Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Suite 284 .1 u u pj s c 11 OJ^i31 SJLÜAM No. 24. Deutsche und jüdische Kolonisten In der Nnuntannsclion ״Hilfe" veröffentlicht Pr, Lugen Kat/, der Syndikus der Simon-Stiftung in Hannover, als /.weiten Artikel einer Serie ״lm Orient" folgende Ausführungen: ״In Palästina leben etwa 1700 P c 111 s c 11 e, meist Schwaben. Sie nehmen an Zahl kaum zu, stehen aber durch wirtschaftliche Tllclitlgkelt In Ansehen. Was Geschäftsgeist betrifft, sind sie den .Inden über• legen. Hie merkwürdig vielen Borlll1ru״KS|1unklo zwischen Pietismus und Berufsverstaud, auf die Max Weber so feinsinnig die Aufmerksamkeit lenkte, lassen sieh auch in Paliisiiua lehrsam verfolgen. Am meisten beachtenswert sind wohl One landwirtse 11 a f II i c 110 n Leistungen. Hntzfickeiid schön ist das deutsche Port ״Saruna" angelegt. I'.s liegt eingebettet in schattige Haine von Orangen. Mandeln, Lukalypliis und Cuulferen; Blumengärten schmücken die weilten. Ziegelgedeckten Hauser. Mail sieht beliiihige. deutsche Bäuerinnen, die über braune arabische Mägde herrscheu und gleich gut in Haus und Stall Ordnung halteil. Pie Pcutseheu beslt/ou beinah allein im Lande gut besetzte Ställe, ihre Kühe vom Libanon geben hohe Milcherirägc. die man in Jaffa mit 25 35 Pfen* nig das Liter, verwerten kann. Natürlich fehlt auch das Schwein nicht, wo deutsche Hauern leben. Pmli wird dies Tier von den Muselmännern noch mehr gehabt als von den frommen Juden, und niemand von den eingeborenen Arabern will sich an ihm ver* nureiiiigen. Ls herrscht bei den Templern viel Verständnis für tlenosseiiscliaiten, Heren Statuten sind voll voit nützlichen und erbaulichen Lrmahmmgen. ln Begleitung des freinulliclien Vorstehers Lütumle besuchte ich die Trinkwassevanlage und Milchverwertungsstclle der Gemeinde und lielt mich von ihm über seine Orangcnpflanzmig belehren, die mit Hilfe motorischer Kraft bewässert wird. Pie Hauern in Sarmia sind selbständig wie kleine Könige, nur gebunden durch die für ein geordnetes Geincimleleben gebotenen Selbstbcseliränkimgen. Um keinen Preis, sagte man mir, würden sie wieder iit engere und gezwungenere Verhältnisse znrüekkch* reu. wollen. Sic haben heute auch allen Grund, wir(- scliaftlieli zufrieden zu sein. Pie Lage der Kolonie, die hauptsächlich vom Verkauf von Stallerzeiignissen, Gemüse und Haumfriicliteii lebt, ist glänzend. Aber die Alten wissen zu erzählen, wie anders es war vor *111 Jahren, und wie cs erst nach grollen Verlusten au Leben. Gesundheit lind Vermögen gelang, sieb den Verhältnissen des Landes anznpusscu. Heute meistern sie diese Verhältnisse mit deutscher Technik. Etwa 2 Stunden Kitt von Jaffa liegt die neue An- Siedlung ,.W i 111 e 1111 a", in der der Getreidebau eine gröbere Holle spielt. Port sah ich ausgczcielineten Klee und Weizen, Geräte und Hafer mit ־ am 19. März - schon teilweise reifen Aeliren. In Willielma ist ein deutsche Ackerbaiischule gegründet worden. Ihr Leiter, der frühere Wintcrsclmldircktor Keller, machte mich mit seinen Kimstdüugor-Versuchen bekannt, die zu dem wenigen Systematischen gehören, was auf diesem Gebiet bisher auf türkischen! Boden augestoUt worden ist. Scheinbar zeigt sielt der Boden Palästinas besonders dankbar für Plinspliorsättre. Somit würden die grölten Phosphatlager, die in der Jorduunicdcrung entdeckt wurden und, wie es licillt, mit deutschem Kapital uusgeheutet werden sollen, im Lande selbst günstigen Absatz finden. Pie Kolonisten in Wilhelm» haben viel Sinn für Portscliriu und zeigen mit 8tolz einen ostfriesi* scheu Bullen, der zur Verbesserung der I.anUrassc gerade eingeführt wurde. Es ist aber zweifelhaft, wie diesem Nordländer der Süden bekommt. Gcrade in Willielma Imlle ich einen lieilleit Wüstenwind oder Glinmsin zu überstellen, der sich zu gewissen Zeiten im Prüliialir und Herbst regelmüllig cinstcllt mul viel .schwerer zu ertragen Ist, als Ule höchsten Temperaturen des Sommers. Wohl dem, der bei solehern Weller auf den Wellt verzichtet, den die Schwaben so vortrefflich zu bauen und zu keltern verstehen! * * Umfangreicher als bei den Deutschen ist aber der Weinbau hei den Juden entwickelt. Ls gibt in Judäa und Sninaria mehrere jüdische Wcinkolo* uicn, und grölte Kellereien sind in Ui schon-Je* Zion und Sie 11 r0n-.) ae<>b (Zaimuarin) errich* tet worden. Pie besondere Hegilnsiigimg des Weinliaiies aber, diu von den Förderern der jüdischen Ko- Ionisation aasging, erwies sieh als ein wirtschaftlicher Lchlcr. Durch das Auftreten der Reblaus und die Verschlechterung der Marktverhültnisse in den letzteil 20 Jahren entstanden grolle Verluste. Heute dienen dem Weinbau mir mehr die besten Lagen, linier schweren Opfern, aber zum dauernden Vorteil der jüdischen Kolonisation, wurden auf erheblieben Flächen die Weinstückc ausgerodet, und Orangen and Maiidelbätime traten an ihre Stelle, Am gcwiiiiibriiigeinlsteii soll der Manüelbau sein (er verzinst stell oft mit über 21) ׳<•'). Aber die Kultur ist ihrer Ausdehnung nach von grülltcr Wichtigkeit. Für mehrere Millionen Mark jährlich werden von diesen Lnielitcn über Jaffa mich Luropa verschickt. Pie Lrntc beginnt bereits im November und, da die Konkiirrcnzlämler erst viele Wochen später zu et. ten aiifaugen. Imt Palästina einen natürlichen Vorsprung auf dem Markt. Ls werden sehr lauge, dick• sehaligc Früchte ohne Kern gezogen — die Unterläge für die Veredlung bietet die Sültzitronc - - und nirgendwo dürfte es ein köstlicheres Obst geben. Pie bedeutendste jüdische Orangenkoionie ist P e t a c 11 - T i k w a h, etwa 2000 Seelen grolt, un gefälir drei Wagenstunden von Jaffa entfernt. Petach-Tikwalt ist bezeichnend für die Vorzüge und Nachteile der älteren jüdischen Kolonien in Palästina. welche die Kleinkultur sehr hoch entwickeln mul den eigentlichen Ackerbau vcriiachläsigeir. Wer daran zweifelt, dall .luden auch die anstrengendste Landarbeit leisten, dem möchte man die Kolonisten and Arbeiter dieses Dorfes vorführen, die mit kolossalcu Hacken den Hoden rigolen und vom Unkraut befreien, leb kenne kein schwereres Handgerät, und es dürfte keine körperliche Arbeit in der deutschen Landwirtschaft mehr Widerstandsfähigkeit mul Stäb- 11111g der Glieder erfordern, als dieses Hacken auf dem tonigen Hoden, der. wenn ihn nach einem Kegenguli die heilte Sonne bcschcint, zusanimcnbackt wie Ziegelstein. Aller auch auf die feineren Arbeiten verstehen sich die Kolonisten gut, besonders auf das Veredeln, Ucberliaiipt sind sic in Baum- und Weinkulturell bereits den Deutschen überlegen, so daß diese sich zu schwierigeren Arbeiten gern Juden licranlioleit. Dem Vorbild der Deutschen sind auch die Juden in der Gründling von Genossenschaften gcfolgt. Pie jüdischen Genossenschaften kommen ihren Zahlungsverpflichtungen so pünktlich nach, dall eine Bank in Jaffa, die ihnen Kredite gewährt, aus diesen Geseliäftsbezieliimgen noch nie einen Pfennig Verlast batte. Diesen Vorzügen stehen aber, wie schon angedeutet, auch Nachteile gegenüber. Ls ist nie günstig, weuu der Landmaim sich allzusehr auf bcstimmte Betriebszweige verlegt und andre veruachlässig!. Pas Aussehen der Getreidefelder lallt viel zu wünschen übrig• Pie Viehhaltung ist zu geria■;• fügig und wird nicht nach einem festen System l<etrieben: es fehlt fast dem ganzen Poriu die P.v;,k*.- heit mul der Schönheitssinn ia Haus mul Ihn, die in den deutschen Kolonien so angenehm berühren mul sich wohl auch in dem Wirtschaftsergebnis aiil.ern müssen. Ls wäre aber leichtsinnig geurteilt, wui'ic man solche Mängel den Juden als Kolonisten u! •. rhaiipt ziisehrcibcn. Pie Leute in Pe!aeh־Ttl,v..d! stammen eben aas Gegenden Osteuropas, wo m den christlichen Dörfern keineswegs besser aussu!;!. Wir machen ja auch die Lrfalirnng, dall die d> scheu Kolonisten aus RulUaml, die sogenannten Wanderer, die von unsrer Ansiciilungskomuns •11 Jetzt regelinältig in der Ostmark angeselzt \\e! in dem russichen Milieu die deutschen bäuerli»; ai Tugenden ganz verloren Italien. Ls dauert z.wu - j.«j drei Generationen, bis die richtige bäuerliche ־.-ה J1liclikeit in der Behandlung jeder Liuzelheit in 'er Wirtschaft gewonnen will. Aber das kommt, :'ie ganzen jüdischen Kolonien der Kiistcuelieiic m!:!;! sichtbarem Aufschwung begriffen. Zu \ sehen wäre nur, dall die jüdischen Kolonisation' ׳ c• Seilschaften durch Reform des Schulwesens t nr sorgten, dall der heranwaclisciideii Jugend \vv .;er totes Wissen als nützliches Können beigeh. :11t wird. Vergleicht man aber die jüdischen Kolonisten mit ihren in Luropa zurückgebliebenen Glaube!•' .enossen, so staunt man über die Auiwärtseiitwic!,; ug von Körper und Seele. Per ändere Druck ist von ihnen genommen, und mm entwickeln sic sich p!..J1tig, wie eine Pflanze, die aus dem Keller in S< ,ualicht und guten Boden gebracht wurde. Pie tu,,;;;ח• stigcit Ligenseliaften. die allen »iedcrgcha:;...ca Menschen anbaften, verschwinden schnell, und ä;e junge Generation, mit anstrengender aber honutaigs• voller Arbeit beschäftigt, in der Selbstverw a!:!!raufgewachsi’n, bildet ein Ansiedlennaterial. d.!s «.;J1 mit jedem andern messen kann. Diese günsige Um• Wicklung ist besonders seit einigen Jahren ic'-t/ustellen, seitdem die Kolonien nur noch UntcrstuUu!!• gen für (iemciiuiezwccke erhalten, der ein/ebic .!her vollkommen auf eigne Fülle gestellt ist. Man sicht fast durchweg kräftige Gestalten mit offenem i:l׳ck und angenehm berührenden Selbstbewulitsein. Im santarisehen C 11 e d c r a 11, einer frueluhiMi, aber sehr feucht gelegenen AnsiedUmg, starb •i.c Hälfte der Jüdischen Bevölkerung am gelben Fuhr. Obwohl die Ueberlebemlcn Gelegenheit gehabt teil, sieb an einem gesünderen Platz, neu aiiziisconi. lictt kein einziger von der liebgewordenen Sein>lk\ Die Fiebergefalir ist auch jetzt noch nicht beseitigt, und doch arbeitet die Bevölkerung guten Muss ״!.,! im festen Vertrauen auf das neue Werk. « * Voll Jaffa aus führt man zu Schilf etwa 0 Sam• den lang nach Haifa, das innerhalb der Bucht v.«n Akka eine bevorzugte Lage bat. Hier ist der! Ijckka sielt allmählich zu beruhigen anfing, wurde es mir recht beklommen ums Herz, Am nächsten Tag kam kein Brief von Jossel, am zweiten und dritten auch nicht. Rebekka sah nur noch wie ein Schatten aus. Sie wollte mich nicht durch allzu vieles Klagen betrüben, aber jedesmal, wenn ich mit ihr sprach, trafen ihr die Tränen in die Augen. Als die ganze Woche hingegangen war, ohne daß Jossel zurückgekehrt oder ein Brief von ihm eingetroffen, waren wie beide krank vor banger lirwartung. Am Schahuoth-Tagc kam endlich ein Brief an mich mit einem russischen Poststempel. Rc* bekka schrie laut auf, aber ich ging aus dem Zimmer, um ihn ungestört zu lesen, denn ich sali gleich, cs war nicht Jossels Handschrift. Bebend riß ich das Kuwcrt auf und las den mit holprigen Buchstaben und tausend Fehlern geschriebcnen Inhalt: ״Werte Dame! Der Jossel hat mir Ihre Adresse gegeben für den Fall, daß etwas passiert. Und leider muß ich saget!, cs ist was passiert. Sic werden gehört haben von der russischen Polizei, die die Häuser von den Juden nach Fremden durch* sucht. Wir haben Jossel sofort gesagt, er soll gehen, die Gefahr sei zu groß, aber er hat nicht wollen, bevor er dem Vater die Augen zage* drückt habe. Die Polizei ist schon in der Straße gewesen, und ich bin wieder rumgcgangeii und habe den lossei gebeten, er soll sofort abreisen. Aber da war der Vater gerade im Sterbe» und er gesagt: ״Nicht bevor ich ihm die Auge» zugedrückt habe.“ Die Polizei ist schon 3111 Nebenhaus tmd der Alte endlich gestorben, und da ist der Jossel aufgestanden und hat gesagt: ״jetzt muß ich augenblicklich auf den Bahnhof, denn meine Braut stirbt vor Angst.“ Im selben Augenblick sind auch schon die Polizisten ins Haus getreten. Da hat er schnell an ihnen vorbeige* wollt und zum Bahnhof rennen. Aber sic hinterdrein. und da ist er immer schneller gerannt und hat nicht gesellen, daß von der anderen Seite ein Wagen gekommen ist. — Werte Dame, was soll ich Ihnen sagen? Es hat nur einen Augenblick gedauert, und nun werden wir ihn neben dem Vater begraben. — Sie möchten die Braut grüßen, und sie soll glücklich werden und den Jossel vergessen.“ Lange habe ich dort gestanden, und die Tränen sind mir unaufhaltsam aus den Augen gerollt, aber schließlich habe ich doch zu Rebekka hinübergehen müssen. Sie stand am Tisch und wie ich hereingekommen, hat sie mich nur angesehen und gesagt: ״Er ist tot!“ Und dantj habe ich in ein Gesicht geblickt, das war so leid* erfüllt, daß es mich durchschauerte. — Und das war am Schabttotli, am Fest d< r Freude. Helene 11 a n n a C 0 h n. GedanKenspliiier aus llcss’, ״Rom und Jerusalem‘* Der Chassidismus bildet innerhalb des lebe«.״• k׳en jüdischen Geistes den Uebergnng aus dem m:!• telaltcrlichcn Judentum zu einem regenerierten, welches erst in der Lntstchuug begriffen ist: טיס Folgen des Chassidismus sind unberechenbar, wenn sich die nationale Bewegung seiner bemächtigt. Die Rabbiner, welche früher den Chassidismus verketzert haben, fangen an cinzusehcn, das heute für die jüdische Volksmasse des Ostens nur imeli die Alternative übrig bleibt, entweder infolge einer von außen cindringcndcn modernen Kultur mit dea Reformisten vom Judentum abzufallen, oder diesem Abfälle durch eine Regeneration zuvor zu komme«, von weicher der Chassidismus freilich nur ein Vor• läufer ist. Unsere Stammesgcnosscn, die aus Emanzipa* tionsrücksichtcn sich und anderen gern einreden möchten, daß die modernen Juden gar kein nationa-!cs Gefühl mehr besitzen, wissen wahrhaftig nicht, wo ihnen der Kopf steht.