine mit der Absicht der .111111,11111^ zionistischen Infiltration liincingcgangcn siml. h.,1)cn I sieh dort meist einen ganz uiatten ZioniMiuts ן״,!,״! Sie wiedciholten immer wieder, es sei!!<<.!, 1״c|,| an der Zeit, oiien mit zionistischer Agitation zu I»;. ginnen, man müsse den Hoden langsam v<.:l!ucitca 4 und die Leute allmählich au zionistische Idvcng.uigo gewöhnen. Zionismus laßt sieh nun aber m.iu jn? dieser Weise allmählich propigiervn. Auch unsere bewußt zionistische Agitation hat vielfach den l\tj}cr begangen, daß sie den Zionismus dein groik!! ״׳bi,, kum ״leicht machen" wollte Sie bemühte ־• ß!1m1 das Problematische zu nehmen und die Dinge üar• zustulleu. als ob alle persönlichen Konilikte;1! icu. tun Lude nur in Mißverständnissen bestehen,!>!c so gewonnenen Zionisten, die im allgemeinen de׳ ,.!!niv * 11ms als eine Hilfsaktion für die ,;1 c n des Ostens auffassen mußten, sind tut p,f. reiehung unseres letzten Zieles von recht .. ciiel. haficiu Werte. Ein freies Volk im jüdisch, ,.umle können nur Männer scliafien, die grenzen!׳■, :rpfer * v.u bringen bereit sind, und solche Opici .um nur derjenige bringen, der um seiner bst willen sieb zu diesen Leistungen vcrpiheh .;ulilt, der mit einem Wort Zionist ist, weil Z..;,ist sein und ein freier Mensch sei; :ur i 1111 dasselbe bedeutet Nur er wird sieh der Koiiseeineuz heu . sein, daß die letzte Erfüllung seines Zionismus ,ז inn in der Rückkehr nach Krez Israel, ins gclo; . i..m4 liegt. — - — Da wir aber gezwungen sind, noch e . /.eit des Überganges liier zu ertragen, so gilt es,!: heser Zeit uns stark zu machen mul neue Kräfte;,ז uns zu gewinnen. Alle diejenigen zu gewinnen. .;!,• j״jcn bleiben wollen und die Kraft des Erkenne!,, ii.ditn, dall nur im eignen Lande die dauernde I;.!..!:unj unseres Volkes möglich sein wird, und die h!.,:: des j Wüllens haben, diese Erhaltung tur sich!!er*; sön lic he Notwendigkeit zu e;;;,;,Jen.; Vielleicht werden es nur Wenige sein, das; :.,;;;!;1 uns nicht z.1 beirren, — dem! dieses ''Wmgtn werden Führer sein. ln den j־.id1sJ,.n (je* nieiiiden Deutschlands liegt die Kriiitcvertt hmg so, daß der Wille weniger Machthaber die Masse sich überall gefügig macht, — und, geben wir uns keiner Täuschung hin, in unseren zionistischen ()rt*.groj*;»cn ist es nicht anders. Die grollten Gruppen sn1,.U1\ auf dem politischen Wirken ganz weniger /!־!״,men. Die Zahl dieser Zionisten zu vernmehren. s!st unsere vornehmste Aufgabe, p.s ist die beste Masseuagiiation, die wir treiben können, denn ,:I!cmII dort hat der Zionismus in Deutschland Best.mJ ge• habt um! ein lebendiges Leben geführt, wo auch »er ein einziger Zionist mit der Kraft seiner D l> c r z e 11 g 11 n g gewirkt bat. Man kann entwenden, der deutsche Znmivuus nt kein einheitliches Gebilde, tmd das ist /v. eieüos richtig. Gewiß gibt es in Deutschland /.!!׳!rvidto .luden, deren Zionismus aus indischer Sphu: ent• standen ist, die in ihrer ־geistigen Struktur dem nissisehen Juden näher stehen als dem deutschen Aber der speziiisch westiehe Zionismus, der alle >i 11:11• Der Golem von David Frisch mau n. (Aus (Inn 1 lebriuschcn ühcrsclzt von Josef Meisl.) (Portsetzung.) Nach einer Weilt* da ha! sie schon wieder die Bücher, das lange Leben und auch den Oedanken an die Welt, die so voller Licht* und Sotmcnglanz ist, vergessen, und nun steht sie beim Ofen und scheuert mit ihrem Gänsefliigel. Auf dem Ofen steht eine mcnschcn- IdmUche Figur mit einer etwas cin^edrückteil Nase. Das Mädchen bleibt stehen und beiraelitet die Figur tmd vertieft sich wieder in Gedanken. Wie oft hat sie dies alles schon gesehen, und niemals kam ihr das Ding auffällig vor. Doch jet/.t ist sie nachdenklich geworden. Warum verwünscht man derartige Bilder? Warum ist cs dem Juden verboten, sich Götzen oder Bildnisse überhaupt anzuferiigen. F.inc Art Schmerzgefühl erfaßt sie für einen Augenblick. Doch da bemerkt sie an der Wand die Sabbatmiit/.c des Alten, und sie nimmt sie herunter, setzt sie der Figur auf den Kopf und bricht in schallendes Gelächter aus. Jetzt hat sie nur noch den bronzenen Leuchter, der mitten auf dun Plafonds über ihr liiingt, von Staub z.u reinigen, und dann ist ihre Arbeit zu Ende. ln diesem Momente neigt sie ihren Kopf uiul Wendet sieh unversehens der Nische hinter dein Ofen zu - und plötzlich bleibt sic wie versteinert stehen, der (iäusefliigel entgleitet ihrer Hand und ihre Augen sind weit geöffnet und blicken starr in die Luft. in einer F.cke hinter dem Ofen liegt auf der Diele eine Figur, eine Menschengestalt, leblos, aus weißem Stoff augefertigt — ein Golem aus Gips. Mit großen, weit geöffneten Augen blickt sie auf die Gestalt. F.in prächtigeres Ding hat; sie ihr Lebtag noch nicht gesellen. Das Gesicht 1 ist voller leben, die Uppen, alle Gliedmaßen sind lebendig, und sie schaut und kann den Blick von der Figur nicht wenden. Fs ist der Körper eines Mannes! Herrgott, wie schön ist dieser Mann! Und auf einmal erfaßt sie ein glühendes Verlangen - tmd sie kann sich nicht 1 bezwingen,, sie beugt sich zur Erde und berührt! ,זח»מ״7ן ״ den f-eib der Figur. Ein Fieber 01 ן fußt und durchglüht ihren ganzen Körner ן m diesem Augenblick. Nun streift sie den scidej ״e.lll. fdcl ab, der die Figur bedeckt, und ver-; schlingt die Gestalt mit glühenden Blicken. Besonders zieht sie der Mund an, der so aussicht, | als wollte er eben in diesem Augenblick zu | reden beginnen,!•'inen solchen Mund haar >!e | nur einmal gesehen: Der Vorbeier in der V.ciwJ• schul, bei dessen Gesang die Seele des Men« hat : erbebt und wie ein scheuer Vogel sich vork;!dit, i hat solch eilten Mund, llmf noch mein• Im!.1 iltr Herz diese Slirn. Und nicht eigentlich die int, ' sondern die Schläfenecken. O Gott, wie ־׳tut• 1 (lervoll sind sie! Und sic glaubt auch die b utea! Adern zu sehen, welche in diesen zarien sMilii• j fen leben, Dann fällt ihr Blick auf den Arm! dieses Wesens mit den kräftigen ,Muskeln, I tul : diese breite Brust! Wieviel Kraft, wieviel Marli»! 'Voluten in dieser Brust! Und nun schwcin dir Blick Weiler abwärts bis zttm Nabel. Ein wai.m-r Strom ergießt sielt durch iftreti ganzen Körper. I Unbeweglich, unfähig etwas zu tun tmd »inen; Gedanken zu fassen, stellt sie da. Minute auf j Minute verrinnt. Von der Ferne hört mau das 1 Rauschen und Brausgn der Moldau wogen. FnJ : da bückt sielt das Mädchen, stürzt sielt auf die Figur und drückt seinen warmen Busen an den kalten Körper. Sie schließt die Augen — »1ul so scheint es ihr süß, gut und Wonnig. Dß’srf , Mensch, den eines Menschen Hand gebildet hat, ן ist sicbcnzigma! schöner und vollkommener ah; der Mensch, den Gott erschuf. Und sie preß! sich mit ihrer ganzen Kraft an den Körper, u״(

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