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Jüdische Rundschau · 1910-08-19 · Heft 33 (19.8.1910) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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.1 Ul: Dl SCH F- RUNDSCHAU No. 31 Seite 392. Spanne Zeit — ein Rauschen und Säuseln ertönt wie von Palmcuwoileht. Ruhe uml himmlischer Frieden zieht in die ge- Quälten Herz.ett der Betenden ein und mit ihm die felsenfeste, freudige Gewißheit, dail der Tag nahe, an dem die heilige Stadt wieder unterstehe aus Schutt und Trümmern. — Wie hclllt es doch in dem Sabbaihlicdc des Schclaumo Haievi: ״Was schämst Du Dich und was errötest Du, Jerusalem — aufgchaut wirst Du wieder werden, es werden sieh wieder itt Dir bergen die Armen Peines Volkes I" Tisch» b'Aw Ist aus. Die Hoffnung lebt. * Tischn b’Aw׳ (Das Fest der Tempclzcrslürting) im Westen. Hin vornehmer Tempel im besten Viertel der Stadt. Gedämpftes elektrisches Lieht fällt von den kostbaren Broiiz.e-Kronlcuehtcm in den weiten leeren Raum und striegelt sieh in «Jen glitzernden Marmor־ fliesen, den blanken, kunstvoll geschnitzten Holzliänken, den schlanken, gefälligen Säulen und Kapit.'ileru von schneeigem Alabaster. - - Unten über das weile Seliiii des Tempels verteilt zwei bis drei Dutzend sorgfältig gekleidete Herren, die gleichmütig und mit beschaulicher Ruhe dem Gottesdienst folgen. Von den Hmporen herunter winken einige Damen־ hüte neuester l’acon. Die Orgel braust und der Chor schmettert die kunstvollen Tongefilge Lewan־ dowski's. Aber die Wärme, die von den leuchtenden Glühkörpern an der Decke ausstrahlt, sie kann nicht hinwcgtätischen über das Gefühl innerer Kälte, kamt nicht verhindern, daß ein unwillkürliches Frösteln uns iibcrläuft. Alles Steifheit, Kälte, Gemessenheit. Der alte ausländische Jude dort in der hintersten Reihe — am letzten Hekplntz, er wird, als er einmal seine Stimme bei den Klageliedern schmerzvoll erheben will, durch entrüstetes und energisches ״Pst, Pst” zur Ruhe verwiesen. Nirgends das Gefühl historischer Weilte — der wirklichen Trauer. Auf die Menschen, die hier, losgelöst von der Vergangenheit, olme Zusammenhang mit der Geschichte, deren grandiosester Trauerakt sich heule abermals fährt, stehen, empfinden selbst die elementare Gewalt• die tief tragische packende Poesie der Klagelieder mir als leere, tote Formel. — — Die C\ linder glitzern, die Seiten der Gebet- Micher knistern leise in der Kirchenstlllc. der Vorbeter vollendet das letzte Gebet, eine Tröstung für die, die alle Drücken hinter sich abgebrochen haben, die die wirkliche, logische Anknüpfung an die Vergungenheil aufs Schroffste abielmeii, sich aber mit halbwegs unverbindlichen, abstrakten und ״vergclstigtcn" (auch .,symbolischen') Auswegen eiiiverstanden erklären: ״Und Gott wird aufbatten die Mauern des 11 i in in I i s c h c n Jerusalem, die da nimmer wanken!" •־ Sehr unverb indlich, fast zeremonios klingt es von seinen Uppen, — Hin Auf• atmen und Räuspern. ־ ״ Sorgsam werden die Gebetbücher cingew’ickelt und man verläßt den Tempel unter den Absehiedsklängen der Orgel, — nicht gerade mit dem Bewußtsein, den größten nationalen Trauertag, den Beginn einer Kette imemlliclicr Leiden eines ganzen Volkes, begangen zu haben, aber dafür in der Gewißheit, seinen Platz in der Gemeinde würdig ausgefüllt zu haben. Ja, in diesen schlimmen Zeiten muß man mit gutem Beispiel vernagelten. . . . der Jugend besonders. -- Nachmittags ist man in SchlaclUcnscc, auf der Alster, im Palmcngartcn — Je nachdem. — Tischn b’Aw? Das Grollen der Pogrome im Osten? -Dafür ist's Sonntag heut! * Ein Briefwechsel mit Nordau Herr Jakob Landau in Hoden halte an Dr. Nordau ein Schreiben gerichtet, dein wir folgendes ent- ״Hs handelt sich um eine in der Zionistischen .lügend allgemein bestehende Unsicherheit, welche Richtung sie ihrem Mildtmgsgang zu geben hat. Dem Gefühle der Gesinnung nach Zionisten hat sie den lebhaften Drang, das sie dnrehilringende nationale I mpllmleii zur Grundlage ihrer Mildung und Ihres Wissens zu machen, natürlich verhindert das anders gealrtcte Milieu, die entgegengesetzte Schulbildung ein Sichvcrscnkcn in die Kultur- und LUcraturschätzo des Judentums in jenem Malte der Vollständigkeit, «las allein ihrem Bedürfnisse genügen würde. Das Lr-! gebnis war daher: ..... ״ Hine Halbheit, eine potenzierte Manische Zerrisscnlicit, ein ZwiuergehiUle von sagen wir europäi« sclicu Kenntnissen und unfertigem jüdischen Wissen. Ist der Fortbestand eines sulchen Zustandes wünsehenswert? Nur Sic allein, unser vielgeliebter Führer, der Sic wie kein Zweiter europäisches Wissen in sieh uitim-'iioiiiiiicn und mit jüdischem Wissen, mit Jüdischem Gefühle gepaart haben, können ein unanzweifelbares Urteil von maßgebender Bedeutung füllen. Sollen wir, denen die Berufstätigkeit cs nicht gestatten wird, ihr ganzes Lehen der Befried!- gung ihres Hrkemilnisdranges zu weihen, sollen wir den beschriUcuen Weg weiter verfolgen oder haben wir Westler zur Genüge unsere Pflicht getan, wenn wir nur materielle und durch unablässige Agitation Zeitopfer der zionistischen Bewegung bringen? Oder sollen wir mit Rücksicht auf die Tatsache, daß durch einen Grundstock aufopferungswilligcr und intcllektitellcr Kräfte eine Kräiiigung unserer Organisation und unserer Positionen in Palästina resultieren würde, sollen wir in F.rwägtmg dieser Momente hestrebt sein, bei weitestgehender Vernachlässigung der für diesen besonderen Zweck unnützen europäischen Kenntnisse und hei möglichst vollkommener Aneiginnig der nöligen türkischen, hebräischen, arabischen Sprachkcnuinissc das Land unserer Sehnsucht zu unserem Aufenthalts- und Existenzort zu machen? Spricht jedoch gegen solche Bestrebungen nicht der Umstand, <Jaß Palästina noch keine lutelligenzberule zu ernähren vermag? Oder darf das letzte Moment keine aussclilaggcheudc Bedeutung für sicli bcan- Sprüchen und ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, als wagemutige Pioniere gleich den ersten Hinwamlereru auch in den ungünstigsten Verhi'iltuissen in Palästina uns nieder/,ulassen. Soll kurzgesagt, Jerusalem oder Paris das Zentrum unseres Geisteslebens sein, soll Palästina oder Kuropa der Ort unserer Hncrgicnnstrcngimgcn sein? Wenn meine Ausführungen tmiiassettd und vordringlich sind und nicht meine hohe Bewunderung für Sic, unseren vielgeliebten Führer, erkennen lassen, wenn mein Brief nicht meine große Verehrung für Ihre staatsmäimische Einsicht spiegelt, «len Zionismus in keine noch so praktische Seitengasse verlaufen zu lassen, dann Bitte ich dies meiner abgeschiedenen Lebensweise und der daraus folgenden Unkenntnis der konventionellen Höflichkeiten zugute ־zu halten, ob zwar ich überzeugt hin. daß der Verfasser der ״konventionellen Lügen” ohnedies über allen Formelkram lächelt. Geben Sic mir und allen jenen, welche gleich mir ־zweifeln, Antwort und Zielbewußtheit welche die unerläßlichste Voraussetzung jeglicher politischer Betätigung ist. Wenn eine Unsicherheit in solchen Lcbcnsiiotwcndigkcitcn einer Partei hestellt, muß Verwirrung and Fahrlicltkeit als letztes Ergebnis sich einsL'llcn. Indem ich nochmals um eine gütige Antwort bitte und ich mich der Hoffnung hingehe, daß Sic mein Schreiben als d׳as, was cs ist, als den Ausdruck meiner tiefsten und wahrsten Gefühle betrachten werden, hin ich mit der Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung Ihr ganz ergebenster Jacob Landau. Tischa b’Aw in Ost und West . . . scheinbare oder wirkliche Gegensätze? Vielleicht ist dennoch nicht fern der Tag, wo auch — einmal dem Westjuden zum Bewußtsein kommt, was wir alle — auch er, verloren . . . dereinst ־— am Tischa b’Aw! — — — % Brüder, noch einmal, — heute sind wir in Gefahr, das letzte zu verlieren, sorget, daß uns wenigstens Eines treu bleibe — in Eurer Hand liegt cs: Die Hoi in 111! gl Hin neuer hebräischer Verlag Wie wir erfahren, hat in B e r I in zu Beginn dieser Woche eine Konferenz zur Begründung eines Neuen hebräischen Verlags stattgcfuiulcn. Das Krgelmis «ler zweitägigen Konferenz, an der sich eine Anzahl hervorragender hebräischer Schriftsteiler und jüdischer Finanziers beteiligt hat, ist die erfolgte Begründung eines großen hebräischen Verlages mit einem Grundkapital von einer ltalben Million Mark, wovon etwa der fünfte Teil bereits ge* zeichnet worden ist. Der Verlag wird der Organisation für hebräische spräche und Kultur unterstehen. Darauf antwortete Dr. Nordau in folgendem Schreiben: Herrn Jakob Landau vsh Haus Kaiser von Oesterreich. Ka r lsha d. 7. August 1910. Sehr geehrter Herr und lieber Gesinnungsgenosse! Ich hin mir meiner Verantwortlichkeit gegenübe ideal gerichteten, begeisterten Jünglingen, die meinei Worten Bedeutung lwi/umessen gewillt sind, ׳zu tic bewußt, als daß ich cs über mich gewinnen könnte Ihre Fragen leichtblütig and obenhin zu beantworten Ihr wertes Schreiben würde, um angemessen bclian delt zu werden, als Erwiderung ine lange Abhandluni erfordern. Diese abzaiassen habe ich hier und jetz, weder die Zeit, noch die nötige Sammlung und Ruhe Alles, was ich augenblicklich tun kann, ist. einig! kurze Andeutungen zu machen, in denen Sic untc l.ntsclmldigung ihrer dogmatischen Form, den Nieder schlag langen, oft schmerzlichen Nachdenkens übe den von Urnen angeregten Gegenstand seiten woher Ls Ware falsch und verhängnisvoll, jüdische un europäische Kultur als Gegensatz zu konstruieren un zu empfinden. Dieser Gegensatz besteht nicht. Ls gibt keine jüdische und keine europäische, c gibt mir eine menschliche Kultur, unter der ich di Gesamtheit der bis heute erworbenen sicheren Kcmti tussc von den Wirklichkeiten der Welt, zu der auc die Menschen und ihre Gesellschaften gehören, un deren Anwendungen auf die Lebensführung der Ge. sämtlichen und der Einzelnen verstehe. Das Judentum erwartet und fordert, «laß seine intellektuelle Jugend sich diese Kultur möglielnt gründlich ancignct. Strebende und begabte junge Juden stillen sich zu durch und durch gebildeten. m ihrem Fache tüchtigen Menschen ausbdden. so u.itt sic den Vergleich mit keiner anderen Jugend /.u scheuen haben, olme sich zu fragen, ob sie ihre Wissenschaft oder Kunst hier oder «lort :1us/n״1,!״ berufen sein werden. Die Mathematik, die 1 *!«v*!>., die Chemie! die Logik, die Geschichte sogar, sj.!j keine anderen für den Wiener oder den Palästinenser, Daneben soll der hinge Jude allerdings hebräisch in Wort und Schrift beherrschen lernen mul eine Kenntnis seines Volkes in Vergangenheit und Ge•.;.!!, wart erlangen. Das genügt im Alter des Wer.leas. Dem Alter der Reife bleibt die Ausbildung in ־,.׳!.״״'•ה. fächern Vorbehalten, wie cs die Kenntnis des '» .jkisehen und Arabischen wäre. Die Frage, ob die Jugend sich für die Aus\s י!;ה. rung vorbereiten soll, ist eine hochcrnstc. \s\ nicht allgemein, nur individuell und konkret /1 ״ •. antworten, F'iir Intellektuelle, fnr Angehöiige!Kr freien Berufe ist zur Zeit noch kein Bedarf uno u;, auch kein Hoden in Palästina. Dort gehören I;׳ me Bauern, Industriearbeiter und Kapitalisten Inn i);1 muß zunächst eine materielle Kultur aufgc׳! aut. :! reges Wirtschaftsleben geschaffen werden. * J diese vorhanden, dann wird auch Nachbarn.!!! Geistesarbeitern entstehen und es wird die eul ׳. י. gäbe der jüdischen Jugend Europas sein, dieser frage zu entsprechen. An tatsächliche Answnndcr־v:g denke heute mir, wer entweder begeistert gern,׳:;!. um dem zionistischen Ideal mit Aufopferung י as anderen Ehrgeizes körperlich zu dienen wie 1 .סיס für Racliacl. das heißt als Arbeiter hinter dem Is־e und im Vichslaße. oder wer die Mittel bcsii/t. :!m mit Aussicht auf Erfolg einen selbständigen 1 :״,«;b landwirtschaftlicher oder gewerblicher Art i!. i\!. Itistina zu begründen. Die Anderen müssen ,1..!mt rechnen, daß sie bestimmt sind, ihren Lebens,'- g 01 ihren Geburtsländern zu machen. Aber sie br.1i.JnM darum nicht schlechtere Zionisten zu sein, ab ä!i Auswamlerudcn. Bedingung der Entstehung und iw- Minden l'.nlsvickluug eines ucui«Ulisc!«־.׳n Volkstums!!,ן Lande der Väter ist das Vorkaiuh'iiscin eines st!:!; organisierten, gcsiumingstüchtigen. ‘virl\G1.׳i!iu!1 blühenden Judentums in der Zerstreuung, «las d׳!! palästinischen Pionieren als sicherer Rückhalt und Baumschule dient. Seien Sic aufrichtig*( gegrüßt Von Ihrem e.• gebensten Dr. M. Nord.! 11. Die Aufforstung Palästinas Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, ii.tt die Israelitische Kultusgcmeimle zu Dessau Unterstützung der von ihr verwalteten Fonds der Baronin Cohn von 0 ת ח e n h c i m - S t i f t u 11 g der P.L.D.C. den Auftrag gegeben, für ihre Rechnung einen OI i v c n w a 1 d a 111 T i b c r i a s s e e anzulcgcu. Hs ist vereinbart worden, daß für die Zeit v<>n PS Jahren die Israelitische Knlinsgemeindc zu Dessau die alleinige Nutznießerin dieser Pilanzung sein soll, während nach Ablauf dieser Zeit die Pilanzung den! Jüdischen Na t i o 11 a I f o n d s auhcintf.dlcn י-י >*L Die Dessaner Gemeinde, die den Anregungen unserer dortigen Gesinnungsgenossen und ganz bes■ •!- ders des Herrn Kantor Blitz Folge gab. hat sich hierbei von dem Wunsche!eiten lassen, zur Aui:״rstung des Landes der Väter heiztitrageu und gicsenzeitig den Juden neue Hrwcrbsgclcgcnhcit in Palistina zu verschaffen. Neben dieser Erwägungen dürfte fiir den Fa:- Schluß der Dessaner Gemeinde gewiß auch der IV•- Gand maßgebend gewesen sein, daß der Oliveuu. M seiner Nutznießerin erhebliche F.rtrügnisse abwert■. .1 wird. Das Vorgehen der Israelitischen Kiiltusgemei!. >* zu Dessau wird voraussichtlich auch andere u> vneintkn innerhalb' und außerhalb Deutschlands z־;r Nachahmung anspornen und dadurch der Kolmuv.- tion Palästinas neue Kräitc zufiihren. Bürgermeister Guynor gegen die Judenmission Der hervorragende New Yorker Bürgermeister, der bckamlich fast das Opfer eines Mordanschlaucs geworden wäre, hat nach der ״H. Z. am Mittag" gegen die Prosclvtenmachcrci einmal in sehr deutlicher Weise Stellung genommen. Der Reverend Thm;:!' M. Chalmcrs, der Leiter der ״New Ymk Jcwisli Hvnngclicnl SocieU", dc'ren Zweck die Bekehrung von Mitgliedern jüdischen Glaubons /um Protestantismus ist, wandte sich vor einiger Zeit :m den Mayor mit dem Ersuchen um■ die obrigkeitliche Bewilligung, in einigen New Yorker mul Brooklvnu' Stadtteilen, die von Jmlcn stark bevölkert sind. IRkehrungspredigten abhahen zu dürfen. Gavnor lwschied dieses Gesuch abschlägig mit folgender Begriimiung: ״Es will mir scheinen, daß die Proselvteumacherci häufig viel zu weit getrieben wird. Glauhon Sic etwa, daß die Juden keine gute Religion haben? Haben nicht die Christen sich die ganze ״Heilige Schrift" der Juden ungeeignet? Ist nicht auch das f

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