Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 24. JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 287. Merkspruch Wer sldt an dem Glück des Höchsten erfreut, Ctlebi sein eigenes. Die Schabbeslampe ״n.is ist mir mich niclit an meiner Wiege gesutuv ׳! worden,** sagte seufzend die alte Sehabbos- Dm!״/ •׳ dein Haken, an dem sie hing ״das ich in einer: Trüdlerhdcn in so gemischter Gesellschaft nu! ׳Men Tage zubriugen muH." , '\c11n es dir Erleichterung verschafft, so schütte mir 1׳! Her/, aus.“ sagte der Haken. ״Ach, wenn du!est.“ erwiderte die Schabbeslampe, ״wie viel sek״ Tage ich erlebt, wieviel Lieht ich verbreitete, m k ׳ glanzte und wie viel Freude sich in meinem GL . spiegelte, so würdest du mich bedauern." , Haken war nie aus seinem engen Kreise hei., ,gekommen, er kannte die Welt da draußen ח! ■וווו Hörensagen und benützte gierig jede Cie leg. -,eit. etwas aus ihr zu erfahren. ״Vielleicht wer. ich sie beneiden, nicht bedauern," dachte er stü. ■ sich, und laut fügte er hinzu: ״Erzähle mir d0t... du wirst einen aufmerksamen Zuhörer an mu!;.י־״ <•!.׳ . ad die Lampe begann: ״Kannst du dir denken. d..i> .cn einmal jimg war? Jung und schön, und daß ick ״ii't/tc wie lauter Gold, obwohl ich doch nur wi; Messing hin. Wenn ich so zurückdenke, so lull״ ich mich ganz in jene Zeit versetzt, und dcutlieh '!clit vor mir das Zimmer, wo ich zum ersten Mul /um Bewußtsein meiner selbst kam." . \ch. wie schön sic spricht," dachte der Haken. .. \11 einem Freitag nachmittag war’s, als man rum .!Men Mal Oel in mich goß und in jede meiner üch׳. Zacken einen Docht legte. Ich fühlte, daß ich einen Inhalt bekommen hatte." .And was geschah weiter mit dir?" fragte der Huken begierig. ,.Ls war ein einfach, bescheiden eingerichtetes Zianuev. in dem ich hing, aber alles blinkte und bbt/tc. Gerade unter mir stand ein blendend weiß Ri.dcckicr Tisch, und ein junges Weib war beschüfu;v. vk'.'.lhen zu schmücken. Sic legte zwei ge* iumnuix!1• ,.׳: auf den Tisch, die sic dann mit einer ־sistkKic.i li.cke verhüllte. Mellte daneben eine ' \Vwi1 und einen goldenen Becher. Außer* x. <״ •'■׳׳nd Blumen in die Mitte, gerade unter s.iu.1 l'inn trat sie an mich heran (sie selbst war m KMlkiier Kleidung! mit einer brennenden Kerze und ciii/ui.dcte die Dochte meiner acht Zacken, wi r.iui mc in inniger Andacht die Hände ausgebreitet v״r.s UcMiln hielt, so daß ich sie für einen Augen* blick uijit selten konnte, und laut einen Segens• spmcli sagte. Ach wie warm, wie wohl wurde es mir! Ich fühlte, daß Licht und Freude von mir ausstrahlte. Noeh mehr ward ich mir dessen he* wuiii, als kurz darauf der Gatte dieser jungen Frau ins Zimmer trat, mit innigem ״Gut Schabbcs"-Gruß von ihr empfangen, wie sie beide glückselig zu mir traten und die Frau ganz freudig sagte: Sich nur, ,viw schon unsere Schabbeslampe brennt. Da fühlte ick. daß ich einem jungen Eheglück meines Lcuchtens G,.1n/. und Wärme leihen durfte, und in zwei glückstrahlenden Augenpaaren mein Licht sich abspiclen sah,״ -Das war gewiß der schönste Tag deines lebins.״ sagte der Haken ganz gerührt. ■r ui schöner wohl, aber lange nicht der sch. i'tc," versetzte die Lumpe und fuhr dann fort: ..Da 1,,;is meinte ich auch, dull es eine Steigerung leite Hochgefühls, daß ich allwöchentlich, wenn ich m m. .11 Recht trat, empfand, nicht mehr gebe. Doch *,h יו■ h einigen Jahren zwei reizende Kinderarme iüii 1 :,vh meinem Glanze und Lichte verlangend aus- «reckten, und Kindcrjauchzcn an mein Ohr drang, <L< war mein Glück von früher nichts gegen die ulicrv •iltigvndc Freude, die mich da durchstrümtc. leb o.ar gewiß nicht weniger glücklich als das junge Elte!,;,i.iar, dessen Glück durch den Besitz des Kindes tuie so große Bereicherung erfahren hatte." ״Wie viel schönes hast du doch erlebt!" seufzte der Haken. ״Ich lebte jede Woche nur einen Tag, aber das *•!> mir Inhalt genug." fuhr die Lampe wie nu Selbstxcspräeh fort. ״Ich sah nicht immer Glück und Efetkle, viele, viele Mühen und Sorgen sah Ich die Woche hindurch, viele Hoffnungen und EnUüuschun- Ren erlebte ich mit, viel Arbeit und Plage sah Ich mit f*n. Das Leben zeigte sich meinen Besitzern nicht •nniicr von der rosigsten Scito. Aber wenn ich '‘rannte, wenn mein Licht leuchtete, wenn der Schubbes cinkchrtc in Herz und Maus, annn war 3lies, alles vergessen, alle Arbeit ••nu Last, alle Sorge und Mühe Mein Schein Hel nur auf g.ück• Bciic, sich ganz der Ruhe des Sabbaths hingehende Frühling in Judäa Wie die Blum’ auf Meeresgründe Sich zur Frühlingssotuic kehrt, Also grüßt in dieser Stunde, Land, gerühmt aus Oottes Munde,. Dich dein Enkel gruiubeschwert. Ach, wie mögen deine Hügel 110111' bekränzt mit liHhen s-clti; Ach, wie mag des Lenzes Flügel Hasans Trift, des Segens Spiegel Schmücken, und F.ngeddi's Hainl Oclbaum, Palm' tmd Feig* und Myrte Zieht! sielt mu des Lamlmanns Maus, Und cs ruht der milde Hirte, Den in Schlaf die Taube girrte, Unter Tcrcbintcu aus. Muntrer Bienen bunte Reigen Schwelgen in dem süßen Kraut, Daß mm bald von alten Zweigen, Die von Fdcnsfriicht sieh beugen, Stiller Honig niedertaut. Tau des Himmels, komm hernieder, Tränke dieses Wunderland! Reicher Sommer kehre wieder, Unterm Schall der Jubelhcder * Fülle dieses Volkes Hand! Aller nein, des Landes Schöne Ist schon längst, schon laugst verdorrt, Seit dem Tag, wo seine Sühne, Daß der Bosheit Sieg sieh kröne, Rom vertrieb u.telt West und Nord. Ach. seit jenem Trauertage Grünen Jordans Ufer nicht! Noch betäubt vom Morderschlagc Wohnet Leid und Totenklagc Auf Judäa’s Angesicht. Wo der Kinder Blut geflossen, Fließt nicht Milch und Honig mehr; Wo. von Räubern ausgeschlossen, Flich'n die echten Stammgenossen, Bleibt das Ende freudenleer. In die Fremde hingewiesen, Fern von unsrer Väter Grab, Fern von unsern Paradiesen, Stirbt die Lust an Feld und Wiesen Bald dem Sohn der Knechtschaft ab. Jährlich nur. wenn uns die Zeiten Künden, daß Judäa blüht, Schau'n wir in die stummen Weiten Strahlender Vergangenheiten Mit iimdüstcrtcm Gesicht. Ach, wann sch’n dich unsre Blicke, Land der Väter, schwer beweint? Führt kein Weg zu dir zurjickc, Ist kein Pfad, ist keine Brücke, Kommt kein Tag, der uns vereint? H. Menschenkinder, mein Lieht leuchtete mir zu fr.heu, (rcudccrUUUcu Stunden und sUa'n'.te nur aus '.c\n Ulenden, durch gehobene Stimmung glanzendem Augen zurück. Es gab später mehr der Kmdtr, i;׳h san sie heranwnebsen zur Freude und ׳• un Stolz der Eltern. Der Sabbath bildete auch für sic ein Fest, da ent* wickelte sich stets ein eUlef Wettstreit! wenn der Vater jeden Freitag abend ein Verhör anstclltc, jeder wollte besser wissen, mehr, fleißiger gelernt haben die Woche über. Viel erfuhr und lernte ich selbst dabei, das ganze jüdische PfHchtcnlcben hörte ich aus dem Munde des Vaters den Kindern erklären, cs ihnen cinprägend, den Sinn erläuternd, auf daß sie in dessen Betätigung selbst ihres Lebens höchstes Ziel und Ideal finden sollten. Und cs waren nicht nur Worte, die der Vater lehrte, nein, In diesem Kreise war alles in lebendige Tat umgesetzt, und leicht hatten die Kinder an der Hand eines solchen Beispiels zu lernen." ״Wie schön sic spricht." seufzte der Haken. ״Wie viele liebliche Oesünge tönten an mein Ohr," fuhr die Lampe fort. ״Wie viele Qüste'sah ich bewirten und wie bewirten; mit wieviel Liebe und Güte! Wie bestrebten sich groß und klein den Gast vergessen zu machen, daß der Tisch, an dem er saß, eigentlich ein fremder, und das Brot, das er aß, das der Heimatlosigkeit sei. Ja, ich kann sagen, daß ich nur Schönes und Edles bei diesen lieben Leuten sah tmd erlebte." ״Und warum kamst du fort von dort?" fragte der Haken. ״Das ist das traurigste, dunkelste Kapitel meines Lebens. Ich hatte mit einem deines Geschlechts bittere Erfahrungen gemacht. Der Hacken, an dem ich damals hing, er versagte mir eines Tages treulos den Dienst, lind ich fiel mit lautem Krach zur Erde, t Ich wurde ohnmächtig und weiß nicht, was mit mir geschalt. Ich weiß auch nicht, wie lange meine Bewulttlosigkcit gedauert, noch was inzwischen mit mir vorgegangen war. Als ich wieder zu mir kam, da lag ich verstaubt im Winkel einer Bodenkammer. Wie lange ich schon da war, wußte ich nicht. Ich muß mich bei dem Fall unheilbar verletzt haben und hatte ja nur Inhalt durch die Sabbathe, an denen ich hatte jedes Maß für die Zeit verloren, denn mein Leben hatte ja nurlnhalt durch die Sabbathe, an denen ich leuchten durfte, sic gaben mir den Maßstab für scino Dauer. Nun ich nicht mehr leuchten durfte, hatte es seinen Wert für mich verloren. Eines Tages stöberte man mich in einem Winkel auf und brachte mich hierher. ״Altes Blech, wert zum Einschmelzen," das war das Urteil, welches mein jetziger Besitzer über mich fällte, und so hänge ich nun hier und wünsche mir den Tod. Ach, cingcschmolzcn zu werden, es müßte herrlich sein im Vergleich zu diesem unnützen Leben, das mich nur täglich und stündlich der schönen Jahre, die' ich erlebt, mit Schmerz ge* denken läßt!" ״Horch, was ist das." sagte der Haken, ״es scheint, wir bekommen noch späten Besuch." Die Tür öffnete sielt und es kam noch ein Küu* fcr. Er erblickte die Schabbeslampe. ״Ist die verkäuflich?" (ragte er den Trödler, der mit ihm eingetreten war. ״Verkäuflich wohl, aber als Ocllampc unbrauch- ' bar," sagte dieser. ״Das schadet nichts," war die Antwort, ״ich suche eine solche Lampe, um sic für elektrisches Licht einriclttcn zu lassen." Die Lampe durchfuhr cs schon jetzt wie ein elekirischer Schlag. Ach. sic besaß Erfahrung genug, sie wußte daß man sic quälen und bearbeiten wird, daß num Drahte durch sie ziehen wird, und sie empfand cs schon jetzt wie einen körperlichen Schmerz. Ach, zu erhoffen hatte sic nichts davon, sic wußte, wo sic niclit einfach und bescheiden mit Oel leuchten durfte, daß sic dort nicht dem gemütvollen, echt jüdischen Leben ihre Dienste weihen durfte, daß nur kalter, fremder Glanz von ihr ausgellen würde, bei dem ihr herz selbst kalt bleiben wird. Mit Schmerz sah sic, daß man handelseins wurde' über sic. Docli im Grunde genommen konnte cs ihr gleich sein: Ob sic hier im Trödleriadcn hing oder vielleicht in einem eleganten Zimmer elektrisches Lieht verbreiten mußte — Ihr sie gab cs nur eins, was niemand ihr rauben konnte, was ihr köstlichster Besitz bleiben würde, bis ans Ende: die Erinnerung an echtes Scl.abbcsglück und wahren Schabbes* frieden. _ S. R. Hillel Hillcl verdiente täglich einen Torpeik (eine Münze jener Zeit); die Hälfte davon gab er dem Türhüter des Lehrhauscs, die andere Hälfte verwandte er für seinen und seiner Familie Unterhalt. Als er einmal nicht soviel verdiente, ließ ihn der TürhlUcr nicht cintrctcn. Hilles Heß sich aber nicht zurückschrccken. Er begab sich auf das flache Dach des Lehrhauscs, um vom Oberhaus desselben aus dio Worte des lebendigen Oottes aus dem Munde von Schcmaja und Abtaiion zu hören. Man sagte, cs war dies an einem Freitag mitten im Winter, cs fiel dichter Schnee und deckte den Lauschenden völlig zu. Am Morgen des Sabbates sprach Schemaja 7n Abtalion: Mein Bruder Abtalion, sonst ist das Haus hell, heute aber ist cs dunkel, sollte cs heute derart bewölkt sein? — Sic erhoben Ihre Augen und sahen eine menschliche Gestalt über dem Oberfenster, stiegen hinauf und fanden drei Ellen hoch Schnee über dem Erstarrten. Sic befreiten ihn, ließen ihn baden und salben und setzten ihn an das Kaminfeuer. Dieser ist wert, sagten sic, daß man zu seiner Rettung den Sabbath entweiht — Rätsellösung Auflösung des Silbenrätsels in No. 18: Kapital Liane Daniel;י י Stenograph. ו