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Jüdische Rundschau · 1910-08-12 · Heft 32 (12.8.1910) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 32. v JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 379. stumpfsten und härteste» Gemütern zur Umkehr wecken, sic zwingt zur MussenphilanUtropie und i-wimit die Philanthropie zur Einsicht, zur Politik. Aber die weite Welt erscheint manchmal zu einte, 11111 der wandernden Jiidcnhcit eine Heimat zu geben, nur die enge Heimat, jungfräulich und noch unberührt von dem Riesenstrome moderner Wclterobcrung. scheint weit genug, tim einem Teile der Judenheit wirtschaftliches, soziales und kulturelles Wohlleben z״ c> möglichen. Und wir selten, wie von rein äußerliehen Gesichtspunkten ans die «rollen jüdischen lnsti- (iitii'M.'ii der Palästinabewegun« naher zu treten be- ‘her wir dürfen uns darüber nicht täuschen! All die . rumtisierte Paliistinabcwcgun«, und wäre sic?el!1:11׳l .stärker und hätte sic auch schon weit gr*> '•׳. c Erfolge zu verzeichnen, wäre vergeblich, wc!״> die Geschichte nicht auch die zweite Art von lr> dien zur rechten Zeit bereit hätte, wenn nicht da!« iidentsim gerade in diesem Zeitpunkte reif und lal: wäre, den zionistischen Gedanken, wenn auch nur , u Keime, zu verwirklichen. Nicht nur ln dem, v.« .s schaii't, sondern in dem, was cs wird. Das .hi«1 ■mit 1»»!l schon in sielt das Uegehren und die Kr. /u neuen Formen seines Lebens tragen, ja. es im äs Wunder der Erneuerung eines greisen Kürin .׳n sieh seihst vollziehen. Und dies muß sielt u i '.־׳nt an beiden Polen zeigen, au den Polen eines ne!:; geistigen und eines netten physischen Lebens. ין;!;!er diese Renaissance des Volkes mit einer teilwe ׳ Rückwanderung verbunden sein soll, so mul*• »n. ',eh von beiden Seiten zeigen, im Golus schon als 1,k Voibereitiiiig UIU| ״>,״ הוןe״ |,i״u|c ״ls reale W! nldiclutug. Mine bloß geistige Renaissance im ti! .. die ohne eine künstliche Isolation des Juden- 11:.. י. ohne eine künstliche Negation der umgebenden K:׳!: ׳reu kaum vollzogen werden könnte, bleibt G!״s, "hm• Durchdringung des ganzen jüdischen 11 :.ns. bleibt peripherisch, ohne Zentrum. Dies hat .'•• .,־d-Haam am deutlichsten ausgesprochen. Aber «'!• geistige Konzentration in Palästina ist auch nur ..;:imt notwendig, weil der Geist zu nationaler K«>»־ ׳;«•:’tr;ו(ton ebenfalls Ort, Land, körperlich frische uLnsehen braucht. Erst in Palästina muß cs sich zeigen, ob der h: lc noch fällig ist, sich selbst gleichsam zum M:1• tc’ •1י einer Idee zu machen, in gewisser He/.iehung selbst noch einmal in das Anfangsstadium eines Vol- U' heriutlcrziisteigcn und mit jeder Scholle eroberten Lebens Judentum in freies Volkstum umzuwandeln. Was im Golus abgeschieden sielt vorbereitet» Kimme - geistig gewollte Reuaissancebcwegung und eine i'sc physische Erstarkung — muß erst hier .mell nicht sofort - zur Einheit streben, •siiulen ohne den entgegengesetzten Pol, die!e.1:e \gnkultur, wären wahrscheinlich weit verfehl• 1er 1N diese allein. 1111 Gegenteil kann die Einheit ׳wuchst mir von unten herauf, von innen heraus erru'iccn, nicht von oben oder von außen her eiligeril 01:1 werden. In einem neuen Lande hat selbst das Wort ..Kultur“ einen primitiveren, seinen ursprüng-!!cheii Sinn, sic begreift das Primitivste in sieb, ja, dieses bildet zunächst sogar das wichtigste Kultiirproblem. Die erste Bedingung für das kulturelle Auflcbcn des Volkes ist ein freies, gesundes, ländliches Leben. Dieses soll zunächst das städtische Leben befruchten, nicht umgekehrt. Nur der Duft der historischen Kontinuit'ät wird vielleicht mehr von den Städten, vor ullcm von Jerusalem, mtsgehen. Das Landleben braucht natürlich nicht ein Hatternlebcn im groben Sinne des Wortes zu sein. Was der Jude an vercdcltcm Innen- und Aullenleben schon besitzt, wird er nicht ablcgcn. Es ist durchaus kein Schaden und cs bietet sogar gewisse neue Perspektiven, wenn der Landmann über Itülierc Grade von Intelligenz verfügt.. Nur in einem Grade muß diese höhere Intelligenz sich dem primitiven Leben geradezu aufopfern. Sie soll mit diesem in Harmonie bleiben, cs im vollen Sinne durchleben. Eine höhere Intelligenz z. ß., die sieb dahin äußern würde, die Landwirtschaft zu einem bloß merkantilen Gewerbe zu erhöhen, wird, wenn sic auch eine Zcitlaitg eine gewisse Blüte spezieller Wirtschaftszweige erzielte, d«ch keine gesunde Basis für ein dauerndes Einlobcit des Volkes bilden können. Würde ein solcher Geist zum licrrsehenden, dann blieben vielleicht einige Generationen zuliebe einem gewissen Idealismus der Scholle treu, ein ruhiges Scßhaltwcrduu würde sich aber kaum vollziehen, der Boden würde nicht jüdisch werden. Der Boden und die Natur brauchen noch einen be• sonderen Patriotismus, der samt allen sonstigen Erhellten des Lebens selber nur aus der Arbeit erworben werden kann. Es kommt da nicht darauf an, daß etwa alle Kolonisten eine derartige, einfache Hcimnisltchc schon besitzen, sondern nur darauf, wie die vorhandenen Keime in den jüngeren Generaiioucn uaehwirkeu. Es ist unmöglich, daß ein Volk unter gesunde, freie Lebensbodingungen kommt, ohne daß cs damit seine nationale Eigenart attspiägt und entwickelt. Dadurch wird sich nationales Leben in Palästina auch von solchem im Uoltts unterscheiden. Es gibt eine Eigenart der Verkümmerung und eine Eigenart der Freiheit. Erstere kamt letztere bis z.u einem gewissen Grade nachahmen, erstreben, aber nicht erreichen und erleben. Wo das Volk ganz aus sielt heraus sielt! entwickeln kann und seine Entwicklung eben die j ganze Mannigfaltigkeit des sozialen Lebens sei es | auch auf einfacher Stufe —- umfassen wird, da muß i das Leben von selbst Formen zeigen, welche die j /lüge dieses nationalen Wesens au sielt tragen. j Ifoule schon bringt es eine gewisse Freilteit von allen üulicrcu Hemmnissen des Lehens mit sich, daß dem jüdischen Volksleben gleichsam die volle Mügliehkeit gegeben ist, seine eigenen Formen neu zu entwickeln. Und stellt eine solche Entwicklung auch erst in den Anfängen, so ist doch ein gewisses Glücksgeinltl dieser .,unbegrenzten Möglichkeiten" — trotz gewisser zeitweiiger Verstimmungen und ernster Gefühle der Schwierigkeiten des Kampfes — ein hervorstehendes Merkmal des neuen sozialen Lebens in Palästina. Die wichtigste Form des nationalen Lebens bildet die Sprache. Sie ist ein Stück natürlichen Lebens und zugleich schon reiner Spiegel des nationalen Geistes. Wenn der Jude imstande sein wird, in den Formen der hebräischen Sprache seinen Qedanken Gestalt zu geben, dann denkt er in einer Atmosphäre, die in Urzeit sein Volk sielt zu eigen gemacht hat, er denkt in den Gedanken seines Volkes. Daß mit der Verlebendigung der hebräischen Sprache schon Großes, Erstaunliches erreicht wurde, auf zwar bewußten!, aber doch natürlichem Wege, ist jedem Kenner Palästinas zur Genüge bekannt. Nur nach einer Richtung hin ist dieser Prozeß erst eigcntl eh im Entstehen. Die Sprache selbst wird sich aus den Formen der bloßen Literatur einerseits, aus dem Stadium einer wenn auch nur gedanklichen Ueber- Setzung dahin umgcsialtcn, daß das Individuellste und das Allgemeinste sich unmittelbar und organisch in ihr ausprügen. Es ist sicherlich ein Hauptfaktor der Wiederbelebung, daß die Natur des Landes und die Art des neuen, einfacheren Lebens, daß die neu- . geweckte Seele selbst in den Formen der eigenen ß Sprache am feinsten und sichersten zu uns spricht. Und wirklich lebt in der Atmosphäre Palästinas die hebräische Sprache ganz anders auf als ■dies im Golus auch nur irgendwie möglich wäre. So kann die Sprache Voraussetzung und Form einer Kultur werden. Viel weiter, aber auch rätsclvoller sind die Perspektiven einer neuen Kulturmögliehkeit selbst. Es ist unmöglich, eine eigene Kultur ״cinzuführcn", aber auch nicht richtig, daß eine Kultur nur ״von selbst wachse“. Und weder eine färblose oder ein bißchen jüdisch überfürbte allgemeine, noch eine jüdische Kultur im heutigen Golussinnc des Wortes könnte den Anspruch erheben, jüdische, entwicklungsfähigc Figenkultur zu werden. Auch die Essenz europäischen Kulturlebens — sofern sic in j Palästina verbreitet werden könnte — genügte hierzu I nicht und bedürfte noch anderer Kräfte. Aber auch I die in Osteuropa wurzelnde geistig-literarische Mo- { dernkultur der Gegenwart wird dazu nicht fällig sein I — denn sie ist eine in gewissem Sinne aus dem Le• j ben herausgesteigerte, aber nicht selbst volle Lebens-!;ultiir. Dennoch wird die Judenheit Palästinas natiirlieh der mitgchrachtcn Ktiltiiriiiomcntc nicht ent* raten können. Nicht mir aus dem äußeren Grunde, l weil sic eben schon tnitgebracht werden, sondern j auch atts dem ticferliegcmlen, weil das Judentum ' seihst gewissermaßen nur an das anknüpfeti kann, was es bis zum heutigen Tage geworden ist. Was die objektiven Resultate westlicher Zivilis;.li״n und Kultur betriflt, so soll es unser Grundsatz sein, daß uns nur das Beste gut genug sei. Jede Uebertragung ist schon eine Verminderung, dic0C soll also durch Dilettantismus nicht noch gesteigert . werden. Es kommt nicht auf Kulturqiiumitätcn, sotteiern auf die Werte an. Dies gilt für alle Wege der Volksaufklärung, insbesondere für die Schulbildung. Es wird auf manchen Gebieten aus eingewurzelter Verehrung der lauten Werte noch recht viel gesündigt. Die ״emgefiihrte" Kultur soll vor allem dem Leben dienen, cs harmonisieren, reinigen und erhöhen. Dazu bedarf es weniger, aber bester Keime. Lebensform und Lebensart sollen die sichtbare Form sein für das Wachsen von Kultur. Auch die nationaljüdische Gcistcskulttir kann nicht wahllos cingcpflan/t werden. Eine vorherrschende Richtung verwirft, halb aus gutem Instinkt, halb aus Tendenz, auf das entschiedenste das l’ortleben des Jargons. Der Jargon ist eben das sichtbarste Zeichen des im Gofiis verkümmerten jüdischen Volksgeisles. Audi er wird nicht ganz verschwinden, — wenigstens im Golus nicht — so lange eben der Volksgcist selbst erst auf dem Wege der Verjüngung sich befindet. Der Jargon ist aber auch nur ein Erbteil des Golus. Ali unsere Lebensformen, und sogar die modern-jüdische Kulturbewegung, »ragen in ihrem Objekt noch soviel des Golus in sich, daß dieses für in Palästina aufi llmul sinken, lcli soll ihr nicht ins Gesicht sehen können. .,Was ist dir, Deborah?“ Ich fasse ihre Hand. ״Oar nichts!“ antwortet sie kurz. Und ich denke, sic sehnt sich nach ihrer 10׳ n Schwester und sage: ״Nach so einer Schwesu :• kamt man sich wirklich bangen und sehnen. Alu r was nutzt das alles?“ ״Ach, nicht daß sic tot ist!“ seufzt sie.. ״Was also?“ ״Paß ich lebe!“ ln ihrer Stimme zittern Tränen. ich wurde still. Ihre Hand glitt wie von MÜi.st von meiner, ich fühlte, wie ein tiefes Mitleid mir am Herzen zupfen. ״Du bist so still,“ sagt sie, ״so still. Weißt du mir nichts zu sagen?“ ״Ich hin so still“, antworte ich, ״denn ich weiß nichts zu sagen.“ ״Du hist so still! Ja, cs ist schöner zu :utweigen.“ ״Glaub’ mir, ich weiß wirklich nichts zu stgen. Was sollte ich auch sagen? Was sollte ich auch wissen?“ ״Weißt du wirklich nichts,“ sagt sie, ״oder willst du nichts wissen?“ Ach, es ist alles eins: im Wasser zu ertrinken oder im Feuer zu ver- 1 brennen. Nur zwei Worte: Willst du mich j retten? Nimm mich von hier!“ — j ״Warum das, und wohin?“ frage ich er- | schrecken und mein Herz pocht mir vor eitler bösen Ahnung. ״Wohin du willst. Und wär’s in die Weichsel ׳ hinein; nur fort aus meiner Mutter Stube.“ Und sie sinkt mir weinend ans Herz. ״In die Weichsel? Du närrisches Mädel. Was ist denn bei Euch los?“ Aber sie antwortet auf meine Frage nicht. Sie hört nicht. Oder will nicht hören, und als fürchte sie sich, preßt sic immer wilder ihren | Kopf an meine Brust, wie ein Schulbub sich ן an die Mutter drückt, der sich in tiefer Nacht! vor Dieben fürchtet. I Ich frag dringlicher und das Herz will mir schier zerspringen. ״Aber, was ist denn geschehen?“ ״Noch nichts! Aber es wird kommen. Es . wird kommen! Ich soll den Schwager heiraten.“ j Wie sie das sagt, bebt ihr Leib. Und mir ist, j als schnitte mir ein Glasscherben in die Seele. Und gewaltsam halte ich an mich. Und was willst du tun?“ ״O, nichts!“ . . Und •sie hebt ihren Kopf von meiner Brust! ab, als hätte ich sie gestochen, Sie blickt mir scharf ins Auge: ״Wenn du mich fragst, was ich tun will, dann ist's aus, dann kann ich nicht mehr leben.“ ״Nein, du mußt leben! leben!“ Ich umschlinge ihren Hals und bedecke ihre Wange mit Küssen. ״Du wirst leben. Ich gebe alles drum.“ Und mein Kopf sinkt auf ihre Schulter und »eh weine. Ein Schluchzen durchbebt ihren Körper und wie ich mich auch mühe, ihr streichelnd und kosend die Ruhe z.u geben, ich schluchze nur mit, und ich suche mich selbst zu stützen: ״Stehts so? Was tut man'da?“ ״Du sagst, was man tun muß,“ sagt sie schluchzend. ״Sag du’s!“ bitte ich sie wieder. ״Tu mit mir, was du willst.“ ״Du! Ist die Hochzeit schon festgesetzt?“ ״Ja. Auf den Sabbat nach Pfingsten. Doch als ich wegen der Hast z.u weinen anfing, haben ste sie für den Sabbat Naclunu •— den Sabbat , des Trostes ־־ bestimmt.“ 1 ״Still nur,“ sage ich, ״das ginge schon an,! da kann man noch etwas unternehmen. Ich nehme dich zu mir, verstehst du, in die ganz fremde Stadt nach — nach Kaluschin zu meiner Mutter. Mut! Gott wird schon helfen!“

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