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Jüdische Rundschau · 1910-08-19 · Heft 33 (19.8.1910) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCH RUNDSCHAU Seite 391. No. 33. Wozu fiilirc ich dies alles aus? Nicht um der Türken willen, obgleich wir Juden und speziell wir Zionisten Jas grollte Interesse an dem Schicksal der Türken haben, auch nicht um einen interessanten historischen oder politischen Exkurs zu machen, sondern wegen der Nutzanwendung, die wir daraus zu ziehen haben. Ich weil! kein Volk der Welt, au das der Ausspruch des Freiherrn von der 0011/ mit größerer Berechtigung gerichtet werden Kann und das mehr Veranlassung hat, ihn sich zu Gemme zu führen, als das jüdische. Qibt cs denn ein Volk, das ungerechter behandelt worden würc und ungerechter behandelt wird und das in gleicher Wo im tagtiiglich über Ungerechtigkeiten zu klagen hat? Pie ganze jüdische Geschichte bis aui den heu-, tigen rag bildet mit vcrhältnismällig kurzen Unterbrceinmgen nur eine einzige Kette von Ungcrcclttig- Keite■׳ und Gewalttaten, die sielt die Machthaber aller Zeit.־:! gegen unser Volk erlaubt haben. Und warum erlitt••: luiben? Wegen seiner Schwäche. Zur Zeit eine•־ selbständigen jüdischen Staates waren es fast and.; nule innere Streitigkeiten, Parteiungen und Bürg.׳kriege, die fortwährend zu Einmischungen der dam.■;eit Machthaber und schlieliliclt zur Knechtung und!Störung des jüdischen Staates führten. Und in d zweitausend Jahren der Diaspora bietet das jtali'- e Volk geradezu ein Musterbeispiel von politisch.. Schwäche und Zerfahrenheit, ln tausend und bertanscud Stücke und Partikclchcn getrennt, die . le ihr Sottderdasein führen, ohne inneren Zu- $.1111׳ nluitig auilcr dem, der durch die gemeinsame Reh» 11 imU die gemeinsamen Traditionen gegeben ist, ן — •Iirwalir, ein erbarmungswürdiges Bild der?ein ״ehe. die förmlich zu ungerechter Behandlung Itcr.i 'fordert. Stark einzig und allein im Klagen und 1 Dulden und im Hoffen, sowie in den Bemühun* gen. die durch die Ungerechtigkeiten der Machthaber goc״!.igelten Wunden eiitigermallcn wieder zu heiK .1. Pie vorzugsweise aus solchen Bemühungen! in ».eit letzten fünf Jahrzehnten hcrvorgegangcncit j Vei'iielte zur Organisation der Juden, sie bieten dasj sei!«, beklagenswerte Bild der Zerrissenheit und Zer-! w'iheit. Statt einer mächtigen die ganze Judenheu zusatnutenfassenden Organisation zahlreiche Heinere und gröbere mit einander in keiner Verbindune stehende, zum Teil auf einander eifersüchtige oder cur sich befehdende Vereinigungen. Und selbst die festgefügteste von allen, unsere zionistische Organisati! n, die wenigstens den Willen zur S türke im?inttc des Freiherrn von der Goltz dokumentiert und .nif dem Wege zur Einheit und zum Endziel der Wiwdeizeburt des jüdischen Volkes, eine straffe Zusanmuinu;'Staig alter Juden nnstrebt, auch sic ist nicht hei von inneren Parteiungen, Zerwürfnissen!ui k' üi!>:cn, auch in ihrer Mitte machen sich Eifer- Mielittldui. ehrgeizige und andere selbstische Sonder- I estiebmigcit geltend, und vielfach noch ist ein Maugel .m Disziplin und auch an Opfcrwilligkcit zu bc- Migen. Ich erinnere nur, — aber rein historisch, ohne gegen irgend jemand einen Vorwurf erheben mul ״lic Wunden wicdernufreiften zu wollen — an die u.it dem Namen der Cltarkowcr Konferenz verk1M1!!iu■ Ainlelimmg eines Teils der Zionisten gegen die Ik'Jiliisse des sechsten Kongresses, ich erinnere an 11..s Verhallen der anderen Seite nach dem siebentu: k. ngrcü. gegen dessen Beschlüsse sie teils durch u'a!•< Abspaltung, teils durch völlige Passivität, durch Einstellung jeder Mitarbeit demonstrierte, ich erinnere an die zu allen Zeiten erfolgten heftigen Angriffo auf die Führer, ich erinnere an die Streitigkeiten innerhalb einzelner, gröberer Landsmannschuften, ich erinnere schliciilich an den Mangel an Opfcrwilligkcit und an Einsicht, der sich daran zeigt, dall seit vielen Jahren der Leitung die notwendigen Mittel zur Führung der Geschäfte verweigert wurden. In alledem offenbart sielt eine bedauerliche Schwäche. Differenzen, Meinungsverschiedenheiten solle« und müssen existieren, sic sind ein Zeichen von Leben in der Bewegung, aber sic sollen in ruhigen, sachlichen Auseinandersetzungen ausgetragen werden, und nicht in persönlichen Angriffen, Befehdungen, Bckrittclungen, Verunglimpfungen und Verhetzungen. Unsere Führer wissen am besten, wie sehr durch solche Zerwiirfnissc und Kämpfe, die die Kräfte verzehren, ihnen die Arbeit erschwert und das Portschrcitcn der Bewegung behindert wird. Der Frlcdcnsschluß, der jetzt nach schweren Kämpfen zu allgemeiner Befricdigung Zustande gekommen ist, er zeigt doch, wie sehr das Bewußtsein von der Notwendigkeit der Einigkeit und eines starken einmütigen Vorgcltcns alle zionistische Kreise durchdrungen hat; hoffen wir, daß der Friede nie wieder gestört wird und die Einigkeit uns erhalten wird und unserer Organisation nunmehr die Stärke und Festigkeit gibt, die den Erfolg sichert. Der größte Fehler des jüdischen Volkes, der sein trauriges Schicksal herbeigeführt hat, ist seine durch Uneinigkeit und Unbotmäßigkeit hervorgerufene Schwäche gewesen. Wir Zionisten rühmen uns, die Kcrnlriippc der Judenheiteit zu sein, ja die Judcnhclt im ganzen zu repräsentieren. Schon deshalb haben wir vor allen die Pflicht, an uns selbst zu arbeiten, daß wir diesen vcrhiignisvollcu Nationalfcltlcr ablegen und der übrigen )udenheit mit dem Beispiel der 1 inneren Geschlossenheit, der strengen Disziplin und der selbstlosen Hingabe an die Ziele der Gesamtheit! auf dem Wege zur Stärke vorausgehen. 1 1 Als Josita nach dem lode Moses’ auszog, das Land der Verheißung zu erobern, da erging an ihn die göttliche Mahnung: ״Sei stark und fest!" Wir späten Nachkommen jener Männer um Josua, die wir wie jene im Sinne haben, das heilige Land zu erobern oder vielmehr wieder zu erobern — allerdings nicht mit Waffengewalt, sondern mit den Waffen des Geistes und der Arbeit — wir bedürfen in erhöhtem Maße der Stärke und der Festigkeit, da die Scltwicrigkeiten heute weit größer sind als damals, zumal wir noch die Ungerechtigkeiten der Wirtsvölker in deren Mitte wir leben, zu besiegen haben. An uns ergeht daher erst recht der Ruf: ״Seid stark tmd fest!", der durch den Nachsatz des Freiherrn von der Goltz: ״dann wird man gerecht gegen Euch sein“, auf das trefflichste ergänzt wird. Es sind dies die goldenen Worte für uns Juden, die cs verdienten, in Stein gehauen zu werden, wie die zehn Gebote. Wie von diesen, sollte cs auch von jenen gelten: ״Und cs sollen liaitcn diese Worte, die ich dir heute verschreibe, in deinem Herzen, und du sollst sie einschürfen deinen Söhnen und sollst von ihnen sprechen, wenn du sitzest in deinem Hause und wenn du gehest auf dem Wege, wenn du dich nicdcrlcgst und wenn du aufstchst.. . Und du sollst sie schreiben an die Pfosten deines Hauses und an deine Tore."! );is ist mit dem Ausdruck tiefster Trauer, ) verzweifelnden Leides gesagt — daß wir itmej halua in unserem Getändel mit Klein-Sarah und; ohne zu fragen aufhorchen und — warten. Dicke I Tn!׳■׳ n stehlen sich aus den Augen der jungen! Mifter und rollen auf den Nacken des Kindes. Arm׳־ Blume von Galiläa, mit welchem Tau werden deine zarten Glieder getränkt. I lic und da ein abgerissenes Wort und die gan/e Tragödie baut sich vor uns auf. Man hat cs ]1 gelesen und vielleicht auch länger dabei verweilt — aber es zu erleben-zu erleben ־• daß der Manu tot heimgebracht wird — erschoben, aus dem Hinterhalt ermordet, niedergeknallt von einem tückischen Araber, ohne jede Schuld ums Leben gekommen. 1׳in zufälliger Eniulbummler, ein jüdischer Tourist aus Rußland, war mit Arabern in Streit gekommen. Es hieß, sie wollten einen unmäßi* gen Preis für eine Fuhre, oder auch, daß sie ihm seinen photographischen Apparat nehmen wollten. Der Mann fühlte sich bedroht, machte von seinem Schießeisen Gebrauch, und verwundete ei nett seiner Gegner, der aus Mangel an ärztiieher Pflege starb, Bald darauf fand man zwei Juden als Opfer der Familienrache in ihrem 1 Blute: in Sedjera einen, den anderen in den | Gemarkungen von Jemma. Und dieses war; der Vater Sarahs. Doch nein — er wurde erst ihr Vater, als er längst im Grabe lag. Sein Blut! hatte das Erdreich gedüngt, der Samen quoll und keimte, es reiften die Früchte und zwischen den Malmen der korngefüllten schritt ein schwer* beladenes Weib — der schmerzhaften Stunde entgegen — da sie ein vaterloses Kind in die Welt setzen sollte. Und wie strampelt das rosige Dingelchen mit seinen dicklichen Bcinchen im sonnigen Licht von Galiläa, seltsam schön, wie aus einem Bilde von Rubens herausgeschnitten und kräht vor Behagen. Der Vater aber, der Vater, er träumt weiter den Tramn vom freien Juden auf freier Erde. — tief in der Erde. Und Sarah wird hernnwachsen groß, schön und stark, ein rechtes jüdisches Kolonistcnkind. Die Mutter — je nun, wie soll sie's machen? Das Mädchen kommt in die Fremde.- Wo sehen wir uns wieder? In Kairo als Büromädchen — am Kap, bei Kindern — oder in Kanada ,als Landarbeiterin? Wie viele gute, liebe palästinensische Mädchen enden so! Oder wirst du kleines Pflänzchen erstarken und wurzelccht im Boden der Heimat erblühen? Wirst du einst deine Kinder ans Grab Wenn wir jene Worte so unserrn Gedächtnis clnprttgcn und Im Herzen trugen und danach handeln werden, dann ist mir um die Zukunft des jüdischen Volkes nicht bange, dann werden wir unser Ziel sicher erreichen. Wir werden dann in der Achtung der Völker ebenso emporsteigen, wie wir dies bei den Türken in den letzten zwei Jahren erlebt haben, und die Kette der Ungerechtigkeiten und der Leiden, sic wird endlich ihr Ende erreichen. Darum, Ihr Juden: ״Scldstark, und man wirdgcrccht gegen Euch sein!" Tisch a-be’flw Zwei Kulturskizzcn. Von Hans Goslar. Tischa b'aw im Osten: Dumpfe Klagelieder erschallen In der Synagoge, wehmütige Melodien klingen aus den geöffneten Fenstern in die laue Sommerluft hinaus. In Sack und Asche, auf dem altersschwarzen Holzfußboden hocken die frommen Beter. Wild und herzzerreißend klingen die Trattcrpsalmcn, heiße Tränen fließen in die langen milchweißen Bärte betender Greise, leidenschaftlich laut herausgestoßen werden die stürmischen Bitten um Wiederhersteilung der alten Volkshcrrlichkcit. Von Schauern der Wehmut durchzittcrt ertönt die brüchige Stimme des alten Vorbeters mit den silbernen Scitcnlockchcn. Ein ganzes Drama, eine ganze Volksgcschichtc klingt aus den schluchzenden Lauten, in die er sein Gebet legt. An dem geistigen Auge seiner Zuhörer vorbei ziehen all die Jahrhunderte des Schreckens, deren Chronik mit Blut, jüdischem Blut, nicdcrgcschricbcn ist. Vor ihren Augen sinkt in Trümmer ״Jerusalem die volkreiche, die heilige Königsstadt, zur Residenz auserkoren." — In Flammen geht der Tempel auf. Die Bliitc des Volkes stirbt den Heldentod fürs Vaterland — vorbei Judas Selbständigkeit — aus Judas Glück. Und weiter geht der Flug der Zeiten — Judas Sühne sind am Wanderstabe ltinausgczogcn in die Fremde, ihre Spur bezeichnen gebleichte Gebeine, Massengräber und flammende Scheiterhaufen. — Unruhig flackern die Kerzen an den Holzsäulen der Synagoge. Die Beter stöhnen unter dem Eindruck der schweren Bilder, die ihre Phantasie umgaukcln. — Weiter tönt das Zaubcrlied des Chasan, weiter dringt der Blick in die Jahrhunderte, immer schwermiitiger, immer wilder klingen die Klagen, immer wilder, imitier leidenschaftlicher sein Gesang, wie rotes Blut tmd Fcnersqualm flimmert cs vor den Augen der um ihn her Sitzenden. — Aus weiter, weiter Ferne her klingt cs wie das letzte, ersterbende ״Sli'nta" eines Märtyrers aus den Flammen. — Da — plötzlich — aus dem tiefsten Abgrund der Klage und des Schmerzes schlägt die Stimme des Alten um in einen jubelnden lioffmingsvcrkiindcnden Ton, mit dem er jäh abbricht. Wie die Zukunft klang es, wie Hoffnung, die sich durchgerungen hat, nach ttamenloser Pein — iast wie ״Ercz Jsrocl". — Einen Augenblick schien es, als wollten die Wände der Synagoge sich weiten und lache ein südlicher, tiefblauer Himmel hinein. — als sproßten an den Säulen Blumen, wlo si ein zauberhafter Pracht und Fülle nur der Jordan- Strand sonst hervorbringt. Lin süßer, schwüler Duft wie aus gesegneten südlichen (lelildcn durchzieht den Rnuin für eine kurzo ihres Ahnen führen und von seinem Opfertod ei zählen? Wirst du? Wirst du ihnen die Mörder zeigen, die nach wenigen Monaten frei d־.s Gefängnis verließen? —- Vor einigen Wochen ist ein Deutscher der wahnwitzigen Blutrache der Araber geopfert worden. Angesichts der türkischen und der deutschen SUatsrepr.'vsenhmk'n ist ein wohlgehttener und weit bekannter deutscher Grundbesitzer aus Haifa hingeschlachtet werden. Nun muß das geschehen, was den Juden vorcnthalten wurde: es muß Recht gesprochen werden.- Und wieder wandelt sich die Regenzeit zum blumcncrfüiltcn Lenz Galiläas — das Auge weidet sich an den wirren und doch harmonisch ineinander fließenden Farbenakkorden, es blüht und lockt allerwegen — die Blumen steigen zu Berge und rufen die Wunder Gottes aus. Und י"", der ««he j}orfes feuchtet eine l!n״ie ^!U*e Klein-Sarah hat die Knospenbiätter abgestreift — eine helle Blume, neigt sie?1n d״Erde zu, in der ihr Vater ruht, das letzte jüdische Opfer fanatischer Blutrache.

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