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Jüdische Rundschau · 1910-06-17 · Heft 24 (17.6.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Der Zionismus und die religiösen Parteien Von Pr. Max Messer (Hamburg). Unsere Zeit Iial die Erörterung religiöser Praxen dem Machtbereich gelehrter Theologen entzogen und sie in der breiten, nach Erkenntnis rinnenden Volksinassen hiiieiHgetragen. Die religiösen Problaue beschäftigen in einem bisher nicht gekannten Umfang die Gemüter. Wie bei allen geistigen Kümp* feit kristallisieren sieh ans den extremsten Anseliau• tmgen dogmatische und programmatische Gesichtspunkte heraus, die die Grundlage für eine religiöse Barteibildmig abgeben. Was die Masse der Streiter gewöhnlich in zwei Kampffronten scheidet, das sind Momente psychologischer Matur, aut der einen Seite die Tendenz, an den durch Autorität und Alter neheiligten, im Geistesleben vieler (Jenerationen fest verankerten Werten unverrückbar festzuhalten, auf der anderen Seite das Verlangen, den Wert alles historisch Gewordenen an den Bedürfnissen der Gogenwart zu messen und das Prinzip der Entwicklung mich im religiösen!.eben zur Geltung zn bringen. Dieser Gegensatz zwischen konservativer und i 0 r t s c i! i i t 11 i c 11 e r Anschauung beherrscht beide christlichen Konfessionen Deutschlands, und die Wogen des Kampfes dringen auch in das Gebiet jüdisch-religiöser Interessen. Auf die Kämpfe der Reform, die j!1 der ersten Hälfte des 19. Jahrlumdcrts die deutsche Judenheit erschüttert und zu einer Gegenbewegig'g im konservativen hager ge• fuhrt hatten. War ein Zeitraum geistigen Stillstandes gefolgt, in unseren Tagen ist mm eine von bedeutenden deutschen Juden geführte liberale religiöse Mewegung neu entstanden. Einer ihrer Eiihrer erhob gegen die Zionisten den Vorwurf, dali sie sieh nicht aus i 11 n e r e 11 Gründen, sondern ans ״D i p I 0• matie" mit den Vertretern des religiösen Konservatisimis zur Uekämpimig des Liberalismus ver• bänden. Es erscheint daher zwecHmällig. das Ver• h.iltnis des ZiouiMitiis zu den religiösen Parteien einer Uetrachtung sina ira et studio zu unterziehen und die Richtlinien für unser ferneres Verhalten ihnen gegenüber festzulegen. Es mull in der Tat zugegeben werden, dali in Deutschland der Zionismus von dein Prinzip absoluter Neutralität gegenüber den religiösen Kämpfen in erheblichem Umfang uhgewicheu ist. Seine Svumathieii, bisweilen seine tatkräftige Unteru den Vertretern der konservativen sogenannten Orthodoxie, ln seinen n sucht eine zielbewulll arbeitende deen dieser Richtung einen möglichst auf die innere Struktur des Zioitisitten. Einst hat llerzl den Kampf um . ״« .״״.iiicimlestube als Losungswort ausgegehen. Die U e in c i n d e als Vertreterin jüdiscli-so/.ialcr Interessen, als die einzige Form einer Organisation der niehtzionistisclien Imlenlieit mulite als ein (lebiet angesehen w erden, auf dem zioitistiselier Einfinll fiir die Propagierung jüdisch-nationaler Interessen Wert- \ olles leisten konnte. Dieser Uesiehtspunkt führte An in. d. Red.: Wir können uns, da die Rcdalaion prinzipiell in religiösen Prägen keinerlei Stellung einnimmt, mit den Ansfünningen des geschätzten Verfassers nicht identifizieren, halten sic aber jedenfalls ernster IWachtuug fiir wert. bei den Ueineinüewalilen vielfach zu einer Koalition mit den Orthodoxen gegen die Liberalen. Fs waren nicht nur (lrllmle der ״Diplomatie" und ״ Taktik . Mau erblickte in den OrllunJoxeu, die an den An* schaumigen und Formen des historisch überlieferten Judentums fe.sthalten, wes ensverwa nute Helfer im Kampfe gegen die Liberalen, die man als die Vertreter a s s 1111 ilu t o r I s e 11 e!1 Strebens bekämpfen zu müssen glaubte. Es braucht kaum betont zu werden, daß die pe rs ö n I i e 11 e Stellungnahme des einzelnen Zionistei* nicht zum Gegenstand einer Kritik gemacht werden kann. Wo aber zionistische Parteiorganisationen, /.. H. Ortsgruppen, den Anscliliill an eine bestimmte religiöse ()nippe proklamieren, 4L* ixt zweifellos das von uns immer betonte Prinzip der religiösen Neutralität des Zionismus durchbrochen. Ein uubefangeiler Kritiker dieser Tatsache muH zunächst, ohne seine persönliche religiöse Anschauung zum Mallstab zu nehmen, die Haltung des Zionismus historisch zu verstellen suchen. Versetzen wir uns in die Zeit vor der Emanzipation! Die äullcrJichc Bedrückung hatte durch den Absehlnli aller niehljiidiselien Kultur eine Erstarrung alles geistigen Lehens innerhalb der Judenheit bcwirkt. Kein frischer Windhauch vermochte hier eine Auflehnung der Geister gegen Althergebrachtes heranfznbe.seliwören. Sie konnte erst erfolgen, als die Emanzipation die Juden aus politischer Recht* losigkeil erlöste und damit der allgemeinen Kultur eine breite Gasse ins Ghetto bahnte. So nuillte das Auftreten des r e f o r in a tu r i s e 11 u n Gedankens im Judentum mit dein Beginn der Emanzipat io u.stir» zeitlich znsaiimienialleii, und so wird es erklärlich, dali in die Refornibewcgung assimilatorische Tendenzen hiucinspicltcn. Einer der Eültrer der Reform, Samuel II old he im, miter.seliieü im Judentum nationale mul religiöse Bestandteile und glaubte, die nationalen Bestandteile, die das eigentliche Wesen des Judentums verschleierten und politische ()leiclistelhing der Juden in den Ländern der Emanzipation )linderten, ausinerzeu zu müssen. Die Reform trug also in wesentlichen Zügen den Charakter einer E111ua tiou a tisi e r u ng. An die Stelle einer organischen Fortentwicklung trat das Streben nach Anglcichung an die bestehenden KirelienrcUgioueii. D a g c g e 11 kehrte sich die Entr.islmig der national gesinnte!) Juden von Orütz und Moses Hell an bis zu M11X Nordau, und doch kann den vielen unter ihnen• die sieh in ihrer persönlichen Lebensführung und Anschauung dem Emtlull der Orthodoxie gänzlich entzogen haben, das in Reform und moderner liberaler Mewegung sieh durchsetzende Prinzip des religiösen Port- Schrittes trotz des assimilatorischen Meiwerkes nicht verborgen bleiben. Von ihnen könnte folgerichtig nur die Eorderung einer im nationalen Sinn gehaltenen Reform erhoben werden. Ebenso verständlich wie die Antipathie gegen die liberale Richtung ist die Sympathie zionistischer Kreise für das geset/.extreiio Judentum, stellen doch die Orthodoxen anllerhalb des zionistischen Milieus diejenige jüdische Gruppe dar, deren Interessen noch am ehesten einen stark nationalen Einschlag aufweisen. Die nationale Spruche, der nationale Ruhetag, der Glaube au die völkische Zusaininengc* hürigkeit der Juden aller Länder und ihre gemeinsaine Zukunft im Laude der Väter, alle diese Momente bildeten die Grundlage einer Verständigung zwischen den gcset/.estreiien Juden und dem Teil der Zionisten, den von der Orthodoxie die breite Kluft einer andersgearteten religiösen Welianschau. nng trennte. Im traditionellen Judentum war noch eigenartiges, von keinem Auilüsuugsprozeb 'ange• kräukeltcs jüdisches Leben, liier war noch ein I'oihK jüdischer Energie, die der Zionist in seinem Kampf tun die Erhaltung der Jüdischen Volksimlividuahu«{ als willkommene Hilfe betrachtete. Kein Wunder, daü sogar schon der ״Kommunistenrabbi" Moses Heß mit feurigen Worten die Rückkehr zur alte״ Synagoge predigte. U11J doch entbehrt das Verhalt,••, offizieller zioiiistiselier Organe, die zugunsten 1י< , Orthodoxie in die religiösen Tageskample ciugreinn, der inueien 1׳ o 1 g c r i e 111 i g k e i t und erscheint im Interesse der zionistischen Mewegung nicht zweck m ä 11 i g. Lassen wir uns durch Augenblickserfolge nicht über die dauernden Schädigungen hinwegt.mselu ״, die dem Zionismus aus dieser Haltung erwach-1■;, können. Die religiösen Kämpfe müssen a u li e r 11 a 1 b unserer Organisation ausgefuchten werden: wir müssen ihn tu gegenüber neutral bleiben, l'ur die .'>׳:• Wendigkeit dieser Neutralität sprechen /.un.wi.M Gründe historischer Natur. Die Schaffung e Organisation und der Aktionsfähigkeit der Auliäi:.,er des zionistischen Ideals war nur auf der Musis ci .cs Programms möglich, das allen Zionisten gemeinsam,: Wünsche bezüglich der Gestaltung des ä 11II e r c n politischen Schicksals des jüdischen Volkes!«,. imilierte und religiöse!*ragen als nicht zur Kon•;״.- tenz, des Zionismus gehörig aus der Diskussion ..uischied. Religion sollte Privatsache bleiben, j wird nur die im modernen Gemeinwesen selbst״;, stündliche Eorderung der ״Trennung von Kirche und Staat", die seihst nach dem Urteil religiöser Kium der Entwicklung religiösen Lehens mir iördcrlien b\ auf die zionistische Organisation übcriragcu. IV, i auch aus inneren Gründen kann die Bartei 1, r diesen Standpunkt vertreten. Eine weltliche o! sation, deren Anhänger den verschiedensten giosen Richtungen angeboren, kann unmöglich einer bestimmten religiösen Partei paktieren. J;c unter den eigenen Anhängern zahlreiche Gegner und sic kann uuniöglich eine Richtung bch.unpieu. /. deren Existenz viele ihrer eigenen Mitglieder u,׳!/. mancher Differenzen eine hüs torische Notw c n d i g k c i j, erblicken. Man vergegenw.it :;ge sieb doch, dali ein religiös liberaler Zionist durch ein Bündnis seiner Barteigenossen mit den Orth«• doxeu in einen schweren Gewissenskonflikt gebiacM werden kann! Dazu kommt, dal’, die (ksichtxpni.i.:-: mit denen eine nationale Organisation an bestimm!.׳ E’ragen des jüdischen Lebens Itcranlreieii mm;, s.cn keineswegs immer mit denen einer bestimmten ichgiösen Richtung decken können. Der Altruismus der letzteren wird häufig in nationalem Interesse »!:ei!• terncr ökonomischer Erwägung Blatz mache!! müssen. Auch Gründe taktischer Nalnr legen de.n Zionismus die Bflieht religiöser Neuiral11.il 0111, Id; möchte darauf hinwcisen. dal! man von so/iahv.• scher Seite die jüdischen Massen des Ostens duu': dos Schreckgespenst der ״klerikalen Tenden/eu" unserer Sache ahu endig zu moeheii such!. Deiai .ra sicherlich uu.'.ulreffeiide .Anschauungen werden jed«c'i Jossel Line Frzitlihiug aus den allcrjiiüRslen Taften. I;.s gibt kaum ein Fest, das ich so innig liebe wie das Sehabuoih, das Fest der ersten leuchtenden Sommert age, der lausend prangenden Binmen und reifenden Früchte, da unsere Voreltern hiugingcn zum Altar unseres Gottes und ihm Dunkopfer brachten fiir all die (inade, die er der Welt erwiesen. Au keinem Taft im Jahre kann ich so von I let zen dankbar sein wie am Schabuoth, dem Tafte, da Gott, um das Maß seiner Oiitc voll/.nmachen, das Volk Israel dazu erwählte, der Welt das 1 .icht des Glaubens und der wahren Rcliftion zu bringen, indem er Moses mit den zehn Geboten von Sinai herabsandte. Dieses Jahr aber habe ich ein Schabuoth erlebt, das war so traurift wie keines zuvor, und ich ftlatibe, die Frinnerttüft daran wird midi niemals .verlassen, denn fterade an diesem Jage habe ich es erfahren, wie schwer Gottes strafende Hand auf unserin Volke ruht. Aber ich will der Reihe nach erzählen, was sich •/.uftetraften hat. Ich habe eine junge Freundin, die oft zu mir ins 1 laus kommt, ein armes, elternloses jii sches Mädchen aus Rußland, das Näharbeit bei mir verrichtet, mir mancherlei im Haushalt hilft und meih immer wieder durch ihre Sanftmut und! Kluftheil erfreut. Sie heißt Rebekka und ist ebenso schön imd demütig wie jene andere Rebekka war, die Isaak sich zum Weibe erwählte. Vor ciuiftcu Jahren, als sie noch fast Kind war, habe ich sie keimen ftelcrnt; du war sie ein verschüchterles Mädchen mit großen, trau* riften Amten. Aber vor Jahresfrist war es, als eine ft rolle Veränderung mit ihr vovging. Sie fing plötzlich an, aufzubltihcn wie eine juufte Rose, ihr ftesenktes Köpfchen hob sich stolz, und frei, und weit sie mit ihrer Näharbeit am Fenster saß, ftittft manchmal ein solches• Leuchten über ihr (iesischt, daß es mir ftanz. eigen ums Herz wurde. Nicht lanfte dauerte es dann, bis sie mir ihr Geheimnis auvertraute: sie hatte sieh verlobt! Mit einem Landsmann, einem jungen Studenten, der sich unter tausend Mühen und Fnthehnmften durchs Studium hinihucharbeitete. ״Kluft ist er,“ saftt»! sie, 1״'tUUiige Frau, so etwas haben Sic noch nie gesehen! Der Lehrer, der ihn zum Abituricntenexamen vorbereitet hat, hat ihm gesagt, so etwas wär ihm noch nie vor* gekommen. Und auf der Universität drängen sie siel! alle an ihn, damit er ihnen bei den Arbciten hilft. Und dabei ist er so bescheiden!“ Fin kleines Weilchen schwieg sie, dann kam ihr letzter Trumpf: ״Und schön ist er, gnädige Frau, Augen hat er!“ Von jetzt au gab es nur noch ein Gespräch•• tlicma für uns. wenn wir zusammen vor den Bergen reparaturbedürftiger Wäsche und Kleider saßen, und das hieß: Jossel. Ich wußte bald, seine ganze Lebensgeschichte. Aus Smolcink stammte er und hatte nur noch einen alten Vau r. Von früh an hatte der Knabe nur eine I cideitseliaft gehabt: lernen, lernet*, und als ihm das in Rußland so unendlich erschwert wurde, lia.uc er von früh bis spät den Vater angefleht, ihn nach Deutschland zu seinen Verwandten zu seitden und ihn dort studieren zu lassen. Der Vaier hatte sich verzweifelt gegen den Wunsch seines Sohnes gewehrt. Nicht, daß er ihm nicht gern diesen 1 lerzenswunsch erfüllt hätte, aber er war ein alter Mann, und dies war sein einziger Sohn. ״Sieh, mal Jossel“, hatte er oft zu ihm gesagt, ״wie lange wcnP ich denn noch zu leben haben? Und wenn ich nun denken soll, ich werde eines Tages krank und sterbe, und mein einziger Sohn ist nicht einmal da. tun an meinem Grabe das Kaddisehgebet zu sagen — nein, das Opfer kann ich dir nicht bringen.“ Da hatte sich der Solm au seine Batst geworfenjmd gesprochen: ״Vater, du sollst leben bis hundert Jahr’! Aber ich schwöre dir, sowie ich höre, daß du — Gott behüte! — krank bist, daun komm’ ich zu dir."

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