Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 30. (Jüdische Rundschau Seite 339. 1a ■1>C en csc 11 r cl 5• EU!11 rul!ft Cl voll II.iiikhI.1 Pascha?.um Senator ernu 11111 *erden wird. Dmmd Effeudi erfreut sich, dank seiner hervorragenden Charaktereigenschaften allgemeiner Achtum:■ Oer erste jüdische Senator, Bchor Effendi, i$t dem .Inileiitnin treu ergeben. Marokko Oie Lan«Tder Juden an der marokkanischen Grenze HiiicIi die militärischen Operationen des Iranrimselien (lenerals Mionier an der Grenze von t‘luoni.1. die «egen den Aufrührer Ma-El-Aurin.gerichtet Mitd. wendet sich die Aufmerksamkeit auf* die Jadeit m der Gegend von Bon-El-Djad und Tadlu; diese!י den dort gewissermalien einen autonomischen <p.1t. :! dem das Feudalsystem bestellt und der die Amon־.•: der marokkanischen Regierung nicht ancr• kennt- P׳e jüdische Kolonie in Bon-El-Djad zählt über .יוי ' Familien und die in Tadia etwa 150. Von ihren ■Imgeii marokkanischen Qiuubensgcnosscn völlig '״leert und nur schwache Beziehungen zu denen ־.! Casablanca unterhaltend, haben die Juden dieses : indes sich der Sprache, den Sitten und der pjtfuHidieii sowie kriegerischen Empfindungsweise ihrer I mdslcute so angcpallt, dall cs schwer ist, sic aus de 1!ihrigen Bevölkerung lierauszucrkcnncti. Sic wohnei. nicht in besonderen Vierteln oder Mcllalts v,c d. übrigen marokkanischen Juden, und stehen unter . n Schutze arabischer Würdenträger, die sic vertei l ,en und ihre Rechte wahren. Das Verhältnis /»1 . *•׳׳ Arabcrhänptling und Jude ist das einstige?ttiscU:; Herrn und Sklaven. In den jüngsten Kuihi׳• . /watigeii die Araber von Tadia die .luden, gegen x Franzosen zu kämpfen, was den Erfolg hatte. .11 ihre Häuser zerstört oder beraubt wurden. Einig■ l'amilicn flüchteten nach Bon-El-Djad, wo t'iciu׳־.' Mionier cindrang. ohne Waffengewalt an* uenJ. zu müssen. Dort leben sie nun in jurclubare! \nm1t. K1 Direktor der Alliaucc-Schulc in Casablanca ist beauftragt worden, die Lage der isolierten Juden in H< 1-EI-Djad, deren Existenz bisher überhaupt ijni't.i! t worden ist, zu studieren. Durch Errichtung einer >c11 u 1 c will er sic moralisch und intellektuell heben. Sollte ihm dies dort gelingen, so will er si.te Bestrebungen in Tadia fortsetzen. Dieser B> such st bemerkenswert, da europäische Reisende nur selten in die betreffenden Gegenden kommen. 110. Wie man Juden bekehrl , fi.c iudenmission ist da. wo sic am üppigsten Muht, nämlich in den angelsächsischen Ländern, ein (kscnst.uul unvcrgtciehliehcr Komik. Mit einem uiigcliciiK'ii Aufwand an l.imgenkraft und Geldmitteln bun,:h: man sich seit Jahrzehnten zu beweisen, dall da' Alte Testament allein für die ewige Seligkeit nicht genüge, und erreicht nur das eine, dal! man zum Ausbeutungsobjekt für arme, aber sittlich verk'uima c Juden wird. Wieviel christliche Säufer haben durch das Geld geheilt werden können, das man bisher verwandt hat, um einigen Juden nicht « 1־.׳״:!allen Glauben, sondern einen Taufschein zu verseil.lifo»! Die Juden in England und Amerika nehmen die Missionsspiclerci nicht mehr ernst, son- «lern uz,,Iden sich viele gute Imshallc Witze über da־ M siuiiare und ihre noch schlaueren Opfer. Mit Hu sollte man auch das ״Eälschcrstlieklein der cuiiei,Klitschen Judeimiission" betrachten, das der •Md;׳ ,ms New York mitgctcilt wird. Die Gesellxclt.1t! bat ein Flugblatt hcruusgcgebcn, das auf der Titelsc tc ein Bild unserer Hcrzlmarkc in ver- KM׳t Her Form enthält. Auf derselben Seite ist aber oucli . ne genaue Reproduktion der Marke enthalten, di« v. .־.! des Bildes unseres verewigten Führers das h'mtSvHei des Missionspredigers Pastor Rüssel advu,s1, i)icscs Flugblatt ist natürlich weniger gefaltrlnh als dumm; denn denjenigen Juden, auf die rzlbild Eindruck macht, wird der eingc- .gelte Pastor nichts anhaben. *!iger zahlreich als in Amerika sind die Juden* .:re in Deutschland; ob sic aber klüger sind, wSI!׳ gendc Tatsache entscheiden: Ein Redakteur, der die verunglückte Zcppclinfahrt mitgemacht hatte, eihici: folgenden Brief, der aus Berlin am I. Juli 1910 datier: ist: ״Sehr geehrter Herr R. es machte j,c!cn Eindruck auf mich, als ich Ihren Bericht über '[1/c Kbreckensfahrt gelesen habe. Aber eins haben Sic vieilcicht vergessen, nämlich Gott zu danken für 40Rh eine wunderbare Rettung, darum möchte Ich Sie buten, daran zu denken! doch Jetzt ein Christ *u werden; denn cs könnte die letzte Warnung gc* ",®*en sein vor Ihrem Tode, welcher vielleicht nicht lern. Um Ihrer Seele willen in Jesu verbunden a Koch, S.O. 16.״ diesem Schreibebrief lag ein Traktätchenzettel bei. emL ein selm: \ miss;. Noch einmal Dr. Lessing Ein Ostjude über Dr. Lcsslngs Ostjudcn-Artlkcl. Vor uns liegt eine Broschüre: «Die Entdeckung!- reise des Herrn Dr. Theodor Lcsslng zu den Ostjuden. Von Benjamin Segel (Lemberg 1910, Verlag Hatikwa)", die uns Veranlassung gibt, nochmals auf den famosen Artikel der Allgemeinen Zeitung des Judentums zurückzukommcn. Denn hier ist in herzerfrischender Deutlichkeit die ganze Veriogenheit und Gefühlsroheit des lUdisch-antiscmitisehen Galizienreiscndcu gekennzeichnet. Auf die gröbsten Unwahrheiten des Reiscbcrichtcs ist an dieser Stelle und in den Protcstvcr- Sammlungen bereits hingewiesen worden. Jeder, der irgend einen Blick in irgend ein religiös jüdisches Haus oder Bctlokal geworfen hat, auilcr Herrn Dr. Lcssing oder dem Rabbinersohn und Repräscntauten der jüdischen Gemeinde Prof. Geiger, weilt, dall am Sabbat keine Tefillin gelegt werden, was Lessing angeblich beobachtet hat. Jeder außer diesen beiden jüdischen Publizisten weilt, dall die ewige Lampe in der Synagoge nicht den Zwecken dient, am Sabbat die anderen Lichter daran anzuzünden, sondern daß dies im Gegenteil rcligionsgcsctzlich streng verboten ist. Und so sind noch andere von derselben völligen Ignoranz zeugenden Zitate bereits herausgehoben worden. Der Verfasser unserer Broschüre beschränkt sich aber nicht auf diese allzu handgreiflichen Beweise für Lessing-Geigcrs Unwissenheit in jüdischen Dingen. Er geht schonungslos den ganzen Aufsatz durch und zeigt, wie alles nur von dem Streben heraus geschrieben war, die Ehre des Judentums mit Füllen zu treten, recht wie cs einer Zeitschrift für das Judentum zukommt. Ein ehrlicher Zorn hat dem Autor die Feder geführt, und als Motto hat er ein Wort Thomas Manns über Dr. Lcssing gewählt; ״Ich oder ein anderer: irgendwer mußte den Schächer strafen. Kein ehrenvolles Geschäft: aber vornehmes Ucberschcn ist nicht immer Platz und macht den Lumpen das Handwerk zu leicht . . Aber Segel weilt, dall cs auf die Persönlichkeit des so charakterisierten Dr. Lessing nicht ankommt. Wenn er von jemand, dessen Namen er weise verschweigt, den Auftrag hatte, über die neuen Schulen in Krakau die es nicht gibt — zu recherchieren, so ist das seine und seines Mandatars Sache. Aber daß das von einem Repräsentanten der jüdischen Gemeinde herausgegebene Blatt diesen Unrat seinen Lesern vorsetzt, die Verleumdungen der jüdischen Eigenart weiierträgt. dagegen richtet sich die Ein* pürung Segels. Denn aufs Haar so, wie er es kurz zusummcnfaltt. hat die Gcigcrsclic Zeitung den Ost* juden geschildert: als ״Auswurf und Abschaum des Menschengeschlechts: Diebe, Meineidige, Kuppler, MädchenhäiHllcr. ();inner mul Betrüger, edlerer menschlicher Regungen gänzlich unfähig; unsere Eraucu und Mädchen sind stille Lustdirnen, unsere Religion ist phantastischer Aberglaube und Fanatisiiius, unsere Intelligenz ist Rabulistik". (Segel S. 27.) Doch wir keimen ja Ludwig Geigers Libcralismus. Was nun das vorliegende Büchlein so besonders lesenswert macht, ist die anschauliche Art, in der cs uns das tatsächliche Leben und Fühlen des galizlsehen Juden zeigt. Was cs in der Abwehr gegen den hiiileihäliigeu Angriff von den religiösen, sozialen und kulturellen Zuständen der galizischcn Juden erzählt, ist für jeden im höchsten Grade interessant und belehrend. Und ganz besonders wichtig ist es ja jetzt, genau über unsere galizischcn Brüder unterrichtet zu sein. Denn wir haben ja bcreils gesehen, wie das Gift aus der Allgemeinen Zeitung des Judentums in breitem Strome hcrausgcflosscn ist in die antisemitischen Zeitungen, dem Judcntumc neue Anfeindungcu und neue Feinde erworben hat. Deshalb suche jeder, dem die Verteidigung jüdischer Ehre am Hmcvt UcvA. sich ־tu Informieren, um die Vcrlcumdüngen entkräften zu können, die über die sittliche Lebensführung der großen Majorilät unseres Volkes verbreitet werden. Und so sei die Anschaffung des sehr verdienstvollen Werkchcns dringend empfohlen. L. B. Los von Heine! Die ״S t a a t $ b II r g e r - Z c 11 u n g" in deren Feuilleton Adolf Bartels gegen den undcutschcn und ieden lyrischen Empfindens baren Heinrich Heine zu Felde zieht, zeigt neuerdings, daß sic cs bei der Kritik nicht bewenden lassen will, sondern Ihren Lesern positive literarische Werte zu bieten ge- Wille Ist: Von einer ״freundlichen Leserin“ läßt sie sich den folgenden Vers, den sic in einer Badczcllc (es war wirklich eine BadczcllcI) des Ostseebades Sellin fand, clnscndcn: Nach Sellin und Oöhrcn. Die Juden nicht gehören. Schickt sie nur nach Binz. Das ist die J udenProvinz. Wie wärs mit einer literarischen, aber doch kerndeutschen Beilage für die ״Staatsbürgcrzcitung“: ״Was die Zelleuwand erzählt?“ fa. Der Empfang des Chacham Baschi in Jerusalem (Von unserem Korrespondenten.) Jerusalem, Ende Juni. Der Besuch R' C11 a i nt Nacliums in Palästina gestaltete sich zu einem bedeutenden Ercigms für die palästinische Judcnhcit, Schon die Tatsuche allein, daß das oifizicll anerkannte Oberhaupt der Juden des ganzen Reiches hier erschienen st, auch seitens der Bchrdcn mit allen gebührenden Ehren empfangen wurde und dadurch zur Hebung 1 n* seres Ansehens bei der übrigen Bevölkerung beitrug, wurde allgemein hoch cingcschätzt. Die Freude über den Besuch des Chacham Baschi war aber umso größer als ihm die Lösung der Aufgäbe, die ihn in erster Linie zur Reise nach Palästina veranlaßt hat. vollständig gelungen ist. Den! unwürdigen Zustande der Entzweiung und Anarchie in der Verwaltung der großen Jerusalemer Gemeinde, die seit mehr als drei Jahren ohne geistiges Oberhaupt war, wurde jetzt durch das Eingreifen des R'Cltalm Nachaum ein Ende gemacht. Es gelang ihm, die beiden sich heftig bekämpfenden Parteien mit einander zu versöhnen und sic für einen Kandidaten zu gewinnen. Daß dieser Kandidat der sympathische, greise R’ Jakob Mcir, der gegenwärtige Großrabbincr aus Saloniki ist, erhöht den Wert der Versöhnung. Von größter Bedeutung aber war die Einmütigkeit in den l'o r der u ngc 11, mit denen man an allen Orten, die der Chacham Baschi bcsuchte■ vor ihn trat, in Jerusalem, beim Festbankett in Jaffa, in allen Kolonien, von den Vertretern der verschiedensten Schichten wurde dem Chacham Baschi die Größe der Mission, zu der er berufen sei. in allen Tonarten warm ans Herz gelegt. Hiervon sich zu überzeugen, hatte der Chacham Baschi selbst die besic Gelegenheit. Er besuchte Jerusalem, den Ursitz unserer geheiligten Tradition, den Brenn- Punkt aller Sclmsuchtsstrahlcn des jüdischen Volkes durch alle Jahrhunderte der Verbannung und der Not. Er sah hier die vielen Kräfte, die im Vcrbnrgenen schlummern und die zu frischem Leben angcregt werden müssen. Er sah hier die vielen Tausende von Juden, die einen kraftvollen, lichtspendenden Mittelpunkt für unsere Brüder in allen Enden Ihrer Zerstreuung bilden könnten, wenn sie eine selbständige produktive und freie Existenz führten, statt in a b 11 ä n ״ i - «er Passivität energielos zu verkouinien. Er sah hier, in der heiligen Stadt, die zahlreichen iiidiscltcn Bildungs- und Wohltätigkcits- Anstalten, die ein rühmliches Zeugnis von der jinlisehen Zusammengehörigkeit ablcgcn. die deutlich dartun, daß überall wo mich immer Juden wohnen, an Jerusalem und Zion gedacht wird, er sali aber auch, daß diese guten Bestrebungen leider noch nicht von einheitlichem Geiste getragen wurden und häufig nur die Babel-Verwirrung vergrößern, statt ein einiges Ncu-Jcrusalcm ins Leben zu rufen. R* Chain! Naclmni besuchte aber auch viele unserer Kolonien, und da ist cs ihm sicherlich nicht entgangen. daß hier neues Leben keimt. Im Lande blickt letzt alles erwartungsvoll auf die künftigen Taten des Chacham Baschi. Man hofft, daß das. was er hier gesehen hat. ihm nun die Kraft verleihen wird, mit großer Energie für die Rechte des jüdischen Volkes in der Türkei aufzutreten. Es wird ihm hoffentlich gelingen, den maßgebenden Faktoren in Konstantin opcl klar zu machen, welch gesundes und staatförderndes Element die Juden in der Türkei werden können, wenn ihnen hier die Tür freundlich aufgemacht wird. Zwei Drittel aller Juden befinden sich jetzt in barbarischen Ländern in einem Lebenskämpfe, im Stadium äußerster Verzweiflung. Nicht hüben sie die Mulle und Lust, nicht haben sie die Kraft, separatistischen Phantomen nachzuechen. Was sie brauchen, ist nur Ruhe und Freiheit und die Möglichkeit, n a t i 0 - n nl sich a 11 s /. u l c b e 11. Hierzu sind alle Bcdingungen in Palästina gegeben. Das national-autononic soziale Leben, wie cs sich in den je t z I g c n jüdischen Kolonien ausbildct. steht in vollern Einklang mit der Verfassung und den Interessen des türkischen Reiches, mit dem Geiste und der Tradition dieses muselmännischen Staates. Unseren Aspirationen genllgt diese Freiheit vollständig. Daß wir aber der neuen Heimat, in die wir kommen, dem Reiche, dem wir uns voll und ganz anschlicßcn wollen, viel Segen bringen, bringen wollen und bringen können, braucht gar nicht mehr wiederholt zu werden. Der Chacham-Baschi sollte nur noch den verantwortlichen Lenkern und Erneuerern des türkisehen Staates klarlcgen, welche Kraft allein In der Dankbarkeit solcher Menschen liegt, denen man in der Stunde höchster Not entgegenkommt. In einer desperaten Lage sind wir jetzt, und die Türkei sollte mit Ihrem freundlichen Entgegenkommen nicht zurückhaltcn, denn sic braucht auch selbst aufrichtig dankbare Brüdergenossen, sie braucht neue Kräfte, wie sie sie bei uns In Menge finden kann. ו