Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 35S. 1 U E L) ISCHE RUN PSCHAU No. 30. ordnete Adolf Stand über die hebräische Sprache und Kultur und ihre nationale Bedeutung für das jüdische Volk sprachen. Die inhaltsreichen Ausfall• nmgeu der Referenten wurden vo.m zahlreichen Publikum mit Begeisterung aufgeimmmen. Die Vers;nnml11n^ ^csinltctc sich zu einer ciiuirucksvollcn Kundgebung für unsere Nalioualsprache. Aehnlichu Veranstaltungen werden attcli in Karlsbad mul Frau• zensbad vorbereitet. Russland l'orlycsclzle ,Judcnauswcisunflcn ulk. 1111 üouvernetnent J e k a t c r i 1t 0 s 1 a \v wurden in letzter Zeit wiederum neue Massenauswei• sanken in die Wege geleitet. Die Gouvernements• behörde ist eifrig an der Arbeit, neue Proskriptions• listen anfzustcllen. Mit dem Landflcckeu Popelttusty wurde bereits der Anfang gemacht, indem aus dem• selben elf Familien ausgewiesen wurden. -- Eilrig wird das patriotische Reinigmigswei k am Rigaer Strand betrieben. Aus Hilderliugshol wurden (10 jüdische Familien ausgewiesen, denen zu Beginn der Saison ausdrücklich das Aufenthalt s• r e c h t bewilligt worden war. Auf (lruiid dieser Bewilligung hatten sie die Miete, wie üblich, für die ganze Saison im voraus bezahlt. . Der Üouverneur von Tw er hat vom Ministerium des Innern ein Rundschreiben erhalten, in welchem ihm vorge• schrieben wird, das Wohnrecht der Juden in seinem Gouvernement einer strengen Prüfung zu unterziehen und sämtliche wohnrechtslo.se Juden innerhalb eines Monats nach dem Ansiedlungsra.von abziischiehen. Das Neueste auf dem Uchicto der Ausweisungs• Praxis ist die Leistung des berüchtigten Jaltaer Stadl• Machthaber hat es einfach fertig gebracht, die jiidi• haupimamis ,(icneral D11111liad.se. Dieser energische Machthaber hat es einfach fertig gebracht, die jiidi• sehen Soldaten des Jaltaer Uarnisonrcgiments ans dem Kreise Jalta ausznweisen. Hierauf erklärte er Mol/: ״Nim gibt es Keine Juden mehr in der Jaltaer Garnison!" Bcflnadiflimfl nnliscmllisclicr Verbrecher Der russische Rechtsanwalt Witkowsky in Kuua, Gouvernement Podolicn. Vorsitzender der dortigen Ortsgruppe des Verbandes des russischen Volkes, hat sich vor mehreren Monaten die Niederträchtigkeit geleistet, einen Juden böswillig zu verleumden, dalt er im Amtshause das 11 i 1 d 11 i s des Kaisers f r c v e 1111 i c h v e 1׳ u n s t a 11 e t hätte. Glücklicher• weise konnte der Jude seine Unschuld und die Bös• Willigkeit der Verleumdung nacliweisen. und der Rechtsanwalt wurde vom Kreisgericht zu einer. 7. w c i j ü h r i g c n H a f t s t r :1 f e verurteilt. Dieser Tage trat nun vom Justizniiiiister der Befehl ein. W i t k o w s k v s o 1 0 r t auf frei e 11 I11 '״ li z tt setzen, da ihm der Kaiser begnadigt hätte. * Aus Jaroslaw wird mitgeteilt, dalt die Ui Per־ sonc nahe vor kurzem wegen des Pogroms vom Jahre lüiis verurteilt wurden, nunmehr b e g 11 a d i g t worden sind. Die Eisenbahnstation Pastow. Oouverucment Wolhynien, hat sich seit einiger Zeit dank ihrem bc* rühmten Chef Rakowit7.au einen erlitten Namen er• worben. Dieser mustergültige Beamte hat als eitriger P o g r ״ m a g i t a 10 r und Vorsitzender der Ortsgruppe d c Verbandes des russischen Volkes das besondere Wohlwollen seiner patrioti.se 11 c n V o r g e s c t z t e tt e 1׳ laug t. hu Bcw iilltsein dieser bevorzugten Stellung fühlte sich der edle Patriot so wohl, dalt er sich manches erlauben zu dürfen glaubte, was selbst fiir einen russischen Beamten doch etwas zu stark ist, Schlich* lieh wurde cs der Vorgesetzten Behörde etwas zu bunt, mul sic sali sich venöligt, dem überiniltig gewordenen Vatcrlandsrcttcr die Entlassung zu geben. 111 sein Dieusiregister wurden folgende Leistungen eingetragen•. Diebstahl von 15־ Kopeken, Urkunden• fälsvhung. Vergcwaltigungsversueh an einer Passagierin. Verschulden einer Dalmkatastrophe infolge Betrunkenheit und dergl. Die Verwaltung der sinlwestlichen Eisenbahnim sc Leint aber nicht erwogen zu haben, dal! man mit einem verdienstvollen Vaterlandsfrctiiul und Judenfresser über derartige Kleinigkeilen nicht rechten darf. Sic sollte bald durch den Liscnbalmministcr Ruchlow׳ eines bessern belehrt werden. Wenige Tage nach der Entlassung des vielscitigen Beamten erhielt die Balmverwaltung von Minister Ruchlow die telegraphische Anordnung, Herrn Rakowit־/.an wegen seiner segensreichen Tätigkeit sofort wieder in sein Amt cinzusetzen. Der Sieg der ״eclitrussischcn Sache" wurde in Pastow sehr geräuschvoll gefeiert. Die 7.11 einem Bankette versam• mellen Patrioten gratulierten Ruchlow telegraphisch zur ״Vereitelung der Intrigen der Stammcslrcindcn". Im Kiscnbalmministerium war man aber etwas unangenehm berührt, als das Dienstregister des Herrn Rakowitzan, das ordnungsgcmUll an sämtliche Rcsortchcfs und Abteilungsvorsicher versandt worden war, In der Presse erschien, Die Balmvcrwaltung wurde telegraphisch imguirugt, wer diese Indiskretion verschuldet hatte. — Wie dem auch sei, der bewährte Patriot wird seine ״segensreiche Tätigkeit" zum Ruhme des Vaterlandes auch fürderhin ruhig fortsetzen können. Kussischc Deulschcn-Hclzc Aus Ruillnud kommen schier unglaublich kl ingende Nachrichten über deutschfeindliche I e- Strebungen. Hs hcillt, dalt die Gouverneure der Grenzgebiete angewiesen werden sollen, uie pou * sehe Gesinnung der rciehsdeutsehen Kolonisten unu städtischen Einwohner zu erforschen und il.is vesultat nach Petersburg zu melden. Dem Mmister- Präsidenten Stolypiu sind nämlich amtliche Berichte y.ugcgaugen, die die Deutschen als ein poliusch gelüliriiohes Element schildern. Die Massenaus- Weisung deutscher Kolonisten aus dem umivcriiement Wolhynien! die sich weigerten, russische staatsungehörige zu werden, ist die Holge der cmmziatioueu. Hat das deutsche Volk so schnöden Undank verdient? War es nicht diesseits und jenseits der Weichsel der stärkste Hort der russischen Reaktion.•' Und Jetzt muH der biedere Michel beschämt vor aller Welt dastehen, wie er bisher nicht einmal im l raume dazustchcn wagte, nämlich als ein ״politisch gefährliches Element", d. h. im1 Jargon des Pursten Bülow: als ein Selmorrer und Verschwörer. Es ist natürlich aufs tiefste zu bedauern, dalt gegen die russische Gewalttätigkeit nichts unternommen werden kann. Die deutsche Regierung hat sieh die Hände selbst gebunden, uls sie zu den Juden- Schlächtereien in Rullland Stellung nehmen sollte und zu der Präge des Aufenthalts deutscher Juden im Moskowitcrrciehc. Damals erklärte sie unter Zustimmung des Parlaments, dab man sich in die internen Angelegenheiten eines fremden Diplomaten lügen: hefrcumleleii Staates nicht ein mischen ü ü r f c. Jetzt sitzt sie in den Nesseln. Und wenn bei der nächsten Moitarelienhegegming Herr v. Kiderlen-Wäehtei die Behandlung der Dciilsehcu zur Sprache bringen sollte, würde ihm der schltuic Stolypiu ganz gewill eine Menge Zeitungen Vorhalten, worin zu lesen ist. wie kompetente Heutsehe es als mizulässig ahlelmlen, sieh in die inneren Angelegenheiten eines ״hefreundeten" Staates ciiizumischen. Daraus ergibt sich erstens, dalt sielt alle Schuld auf Erden räeltt, mul zweitens, dnü man auch die Jndeiifrage nicht gar zu dumm behandeln darf. eml. * Die Atiülicljuiijj des Anslcdlungsrayons Trotz der Judenfeimlliclikeit der Zarcnrcgicrung und der ihr ergehenett DumninehrheU scheint es doch, als ob der Gesetzentwurf betreffs Aufhebung der jüdischen Wohnrechtsbeschränkung » i e h t ganz, erfolglos bleiben sollte. Verschiedene Momente wenigstens sprechen dafür. Das Wutgcschrei der ..echten Russen", die stets einen guten Spürsinn für die in den mallgehcndcn Sphären" herrschenden Stimmungen und Anschauungen hekündet haben, über die ״Riillland drohende Gefahr“; die au dieser Stelle bereits erwifhnten Aeulterungcn des als sehr vorsichtig bekannten Dumapräsidenten und Oktobristcitfülirers (lutsch ko w über diese Präge deuten darauf hin, daii man in den russischen Rcgicrungskrcisen und der genannten Partei nicht ganz abgeneigt ist, gewisse Konzessionen in der Richtung einer E r w c i t c r u 11 g der jüdischen Wohnrechte zu g c w ä h - reu. Natürlich nicht aus purer Humanität und Judeiifreimdlichkoll, sondern im eigensten 111teresse des russischen Reiches. Denn das russische Interesse hat seinerzeit selbst solche Erzreaktionäre wie die Minister Pich wc und (lorcmyklu und anfangs auch den gegenwärtigen Ministerpräsidenten Stolypin zur Ansicht geführt, dall eine gewisse Erweiterung des Ausicdeluugsrayous nötig sei. Das Z11 s a m m e 11leben der Juden, so argumentierten sie, verleihe ihnen eine besondere Einheit und Kraft. Um diese z u b r c c 11 c tt, müsse den Juden die Möglichkeit gegehen werden, sich über das ganze Land zu zerstreuen. Aus diesem Grunde .scheinen auch Jetzt die leitenden Haktoren zu einer gewissen Nachgiebigkeit in Bezug auf das jüdische Wohnrecht geneigt zu sein. Diese dürfte sieh darin Uiillern, den Juden das AnleiUliallsreclit In den Städten, nicht aber auf dem Lande zu gewähren. Die Städter, so wird bclumptet, seien mehr oder weniger geistig entwickelt und vermöchten mit den Juden zu konkurrieren; die Bauern aber mlllltcn vor der ״jüdischen Gefahr" geschützt werden. Jedenfalls scheinen die Bestrebungen für eine Erweiterung der Jüdischen Wohnrechte in Rullland — dieser Kardinalfragcn des gesamten Judcnclcnds im Zarenreiche -- gegenwärtig nicht aussichtslos zu seit». Der Beginn! des Kumpfes um die Emanzipation der russischen Juden (st ein geschichtliches Ereignis von weittragender Bedeutung für die gesamte Judenhcitl Ungarn Die ungarische Regierung hat das königlich ״n• garische statistische Zentrallnircaii beatiitragt, t,1m Statistik des (irmidhesltzverkehrs 111 Ungarn seit dem Jahre 10אא auszuarbeitea. Das statistisch« Zen. tralbureun versendet mm H r a g e b 0 g e 11, durch die ermittelt werden soll, wie viele Besitzungen 1״ Ungarn in den letzten 30 Jahren ihren Eigentümer gewechselt haben und wer Uie neuen GruiulbeMt/er sind. Der betreffende Fragebogen enthält nun ״ a. : folgende Rubriken: Welcher Religion gehört .!cr' neue Besitzer an? ־ Welches ist seine Mmserspräche? — Wo ist er geboren und wo he1maM)c. reelitigt? - Der Beschhiik diese Statistik anziiicrti. gen, ist die Holge einer Besprechung zwischen dem! Handels• und dem Aekerbaumiuistermm. Mallgci enj; für den lieschhill war, wie die Regierung sich v«r• t nehmen killt, der Umstand, ״dalt manche Kreis!, cs S in ihrem Interesse gelegen finden, den Irrglaube /u verbreiten, in Ungarn werde sämtlicher Urumli von eingewanderten gulizisehen Juden aufgek. 1:1.״ England Die Reformpartei, ijeren geistiger l\׳,;er Claude G. Monte! io re ist, hat ein grobes!cbände in dem vorzugsweise von reichen Juda: «. wohnten Park Laue• Viertel gekauft. Das (ul,!c wird in «ine Synagoge verwandelt, die vor cn grollen Feiertagen eröffnet werden soll. Der (i״: .׳•s. dienst wird fast a 11 s s c h I i c Hl i e h in cg. lisch er Sprache stattfinden und die R.c. •.•< im allgemeinen die der üuHersten Reform in Air sein. Die Synagoge wird ein Novum in England . rstellen, wo man bisher für derartige Rciornu eben kein Verständnis halte. Mr. M0:1u:1!<׳re 1\: 'u. eben ans Amerika zuruekgekehrt, wo ei si :11 1 . cc Zeit aufgelialten hatte, um die verschiedenen L'ci .m. gemeinden keimen zu lernen und einen paso Rabbiner ausfindig zu machen, den er in l.iid.oid nicht aiiitreibeti konnte, * Eine Aktiengesellschaft mit einem Kapit.d v•m zwölftaiiNciul l'fmid wurde diese Woche in L1״: i unter dem Namen ״The Heiuniau Yiddish Pc ::־.e's Theatrc Cmnpunv" zur Errichtung eines jüdischen Theaters 111 Whitechapel gegründet. Die < u ..nder beabsichtigen ein modernes Theater zu hauen, das allen Ansprüchen der Kunst genügen soll. Das ('•.:•.ז• iiehmeu erfreut sieh grober Beliebtheit im H.iv.uiJ. Kanada Wie kanadische Zeitungen berichten, habe» s;ch vor kurzem verschiedene europäische und .!h uiK.i• nisclie jüdische Koloiiisationsgescliscliatteii .01 J.!s Kanadische Elfiwamleruiigsamt mit der Bitte gc.cn• riet, mehreren tausend russischen Juden, die a,:* Lc der jüngsten Vertreibungen aus Rutsland aiisu .u.l.rn miissjoi. einige Konzessionen zu gew ahren. Da I e* treffenden jüdischen Gesellschafteij erklärten sah Dereit, für die Uchersiedhmgsspcseii atiizukoimiicn imd dafür zu sorgen, dal» die Einwanderer nicht mittellos in Kanada aiikonmien. Trotzdem die Pcitüm de: ge• dachten Gesellschaften von ciiitiuürcieher Seite un* terstiit/t wurde, wurde sie vom kanadischen E i n w andern n g s a 1111 abschlägig er- I e d i g t. Die Einwanderungshchürdc teilte ״.!ch reiflicher Ucl'erlegung mit. die yew unseiiten k״n■ Zessionen nicht gewijhrcn zu kümmn. Türkei Ejjjcnlumsreclil der Fremden In!*tiltislina Das Verbot des Verkaufs und der Leber׳,׳ bc von Land au Fremde ist. wie der ״Jcwish CDr.>u e“ mitleilt, zurückgezogen worden. Fremde, •.he mei• zehn Jahre im Lande gelebt haben, können La״.! rwerben. Wahrscheinlich bedeutet diese ״Erlau'••: s" lediglich die Zurücknahme des Kur/lieh eist eil•: c• neu Verbotes. & Die tiiikiselic Regierung hat einer neuen jüdischen GescUsclmu in llaskiö, die unter dem Namen ID e• Israel ins Leben tritt, ihre Genehmigung erteilt. Pi-e Gesellschaft soll unter den Juden das Gefühl : 1r nationale Würde und türkischen I’• ־ trioti Sinus unter Anwendung folgender M1׳:cl wecken: erstens, Schaffung eines Versammlung'• Zentrums, um die Solidarität der Mitglieder .11 stärken, Gründung einer Bibliothek von Werken m:d Blättern über Judentum und Türkei, drittens Verbreitung der hebräischen Sprache als nationale mal Muttersprache. Ferner will die neue UcseUseli.'it die türkische Landessprache in weiteren Kreisen cm• führen, will Konferenzen zur Diskussion von!־ragen des jüdischen Lebens organisieren, utul will anherdem, neben der moralischen und womöglich man** riellcn Unterstützung der jüdischen Bevölkerung, hei entsprechenden Vorkommnissen das Solidaritätntefühl der Glaubensgenossen mit unterdrückten J״Jen erwecken, * Der Jcunc Turc berichtet, dafl David Elfendi M oJcho, der ehemalige erste Dolmetscher der Kaiserlichen Regierung, wahrscheinlich anstelle