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Jüdische Rundschau · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Najl__ ׳ ▼י־ drimucn. Lediglich die jüdische Intelligenz legte Verständnis fiir deutschnatiomilc Arbeit an den Tag. Jüdischem Uelde und jüdischer Werbearbeit danken ,111 die grollen Organisationen, der ״Sehulvcrcin", der ״Nordniarkbuud", der .,Siidniarkbund־‘, die meisten akademischen nationalen Verbünde u. a. ihr Umstehen.... In den 911er Jahren vollzog sich eine cntseliiedene Wandlung." Allgemach wurde der ״js’hidvercin" antisemitisch durchseucht. ״Aus der Leitung wurden die Juden summarisch entfernt. Das liiMttm der ״judenreinen" Ortsgruppen wurde eingerichtet." Ehrenpräsidenten, Präsidenten, Sekretäre und Aiisschultmitglieder in der Hauptleitung des ״|>e11:sohen Schulvereins" waren cs, die im Pariame!•1 iiir den christlichsozialcn Antrag stimmten, die jm! 1 vom Besuche der Mittel- und Hochschulen aus. ״wliliellcn. ״Diese auserlesene Gesellschaft hat!et/ den Gipfel aller Frechheit erklommen, sic im;, minrnt es. von den Juden (leid fiir ihre Schulst!::• •1g. die ״Roseggerstiftung“ zu fordern. ln Oe1. ־ reich ist sic damit nicht gut ,׳»«gekommen. . . . Sei: : dcutsclmational gesinnte Juden, die sich noch cm k'estcheii Sclbstbcwulltscin und Ehrgefühl ge- «. : haben, verweigern unter Hinweis auf die hier ge* i.ilderten Vorgänge jegliche Spende. Es ist zu I!.: .. dal! die Juden Deutschlands die gleiche H... ..ng beobachten und die freche Zumutung c1:.׳:c1>ch ablelmen werden. Reaktionäre Antisemiten sm. die Verfasser der Bettelbriefe, die jetzt den 1!c1;־׳.cheu Juden zugehen. Discitc, monitil" \us dieser Darlegung, deren Kernsütze die ne! •stc Nummer der ..Allgemeinen Zeitung des Juden- 11:״'“ vom 19. August, ohne die Quelle j׳u r.c ׳;en. getreu wiedergibt, konstruiert sich in ׳ Herr I,. Geiger seltsamerweise einen ׳:'•״griff auf Peter Rosegger", sendet den Aufsa: des Herrn Stricker an den Dichter, erhält v״;;!hm natürlich ein freundliches Antwortschreiben m'.tl bildet aus diesem und jenen Kernsätzen einen Ar:;kei unter der Uebcrsclirift: ״Ein vereitelter A׳• griff auf Peter Rosegger", Dieser Artikel bedeutet eine zweifellos tingc- Ite. aber tatsächlich doch sich ergebende Irreiui.nmg. Dem» der Aufsatz des Herrn Stricker be'chäftigt siel» absolut nicht mit der Person R״seggers. sondern einzig und allein mit dem ״!Lutschen Sehulvcrcin für Oesterreich". Der Name R'scggcrs kommt nur in der Verbindung ״k״scggerstinung", die dem Scluilvcrcin ungegliedert 1v., vor. geschweige dal! auch nur die Spur eines Alwins auf Rosegger zu finden wäre: also kann es aiub keinen ״vereitelten" Angriff gehen. Was Herr tiviger sich ״nicht denken konnte", dal! Reter Rosegger ..antisemitische Gesinnungen; 1.:cr*.:u:/e und unter falscher Flagge Juden zur ZeLiii'.nng von Beitrügen auHoideri» konnte", davon sah: m Strickers Aufsatz auch nicht eine Silbe. Herrn Geiger hat nun die ״mannhafte Ant- '*'׳״:" Roseggers ״eine wirkliche Freude here.a: ' und er glaubt, dalt sie ״auch unseren Lesern Freude machen wird." Allein wer den Brief mit 1!1.*־s kritischem Blicke liest und nicht der hier hekl1 ca!1 jüdischen (knügsnmkeil verfallen ist, der 'יי•/! nie und nimmer die geringste Freude an ihm iiu l.:1 können. Denn abgesehen davon, dal! der H: : kulil bis ans llcr/.e hinan ist, gellt er auf die S.-'1c. um die es sich handelt, gar nicht ein, sondern um sic herum. Sehen wir ihn uns einmal etwas näher an. ״Der Deutsche Schulvcretn In Oesterreich gehört als solcher keiner Partei an," beginnt Rosegger. Mit diesem von niemandem bezweifelten Ausspruch kann man angesichts der offenkundigen von Stricker angeführten Tatsachen zum Beweise, dall der Sehulvcrcin nunmehr durch und durch antisemitisch ist, wohl Kinder oder unbedingt Qläubige abspeisen. Dieser Ausspruch hat ungefähr denselben Sinn, wie wenn man von einer einer Brüderschaft von Ultramontancn und extrem Konservativen gehorchenden Regierung behauptet, sie sei keine Parcircglcrung . Nach einer Acuncrung über die Aufgabe des ,.Schulvcrcins" ist Rosegger so freundlich, zuzugcstclicn, daß ״in einem so großen Verein", in dem ״Klerikale, Sozialdemokraten, Antisemiten Plalz haben, auch der Jude hinein gehört, der deutsch gesinnt ist," und weist alsdann, um seine Gesinnung zu dokumentieren, auf eine von ihm im April dieses Jahres veröffentlichte Antwort hin, die er erteilt hat, als man ״in einer unserer Schutzvcrcins-Ortsgruppen — nicht des Deutschen Schulvercins —־ einen geachteten Mann, gegen den nichts Schlimmes vorlag. der ja seit vielen Jahren Mitglied des Vereins gewesen und denselben vielfach unterstützt hatte," aus dem Vereine aussclilicilcn wollte, da ״es aufgekommen war, daß er — Jude ist." und Rosegger dioserhnlb um seine Meinung befragt wurde. Die Antwort lautet: ״Nach meiner Meinung entscheidet auch in der sittlichen Auffassung des Nationalen die Gesinnung und nicht die Rasse. Hin geborener Jude oder Slawe, der für deutsche Art und Sitte fühlt u!»d j wirkt, ist ein besserer Deutscher als ein geborener ן Germane, der bei jedem kleinen Opfer, das von ihn» verlangt wird, hinter die Büsche kriecht. — Int (ihrigen, wer ist bei der Vülkermengc unserer Länder seines Blutes ganz sicher? -• Das. was wir meinen und wollen, liegt vor allem Im deutschen Leben mit seiner Gesittung und Treue, in der deutschen Sprache mit ihrer Literatur. Jeder, der diese Güter hat und mit uns leben will, soll willkommen sein.“ Ist das alles, was man von einem Rosegger, der nach Herrn Geiger ״als ein Mann unbedingter Gereclitigkeit und Menschenliebe gilt" — das »Möchte ' auch ich gern glauben, aber die Männer der ״Schutz- Vereins-Ortsgruppe" scheinen doch davon nicht von vornherein überzeugt gewesen zu sein, da sic sonst nicht gewagt hätten, Rosegger erst um seine Mci- I nung über die Ausschließung des Juden zu befragen - ist das alles, was man von einem solchen Mumie in dieser Angelegenheit erwarten darf? Zeigt die Antwort auch nur einen Schimmer von Entrüstung über die schmähliche Absicht der Sclmtzvcreins- Ortsgruppe? Entkleidet man den Brief allen dekorativen Beiwerks, so besagt er im wesentlichen, der Jude, der zu dem in Rede stehenden Zweck Geld gibt, ist besser als der ״Germane", der die Taschen zulüilt. Und welchen Erfolg hatte Roseggers Antwort? Er verrät es nicht. Duldete inan den Juden, den geachteten Manu, der den Verein vielfach unterstützt hatte? Schmachvoll wäre cs, wenn dieser Jude die Duldung, also die Beleidigung geduldet hätte, in dem Verein geblichen wäre und ihm seine Unterstützung nicht entzogen hätte. Seite 403.. Rosegger schließt seinen Brief an Herrn L. Qcigcr mit den Worten: ״Ich denke, geehrter Herr, dalt das Ihrer freundlichen Anfrage genügt und bin Ihr hochachtungsvoll ergebener Peter Rosegger. Und Rosegger hat sieh nicht getäuscht; er bcsegnete einer so überraschenden jüdischen Genügsamkeit, dall sein für die große Sache der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung, welches ist die Sache der allgemeinen Kultur, um die wir kämpfen, nichtssagender Brief dem Empfänger sogar ״eine wirkliche Freude bereitet hat." Ich aber hoffe, auch einem etwaigen wenig kritischen Leser die Augen geöffnet und durch diese Zeilen beigetragen zu haben, daß die Warnung des Herrn Stricker den deutschen Juden lauter in die Ohren klingt und kein deutscher Jude dem ״Deutschen Sehulvcrcin für Oesterreich" und seiner •״Roseggerstiftung" seinen Geldbeutel öffnet. Denn cs muß noch einmal gefragt werden: was in aller Welt hat die von Herrn Geiger eit»- gefädelte Rosegger-Gesehichtc mit dem ״Deutschen Sehulvcrcin für Oesterreich" zu tun? Hat Ros c g g c r gewagt, die Angaben des Herrn Stricker auch nur mit dem leisesten Hauch anzuzwcifeln? Ich kam» daher in dieser Rosegger-Geschichte nur ein Anzeichen erblicken, daß die jüdische Genügsamkeit förmlich blendet und sic zeigt an einem weiteren merkwürdigen Beispiel, was wir zu tun haben und worauf alles Vorstehende ahzielt, daß wir die hier charakterisierte jüdische Genügsamkeit zum Verschwinden bringen, damit wir richtig sehen und danach handeln. Dann wird am Ende das ״Gesicht", l offenbar, das der Prophet llabakuk verkündet. ..und | cs täuschet nicht: wenn cs sich auch hinzögert, harre! sein, denn kommen wird es, cs bleibt nicht aus."! Jung Israel | Der Gesamtauflage dieser Nummer der ״Jüdischen j Rundschau“ liegt ein Prospekt bei, auf den wir hierj durch unsere Leser und Leserinnen ganz besonders aufmerksam machen miiehteu. Wer der zionistischen Bewegung nahestelit oder Werbearbeit für unsere Sache leistet, hat in wiederholten Fällen die Beobachtung machen können, daß cs in erster Reihe die Jugend ist. die siel» der neuen j Idee zuwendet. Das ist kein Zufall, sondern vielmehr tief im Wesen des Zionismus begründet. Wenn wir nämlich auch jetzt schon in der Lage sind, bedeutsame positive Werte zu schallen, so bestellt doch | unsere gegenwärtige Arbeit im wesentlichen noch j ans einem Sammeln, llcranbildei» und Organisieren | der vorhandenen Kräfte, die darauf warten, in Zuj kauft einmal solidarisch vomigehen und in gemein- , sanier Arbeit das Land unserer Vergangenheit zum | Lande unserer Zukunft zu machen. Daß cs vor allen» . die Jtmgeii und Aufstrebenden sind, die sich, int Hin-! blick auf das große Ziel, einer solchen Znkiinftsidcc j anschließen und mit ihrem jugendlichen Optimismus 1 diese Idee über Verzögerungen und Gefährdungen j hinwegtrageii, ist mir selbstverständlich. | Andererseits steht aller der Verbreitung der j zionistischen Idee unter der jüdische!» Jugend die •j Tatsache entgegen, daß unsere Knaben und Mädchen zu sehr von den Eindrücken der Schule und des sic •;hekes, schweifend und betroffen dieses Wun- Unwesen mit den vollen und wirren Haaren und <׳*•■•> merkwürdigen Gesichte. Volles, kräftiges iL in strahlte von ihr aus, sprühende Lebensiü::k(׳n lösten sich von ihrem Wesen und ruhten *,Git einen Augenblick. Die Augen glänzten, ihr Antlitz leuchtete, die Zähne blitzten im •"׳•׳nde und von ihrem Koplhaar strömte ein •w warz-blauer Glanz aus, eine Wonne für den!,׳Hk. Wie ein heller Sonnenstrahl huschte sie i1״ Hause herum, bewegte sich und ward bald (|(>:1, bald da sichtbar. Eine Weile blieb sic nun ein Kind vor einer sonderbaren F.rschci- ״!mg stehen und blickte auf den verwilderten Ali,•!! mit seinen schweren Händen und den ungrk'iiken Füßen, der wie ein Wüstenbewohner;׳liNsah, — und da erschien auf ihren Lippen ein hiws, spöttisches Lächeln und blieb an den | Mundwinkeln Illingen. Und der große Rabbi ן U'»w tat noch einen Schritt vorwärts; irgend eine geheime, wunderbare Gewalt zog ihn fort, nützlich wandte er sich um und eilte behenden Schrittes davon. Fr erinnerte sich, daß er in Hiner Stube auf dem Tische den ״Sem hamplioras“•) liegen gelassen und vergessen hatte, ®) Der vicrbuchstabigc Qottesname. mit dem nach balistischcr Vorstellung Wunder bewirkt werden ihn zu verbergen, und rasch begab er sich wieder 111 seine Stube Pa erklang von Fva’s Lippen ein gellendes Gelächter, das ringsum widerhallte. Wenige Tage darauf herrschte in Prag eine gewaltige Erregung. Wunderbare Geschichten und Gerüchte erzählten die Leute einander über den großen Rabbi Löw und seine ״Sem hamplioras“ und die Geheimlehre, mit der er sich bescliäftigte. Einige erzählten, daß der Rabbi eines Morgens nach dem Waschen dreimal gesprachen habe ״Fr soll sich bewegen!“, seinen ״Sem ham’phoras“ genommen und einen Toten wieder lebendig gemacht habe. Ein Jüngling stand in der Zeit zwischen dem Mincha- und dem Marriwgebete in der Mcisselschul und erzählte, daß der ehrwürdige Maharal während seiner Weltabgeschiedcnhcit Samenkörner in eine Retorte gestreut habe, und daß in ihr der Leib eines Embryo gereift wäre, der immer grö- Der geworden, bis schließlich die Flasche zu enge ward und geplatzt sei. Und dann sei ein vollkommenes menschliches Wesen hervorge* kommen, und dieser lüngling sei jetzt des großen Rabbi I.öw’s Schüler. Und in der Altneuschul erzählte ein Greis, daß der Rabbi Löw einen Golem geschaffen hätte, der imstande wäre, die ganze Welt zu zerstören, wenn der ״Sem ham'phoras“ unter seine Zunge gelegt werde. Und sowie der ״Sem ham’phoras“ von seiner Zunge genommen werde, bleibe er wie ein Lchmklumpen .׳un Boden liegen. Und täglich verließ der große Rabbi Löw seine Stube und täglich ging er wieder dahin zurück. Und er war mürrisch und verdrießlich und schwere Sorgen lagen über seinem faltendurchfurchten Antlitz. Fr vermochte selbst nicht zu lachen und war nicht fähig, eines anderen Menschen Lachen zu hören. Keine Freude blühte ihm im Leben. Was frommte ihm das tiefe Geheimnis? Was könnte es denn auch mitzen, wenn der Mensch bis an seinen Urgrund vordringt? Könnte er dann etwa die Welt ändern? — Und er seufzte. Nichts würde cs nutzen, wenn einer käme und es einem enthüllte. Jeder Einzelne muß es für sich selbst entdecken. Alle Menschen müßten zugleich mit cincmmale, in derselben Stunde es enthüllen, wenn wir ernstlich wollen, daß dadurch die Welt vorandeit wird, und dann würde im Leben Freude und Seelenfrieden herrschen und die Menschen könnten selbst lachen und andere könnten vor ihnen lachen. Bedächtigen Schrittes ging Rabbi Leib vorwärts. Eva, diese Verkörperung der Lebensfreude, kam ihm in diesem Augenblick entgegengehüpft. Sic quälte nicht die banpc Frage, wie wir leben sollen, und was das Leben bedeutet. — Die Frage war ihr nichts. Eine

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