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Jüdische Rundschau · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite •102. JUEPISCH F. RUNDSCHAU. No. 34 Hiiiigo Beispiele sollen von dein bckhiKenswcrtim Mangel des jüdisclicii Selbstbcwußtseins, von der verhänidilsvüllen jlidlselien UenÜKsaiukcit. ZeuKtiiä ablcKcn. hu Jahre 1897 fand der internationale Aerztekonurcll in Moskau statt. Damals erklärte das deutselic Komitee mit Vlrchow an der Spitze, doll die deutschen Aer/.te an dem Kulturell nicht teilnclimen werden, wenn nicht die Aufenthaltsheschriinkumtcu filr die den Koincrcll besuchenden Jüdischen Aerzte auhtchoben würden. Das war recht Kitt und der l’.rfolK durehschkiKcnd. Wäre es aber niehl viel richtiger kcwcscii, wenn die Jililiseheu Aerzte einmütig einem so barbarischen Lande, in dem ihre Stammes• und Glaubensgenossen aller Menschenrechte beraubt sind, systematisch blutig und iiiililniig hiiigcmordet werden, überhaupt fern- Kcblicben wären, anstatt von einem für kurze /.eit Reitenden Ausnahmerecht Gebrauch zu machen? Das wäre bei dem hohen Rang, den die .luden in der wissenschaftlichen und praktischen Medizin ein• nehmen, ein empfindlicher SclihiK für die russischen Regierungsmänner gewesen, und wenn das jüdische Selhslbewiilttsein wiederholt in solcher Weise zum Ausdruck käme, so würde sielt am l'.nde die gesamte wissenschaftliche Welt vcraiilallt sollen zu erklären, dall sic Jeden geistigen Verkehr mit Ruühuut ahbreche, so lauge es sieh den Forderungen der Zivil!- sation und Kultur vcrsehliciU und den Juden das volle gleiche Recht, dessen die Andersgläubigen teillia(1 sind, vorenthält; so lauge es unteiiältt, ״die Grundsätze des internationalen Rechts und der ewigen Gerechtigkeit", wie es in der Kundgebung der Regierung der Vereinigten Staaten gegen Rnmänieii vom Jahre |9י(ן heilit, für die Angehörigen des Volksstammcs, der zuerst diese Grundsätze vor Jahrtausenden bereits verkündet hat, zur Geltung zu bringen. Das wäre einmal keine blull papierne Hilfe, wie sie neuerdings den Finnländern von einigen Univcrsitätsprofessoreu mul anderen Körperschaften vergeblich gebracht wurde. Einer so gewaltigen Demonstration lomme Riilllaiul nicht widerstehen, einem solchen moralischen Druck wäre dieser Koloß nicht gewachsen; denn kein Land der Weh kann heutzutage eine geistige Isolierung ertragen. Au uns aber ist es. dieses Ziel vorzubereiten, indem wir unsere geistigen Waffen mannhaft und ohne Rücksicht auf den augenblicklichen Erfolg gebrauchen und 1ms nie mul nirgends mit der blollen Duldung begmigen. Goethe sagt: ״Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muH zur Anerkennung führen. Dulden heilh beleidigen.‘’ Dulden 11 ei Dt beleidigen. Das muH unsere Devise sein, lind sind wir dann, nicht durch folgenden neuen, dem vorstellenden ähnlichen Fall beleidigt? Die 82. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, die vom 18. bis 24. September in Königsberg tagt, veranstaltet vorher, vom 5. bis 18. September, eine ״Rundfahrt durch die Ostsee“, die sielt bis Petersburg uusdehnt. In der Einladung zur Versammlung wird darauf aufmerksam gemacht, dub jeder Teilnehmer an dieser Rundfahrt mit einem Auslandspasse verseilen sein muH, und dann heiilt es weher: ״Betreffs der bekanntlich sonst bestellenden Schwierigkeiten für die Teilnehmer mosaischer Konfession sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dall solche für die bevorstehende Fahrt »Geht zu bclürclilen sind, wenn die Anmeldung zur lemiabme bis spätestens Eudo Juul erfolgt ist." Die Juden sinu hiermit von vornherein schlechter gestellt als die niehtjüdischcii Teilnehmer, insofern erstcrc mehr als zwei Monate vor der Ausreise ihre icilnuhiiic anmelden müssen. Daraus kann ilmen auch ein mn* tcricllcr Nach teil erwachsen; denn bei der Anmeldung ist eine Anzahlung von SO Mk. zu leisten, die verfallen sind, wenn der Augemcldetc aus irgend einem Grunde die Beteiligung anfgibt. Die Wahrscheinlichkeit, dal» innerhalb zweier Monate ein ilinderung.sgrimd eintritt. Ist über gröllvr als etwa In der Hälfte der /eit. Doch dies nur nebenbei. Wäre es aber überhaupt mit dem Selbstbewulltsein eines Mannes der Wissensehaft verträglich, von der russischen Gnade Gebiaueli zu machen? Mull sich das jüdische SelbstbewuHisein nicht dagegen anfbünmen, als Gnade binzimelimeii. was den aiulercu als ein Recht verbürgt isl? Ja, ich hin der Meinung, dall an dieser Naturforsehervcrsaumilimg, die eine derartige Vcran- Stallung trifft, durch die das jüdische Selbstbewußtsein unter den bestellenden Verhältnissen notwendig verletzt wird, Juden überhaupt nicht teilnclimen sollten. Besäßen wir die uns leider zu Unrecht nachgerühmte Solidarität und Einigkeit, so hätten sich alle jüdischen Fuchgenossen längst zu einer solchen kräftigen Erklärung zusamiucnsclilieilen müssen. Und noch ist cs Zeit! Hin dritter ähnlicher l'all steht bevor. Vom 22. lös 28. September soll der schon mehrfach vertagte Gynäkoiogenkongrefl in Petersburg stattfinden. Im vorigen Jahre richteten, wie die ״Vossischc Zeitung" vom 21. d. Mts. mitteilt, ״die preußische» Aerztekümmern an den Minister die Ritte, durch Vermitthing des Auswärtigen Amtes bei der russischen Rcgierimg eine Milderung der Paüvorschrifteii für die jüdischen Aerzte zu erwirken. Das Auswärtige Amt hat sich daraufhin bemüht, aber nichts anderes erreich!, als eine Vertröstung auf die Zukunft." Was werden die Jüdischen Gynäkologen lim? Weiden sie sich mit dem etwaigen russischen Gnadeiihrocken zuj frieden geben? Entspräche cs nicht vielmehr ihrer J Würde und der Würde der von ilmen vertretenen Wisesnschaft und Kunst, den Hoden RuHiands nicht zu betreten und zu fordern, daf! der Kongreli in Rußlaiid überhaupt nicht stattfindc? Dieser Fall paßt ganz in den Rahmen des ersten. Der skandalöse Vorfall im Britzcr Krnnkenhausc hatte einen energischen Protest der Acrzlckammer zur Folge. Damit war die Sache abgetan, und man triumphierte womöglich noch, daß der aus Britz hiiiausgew׳iminelte Praktikant alsbald in einem anderen Krankeiibaitsc Unterkommen gefunden hat. Aber daß damit bei weitem nicht genug geschehen ist, daß es die Pflicht und Würde der jüdischen Aerzte fordert, sieh einmütig zusamnienzuschlicßen, mn andere Mittel und Wege zu finden, uni die Wiederholung eines solchen Vorganges unmöglich zu , machen, zeigt das neue Vorkommnis im Allgemeinen! Krankenhause zu Lübeck. Hier war bereits die 1 Scham der Aerzlekammer geschwunden. Der Voistand, hei dem der liliiausgeworfene jüdische Praktikaut eine ehrengerichtliche Klage anhängig machte, leimte ein Einscbrcilcn ab und verschanzte sielt hinter dem wurmstichigen Schilde: ״Eine Betätigung antisemitischer Tendenzen in der Leitung des Krankenhauses sei bisher nicht bekannt gewonän, auch könnten politische und religiöse llandliingcii eines Arzlcs nicht Gegenstand eines ehrengcrichtliehen Verfahrens sein!" — in München ist bekanntlich das Bild des!)0!״!. sehen Malers Stanislaus v. Fabijanski ,.!)cr Pogrom in Kiew", das ein hurv<1rr.r,׳.vmlCi Kunstwerk sein soll, aus der Kuustaussieüiing im (llaspalast ausgewiesen worden. Nicht nur, dal! man keinen Finger rührt für da־ zu Tode gequälte» russischen Juden, nicht mir, dai. ,!1r Veranlasser und Verteidiger der Auswcimiii!:v! ,11. icgel kein Woil des Abscheus gegen die Mörder mul Räuber fand, man gönnt den 1mc'-.k. lieben Opfern nicht einmal, daß die Verrucht!״. fiir die die menschliche Sprache keinen enispic ״ ׳. den Ausdruck hat, durch die Kunst zur allgei,;. .״! Anschauung gebracht werden, und zwar, um im, j., nicht die Münchener ״russischen Kreise" zu r. letzen. Haben diese russischen Kreise jemals!ז• Währung eingelegt gegen die Greuel und Scheu •!. keilen ihrer Volksgenossen, gegen die Schub u gegen die notorische Aufhetzung des Abschaum .ז menschlichen Gesellschaft seitens hoher und hoc;, \r Regierungsmänner zu jenen grauenvollen 8c . 1. taten? Haben sie Je Verwahrung eingelegt ׳,. .n die Freisprechungen und Begnadigungen der M•■ .r und die Quälereien der unschuldigen Opfer? Und was tun die Juden? Besuchen sie v ,r diese Kunstausstellung im Münchener IiI.inp.iI.im, . Zu den Gelehrten und Lehrern der akadem.s,, ui Jugend, die ihr antisemitisches Herz entdeckt b... .n,! scheint sieh nun auch Herr Prof. v. Schmoll•( /u ן gesellen. Er hielt vor kurzem einen Vortrag! a j Akademie zu Posen und erzählte dabei seine /.«!. ׳ börerit, daß cs dem angesehenen Finanzm! ,ז j Rothcr seinerzeit nicht gelungen sei. für R״tl.;4 { die Verleihung einer höheren Klasse des Roten AA.r. 1 ordens zu erlangen. ״Jetzt wurde Rothcr ,׳h i wundern, wie viele krtmuiuiäslge Gestalten m!.•,..!1 ihren Uroßcordon trügen," fügte der Herr I״• .!<•!״r geschmackvoll hinzu. Und was taten die ,ne Zweifel zahlreichen jüdischen Zuhörer? W1!. .'!׳ .sie auf den Zelten, ohne sonst irgend eine 81• •,.•.< licrvor/uriifen, den durch diese einer K’ad.mver , 1:1:11• lung w ürdige Aetilierung eines akademischen Lehms herabgewürdigten Lehrsaal? ־־ Sehr charakteristisch ist endlich der neueste I Ai von jüdischer Genügsamkeit, der mir bekam••. worden ist. ln Nr. 25 dieses Blattes. S. 20\ •.,!. üifenllieht Herr Ingenieur S t r i c k e r - Wien muh ״Die Ro.seggcrstiftuug“ überschriebencii Aufsatz, .r den Zweck hat, die Juden Deutschlands vor ■:1 ״Deutschen Scli 111 verein für Oesterreich" zu u, ״der mm auch in Deutschland eine lebhafte Agit.r,!>>n für seine ״Roseggcrstiftung" entfaltet" und, um 11׳ •י den Juden Geld zu bekommen, das abgenutzte. .ז bei Unkundigen oder UukiLischeu vielleicht 1! .11 nicht aller Zugkraft entbehrende Manöver voiüa;!!. sich für den Augenblick ein liberales Mantelc >11׳ iiiuziiliüngen. Ursprünglich allerdings eine Iük'. c Gründung, eine Schutz- und Tnu/institutimi g,. ,11 ) den l krrschaflsdrang der slawischen Nation;,]!!.• cri ן Oesterreichs, fand er in den Juden die <>pt\r* | willigsten Helfer: ja sie allein ermöglichen d.isW.ik, i denn in die christlichen bürgerlichen Kreise <)c>mr• 1 reiclis ist der dcuLselmationaie (leist erst spat ..c- Der Golem י von David P r i seit m an n. (Aus dem Hebräischen übersetzt von J osef Mcisl.) Achtundzwanzig Jahre hatte der große j Rabbi Löw, MahimiP) aus Prag, eit!geschlossen in seiner Stube gesessen. Keines Menschen Antlitz hatte er geschaut, keine menschliche Stimme vernommen und sielt nur der Einsamkeit hingegeben. Das große Geheimnis drückte ihn — mul er wollle bis an seinen Urgrund dringen. Durch ein kleines Guckloch in der Tür seiner Stube hatte ihm seine Enkelin Eva in den letzten Jahren täglich seine kärgliche Mahlzeit gereicht, und wenn sie gegen Abend wiederkam, um das Geschirr mit den Resten fortzunehmen, fand sie zumeist die Speisen unberührt, und.nur wenige Brocken fehlten. Der große Rabbi Löw kostete nur, um die Seele, neu zu beleben. Wenn miti unter ein hartnäckiger Gast kam und darauf be• stand, unter allen Umständen von dem Mnharnl empfangen zu werden, wurden ihm durch das gleiche Guckloch zwei, drei Finger einer ver- ״) Abkürzung vor* Morcnu lia’Raw Rabbi Leib JX״*״״ *?"״«•«»" Namen der «rolle Rabbi Ltiw lebto Im 17. Jahrhundert Itt Prag. welkten, dürren Hand entgegengestreckt, doch , ein Antlitz bekam er nicht zu sehen und auch keine Stimme ließ sich vernehmen. Zu Zeiten, an den hellen Tagen, huschte ein Sonnenstrahl durch das Zimmer, schwebte und zitterte ein Weilchen schräg in der Luft, erblaßte sodann allmählich und verschwand endlich ganz — ohne daß ein Auge ihn geschaut hätte. Der Maharal war mit der Erforschung des großen Geheimnisses beschäftigt. An den stillen Sotn* mertagen gegen Morgen um die dritte Nachtstunde, während alles noch schläft und ein netter Tag aus seiner Versenkung emportauclit, ein kühler, frischer Morgenwind weht und die Finken plötzlich zu zwitschern beginnen, der von hier, der von dort, ״Zwi, Zwi, Zwiz“ und noch einmal ״Zwi, Zwi Zwiz“ und bald auch ״Trili, Trili Trililili“ und auf einmal dann ״piar, piar, piririririri“ — und das Ohr dies alles gar nicht zu fassen vermag; da silzt der Maharal bei den dicken Büchern und forscht. Das große Geheimnis drängt als ob eine schwere, finstere Last auf seinem Kopfe, seinem Herzen läge und ringsum die Luft erfüllte, ln der Stubennische, oben, neben dem Plafond, verrichtet seit vielen Jahren eine Spinne ihre Arbeit und webt ein vielmaschiges Netz von Fäden, das schwarz und dunkel dort oben hängt und täglich schwärzer und dunkler wird. Als der große Rabbi Löw, dev Maharal mis Prag, endlich seine Stube verließ, nach achtu:• d• zwanzig Jahren, war sein Außeres vollkomn.-n verändert, seine Haare waren grau, lang im.l wirr geworden, und sein ganzes Wesen v ..r wie das eines wilden Menschen, Das erste Ding, das ihm nach dem Verlasset! dev Stube emgeg ג• trat, war ein breiter, fröhlicher Lichtstrahl, der in diesem Momente sieh den Weg durch ö.is Fenster bahnte. Rabbi Löw mußte die gar e rechte Hand auf die Augenrücken legen und de wie eine Art Schirm wölben, damit das Licht ihn nicht blende. Und das Zweite, das ihm nach Verlassen der Stube begegnete, war seine Fnke• litt Eva — und noch einmal mußte er eilte Weile die Hand vor die Augen halten, denn eine Art Blindheit hatte ihn befallen, first nach einig••! Zeit tat cr einen kleinen Schritt nach vorwärts Wer ist diese? — fragte er. — Seine Stimme klang wie die eines Kindes, das zu reden beginnt. — Deine Enkelin: Rebekka’s Tochter ist sie. — entgegneie die alte Frau des Rabbi. Der Alte mußte sich zuerst die Vergangen• heit ins Gedächtnis zurückrufen: Wart’ mal, wart* mal: Hatte er nicht vor etlicher Zeit eine Tochter? Wenn cr nicht irrte, hieß sie wohl Rebekka. Und Eva stand aufrecht da, den Kopf in die Höhe gerichtet und betrachtete staunenden

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