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Jüdische Rundschau · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Nummer jüdische Auswanderer im Londoner Hafen C m unserem Korrespondenten.) London, im Juli 1910. Ji.lc Woche bringen englische Zeitungen eine kurze N'otiz des Inhalts, da(l so und so vielen Einwand cm die Ansiedlung in England nicht gestattet werd. konnte. Ohne genaue Kenntnis der Sach• Hgc i st man über eine derartige Angabe wie über irgetu.! inen anderen statistischen Vermerk hinweg — hat :n aber ein Weilchen Studien im Londoner Haie gemacht oder hat man gar einmal einer Sit/1:׳ der Einwanderer-Kommission beigewohnt, 50 $clm, 'et einem jede dieser Notizen tief ins Herz — denn ׳.um weilt, dait sieh hier eine Reihe von unsiglu'i traurigen Lebenstragödien abgespielt haben. 1 . ist über die Einwandcrungskontrolle schon so viel gesagt und geschrieben worden, daß cs sich erulti gt, auf die Einzelheiten des betreffenden Qc• sc!/!.s hier nochmals cinzugchcn. Es ist bekannt, daß cas Einwanderergesetz hauptsächlich als Abwehr unervuinschtcr jüdischer Elemente aus dem Osten dienen sollte, da tatsächlich in den Pogromjahren die jüdische Einwanderung, durch die verschiedene Hamlwerkszwcigc von den Juden fast völlig monopoSisicrt wurden, einen für die englischen sozialen Verhältnisse bedrohlichen Prozentsatz erreicht hatte. \לגי bloße Bestehen eines Gesetzes, das an die Aufnahme des Zwischendeck-Auswanderers gewisse Bedingungen knüpft, die sich auf seine physische und moralische Beschaffenheit, auf den Besitz einer gewissen Geldsumme und die sichere Aussicht auf Erwerb sowie auf den Nachweis von Bürgen beziehen, ist an sich daher noch nicht auf das Konto ״Antisemitismus“ zu setzen, sondern ist - solange cs .sich in angemessenen Orcnzen hält•••• nur ein Akt der Notwehr seitens der englischen Regierung. Ja, cs gibt sogar englischjüdische llcrrcnnaturcn, die in dieser Maßnahme gewisscrinallcn eine ,Auswahl der Stärksten“ sehen, die nur zum Besten der englischen Juden* heit .sein kann. A'aer. wie gesagt, Berechtigung hat dieses Qcsetz Mir, solange cs in einer völlig obiek ven Weise angcwc'ndct wird und solar:,!!. man auch den unglückseligen Zurückgewiescnen t.ae menschenwürdige Behandlung gewährt. “,!n mache sich doch einmal klar, was die bloße Tals lic der Aufnahmcvcrwcigcrung für solch einen ungli. ׳»seligen Einwanderer bedeutet. In vielen FalU hat er seine Heimat verlassen, weil er die Verif •tingen nicht mehr ertragen konnte oder well sein : hrgeiz, sein Schaffensdrang so eingeengt und bchir. ',ert wurde, daß er seine Eigenart sklavcnartig unter.:rücken mußte. Und nun spart und spart er ־־ i.i.mchmal jahrelang — oder ein Verwandter schLa ihm ein paar Pfund, und voller Hoffnung und Schafänsdrang flieht er seinen unerträglichen Auf* ent!1i,;;sort, uin ,,Jenseits des Wassers" ein neues Leben anzufangen und dann steht er einer Kornmissiou gegenüber," die ihn aus irgend einem Grunde abweist und muß zurück in das Land, wo er meistens bereits alle Schiffe hinter sich verbrannt hat. Wenn nun zu diesen Seclcntragödien auch noch furchtbare physische Leiden hinzukommen, so wundert man sich wahrhaftig, wie derartige Menschen vor der Verzweiflung oder — dem Verbrechertum bewahrt bleiben sollen. Daß solche Leiden bestehen und zwar, beste 11 cn.durch dloSchuld c*0er unmenschlich ׳ n'aeh lässig on ״Dtr Zionismus erstrebt lür du« Jüdische Volk dl• Schaffung einer Ollenlllch-rcchtllch gesicherten Hclmstltto 10 Pxllstlnx." Baseler Protramm. Aus dem Inhalt Jüdische Auswanderer Im Londoner Hafen. — Meine Studienreise In Palästina. II. Von Dr, Franz Oppenheimer. — Moses Montl* Höre und der Zionismus. (Zum 100. Oeburtstage Montefiores.) Von S. Frcnthal. — Jüdische Oliiztere. — Ein türkisches Industrlegcsctz. — Eino Lehrerbildungsanstalt zur Förderung der Arbeitsschule. Von Dr. Eugen K a t z. — Aus aller Weit: Deutschland, Oesterreich, Rußland, Ungarn, England, Kanada, Türkei, Marokko. — .Wie man Juden bekehrt. — Noch einmal Dr; Lcsslng. — Los von Heine! — Der Empfang des Cluicliniit Basclil In Pulästhiu. — Rundschau der Presse. ־— Zionistische Bewegung• — Vereinsrundscliau. — Feuilleton: Die Widerspenstige. Erzählung von A. Weißenberg. Verwaltung — das erst macht aus einem harten Qesetz ein ungerechtes. Geradezu erschütternd wirkt der Bericht eines Rechercheurs, der das Ergebnis seiner Nachforschungen über das Los der Abgcwicscncn im ״Jewish Chronicic“ veröffentlicht. Es handelte sich liier um sieben Personen, einen Mann und eine Frau (zurückgcwicscn wegen mangelnder Eheurkunde!!), zwei Schwestern, deren eine verheiratet war und ein Kind mit sieh hatte, einen Jungen Mann von 28 und einen nichtjüdischen Knaben von 16 Jahren. Diese Personen waren mit der ״Nerissa" (Kirsten- Linie) angclangt, von der Hafenpolizei zurückgchalten und an die Kommission verwiesen worden. Die Zwischenzeit mußten dio Leute in einer winzigen Kajüte verbringen, in die weder ein Lufthauch, noch ein Lichtstrahl cindringen konnte. Und dieses absolut schwarze Loch durften sic bis zu ihrem Verhör zu keinerlei Zweck verlassen. Nach ihrer Rückweisung durch die Kornmission wurden sio abermals in diesen Kerker gepfercht, bis zur eine Woche später erfolgenden Rückreise des Schiffes. Ein Schiff der gleichen Linie verließ London schon am Mittwoch, doch durften die Unglücklichen dieses nicht benutzen, da laut dem Einwahdcrcrgcsctz die Abgewiesenen‘ auf demselben Schiff, mit dem sic gekommen, zurückgcbraclit werden müssen, und da der Kapitän dafür haftet, daß sic nicht entfliehen. So sind denn sieben Menschen, deren keiner irgend ein Verbrechen begangen hat, In dem sögenannten ״Lande der Freiheit“ unter Gesundheit und Moral ln furchtbarster Woiso gefährdenden Verhältnlsscn gefangen gehalten worden. Die Kabine war so niedrig, daß eine erwachsene Person nicht darin׳ aufrecht stehen konnte, und die Atmosphäre spottete jeder Beschreibung. Und dieser cntzctzlichc Fall, der ausnahmswcisc an dio Ocffcntlichkcit gelangte, i s t leider typisch für die Lage der unglücklichen Opfer des unseligen Fremdengesetzes, bzw. derer, die cs anzuwenden haben. Monatelang gehen.nun schon die Verhandlungen über ein Asyl für Einwanderer hin und her, ohne daß es zu einem positiven Ergebnis gekommen ist, und inzwischen bringt jedo Wocho Fälle wie diesen, die das Ihrige zur Untergrabung von -Gesundheit, Moral und Lebenskraft des jüdischen Volkes tun. Erscheint cs da nicht als •ein dringendes Gebot der Mcnschcnpflicht, unsere englischen Oluubcnsgenossen zu ermahnen, bevor sie an irgend welche anderen Spenden gehen, hier an dieser Stätte der furchtbarsten Not, diesem Herd unabsehbarcr Gefahr, Abhilfe zu schaffen? .... acn. Meine Studienreise inPalästina Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. II. Die Arbeiterfrage. Die Arbeiterfrage zerfällt in zwei Unterfragen:!st der jüdische Arbeiter physisch zur Landwirtschaft geeignet und eignet er sich psychisch für den genosscnschaftliclicn Betrieb? Was die physische Leistungsfähigkeit anlangt, so kann kein Zweifel daran bestehen, daß nicht für einen, sondern für eine ganze Anzahl von Versuchen in Palästina bereits der erforderliche Stamm physisch leistungsfähigster Arbeiter vorhanden ist und lür weitere Versuche aus den Heimatsländern der jetzigen Palästinenser hernngezogen werden kann. Ich habe die jungen Leute bei der schwersten Art der landwirtschaftlichen Arbeit gesehen, die cs gibt, bei dein Roden mit der schweren Pfianzhackc, einem Instrument, das die größte physische Kraft und Ausdauer erfordert, und ich habe kein Zeichen von physischer Ueberanstrengung oder Ermattung bemerkt. Ich habe die Arbeiter von Kincrcth iin Tibcrias-Scc nackt baden sehen, habe beobachtet, mit wcclier Kraft und Geschicklichkeit sio die in die Schwemme gerittenen Pferde im Wasser tummcltcn, und habe mit wahrem Stolz diese Prachtgo•׳ stultcn bewundert, lebendige Bildsäulen von vollendeter Form und ersichtlich zähester Muskelkraft. Und hier handelt es sich fast durchweg um junge Leute, die aus Sitzberufen stammen: um ehemalige Schreiber. Handwerker, Akademiker, Lehrer usw. Hier hat der eiserne Wille zum nationalen Ziel seine Wunder gewirkt: wenn er in den an schwere Arbeit bereits gewöhnten jüdischen Handwerkern, Bergleuten, Lastrügern usw. annähernd so stark entziindet werden kann, wie in diesen ״Intelligenten״, so ist cs gewiß, daß jüdische Landarbeiter und Bauern in völlig ausreichender Zahl gefunden werden. Allmählich wird neben ihnen eine junge Qcncration im Lande geborener Landkinder aufwachsen, die nun allerdings eine noch ganz andere Rasse darsteilcn. Von den Kindern, die ich sah, waren nur die Prolctarierender von Pcthach Tikwah in ihrem Aussehen und Befinden durch leider sehr zahlreiche schwere Erkrankungen der Augenbindehaut herabgesefzt. Es handelt sich hier aber fast nur um nicht int Lande geborene Kinder armer Einwanderer. Die im Lande geborenen Kinder aber waren ohne Ausnalmie wahre Praclitgcsehöpfc. Man sieht ihnen an, daß sic die Kinder der höchsten Rasse im Lande sind: sic ״schreiten", um einen Frey tauschen Ausdruck zu gebrauchen, ״mit Herrenfüßen über ihren־ eigenen Grund und Boden"; die klaren Augen blicken frei, offen und mutig drein, und die Körper sind ebenso zierlich wie kraftvoll. Ich sah einen kleinen Buben auf ungcsattcltcm Pferde durch die Straßen von Rcchobolh jagen, der sich nur mit den nackten. Beinen am Halse festklammcrtc, während die Arme in der Luft herumjubilierten: und ich sah einen Ko•־ lonistcnsohn in Pcthach Tikwah, einen Jüngmaiin von 22 Jahren. 1,88 m groß, entsprechend breit und augenscheinlich riesenstark, einen echten Bauern, einen der schönsten Männer, die ich je gesehen habe. Was von der Rasse aufwächst, ist allerdings Material für eine künftige Volkssiedlung, und ihm werden auch die psychisch-physischen Eigenschaften nicht fehlen, die das Grcnzcrlebcn in Palästina erfordert: Mut und schnelle Entschlossenheit. Diese den Juden im allgemeinen sonst nicht gerade nachgerühmten Eigenschaften haben sich auch bereits bei den clngcwandcrtcn Arbeitern entwickelt; sie sind mit der Waffo vertraut, sind entschlossen, sic zu benutzen, und haben bei mancher Gelegenheit, so z. B.

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