Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2651657-2651688--07193-2664340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 354. iuedisch Eju!!iR§<L!iML No. 30. bei 4cm Ucbcrfall eines Outshofes durch eine unend•! lieh überlegene arabische Streitmacht, eher zu viel als zu wenig Schneid bewiesen. in allen diesen Beziehungen sind also die Bedin* Klingen für eine erste und manche folgende Sied* hiugsgenosscnschaft mit Sicherheit gegeben. Daran hatten auch Kenner des Landes nicht gezweifelt. Dagegen trat mir immer wieder die Mel• mmg entgegen, dall der jüdische Arbeiter als ״Individualist vom reinsten Wasser" sich für die De* nossenschait nicht eigne. Gleich meine erste Ver* liaiidlnng im La1.de mit tmserm verehrten l)r. Rup• Pin, dessen hohe Intelligenz und unbestechlicher Wahrheitsdrang »,ar keinem Zweitel unterliegen küuneu. bewies mi,-, dall ich an dieser Meinung die Schuld trage. Ich habe augenscheinlich In meinen frühem Veröffentlichungen zu diesem Punkte nicht mit genügender Schürfe herausgehoben, dall die Sicdlmigsgcnossciiscliafl, wie ich sie plane. Jeder ein• /einen Jmiividu.1lil.it den absolutesten Spielraum freiester Betütigung läßt. Es ist mir denn auch ge• hingen, davon nicht nur Herrn Dr. Ruppiit, sondern auch die weniger ökonomisch geschulten Arbeiter des Lundes selbst durchaus zu überzeugen, und ich darf danach die Hoffnung haben, duii cs mir auch gelingen wird, in meinen Lesern die gleiche Ueber zeugnng zu erwecken. Zu dem Zwecke will ich noch einmal in einer Ausführlichkeit, wie sie bis letzt nicht versucht worden ist, den Plan der Sicdlungsgc* nossenschait entrollen. Ls handelt sich für die zionistische Organisation darum, so schnell wie möglich eine dichte gedeihende agrarische Grundlage in PaUistina zu legen, um da• rauf einen möglichst hochragenden Oberbau industrieller und gewerblicher Tätigkeit aulzubauen. ״Wer Städte schaffen will, mul! Bauern schaffen." Für die agrarische Ansiedlnng kommen zwei Lin• waiulcrerscliieiueu in Betracht: eine klei.'e wohl• )labende bis reiche und eine grolle proictnrhehc. Für die erste Schicht brauchen wir drügender als etwas anderes eine grolle Pur/.elherungsbauk, die Ländereien erwirbt, die in der Türkei ganz be• sonders schwierigen Kaufvcrhandlungcu bis zu Lude abwickelt, die Nachbarrcchtc ablöst und in Form eines Kusch.m dem wohlhabenden Einwanderer einen lmzwcileihait sichern Bcsitztilel darbietet. Heute liegt der Zustand leider so, dall Hunderte von wohlhabenden Hiuwaiuicnmgslustigeu und viele Millionen baren Kapitals dem Koloulsatiuuswerkc verloren gelten, weil der Nachfrage nach Land kein wirksames, völlig bereites Angebot gegeniibersteln. Zu dem Zwecke müßte die I*. L. D. C, mit bedeutend grolleni Mitteln aiisgeslatlet und durchaus vom rein geschäftlichen Gesichtspunkt geleitet werden, allenfalls mit Beschränkung ihrer Dividende auf einen nicht zu holien Satz, etwa wie die Berliner Land• bank. Gemeinnützigkeit ist etwas Wunderschönes, aber die Menschheit besteht zum geringsten Teil aus Idealisten, und niemand wird der zionistisch-natioiialcii Sache einen gröllern Dienst erweisen als der• jenige, der der Welt beweist, dall in Palästina aus• gezeichnete Geschäfte zu machen sind. Nur so sind die grollen Kapitalien ins Land zu ziehen, die wir brauchen. Auf diese Weise wird eine Anzahl von jüdischen Grundbesitzern nngcsicdclt werden können, die zwar nicht Im eigentlichen Sinne Bauern sind, die aber doch so weit wie möglich jüdische Arbeiter, und wenn auch nur die billigen Yemeniten beschältigen, und deren Kinder ein vortreffliches Kolonistenmaterial sein werden. Und jedenfalls wird auf diese Weise ein beträchtlicher Teil des Ürund und Bodens, der einzig existierenden Grundlage eines Volks• tums, aus dem Besitz der Syrier, Türken und vor allein der Araber in den von Juden übergeführt werden und für spätere Baucrnkolonisation bereit sein. Viel wichtiger aber ist noch die Ansiedlnng prole(arischer besitzloser Klcmcnlc. Aus vielen Grün• den: Erstens drängen sie mit viel stärkerer Gewalt und nielit nur in viel gröllcrer absoluter, sondern auch in viel gröllcrer relativer Anzahl zur Fortwan* derung ans den Ländern des Uolus im allgemeinen und speziell zur Einwanderung nach Palästina. Sic leben eben am Orte des höchsten wirtschaftlichen und sozialen Druckes und haben das stärkste Gefälle nach Orten geringeren Druckes. Zweiten Ist ihre Not am höchsten, mul sic können sich nicht allein hellen. Drittens aber bietet ihre Ansiedlnng die einzig sichere Oewähr auf Nationalisierung des Landes. Uebcrall, wo cs sich um einen Nationalitätcnkampf um Land handelt, hat sich die Ansicdlung wohlhabcn• derer größerer Besitzer als ein Fchlschlag erwiesen, so z. B. in Polen. Sic sind immer und überall ge- 'zwungen, den billigsten Arbeiter clnzustcllcn, und das Ist so gut wie nie ein Konnationaler, sondern ein Angehöriger gerade der Nation, die man verdriin• gen will. So arbeiten denn auch in Judiia in allen Arbeiten, die nur rohe Kraft und eine gewisse pro* fessionellc Geschicklichkeit, aber geringe Intelligenz beanspruchen, viele Araber und nur wenig Juden bei den jüdischen Grundbesitzern. Auf die Dauer treibt aber Überall der billigere Arbeiter den teurereu aus dem Lande, ganz wie nach dem Oreshamsciicn Gesetz das schlechtere Geld das bessere Geld aus dem Lande treibt. Wie also proletarische Elemente kolonisieren? Rothschild und die lea haben seit längerer Zeit Ver* suche mit der Baucrnkolonisalion in den beiden mögliehen Formen des Eigenbesitzes und der Erb- oder Teilpacht gemacht. Wie ich schon bemerkt habe, sind diese Versuche nicht als mißglückt zu bezcieh• neu: namentlich in jüngster Zeit treten achtbare Erfolge zutage, seitdem das unselige Almosenwesen, das das Rückgrat jedes Wirtschafters bricht, sein Ende gefunden hat. Aller dieses System hat an sieb seine Bedenken und diese Bedenken verstärken sich noch, wenn cs sich um Paläslina und um Jüdische An- Siedler handelt. Baucrnkolonisation wäre daher die Begründung von viel mehr solcher Großbetriebe dringend wünsche«, wert. Nun bestehen aber die Bedenken gegen Baucrnkolonisation in Palästina in verschärftem Malle. Pas Land ist klein timl soll möglichst eicht besetzt werden. Schon aus diesem Grunde mul; r:;«״ eine Sicdluugsform wählen, die eine fast bei.eilige Verdichtung der Bevölkerung, auch der agrarischen, auf gegebener Fläche gestattet. Ferner alter «,,!.j die palästinischen Landarbeiter, wie eingehend he. reits gesagt, bestenfalls als hichtiKc Landaibötrr. aber noch keineswegs als Bauern zu bezeichnen. Das, was den Bauern bestamli.iliig macht, eben die Disposition über eine, wenn auch unvollkommene, so doch immerhin durch Erfahrung cn1igerm.1i gc. sicherte Empirie, fehlt hier noch durchaus. Um wieviei mehr gilt daher dieses Be•' :.ui gegenüber den neuen Einwanderern, mit den ו an Fortgang der Kolonisation zu rechnen sein wird. d.e nocii nicht einmal Landarbeiter sind, sondern c erst j werden wollen. Was wir dringend brauchen, ist danach ei;. I’.c• trieb, in dem physisch vollkräitigc. alter!am.; .::• scliaftlicli-tcciinisch ungeschälte Männer ihr! beitskraft cinsctzcn können, ohne daß sie gezw;, waren, selbständig zu disponieren, ein Betru dem sic in möglichst kurzer Zeit zuerst zu den risch-professionellen Handgriffen ihres neuen <i, bcs und später zu dem nötigen Wissen um di. dingungen der Tier- und Pflanzenzucht erzogen den, kurz, eine Lchrscliulc. Diese Schule dar! nichts kosten, sondern muß rentieren. Sie Kai. her nur ein Großbetrieb sein, der unter die Bed gen gestellt wird, die die höchste Rentabiht.; gc währlcistcn. Die Bedingungen sind von zweierlei An: Erstens: Es muß ein mit völlig ausreiel,;cm Kapital ausgestatteter, ausreichend großer, m nicht zu ungünstiger kommerzieller Lage!telegener!״״;;. betrieb sein, der von einem erprobten Fach״!.!! n nnt Ar• ר sv ה; . v»• Heer• : er; Ja- •תו. euer 1 MiS •■:!•:ג h.־l»e An sieb steht der Ansicdlung von Bauern das Bedenken gegenüber, daß cs, um der Familie ein be- Mimmtes Einkommen zu sichern, relativ große Landflächen pro Kopf fordert, und zwar aus dem Grunde, weil der Bauer in fast aller Welt technisch kulturell rückständig ist. Er huldigt überall einem üblen Fmpirismns und Konservativismus und folgt mir dort zögernd den Fortschritten der Technik und Wissenschuft, wo blühende Großbetriebe in der Nachbarschuft ihm die Rentabilität ad octilos demonstrieren. Solche Betriebe aber gibt cs in ganz Palästina nur einen ällcrn: Scdschcra, das Mustergut der lea in Ohergaiiläa, und zwei eben begründete, Lydda, dem Nationalfonds, und Kincrcth, der P. L. D. C. gehörig. Mindestens als Muster und Ansporn f(lr die künltige allem Raffinement moderner laridnwirtscliai und wissenschaftlicher Technik betrieben wu.l ein solcher Betrieb in absehbarer Zeit in l'.l. zu holicr Rentabilität gebracht werden kann, leb bereits fcstgestellt. Zweitens: Das allein würde hier aber i.ui; tc• nügen. Wir haben, zwar nicht im ersten wo wir mit geschulten Arbeitern rechnen d.irün. wohl aber in spätem Versuchen, wo iiiunei 1,n ‘Iol des Arbeiterstammes aus ״Rekruten" bestellen v die herangenzogen werden sollen, mit einer m;n 1er• wertigen Arbeiterschaft zu rechnen, die die kVt.u• bilitüt lierabdnicken Wird, da ihre Fntlohuiii״;. uni sei sic noch so inälhg. zuerst den Wert ihrer .'rk.t übersteigen wird. Wir brauchen aber eine Reut .hi• lität. die die von voll;msgclnldctcn B.uieni ,u־.: ubertrifft, und das ist eine Bedingung, die m a'.ier. Kulturländern der normale Großbetrieb selbst der höchsten technischen Vollendung picht mehr erfüll:• Seine Arbeiter könnten zwar, wollen aber nie!!: die entsprechende Arbeitsleistung hergeben. Sie li.ißen keine Veranlassung, im Interesse eines fremden Herrn das Letzte an Kraft mul Aufmerksamkeit ec leisten״ und so sinkt die Rentabilität der U!• he• triebe trotz ihres unermclllicli techniscli-wi: ־ eis- Die Widerspenstige (Noctiüruck verboten.) Erzählung von A. W c III c 11 b c r g. (Fortsetzung.) Er setzt sielt dicht 5m die Ker/.e auf den Ladentisch; die Heine hängen willenlos herab. Jetzt kommt die Alte mit den beiden Glu* sem Tee zurück. Sie stellt sie auf den Tisch und geht, ohne ein Wort zu sagen, wieder in das andere Zimmer, dessen Tür sic hinter sich verschließt. Ich trinke meinet) Tee, zündete mir dann eine Zigarette an und gebe dem Fuhrmann auch eine. Wir blicken schweigend in die Ranchringet. Das I.ichtflämmehe» hebt sieh sehnend zu den Balken empor, und sein blaßblaucr Schimmer wiegt steh hin und her wie eine fromme Frau beim Segnen der Sabbathlichtc. Auf der bleichen Wand liegt ein stiller verträum- Her Schatten: des Fuhrmann Schattenbild. Josscl rührt sich nicht und blickt versonnen auf den Rauch der Zigarette, der sich wie ein zartblauer Schleier durchs Zimmer weitet, und wiegend flechten sich die dünnen Fädchen ineinander und vcrschwcben wie lichtes, sommerliches Gewölke. Immer tiefer umwallt den Fuhrmann das Meer der Träume. Und wiem ächtige Schatten legt sich die Trauer um seine braunen Züge. Aus י seinen blauen Augen schweifen durch die verkratupflcn schwarzen Brauen die Blicke in das Wesenlose hinein. In die Stille gleitet ein Lied. Die Lippen mögen cs pfeifen, eine traurige Melodie, Jossel selbst weiß nichts davon, ln seine Scclcnciusamkcit dringt nicht sein eigenes Lied und nichts von der Alten Reden im anderen Zimmer. Ich aber schleiche mich an die Tür und blicke durch die kleine Scheibe. Ein Zimmer. Ein Bettchcn mit zwei schla* (enden Kindern. Oben steht ein Tisch, gegen* über zwei nebeneinander stehenden Betten, die 5m eine k.ilkgetüuchtc Wand gerückt sind, ln dem einen blickt aus der Ucbcrdcckc ein blasser, von schwarzem Haar umrahmter Kopf hervor. Und seine Augen sehen zum anderen Bett, wo ein junges Weib mit einem weißen, gestickten Kopftuch liegt. Ihr Oberbett ist halb abgedeckt. An dem Gestell steht die Alte; ihre flehenden Blicke sprechen zur Tochter: Wie lange soll d5ts dumme Spiel noch dauern? Willst du mir den letzten Tropfen Blut aus dem Herzen nehmen? Die Alte bitte und weint. Das junge Weib rührt sich nicht und blickt wehmütig still auf das Lämpchen, das neben dem offenen Gebetbuch auf dem Tische steht ״Sieh,“ fänot die Alte wieder au, ״will ich etwas Schlechtes von dir! Kann eine Mutter etwas Schlechtes von einer Tochter wollen? Aber du mußt nun doch endlich mit deinen Kindereieen :mfliüren, Sc :■׳!» acht Wochen, :teilt geschhtgcne Wochen Mm du verheiratet. Und noch initiier nicht bist du . . Ach deine Widerspenstigkeit, ach die bösen T u• fei und Geister, die dich umgarnt haben, wer.vn dich noch in die Hölle bringen. Ich arme M-it* tcr. Wo hat man solche Not gehört? Sah, Tochter,“ und sie weist auf das aufgescitlag ne Buch hin, ״was in der heiligen Bibel steht: Durch solches Tun werden die bösen Geister ge* schaffen, die verbrennen und wieder werdoi, und die uns in die Hölle schleudern. In der 1 Hölle, hörst du, wirst du Elende dein elendes Etide finden und wirst niemals wieder atme* stehen.“ Die Tochter reißt sich hastig das Oberhett über den Kopf. Aber ein haßerfüllter Blick tri»* noch die Mutier. Verzweifelt ringt sie die Hände. Die Augen, vom Schmerz zusammengepreßt, zur Decke g^ richtet, sagt sie bitter: ״Großer Gott, was läßt du mich leiden? Die eine Tochter hast du mir genommen. Hättest du mich nur zu dir genom* mm! ... Nimm mich zu dir, wenn ich nur ein einziges gutes Werk vollbracht habe. Reiß uüf»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.