Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAJU Seite 290. No. 25. Dali unter solchen Verhältnissen alles ..liberalen** Stempel trug, ist Klar. Auch der Umstand, da» die katholische (leistlichkcit und der böhmische Ilochadel an der slavisehen Agitation anfangs lebhaften Anteil nalimen. tru« viel bei, der deutschen Gegenagitatkm ein antiklerikales, freisinniges Gepräge zu verleihen. Dazu kam noch, da» die Slaven, welche den Juden nur als Helfer des Deutschen in gemischtsprachigen Gebieten kannten, vielfach antisemitische Allüren an den Ta« legten, so ist die lebhafte Beteiligung der östctreichiseheu Juden an der deutschnationalen Bewcgung vollkommen verständlich. In den 9n er Jahren vollzog sich eine entschiedene Wandlung. Die Antisemiten gewannen im deutschen Lager die Oberhand und heute ist die deutsche De• wcgung in Österreich ausgesprochen reaktionär. Die nationalen Vereinigungen wurden ״rein" gemacht, d. h. die Juden an die Duft gesetzt. Dieser Zustand ist inzwischen durch den herrlichen Hund, den die sögenainiien ..lUiitseliireilieillielien“ mit den Christlichsozialen geschlossen haben, stabilisiert worden. Der ..Deutsche Selm I ve r e i n" ist die Orgauisatiou, die sich noch am längsten kümmerliche Reste liberalen Uepräges gewahrt hat. Wie es aber in Wirklichkeit um ilm bestellt ist, soll in Kürze cliaiakterisiert werden. Aus der I.eitung wurden die Juden summarisch entfernt. Das Institut der ״judenreinen" Ortsgruppen wurde eingerichtet. Der Verein, früher von Klerikalen und Cbristlicliso/.ialen heftig bekämpft, erfreut sich heute ihrer l'rotektioit. Ur wird von der Wiener Stndtgemeiudc unterstützt, entsendet Vertreter zu chri.Mlichsozialen Veranstaltungen und empfängt chrisilichso/iale Hhrcngäste hei sich. Dann noch eine Tatsache, welche weitere Ausfiihriingeii ilherflilsslg macht. I'ür den Antrag des christlichsozialen Abgeordneten Sch m i d, welcher d i e A 11 s s c 111 i e » u 11 g der J u d e 11 v o in 15 csuche der Mittel- und Hochschulen z n in (1 e g e n s t a n d c hatte, h a l> e n i m Daria m e 111 c all c ״D e 111 s c h f r e i h c i t - liehen", eine ganz verschwindende Anzahl ausgciioniinen, gestimmt. I'ür die Ausschliellung der Juden sprachen sich die Abg. $ t c i n w c n d c r, S y l - veste r. C 11 i a r i, Wc i d d e 11 h 0 f e r u. a. aus, lauter Leute, welche als H11 re «Präsidenten, Präsidenten, Sekretäre und A u s s c h 11II - mitglieder in der Hauptleitung des ״Deutschen S ehu l v c r e i n s" sitzen. Diese auserlesene Gesellschaft hat jetzt den Gipfel aller Prcchhcit erklommen, sie unternimmt cs, von den Juden (leid für ihre Sehiilstiflimg, die ..R os c g g e r s t i f t u n g" zu fordern. In Österreich ist sie damit nicht gut angekommen. I'.s muH anerkaum werden, da» in der Spcndcrlistc mir wenig jüdische Namen verzeichnet stehen. Selbst deutschnational gesinnte Juden. d!c sich noch ein Rcstchcu Selhstbewuütsein und Khrgefiilil gewahrt hüben, verw eigern inner Hinweis auf die hier geschilderten Vorgange jegliche Spende. Hs ist zu hoffen, da» die Juden Deutschlands die gleiche Haltung beobachten lind die freche Zumutung energisch ableimen werden. Reaktionäre Antisemiten sind die Verfasser der Hettelbriefe, die jetzt den deutschen Juden zugehen. Discitc monili! Wien. Ingenieur Stricker. Das hebräische Gymnasium in Jaffa (Hcricht über das I. Semester 5670.) Die Direktion defl Gymnasiums versendet einen Bericht über die Tätigkeit der Anstalt im abgelaufenen Halbjahr, dem wir folgendes entnehmen: Schiilerzahl Die Zahl der Schüler am Schlüsse des vergnngonen Schuljahres betrug 139. Von diesen muHlen IS aus verschiedenen ÖrUndeit Selmle und Land verlassen. Neu Imizugetretcn sind öS Schüler, so da» die Schiilerzahl bis heute auf 192 gestiegen ist. Neues Gebäude ״llcrzllu" Unsere Übersiedlung in das neue eigene Haus wird ein wichtiges Hreignis in der Hnlwiekltmgsgeschichte des Gymnasiums sein. Hekamttlieh hat auf dem VIII. Kongrell Herr Jacob Moser aus Bradlord Ml 000 Prs. für den Hau eines Gebäudes gespendet, das den Namen Clymnasia Ibritl» llerziia tragen wird. Der J.N.-P. bat dafür ein Terrain im Werte vo 30000 Prs. au der Grenze des neu entstandenen jüdischen Stadtviertels ״Achiisath-Baith" in Jaffa zur Verfügung gestcllit, und Herr Moser hat nach Hiusichtnalmte in den Plan des Architekten Josef Harsky seine Spende auf 99 500 Prs. erhöht. Der Hau wurde im August 1000 begonnen, aussclilicltlich mit jüdischen Arbeitern aiisgdülul und m>11 in kiir/eiu zum Hin/.iigc fertig sein. Das (ieliäudc bietet einen prächtigen Anblick dar und wird dem neuen jüdischen Stadtviertel zur Zierde gereichen. Gymnasial Ponds Während In Jaffa I.einer und l'iemule des <lymuasittms mit unermüdliehciu Hafer (ur seine innere mul äulleje Hntwicklmig arlicitclen, waren unseic Hrcumlc Dr. Mossinsolm und Scheinkin mit der finanzielicu Sicherstellung unseres jungen Instituts bc־ scliaftigt. Sie stellten sieh zur Aufgabe, einen grollen uviunasial-Pumls zu schaffen, und machten zu diesem Zwecke eine Reise nach Huropa. Der Ponds soll ein unantastbares Kapital sein, dessen Zinsen das Gym* ii.isiuin in den Stand setzen sollen, unter Zuhilfenahme des Schulgeldes alle Ausgaben zu bestreiten. Die Hxisteuz eines solchen Ponds ist iür die Sicherstellung und die Selbständigkeit unserer Lehranstalt von höchster Hedeutung. Wir hoffen, im Laufe der näcltsten Julire für diesen Ponds einen Betrag aulzubringen, dessen Zinsen li!r die Deckung des jährlichen Budgets genügen werden. Was wir liaheu — was wir brauchen ln seiner vierjährigen Hxistenz hat das Gymnasitim hinreichend Beweise geliefert, da» es einem wirklichen Bedürfnis der jüdischen Jugend und des indischen Volkes entspricht. Vor vier Jahren wurde die Anstalt mit 17 Schillern eröffnet, ohne genügende l.clirkrallc und ohne Lehrmittel. Heute besitzt die Schule I I Lehrer, von denen die meisten höhere HUdüng haben und in ihrem Paclte Spezialisten sind, 19? Schüler aus Palästina und vielen Diaspora- Länder», eilt prächtiges Gebäude, zum liinzuge beinahe fertig, mul sämtliche Möbel und Lehrmittel für den Hamlelskursus, den die in diesem Jahre cröffucte fünfte Klasse ahschlieltt. -- Wir haben uns überdies zahlreiche Pruunde und Mitglieder (Aktionäre) in allen Ländern erworben. und die Sympathie ״Iler Juden die sieh für die Kr/.ichungsfragc in Palästina nucr’ cssicrcn, ist uns sicher. Noch aber sind wiclm-ö Bedürfnisse der Schule ungedeckt, und wir werden erst dann unser Institut als vollständig ausgebaut ansehen können, wenn auch diese Bedürfnisse öcirie. digt sind. Viele Institute und Hin/clpcrsoncii uns bisher schon gefördert. Die erste Stelle nimmt hierbei das Zentralkomitee der ״Chowewe-Zion" m Odessa ein, das für unser Budget garantiert l!n,j sich mit einer Unterstützung von 5000 Prs. bcui.i״:. Der ״Hilfsverein der Deutschen Juden" hat uns s /.J die cisie Hilfe geleistet, als wir die Leliriimui . ז den untern Kursus brauchten, pur die Heraus•.; ,he der nötigen Lehrbücher bekamen wir von |!’-ז" Jacob Scliifi 51mm! Prs. in bar, und auch Herr Z 1!:m hat uns jüngst 5000 Prs. zugesiclicrt und v«.״ 5IK10 Prs. in Aussicht gestellt, perner hat uns Hcrr Isak Goldbcrg aus Wilna 50 Duii.iiii Land in der Nähe der Kolonie Artul geschenkt, die zum Nun aufeiithalt für Lehrer uiul Schiller dienen sulle! Was uns jetzt noch not tut, ist folgendes: 1. |n kurzer Zeit wird die letzte Arbeit am Gebäude!.!, (iyiiinasinms beendet sein. Wir erkennen aln /u miscrni Bedauern, da» der von Herrn Moser so ... miitig gespendete Betrag von 9>50u Prs. n!ei.׳ .;:c Kosten decken wird. Unsere BaukoiniiiisMun; v, manche notige Mailrcgel treffen müssen zur > .... rimg. Verschönerung mul Verstärkung des lieb״ s. j So I1.it sie den Aicliitcl.teil H.usky zum m.h;ui Aufseher bestellt, hat eine grolle Anzahl teurer >• 1)C! aus der Perne gebracht und schlicKlich, da die ,!!. selten Arbeiter int Durchschnitt teurer bezahlt . r• den muhten, datur dem Unteriielimer eine Vag 1;,g gewährt, l'iir sinnliche I'.stra-Unkosten suul!.,!! ca. 25ü(lü Prs. erforderlich. - 2. Vor Hm/:׳g das neue Haus müssen w ir für Möbel in d> a .A. räimiiger, Klassenzimmern, in der Aula und ״!״c: ן Kanzlei sorgen, und besonders für Turngeräte. d,e nicht nur imsern Kindern, sondern überbau;׳! ,kr! ganzen Jugend Jaflas von grollen! Nutzen sen. er• den. Die Kosten hierfür belaufen sich laut Ain»'״'.,g auf ca. 15 000 Prs. — 3. Wir stehen vor lö des Imliern Kursus und müssen uns vor allem!!;! Laufe dieses Sommers ein Kabinett für Physk. Chemie und Naturgeschichte anseliaiien, damit das Gymnasium seinem Zweck entspricht. Die K«.\teit betragen 15UÜ» I'rs. — •|. Wir brauchen une Tttriiballc. deren Notwendigkeit übrigens in West• curopa anerkannt wurde, ,.sie wir in der Jmhvhcn Turiizeitung'* gelesen haben. Wir liotieii. a. . ,s unsern Prcundcn gelingt, uns den nötigen Betrag von ca. 15 000 Prs. aut/utreiben. — Und 5. entbehren wir noch einen botanischen Garten. Dieser esistait ln der ganzen Gegend, ja im ganzen Lande nicht und ist von grollcr Wichtigkeit für unsere Kinder \uc auch f״r die Lehrer des ganzen Landes, welche ..;1i diese Weise bei uns ihre Kenntnisse in der ergänzen können. Zahlreiche Prcunde aus Palästina versprachen uns, den!}arten reich zu beschenke!: was wir aber an exotischen Pflanzen brauchen, wie auch für die Bearbeitung und Nivellierung des Terrains, wird sielt wohl auch auf ca. iOOüü I'rs. belaufen. Insgesamt benötigen wir also zur Ausgcstaltung der Anstalt noch ca. 75 000 Prs. Unser edler Prcund Herr Moser, der j.igc hier war, hat sich persönlich von der Wichtigd! die (lehmig und der Wert der einzelnen Menschen. , Nicht, wie Ibsen, recht kurzsichtig, gemeint hat, weil J sie der Last des Staates ledig wurden. Überstunden die Juden so viele Stürme und Stolle; sondern trotzdem sie ihr Volkstum nicht staatlich konnten aiiswirken und organisieren lassen. Auch das Judentum konnte mir, wie alle Leben, bestellen, indem cs sich erneuerte; mul auch diese Hrneuertmg w׳ar, wie jede, nur durch das möglich, was Innerhalb des alten Körpers gegensützig anarchisclt, als Störung und Unruhe empfunden wird. Auch dieses, für manchen ersten Blick irreligiöse Volk ist in allen Jahrhunderten von dem Golistrom der Religion gewärmt und vor der Hrsturrung bewahrt worden; auch seine Religion war die tiefe Ketzerei: , Mystik und Heidentum. Bekommen wir eine Geschichte der jüdischen Mystik, so wird dazu auch die des jüdischen Heidentums gehören•, von dem im Tuliuud vielfach spürbaren 1 lall des Mannes aus dem Volke gegen die Schriftgclehrtcn bis zu Nachmaiis Ausspruch, hundert Jahre vor Nietzsche: ״ohne bösen Trieb ist kein vollkommener Dienst". Und wie die Mystik ihren Zusammenhang mit dem Christentum so wenig verleugnen konnte, da» ihre Anhänger nocli heute als abtrünnig verdächtigt worden, so gehört zu dem Hilde der Pesic Israels In den Weinbergen und zu den Hymnen auf die Prcudc, die, als letzten Ausdruck der Weisheit, die ihn trägt, Rabbi Nachtnan hastig und herzlich singt, auch der frohherzigs Jesus von der Hochzeit zu Kana. Mehr als sic wissen, sind die Menschen ineinander ״nahe auf getrenntesten Bergen." Moritz Heimann. t Fallen in Ihy Throne Von T h o m a s Moor c.*) Nim traur’ in Ssliwcigen, Israel! Gefalle» ist dein Tron! Auf deinen Zimten lastet Staub, Auf deinen Kindern Hohn. Kein l'ruhtan mehr befruchtet Dir Htliams dilrr üestad, Und keine Wolk' erleuchtet, Dir fürder deinen Pfad! Du lichtest, Herr, Jerusalem — Dein eigen war cs ganz: Zum Throne deiner Herrlichkeit Gereichte dir sein Glanz: Bis zorn'gen Strahls, das Wetter ln deinen Ölbaum schlug; Bis Juda falsche Götter, ln Salons Schreine trug. Da sank dein Stern, 0 Solyma; Da floh dein Ruhm, wie Spreu; Wie Haide, die der Wirbelwind, Piihrt durcli die Wüstenei. Schweigend und wüst die Hallen, Wo geblitzt der Mächt’gcn Kleid! N»cMI־hlu1w summt vo fr«1 }lKrath, dessen 100, Geburt tag am 17. Juni gefeiert wurde. Die Türm* in's Tal gefallen. Die Baals Dienst entweiht! ״Nun. Assur. würge!" sprach der Herr: ״Zeuch 11cr, du Volk von fern! Zu Boden ihre Mauern wirf. Denn sie sind nicht des Herrn! Bis ein Geschrei verkündet. Der Tochter Zion Dual: Bis jammernd sie sieh windet ln Hinnoins Würgetal!'* Gedankensplitter aus Hess’ ״Kom und Jerusalem ‘ Der jüdische Patriotismus ist kein germanischer Nebel, der sich in Sein und Schein, in Idealismus und Realismus scheiden lällt: er ist ein naturwahrcs Geiiihl, das in seiner Ursprünglichkeit und Hinfaeli• heit weder demonstriert zu werden braucht, uocii wegdemonstriert werden kann. So lange der Jude seine Nationalität verleugnen wird, weil er eben nicht die Selbstverleugnung lut. seine Solidarität mit einem unglücklichen, verfolgten und verhöhnten Volke einzugcstchcn, muß seine falsche Stellung mit Jedem Tage unerträglicher werden.