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Jüdische Rundschau · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 306. P i SCHER U N PS CH A U נ! 1 U, No. 20. ״Where is a will, tltere is a way“ (Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg), mit einer leisen Veränderung vielleicht übersetzen: Wo ei 11 Wille ist, da muß aucli ei n Weg sein 1 Der Zionismus und die Religion Von Man Del! u.״) Seit einiger Zeit ist die Frage nach de:« Verhält־ nis des Zionismus zur jüdischen Religion von neuem aktuell geworden. Oie Fincn bringen die alte zionlsti• sehe Parole in Friunerung: Religion gilt als Frivataugc* legenheit des Einzelnen! Und die Andern fordern eine ausgesprochene Stellungnahme der Zionisten zugunsten des ..historisch gerichteten", konservativen Rcligionsjudentums. Jeder sucht seine Ansicht zu begründen und keiner vermag den Uegner zu überzeugen. Allmählich wird inan aut beiden Seiten wieder zur Ruhe kommen — bis der Streit sich aber• inals erhebt. Wenn das klassische ״Volk der Religion’’ darilher in Zweitel geraten kann, ob es überhaupt und wie es seine nationale ״Reuaissuncchewegung" zu seiner Religion in neziehtmg setzen soll, so bietet emo derartige befremdliche Krseheitumg schon cm hinlängliches theoretisches Interesse, mit das Unternehmen zu rechtfertigen, einmal ihren Ur* saeheit naehz.ugehcu und die Möglichkeit einer l»e• itiedigenden Heantwottung der Frage auf Grund einer objektiven Mctraehtt-ng zu erörtern. Zunächst scheint mir die ganze Schwierigkeit dadurch miihodingt zu sein, dali man zwei Begriffe identifiziert, welche im Prinzip streng auseinander gehalten werden müssen. Ich bezeichne sie kurz, wenngleich etwas linjüdiscii, als Religion und K o 11 f e s s i 0 n. Das jüdische Volk bildet, historisch genommen, eine nationale (icmcinschaft mit einem ethiscli-religiösen I.cbeussimi und l.eheuszweck. Vom Anbeginn seiner geschichtlichen Existenz ist es unablässig dazu erzogen worden, sieh den anderen Völkern gegen• ober als ein ״gojkados" zu fohlen, welches, zugleich vorbildlich t'tir die Uesnintmcnsehhcit. ״in den Wegen GoHvn". des Urbildes der Sittlichkeit wan* dein, d. 1t. im (leiste der Sittlichkeit sein nationales wie jedes Pinzelglied sein privates l.eben gestalten und unter dem (iesiehtspunkte der Ethik Natur und!.eben betrachten soll. Diese ״Heiligkeits"• Idee wurde allmählich zmu Kern* und Mittelpunkt des jüdischen Volkstums. In ihrem Lichte hat Israel immer mehr auch seine nationalen Sitten, Brauche, Bcwiititseins• mul Lebensformen unbekümmert um ihre Fntstehimg zu sehen gelernt. Diese ganze Anschauung nenne ich die Rcli* gion des Judentums; und sie, als das Wesen des jüdischen Volkstums, kann unmöglich von einer n a tionalen jüdischen R e n a i s s a n c c hewegung als Privatsache des Fitizelncn erklärt werden. Hätte der Zionismus die Aufgabe, cm Volk n e u /. u s c I» a f - ) Wir geben diesen Artikel unter dem gleichen Vorbehalt wie die trtiliercn über ähnliche Themata ■ d. h. ohne 1ms irgendwie mit dem Autor zu identi• fixieren. Die Redaktion. f e 11. so wäre er vielleicht berechtigt, der Religion die Rolle ztizutcilcn. die ihm belicht. Da cs sieh 1c• doch darum fur ihn handelt, ein historisch gegebenes, uraltes Volk mit einem ausgeprägten nationalen Sondercharakter z.u verjüngen, so bringt um seine alte Religionsparolc in Widerspruch mit sich selbst. . Etwas ganz, anderes als die ״Religion ist aber das. was ich Konfession neune. Unter K״nfession verstehe ich die besondere theoretische und praktische Stellungnahme des Individuums z.u den einzelnen Anschauungen. Lehren und Verordnungen der gegebenen Religion seiner bezüglichen Gemeinscliaft. Hier handelt cs sich um eine persönliche, mehr oder weniger subjektive Ucbcrzeug u 11 g : mul liier braucht individuelle Freiheit vom Ziouisnius nicht erst proklamiert, sondern muH einfach als eine psychologische I atsachc allgemein konstatiert werden. Die orthodoxe wie die liberale Auffassung der historisch gegebenen liidisehen Religion und das entsprechende praktische Verhalten beruht jewcilen auf der intellektuellen und emotionalen Veranlagung und Entwicklung des Einzelnen sowie noch auf anderen, nur für ihn malt* geblichen Momenten. F.s wäre eine Ungeheuerlich* | heit, wenn der Zionismus von seinen Anhängern die orthodoxe oder liberale Konfession verlangen würde. Ob *ein Natioualjudc an die ,.Wcltsehüpfung'* buchstäblich so glaubt ״wie es geschrieben steht", oder sich ausschlicillich an den ctliischreligiöscn Urumlgedanken der biblischen Darstellung hält und | die Einkleidung als Volksdichtung ausicht; oh er j den Begriff der Sahhathhciligimg in einem engeren J oder in einem weiteren Sinne fallt und demgemäß 1 die traditionellen Sabhatlivorschriftcn in allen I kleinsten Einzelheiten streng befolgt oder nicht: mit! derlei konfessionellen Besonderheiten hat der Zio- ' msmiis nichts zu tun mul die allgemeine Religion 1 des Judentums aucli nicht. Wenn man dagegen j glaubt, in den Erzählungen der Bibel kurzweg naive; Ammenmärchen erblicken und sich leichten Mutes! über solche traditionelle Bräuche lüinvegsetzcii zu J dürfen, deren Aiiihehung die charakteristische Art I der historischen nationalen Sahhathheiligung geiährj det, s<> li.u der Zionismus als nationalistische Hewe- ' gütig wieder das Unverständnis und die Millachtung [ des jüdischen Nationalgeistes mul Volkstums, wie sie durch ein derartige•! Verhalten bekundet werden, entschieden Verwahrung einztilegen. So lielte sich die l'rage nach der Beziehung des Zionismus zur jüdischen Religion erschöpfend beant« Worten, wofern sie nicht einen zweiten, lieferen Grund hätte. Es sind nämlich zw ei zionistische (t c d a n k c n S y s t 0 m e zu unterscheiden. von denen jedes eine andere Stellungnahme zur Religionsfrage bedingt. Ich nenne das ältere, bei uns e r e r b i s 11 c r i g e n E r ü r t e r 1t « g stillschweige n d vor a 11 s g c s e t z t e System: A I t z i ״ u i s in 11 s , das jüngere: N e 11/. i o ni s m u s. Der ״Alizionisimis‘■, welcher in Aehad liaatn seinen typischen Repräsentanten besitzt, beruht auf dem Grundgedanken einer materialen ( inhaltlich gerichteten) N a t i o n a l - R c u a i s s a n c c. Er fordert, elall das jüdische Volkstum belebt, verjüugt. kontinuierlich hoher entwickelt und die histo* rische Heimat des jüdischen Volkes zu dessen geincinsamcm kulturellen Saimuel- und Nachahmungs- Zentrum durch entsprechende geistig-kulturelle wie zugleich materiell-kolonisatorische Tätigkeit allinäh. lieh ausgestaltet werde. ״Techiah“ (\Vjcderl»c!el bimg) lautet das altzionistische ״Programm••, tecliiath liaatn. tcchiath harnaeh, tcehi.uh techiath halason. tecliiath haares! Der Ait/.i11״!M1|US’ kann demnach unmöglich auf eine aktive std. lungnahmc gegenüber der Religionswie gegeuuher der sich zum Teil mit jener deckenden ״Kiiluiiir.igi•־׳ Verzicht leisten. Gerade auf das Jude nt uni.;tl,f das jüdische Volkstum kommt es ilmt ja a11.;Mlf den jüdischen Volksgeist und seine historischen Schöpfungen und Werte. Die Juden t u m s not l>-hi׳:t ausschlicillich sein Problem. Unzwcid. ctklärt er. dall im Gegensatz zu ihr die Jude ׳!ח,* weder durch uns noch durch Zion cndgiltig luv,.• Kl werde könne. (AI prasath derakhim. z. B. |cr 2. Vorrede z.um 1. Bd.) ln konfessionellen Fragen hevzahtt der Altzionistmis sclbstverstiin«!: Neutralität. Nicht für und nicht gegen die Or׳,:׳,. doxie nimmt er Stellung. Aber fiir die objektive V.. erkenming des historischen Judentums tritt er e.. :!׳, den gegebenen Ausgangspunkt der inneren r. nalcn Vcrjiingungsarheit und auch gegen die!: k• tische Millachtung des jüdischen Volkstums!, ,. haiipt und der geheiligten nationalen Grimduistit ■ >. nen erhebt er Protest, (vgl. z. 11. ״goel cliadas” ן par. der. III. IUI.) Von ganz, amlerer Art ist der Neu zio.: tu ns. dem von Theodor Herz. I. seinem lieber, zugleich in einer Organisation Wirklich!-.. ״ gestalt verliehen wurde. Die Organisation erst!. .ז das indische Volk die Schafiung einer gesic'׳.•;! Heimstätte in Palästina. Der ueuziouisttschc i gedanke ist somit der einer ior malen (־- .ur aiilSere Beschaffenheit gerieluctciö Nation.! naiss.uice. Dem jüdischen Volke soll vor alle!; .• ä 1: II e r c Möglichkeit gegeben, sollen vor ulk;;, ״• au Heren Bedingungen crfiillt werden, da!: cs auf gemeinsamem Territorium ungehindert .״ tiatioiuilen Individualität entfalten könne. Der N 1• Zionismus will also wohl auch die innere, u■ geistig-kulturelle Regeneration Israels: allem e: i. ti achtet sie als letztes E1! d z i e 1. für!. r Erreichung er bezw. seine Organisation ledig!..!; äuliere V o r a r b c i l zu leisten hat. Die in : c r i a 1 e Renaissance des jüdischen Volkes, die \ erjiiiigmig des Judentums selbst. liev.t I . :!יי jenseits seiner Autgabc. Es fehlt ihm daher l.'r. lieh jede Berechtigung, am ״Inhalt und!'1.;• tung" dieser inneren Entwicklung irgendwie .. «un bestimmenden Einflur." n1׳s/tmk1׳t. (vgl. M. li •'.r ״Der Zionismus u. die rel. Parteien" in ...L1J. L’: J• schau" No. 21). Gemüll seinem rein i ׳• : a; . ' ■•־ ־ Charakter steht der Neuz.ionisimis vollständig; Beziehung zu allen nationalen I 11 11.1 I t e 11 m״! I:: haltsfragen. Mithin steht er auch vollständig a tili er Beziehung zur jit di sehen Re- I i g i o 11. In diesem Sinne verstanden ist mmik 1’.! role: Religion gilt als Privatangelegenheit des!da• zellten! iur ihn die einzig mögliche. Allein die Sache kompliziert sieh dadurch. « die!!•.•!!•zionistische Bewegung um ihrer Orgams.it. das formale Prinzip von vornherein nicht ' seiner absoluten Reinheit festgehalte:!;■!׳' durohgciuhri hat. Von Anfang an zeigte sie die 1 ■ denz auf eine gewisse Annäherung an das in,!;! riale Prinzip des Altzionisnms. Als von m.! 1• g 1 lieber Stelle ans das Wort erging: Rnekkelu1 ׳ Der Sohn des allen Volkes Von M. N. v a 11 C a m p 0 n. ln der Zimmerstille des späten Abend, schien das Licht Seele zu haben, so, als belebte 15 die Gegcnslände, die sich unter seiner Bestrahhmg in die I lohe dehnten, hoch über das l laupt des alten Mannes hin, der unbeweglich da saß. Das Gemach .zauberte einen Traum vergan- £01־ er Zeiten hervor, der zur ■Wirklichkeit geworden .war, mit einer solchen Kraft, daß die gegenwärtige Zeit wie erstorben war und daß man dem Leben der großen Stadt entrückt zu sein glaubte, ln der Verborgenheit schützender Mauern hatte die Vergangenheit lange Jahrhunderte hindurch ihre noch lebenswanne Hand gestreckt und den Schein der Gegenwart :ms den Wesen der Dinge hinweggescheucht. Verschwömmen und teilweise im nächtlichen Dunkcl zerflossen, erhob sich der Traum in dem tiefen Ausbau des Zimmers, in dem der grünseidene Vorbau« des heiligen Schreins — nid•־ berührt von dem Schimmer des Lichtes — hinter der Atnpel sielt verbarg, und eben noch seine kupfernen Buchstaben erkennen ließ, gleich dem verstohlenen Blinken halb geschlossener Augen, die sich der Lichtquelle verschließen. In den hohen Bücherschränken, wo die masiven Lederrücken den goldenen Schein der Lampe wieder- : spiegellen, schien sieh der Traum noch deut- ' liehet’ zur Wirklichkeit gestalten zu wollen! Aber beim Anblick des Alten, der mit std-; ler Liebe in einem Huche mit ahvergilbten Büitlern las, hatte sieh der Traum in greifbares; Leben uingewandeh, zeitfrenul, doch mächtig 1 mit der wilden Kraft der steinernen Bogen einj porgehoben aus dem Tode vergangener Jahre,; sich hoch wölbend über der Flut des kommen- '! den und verschwindenden eSins. Und die •deich-! förmige Stille, die den Begriff des Endlichen ' auszuschließen schien, verlieh diesem Leben ein : Gepräge des Unvergänglichen. Doch plötzlich 1 gellte durch die Zimmerwände und durch die! andächtige tSille, in der weltentrückt der Ahe saß,, ein schrilles Läuten, das, im Korridor bcginnend, langsam verhallte, gleich wie ein Nebel, der höher und höher steigt und endlich! verschwindet. ' j per Greis lauschte — wer konnte das sein, ) der jetzt so spät zu ihm kam? Er legte die 1 Hände, die iueinaudcrgefaltet unter dem Lichte auf dein schwarzen Tischrandc blendweiß gcschimmert hatten, auf die Lehne seines Stuhles und wandte sich nach der Tür. Sein ehrfurchtgebietendes Gesicht zeigte einen fragenden Aus* druck. Die Augenbrauen über den dunklen Augen zogen sich zusammen. Es war ihm י unlieb,• gestört zu werden. Geher die T1v״־v schlürfte ein müder Tritt, schlurrte über die!; >!־■ mornen Steine nach der Korridortür und lii" n drang ein Strom des Straßenlänns, der in d Gemach mit der Gewalt eines Windes dran :. — nur einen Augenblick, dann war alles v.' der still. Nur ein kaum hörbares!־lüstern stinnr durch den Gang. Dann wurde die Tür geöifn Unangemeldet trat ein Mann mit rot.״ schweißbedecktem Gesicht ein, die Augen gr<G und fragend wie im Uebermaße der Angst, der Hand Reisetasche und Schirm, die er in d. .« Zimmer mit hineinbrachte, die elegante Kleidung zerknittert und bestaubt, sein ganzes Wesen d׳e Traurigkeit einer erschütterten Vornehml!« t atmend! ״Was, ~ du hier?“ rief der Alte, der, hastig aufspringend, den Besucher mit erstaun• ton Blicken ansah. ״Ja, Onkel!“ Er ließ sich müde in eima Stuhl niederfallen, als hätten sich unwillkürlich seine Knie gebogen. Dann ließ er seine Reise* lasche und seinen Schirm zu Boden gleiten, deren Fall jedoch beinahe auf dem weichen Teppich nicht gehört wurde. — Wieder lastete schwüle Stille über dem Gemach, allein das Licht zitterte hin und her in Erwartung des ersten Lautes, der nun kommen würde. Fbeti 's. ץ

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