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Jüdische Rundschau · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Von geschätzter zionistischer Seite wird 1nb;^schrieben: Oie Wahlen zum Frankfurter Delcgiertcntag lutlva zum ׳»roßen Teil stattgefunden, und wir 110. •! 11׳ zu unserem Erstaunen, daß an vielen On!Kongreß Wahlparolen ausgegebeu wur• de; Pa wurden Kandidaten gefragt, ob sie 111, allen Umständen für Herrn Wolffsohn ein- 7m׳ teil sich verpflichten wollten, anderen Orts u•!;. .igle man als Voraussetzung für die Eig- 1111 •4 zur Wahl ein Bekenntnis zu den Be* st.h: issun der Jahreskonferenz, insbesondere zu!,!,.,kr ר. So wird eine Fülle von Delegierten 0 . :!einen, die zweifellos imstande sein werden 1״ z h t i g“ abzustimmen, d. h. ohne jede Rück- >i ,.1 auf den Verlauf der Verhandlungen. Die m 11 lässige Wirkung der ßeschlußmaschine L: .1 bei Kongressen höchst wesentlich sein, sn»־r ein deutscher Delegierten tag hat ganz a n - 111■ re Aufgaben zu erfüllen. Der deutsche Zio• iii-mus stellt Problemen besonderer Art gegen- 1:1'׳וי. Problemen, keinen Einzelfragen! Eine Tagespolitik haben wir kaum, nur selten gibt 1> irgendwo politische Kämpfe, in denen zio• ni'iischc Gesinnung bewährt und genährt wer- (Tn kann. Es ist im Grunde sehr friedlich bei uns im (kubchen Zionismus, trotzdem die führenden G.oi'•11 in verschiedenen Lagern stehen. Eine* lagi 'Politik, wie sie jede andere politische Parlei ihren Anhängern bietet, können wir nicht kam;lieh schaffen, in Deutschland ganz be* miuu'U nicht, und dieses Manko wird von uns imi.i.r empfunden werden. I.s wäre als nicht recht einzuschen, welchen Z\m k ein Dclegicrtentag haben sollte, — oder suüeii etwa die Wahlen für das Zentralkomitee 1'.׳;ת den obgengenannten Gesichtspunkten vor* gen׳.nimen werden? Das hieße doch, das Wesen <n׳ er Behörde verkennen und könnte überdies K . '־.: zu einer Sprengung der Landsmannschaft 11n. Jedenfalls könnten wir dann nach weni- 4׳ n Minuten, — es handelte sich ja nur um einige A •!imimingen, die für die meisten feststehen — <ler auseinandergehen. Aber der Frankfurter Dclegicrtentag wird 1. ■Tunlich stärker sein als die kurzsichtige i 1'׳■i'legung so mancher zionistischen Spezial-!!iker. l:s wird sich zeigen, daß wir dieses ); ■i nicht die ganze Zeit mit Personenfragen ausi!hn können; vielleicht wird es uns gelingen, .־'• wäre seit Jahren wieder das erste Mal —!1 über Zionismus zu unterhalten, über den <1■ ., tsc 11 en Zionismus und über die •v; sehen Juden in ihrer Stellung zum Zionisai׳•*. Kämpfe soll cs auch auf dem Delegiertent.g geben, aber Kämpfe, in denen geistige W־!ien den Weg für die Entwicklung unserer 4> 1 ׳ igen Bewegung frei machen sollen. Oppen. Kurier hält uns ein Referat über die Sicdlungs- Ni iiossenschaft, und wir werden ihm freudig zu- Minimen; ebenso entschieden werden wir aber;<•11 zweiten Tage uns darüber klar sein müssen, naß unser Zionismus auch für jeden von uns (Hutschen Zionisten, und vielleicht gerade für ■׳-is, eine egoistische und keine philantropischc H! wegung ist, daß auch wir alle uns von einem starken Freiheitsgefülil getrieben und aus innenr Notwendigkeit dieser Bewegung ange* nhlossen haben, daß wir Zionisten sind, weil cs für uns keine andere Möglichkeit zu leben gibt. Man hat in Rußland gemeint, der bckannte Artikel Franz Oppenheimers habe mit erfreulicher Offenheit das aufgezeigt, was im Grunde der deutsche Zionismus immer gewesen sei — und wir müssen zu unserer Schande gestellen, er war vielen deutschen Zionisten aus der Seele geschrieben, Es sind dieselben, die von jedem Agitator verlangen: Gebt uns neue Ideen, Stoff zu neuer Begeisterung. Wir sind müde geworden, und Ihr kommt immer nur um Geld. ... So ist es notwendig geworden, daß wir auf diesem Dclegicrtentag uns nicht nur die bckannten ein wenig trivialen *Fanfaren von utiscren Trompetern, die wir dennoch lieb haben, vorblasen lassen — auch das ist gut, und wird seine Wirkungnicht verfehlen — wir müssen heute ein neues Programm für unsere innere Politik schaffen, wenn anders wir an eine Zuk u 11 f t des d c u t s c n e 11 Zionismus glauben sollen. Daß wir nur 7000 organisierte Anhänger haben, brauchte uns nicht zu betrüben, wenn es mir ebensoviele Zionisten wären. Aber das sind die Folgen einer Politik, die nur durch das Kompromiß Positionen erringen wollte. Wir haben stets unsere Fortschritte darin erblickt, daß die sogenannten großen jüdischen Organisationcii unserer Idee näher gekommen sind. Gewiß, die zionistische Idee hat sich genau so durehgesetzt wie jede innerlich berechtigte geistige Bewegung allmählich in die Köpfe eindringt. Und überall können wir heute von unseren Gegnern unsere Terminologie hören, sie haben gelernt von physischer Regeneration und sogar von jüdischer Reniiaissance zu — reden. Der Grund ist unschwer zu erkennen: wir glaubten allmählich uns überall durchsetzen zu können und mußten es erleben, daß unsere Zio• nisten sich in diesen Organisationen einen ganz lendenlahmen Zionismus altgewohnten; sie hatten es nicht gelernt, E rzi eher zu sein und verloren ihre Frische und die Reinheit der Idee dazu. Die Erkenntnis der nationalen Grundlagen alles Judentums — das heißt nationale Er- Ziehung —in einer planmäßig durchgeführten Agitation zu verbreiten, d as ist die oberste Aufgäbe des deutschen Dclegiertcntages. Das Bewußtsein soll zum Siege führen, daß nicht der ein Zionist ist, der sich mit Geld für Palästinazwecke von seinen lüdischcu Verpflichtungen loskaufen will, nicht der, der in sattem Behagen cs sich hier wohl sein läßt. Wer Zionist ist um seiner eigenen inneren Freiheit w i 11 c n , der wird auch geben ohne zu zählen. •— Finanzfragcn werden uns beschäftigen, wir werden den Landesbcitrag erhöhen müssen und vielleicht noch andere Maßnahmen treffen, um unsere Ausgaben decken zu können. Darin liegt ein bedenkliches Symptom, denn Zionist sein und Opfer für die Organisation bringen, ist dasselbe. Das Leben des deutschen Zionismus lebendiger zu gestalten, darauf wird es ankommen. Den Einzelnen stark zu machen, die Not des Tages zu ertragen; ihm die schwere Wanderung, bei der er fürchten muß, im tiefen Sande stecken zu bleiben, dadurch zu erleichtern, daß wir ihm eine neue Möglichkeit der Erkenntnis des letzten Zieles geben. Und diese Arbeit ist die aussichts» reichste, die es im Zionismus vielleicht überhaupt zu tun gibt. Denn der deutsche Zionismus ist nicht, wie man uns so gern glauben machen möchte, ein schlechterer Zionismus, als der östliehe. Gerade wir, die aus der Assimilation gerettet worden sind, haben den Geist Theodor Herzls in seiner ganzen Schwere auf uns wirken lassen. Wir haben den weitesten und schwersten Weg zurückgelegt. Es ist.vielleicht nicht leicht, darüber zur Klarheit zu kommen, die Bedeutung gerade des deutschen Zionismus für die Gesamtpartei zu erkennen. Darum hoffen wir auf dem Delegiirtentag alle diejenigen begrüßen zu können, die der Ueberzeugung sind, daß der deutsche Zionismus dazu berufen ist, eine entscheidende Rolle zu spielen, und daß deshalb alles geschehen muß, u!n die deutschen Zionisten zu dieser Stellung zu erziehen. Der deutsche Delegiertentag in Frankfurt a. M. muß wieder einen Anfang bedeuten! Maarabi. Jüdische Genügsamkeit Von Prof. Dr. K a 1 i s c h c r. Es hat lange gedauert, che die Juden die Abwehr des sogenannten Antisemitismus selbst in die Hand nahmen. Wir waren zunächst vcrblüiit; dann hielten wir die schmachvolle Bewegung für eine vorüberziehende Wolke: ein Gefühl der Beschämung erfaßte uns, dali über dem hellen Tageslicht der Kultur schwarzes Gewölk der Unkultur sich höher und höher türmte: Schwüle und Gedrücktheit bc•!nächtigte sich unserer Seele: durch schweigendes Dulden glaubten wir die Milchte der l'iiislernis und der Lüge beschwören zu können. Endlich rafften wir uns zum Kampfe auf. Es bildeten sich große Organisationen, die höchst anerkennenswertes zur Hebung des indischen Sclbstbcwußtseins geleistet haben. Allein wir können uns keiner Täuschung darüber hingeben, da» das Meiste noch zu tun übrig bleibt. Das Ucbcl. das wir bekämpfen und das mit uns die ganze Kulturwelt, bekämpfen sollte, frißt weiter, und da wir cs nicht an der Wurzel fassen können, so müssen wir ihm Glied für Glied abnehmen. Wie aber könnten wir das, wenn nicht unser Selbstbewußtsein einen solchen Grad erreicht, daß jede, auch die geringste Schmälerung unseres biirgcrliehen, politischen und gesellschaftlichen Rechts, jede Verletzung unserer Psyche mit allen Kräften und allen, uns zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft wird.׳־ Es wird hiermit kein höheres Selbstbewußtsein gefordert, als cs jeder Menschengruppe auf der Höhe der Kultur eigen und natürlich ist. Wir brauchen unser Sclbslhcwußtscin nicht künstlich in die Höhe zu schrauben; denn nur blinder Haß, böser Wille oder Ignoranz kann den Juden absprechen, daß sic unermeßliche Güter zur Kultur von altcrshcr beige tragen haben und täglich in redlicher und uncrmiidlicher Arbeit mit ihren andersgläubigen Mitmanschen neue hinzufügen. Wie oft aber gibt sich der Einzelne oder ein ganzer Stand zufrieden, wenn nur der Schein eines Unrechts, einer Kränkung, nicht diese selbst, beseitigt ist! Wir sind so genügsam, daß wir uns cinbildcn, den Schmerz nicht zu empfinden, wenn nur ein Pflästcrchen aufgelegt Ist. Diese jüdische Genügsamkeit muß aufhüren, soll anders das erstrebte Ziel erreicht werden, sollen nicht schließlich *roßen Organisationen selbst, die über die Wahrung unseres Rechts wachen, in ihrem Wirken erlahmen, zur Ohnmacht verurteilt werden. Denn sic finden Ihre Hauptstütze In dem Sclbstbcwufttscin, > dem festen Willen des Einzelnen, der Stände, der eino Einheit bildenden Berufsgenossen, jeder Kränkung der jüdischen Psyche zu wehren.

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