Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651657-2651684--07142-2664285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 2G. 1UEDISCHE RUNDSCHAU Seite 307. Judentum vor der Rückkehr ins Judcnlandl da war _ bewußt oder unbewußt — auch offiziell der rein formale Charakter der neuzionistischen Bewegung preisgegeben. ohne daß jedoch eine völlige ״BekehniMR“ zum Altzionismus stuttgefunden hätte. All• aialilich wurde immer mehr der fundamentale Unterschied zwischen Alt- und Ncuziouismus, zwisehen materialer und formaler Renaissance vorwischt im allgemeinen Bewußtsein, aber nanii lieh »• c It t an s i e 11. Diese Vermengung und tiiemamlcrwirrung zweier grundverschiedener Prin- 7.ii»ien bildet mm die eigentliche Ursache des stets wiederholten Auftaiichens der ״Religionsfrage“, wie sic auch die eigentliche Ursache der meisten tieferui Unstimmigkeiten im zionistischen Lager sein diotte. Und solange nicht die zionistische Organ!• 5.1ווי!!׳ sich vollständig und rückhaltlos entweder f!11 Jas materiale oder für das formale Prinzip erkl. . 1. muß die R e I i g i o n s f r a g e offen I!! 1 ׳ b e n und wird der Mehrzahl der sonstigen un- »1: ■׳׳׳» Zwistigkeiten kein Ende sein. Man muß 7.v eben den beiden Anschauungen wühlen. An eine »• .•:malische Verschmelzung anstelle ihrer luv rigen blinden Vermengung ist ebenfalls nicht zu de .11:׳. Der Ncuzionistnus will den ganzen V, ikskörpcr oder seinen größten Teil gesunden 111׳ <ג. damit in der Folge die Volksseele gesunde! l.tmnc; der Altzionismus will vor allem die Sc I c heilen, indem er 7. u g I eIc 11 nur ein einzi es. aber freilich das wichtigste Körperorgan im, ,t zu machen bestrebt ist. Der Ncuziouismus gi, darauf aus. Palästina fiir das jüdische Volk zur lii mstätte cinzurichtcn und überläßt den inneren kmaircllen Vcrjiingungs- und Entwicklungsprozeß du Zukunft; der Altzionismus fordert, daß Palästina ' 1 vornherein durch geeignete Kleinarbeit allmäh- Ik.i zum Kultur- und Geisteszentrum der jüdischen N.anm sowie eben dadurch zur Heimstätte eine* kiv-i.eii Teiles derselben ausgestaltet werde, während ei den Versuch einer durchgreifenden Acndcrting di 1 ii 11 Oe r c n Gesa m 11 a gc des jüdische״ Volkes f1,1 aussichtslos hält. Bei einem solchen Sachverli.tiie scheint mir eine Vcrschmelzungsmöglichkeit vollständig ausgeschlossen zu sein. Ks bleibt nur eine entschiedene, entscheidende Wahl. Und sollte diese so schwer fallen? Ich persönlieb bin der Ansicht deren aiisflllirliehe Darlegung und Begründung jedoch nicht mehr hierher gehört . daß cs fiir den organisierten Zionismus nur einen Weg geben kann: eben den, welcher ihm durch seine eigene Geschichte vorgezeichnet ist: der Weg zmn reinen A 11 z i 0 n i s m u s. Brief aus Ungarn H ■ kleine Land der Magyaren, welches fast cm M,l׳in11 Juden beherbergt, läßt kaum einen Tag vi riibeigchen, ohne die Behauptung in die Welt zu sei/eii. daß cs der!Reiche der westlichen Kultur- Völkern;!״gehöre. Und unsere Assimilantcn jenseits der Karpathen benützen gleichfalls jede passende und nicht passende Gelegenheit um selbstgefällig zu konstatieren, daß Ungarn das Dorado der .111 d e n sei. Nun ereignete sich vorige Woche ein Fall, der ebenso kraß das tief unter dem balkanischcn Melicnde Nieveau des Landes, als auch den hochgcprieseiicn Zustand der Juden beleuchtet. Die Klinik knackte ein Schrnnk! ״Ist etwas passiert? —• liaiina — die Kinder?“ fragte ängstlich der Alte. ״Die sind wohl, — ihre Gesundheit ist Rui.“ Er saß nun vornübergebeugt, indem er au: seine zitternden Hände niederschaute, wällleiul er sich heftig in seinen Stuhl hineindrückt(.־, Kkichsam in dem Wunsche, sich klein, recht klein zu machen. ״Was sonst denn, — was ist es sonst, ־־־ da ist etwas nicht in Ordnung mit dir.“ — Her Mann bog sich tiefer, drückte mit einer {i1l׳ii1־de der Verzweiflung die I fände auf die Augen, und flüsterte, den Ton z.vvischcn den Lippen pressend: ״Ich bin bankerott!“ Auf den Zügen des Greises spiegelte sich ein furchtbarer Schrecken. Der geöffnete Mund Hieb mit dem Ausdrucke des Entsetzens eine Zeitlang erstarrt, und es schien, als ob alles I eilen aus ihm entwichen wäre. Doch dann ent. rang sich ihm das Wort, während seine Wangen sich mit glühender Röte bedeckten: ״Bankerott!“ - ״Ja, bitte — frage nichts, — ich wollte, icii wäre tot!“ Der Wunsch löste sich los, gleichsam wie ein weinendes Gebet; es war, als ob die Ver* zwciflung vor seinen Augen in der Dunkelheit seiner Hände aufflammte. Der Alte trat auf ihn für Dermatologie an der Budapestcr Universität ist seit länger als anderthalb Jahrzehnten vakant geblieben. Zwar war schon damals, als die Lehrkanzel frei geworden ist, ein Oclchrter da, der als Theoretiker, Fachliterat und Praktiker der dcrmatologlsehen Wissenschaft weit über die Grenzen seines Vaterlandes reichenden Ruf besitzt, der außerordcntllchc Professor der Dcrmatolog 10 D r. Ludwig T ö r ö k. Török Ist aber Jude und das medizinische Profcssorcnkollcglum wollte seine Jndenreinheit aufrecht halten. Es wurde daher damals ein jugendlicher Adept der Medizin, Dr. Thomas Marsclialko an die zweite ungarische Hochschule nach Kolozwar entsendet um sozusagen für die dcrmatclogischc Klinik an der Budapestcr Universität prepariert zu werden. Die Preparation, welche Uber ein Jahrzehnt dauerte, scheint schon genügend fortgeschritten zu sein, daher beschloß die Budapestcr Universität die lange genug verwaiste Klinik zu besetzen. Der zum Referenten für diese Frage ausersehene Professor der Biologie Dr. Franz Tang! erstattete ein Referat, dessen überwiegender Teil eine geradezu überschwengliche Würdigung des Prof. Dr. Török enthielt, aber zum Schluß die Berufuug des — Dr. Marsclialko vorschlug. Das Refcrat wurde in der Fakultät — von den 16 Professoren sind 5 und der derzeitige Dekan jüdische Trenegaten - mit zwölf gegen vier Stimmen ange- Kommen. Die vier Gegner Marschalkos meldeten ein Separatvotum an, weil Marschalko als Student Freimaurer war und setzten sich für die Berufungdes Dr. NOkäni, eines bekannten Kongregat i 0 n i s t c n ein. Der klerikale Rektor der Universität, Prof. Scluigi brachte gegen alles Herkommen den mit Zweidrittclmajoritüt gefaßten BeschlttB der medizinischen Fakultät vor den akadcmischen Senat. Der Senat betraute ein Mitglied der theologischen Fakultät mit dem Referate, welcher der geeignetere Mann sei! Nattirlieh brauchte der Theologe nicht lange nachzudenken mul so wurde Dr. Ntikän zum öffentlichen ordentliclicn Professor der Dermatologie ernannt. Wie übrigens der Klcrtkalismus auch sonst in diesem Falle arbeitete, beweist der Umstand, daß der Bischof von Siebenbürgen und Präsident der Kongregationisten Graf Mniiäth, ein Intimus des Thronfolgcrs, allen ihm zu Gebote stellenden Einfluß au der Universität und bis in die höchsten Regionen aufbot, um die Ernennung Nökilms zu fördern. Erwülmenswert ist noch, daß die königliche Entschlicßnng vom 2• 1. Mai datiert ist und erst am 22. Juni, nach Schluß der R c i c 11 s t a g s \v a h I c n, zur Veröffentlichung gelangte. * Vorige Woche endeten die Wahlen zum ungarischen Parlament. Die Wahlkämpfe haben äußerst interessante Erschcinuiigcn gezeitigt. Bisher hatten die jüdischen Wühler von ihren Kandi: daten nie Rechenschaft über Ihre Haltung in jüdisehen Angelegenheiten verlangt. Die jüdischen Abgeordneten, in der letzten Session geberdeten sich aucii stets als Vollblutningyarcn, die nebenbei noch der ״mosaischen Kirche“ angchörcn und diese Auffassung durch schamlose Indolenz jeder allgemein jüdischen Sache bekundeten. Das traurige Golussymptom, daß sie erst Feindeshiebe bekommen müssen, um jüdisches Scibstbcwußtscin in degene- ' rierten Assimilantcnscclcn zu erwecken, erwies sich wiederum als richtig. In den letzten Jahren nahm der politische und gesellschaftliche Antisemitismus in Ungarn rapid zu und als vor einigen Wochen der Kultusminister Graf Zichy die gesetzwidrige Beliauptung aufsteltc. daß die Rcceptionsgcsctzc des Jahre 1896 auf die jüdische Konfession sich nicht beziehen, da rafften sich die Kalialführcr zu einer ״energischen“ Tat (?) auf. Ks wurde die Parole ausgegeben, nur diejenigen Kandidaten zu unterstützen, die anerkennen, daß die betreffenden Gesetze siel* auch auf die Juden beziehen. Diese Parole wurde auch in einigen Wahlbezirken, wo die jüdischen Stimme ausschlaggebend sind, befolgt. Das konnte umso leichter geschehen, weil die ganze Frage eine theoretische ist und in der Praxis weiterhin der Antisemitisnms waltet. Das Ergebnis der Wahlen ist für die Juden sonst auch ungünstig. Es wurden insgesamt 18 Juden gewählt, von denen zwölf der Regierungspartei, zwei der Aclitundvicrziger-, zwei der Unabhängigkeitspartei- und zwei der Demokratenpartei angchörcn. Die ״hervorragendsten" jüdischen Mitglieder des vorigen Pariaments — die, nebenbei bemerkt, ein Zusammenarbeiten mit dem österreichischen iiidisclicn Klub in Angelcgcnlicit der Erlangung eines jüdischen Mandats im bosnischen Landtage mit der Begründung abgclehnt haben, daß dies keine ..magyarische“ Angelegenheit sei — erscheinen nahezu wiedcrgcwühlt. Unter den NcugcwUliltcn sind zwei Kuliusprüsidcnten. Die ganze demokratische Partei besteht aus den zwei Juden. Unter den Gewühlten befinden sich auch sieben ״Ueberiäufer". Interessant ist cs, daß ein Kandidat, der des Mandats wegen sich getauft hat und Franz Kossnth zum Taufpaten wählte, einen* Juden gegenüber unterlag. H. Die Juden im heutigen Palästina Die ״Frankfurter Zeitung“, die sich so viel mit Orientfragen beschäftigt, hat den jüdischen Dingen iiti Orient bisher wenig Interesse abgewinnen können. Um so erfreulicher ist es. daß sie sich jetzt in drei großen Artikeln mit den Juden in Palästina bcscliüftigt. Nachstehend gehen wir einen kurzen Auszug: Die wirtschaftliche und soziale Tätigkeit der Juden in P a l ä s t i n a gewinnt allmählich eine Ausdehnung, die cs reclitfer* tigen mag, ihr an dieser Stelle einige Betrachtungen zu widmen. Es ist hier eine merkwürdige Bewegnrig im Gange, die umso größere Aufmerksamkeit verdient, als die osnianischc Regierung sieli neuerdings bereit erklärt hat, größeren Einwanderungen von Juden gewisse andere türkische Gebietsteile zu öffnen. In der asiatischen Türkei werden ständig neue Laudstriciic durch Eisenbahnen erschlossen. Große landwirtschaftliche Kulturuntcrnclimungcn sind geplant: cs entsteht das Bedürfnis nach einer ruhigen und arbeitsamen Bevölkerung in relativ men* Seitenarmen Gebieten. Sollte cs möglich sein, die osteuropäischen Juden, soweit sic durch Druck und Verfolgung zur Auswanderung gezwungen sind, nach Siidost abzulenken und unter befriedigenden Verliältnisscn seßhaft zu machen? Die Türkei hat heute jüdische Zentren hauptsächlich in Kon stau- Mnopcl, Saloniki, Smvrna, Bagdad. zu, und — im Bemühen, ihn durch sein Verbalten z.u beruhigen —• sagte er ihm mit Nachdruck: ״Sag’ das nicht, — das ist schlimmer wie alles, — das ist Sünde — und hier — werde nur erst ruhig — du sichst, ־־־ ich bin ruhig, — und wenn du dicli erst beruhigt hast, wirst du mir wohl erzählen. — Laß dir Zeit!“ — Dann setzte er sich wieder vor das altvergilbte Buch, — die Gedanken verwirrten sich in seinem Kopfe. Er fühlte schwor, daß sie droh* ten, ihn zu verlassen, zügellos zu werden. — ״Bankerott! — Bankerott! — Mein Gott, wie ist das möglich, —alles war so schön gegangen, — seit du angefangen hast. — Wie kam das so auf einmal?“ Vielleicht übertreibt er doch. — Er hat ihn zu sehr im Ueberfluß erzogen, die Jungen ließen sich gar schnell übermannen, vielleicht kann es noch gut gemacht werden, es kommt ganz darauf* an. — Wie groß war wohl der Umfang, — aber wenn er wirklich so war, die Hälfte seines Vermögens steckte darin. — Weg aus dem Haus, aus dem alten Haus, was soll aus ihm werden? Zurück in das Leben, das ihm fremd geworden war? — Mein Gott, ich flehe dich an! Laß’ cs nicht so sein, — nicht so sein? — Er hat noch nicht gesprochen. — Daß ich es nicht hören möge, das, was nicht wieder gut zu machen ist. Egoist! Egoist 1 — Fünfzig Jahre heiliger Studien, Beherrschung der Leidenschaften und Sclbtspriifung und das ist die Enteilt? — Er müßte sich schämen, alter Tor, der er war! — Sein junges Leben, das ist ärger, seine Frau und seine Kinder. — Ich bete für ihn! Ewiger Gott, — ich bete für ihn! — Das, was geschehen ist, ist nicht wieder gut zu machen für dich, ein Tor war er, ein Tor, soll dte Erde und der Lauf der Dinge seinetwegen verändert werden? Warum nicht? Gott kann Wunder vollbringen und sie mit dem Scheine des logisch Notwendigen und Natürlichen bedecken. — Es stehet geschrieben: ״Dem, der fiir einen anderen betet, wird zuerst geholfen werden. —- Egoist! *־^ Elender Egoist! — Elender Egoist! — O, — seine Gedanken gingen in die Irre, — er sündigte, — er will nicht mehr denken. — Was Gott tut, das war gut in seinen Augen. — Nun wird er still sein, — warten, — gedankenlos — wie starr. — Es war jetzt in dem Gemach, als ob kein Stoß des vorwärts steuernden Lebens dieses Traumleben berührt, als ob kein rauher Ton diese Stille gestört hätte, die dort hing wie das Schweigen in tief schattigen Alleen, wo kein Wanderer geht. Beide Männer saßen nun da, bewegungslos, ihr Denken innerlich verschlossen, in beiden eine große Furcht, die mit lauter Stimme in ihrer Seele schrie und nicht zur Ruhe kommen wollte. Und das vergangene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.