Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1910-06-17 · Heft 24 (17.6.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2651657-2651682--07114-2664255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

.^1 -jP Abonnomonts jut Ule weclicnlllch am Prrl. 1.IL• cnchclncndc ״Jndliche Ku.«<<tv׳l1.1u" kosten hfl der וז110ו!,1י!0ן und hei allen Post• ftitiicr 11 vlcrieliaiifllch 1,23 M, 11.11 ז0«י'יוויh DcuUclilands und 0»>1« rri kli-UnEarm 2,— M; (״r Mitglieder J1ldl»chcr Ver. (nie im Sammdlieiuc durch den Verein I,— M. Vcrlau Jildltcho Rundschau I!. (I. in. b. II. Perlln SW. 68. Zlntmerslr. 77. (״־•«elkirtKlunden: 3 bis 7 Uhr #u>*er Sonnabend und Sonntag^^ L_ m A MVAlffAVI Anzeigen kosten lOr die liinfgespaltene PetUtelle oder deren Raum 25 I'Ik.: Siellen-Aneebote und Gesuche sowie Vcrclnsmllteilunsen 11. ״Kleine Anzeigen nur 15 PIß. 00000000 Maninkriptc werden, wenn Porto bcillegt. stets zurückgesandt. — Redaktionsschluss Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Rundschau Ilerlin-Charlottenburg. Dlclblrcustr. 47. Tel. Ch. 9581• Sprechstunden Dienstag und Donnerstag 5—6 nachmittags. -v nuiiiiuiitsJK)• §}yd©0 Nummer 24 Berlin, den 17. Juni 1910—10. Siwan 5670 XV. Jahrgang Russisches Pv .iiitisciiiilisclien Maßnahmen der russische:! K1\׳iw. werden inimcr unerhörter. Denn cs sind nicht t 1 die Ausw eisungen an sich, die — so Krau- 5.1111 u ‘I empörend ihre M a s s c n h a f t i g k c i t ,incli!'! -■ den Unwillen aller zivilisierten Men- }dien ■ .iclirnfcii nilisscn, es ist in viel hülieroni Grade ch die Niederträchtigkeit der Schikane, die in den '.uswcisimgen und der Art, wie sic ausgcfülirt werde•', /um Ausdruck kommt. W,,;n man .luden nicht in Staatsstellungen an* nimu־׳. ja. wenn man sie nicht einmal studieren \ ,Mi man sic überhaupt allerhand politischen und v!!vchat!liehen Einschränkungen unterwirft, so kam» ’ 1׳ wenigstens als Ausrede immer noch ein ״n<׳iu », l.t s Prinzip“ geltend machen. Welches an• dere 1 »m/ip aber als das kleinlichster Bosheit kann cs w;igeu. dal“. Juden nicht auf dem Lande Sommer.i: Mlinit nehmen oder in russischen Kurorten ihr(': 1;msgeben dürfen? Per Abgeordnete Nisse- 10 v; eh hat der russischem Regierung im vorigen Jahre l!an einmal eine Rechnung aufgemacht, wie unsch•. er töricht die Nichtzulassung der Juden in sewisv kaukasische Kuroitc sei, wie rücksichtslos gegen . c eigenen Staatsfinanzen. v \!\; das ist anscheinend dach ein großer Irrtum. /.: einen, die russische Regierung könne durch :fccnd ,!ehe Erwägungen politischer oder patrioti- $clk• 7 t .'cmiilligkcit zu einer vernünftigeren Judenpr'. n.. .׳.d ־..eht werden. Dem Tschiti ist das alles 1״ vt i;!׳, ek ׳ itgiliig. Er folgt einem blindwütigen ׳!:ו.: iiivic sie'n mul sein eigenes Land :; «•11: .־ er anders den Juden nicht schaden L\ er kann ia und —■ lebt sehr gut dai'e•ä '1.i 1>t das .Imlensclmiorcn natürlich doppelt itn4׳< tu i! >:׳ י!. t ansclicineiul gegenwärtig keine Anleihe hr.uidii . •ultcrt man munter drauf los. Man lese mir : ,.1.■׳:,|en Bericht aus Petersburg, de dato II. .1/ ,!ts 1010. Jahres naeli der Geburt Christi, in Jcs' Namen alles das geschieht: ..P' jeder Menschlichkeit spottenden Auswcisurgea v •:! .luden in Rulllaiut werden in immer cm!1 ׳ י eit derer Weise fortgesetzt. 11 <. ücsiimnumg, daß Juden nicht auf dem Lande tv1!4׳.v 1 ״ ,nVn, wird dahin interpretiert, daß sic auch k e i^!י in m c r f rischen auf suche 11 dürfen. b.1 d Ilis/c das Leben in den hygienisch zuriiekgelliel י ui russischen Städten zur Zeit fast unmöglich macl::. m, liaben zahlreiche Juden Landhäuser!. Daraus werden sic mm unerbittlich vertrieben, selbst wenn die Häuser noch itn "’eich! i.l der Stadt liegen. Ia V11 kaukasischen Kurorten waltet eine Koni- '»!wir: liircs Amtes, die in jedem einzelnen Palle Tmc^n■ t;. 011 ein erholungsbedürftiger Jude krank genug ist, um eine Kur zu gebrauchen. Die mcisten werden natürlich aus den Kur- ״nc! verjagt, soweit sic sich überhaupt hin- ,Aigen ln \itlcn Städten der Provinz werden alle H.itivi• Inrclisuclil, um fustzustellcn, ob nicht-wohnbered. 1 >.׳!c Juden sich darin befinden; so ist im Qou- '־ernc:■ ־,! Smolensk eine Reihe von Flecken von beritu:;er Polizei umzingelt worden, und alle Htden, denen naeli dem Ermessen dies«r niederen Po li z c i b c a 1111 e n das Outrecht nicht zustand, wurden verhaltet. Auf viele, die sich vor den Heldentaten dtr Polizei in den angrenzenden Wäldern versteck- *®יי• wurde eine förmliche Treibjagd veranstnhet. Aus der Umgegend der Orte, In denen diese un- Shtubhehen Maßnahmen stattfinden, fliehen viele Juden, ihr Hab und Out preisgebend, »ick׳ Juden, die großen Kornhandcl treiben und daher aui dem Lande 7.u tun haben, müssen ihre Geschalte tamilE Mmg durch noch so kleine aber regelmässige Einkünfte bildet für alle gemeinnützigen Unternehmungen das Geheimnis des Erfolges. Dieser Erfahrungssatz gilt in gesteigertem Masse von einem Blatte, wie die ״Jüdische Rundschau“ das auf Gewinn nicht abzielt, sondern lediglich auf die Geltendmachung idealer jüdischer Forderungen’bedacht ist. Wer unserem Blatte Abonnenten wirbt, der sichert der Bewegung, in deren Dienst es sich gestellt hat, eine dauernde Rente. Und wer unserem Verläge Adressen aufgibt, an die mit einiger Aussicht auf Erfolg Probenummern der Jüdischen Rundschau versandt werden können, der leistet uns in unserer Werbearbeit schätzenswerte Dienste. + Der Preis unseres Blattes ist ein so minimaler, dass er für niemanden ein Hinderungsgrund sein kann, es zu abonnieren. Die wöchentlich erscheinendc ״Jüdische Rundschau“ ,(mit den :,Beigaben ״Jung Israel“ und ״Literarisch e^Rundschau“) kostet uicrteijätirlicli 1,25 MK. (ausserhalb Deutschlands u. Oesterreich-Ungarns 2 Mk.) für Mitglieder jüdischer Vereine im Sammelbezug durch den Verein uierfBljätirlich nur 1 Mk. Diejenigen unserer Abonnenten, die unser Blatt bei der Post bestellt haben, wollen ihr Abonnement umgehend erneuern. Redaktion und Derlag der ״Jüdischen Rundschau" aufgeben, wodurch der gesamte Handel schwer g2schädigt wird. , , , , , ״ , 111 cmgeweilitcn Kreisen wird versichert, daß der Kultusminister Schwarz, einer der reaktionärsten Minister, in aller Kürze seinen Abschied nehmen wird.“ Der dieser mittelalterlichen Nachricht wie zum Trost angchümtfc Schlußsatz kann mft der Barbarei des übrigen Inhaltes nicht versöhnen. Denn ob ein russischer Minister nun auf den gut deutschen Namen Schwarz oder einen anderen hört, das ist für das System der Judenverfolgung durchaus gleichgütig. Wenn er sich nicht dem reaktionären Kurse des Herrn und Meisters Stolypin anzupassen versteht, dann fliegt er schon von selbst rechtzeitig hinaus. Unter diesen ״ccht-russischen“ Verhältnissen darf man auf die Diskussion des Antrages gespannt sein, den soeben — am 14. Juni — 166 Abgeordnete, außer 25 Oktobristcn sämtlich Linksparteiler, etngcbracht haben, und der nichts geringeres als die A u fhebung des Ansicdlungsrayons will. Der Antrag der Abgeordneten weist darauf hin, das Fortbestehen der Domizilbcschrünkungcn für die Juden in dem erneuerten Rußland sei äußerst ungerecht, widerspreche dem Manifest vom 30. November, füge dem Staate direkt Schaden zu und dämme die wirtschaftliche Ent- Wicklung ein, zu der alle Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität beizutragen berufen seien, und trage zu der D c m 0 r a 1 i s i c - rung eines Teils der Staatsverwaltung bei, welche die Domizilcinschränkung der Juden zum eigenen Vorteil uusnutzc, indem sic Umgehungen des Gesetzes gestatte. Das letztere hat zwar — wenn wir nicht irren — der verflossene Dünn- Präsident Chomjakow einmal als den größt.־:! Vorzug der Judcngcsctre gerühmt, daß sic nämlich den schlecht bezahlten Beamten eine Nchcncinnahmc vcrschaiicn — aber ein Parlament, das diesen Namen überhaupt ernsthaft in Anspruch nimmt, wird sich doch auf einen anderen Standpunkt stellen müssen. Paß die Duma dem Anträge stattgeben sollte, hallen wir allerdings für völlig ausgeschlossen -- viel mehr Stimmen, als er Unterschritten trägt, dürfte der Antrag nicht erhalten. ׳Und»selbst für den ganz miw.ihrscheiiilcihen Fall der Annahme des Anträges wäre ja immer noch die Regierung da. um Rußland vor der UcbcriJmimg durch ~dic~ Juden des Ansicdlungsrayons zu retten. Also damit hat cs gute Weile. Aber interessant verspricht die E r ö r t c r u n g des Antrages zu werden. Fs wird sicher ein anmutiges Schauspiel sein, wenn die Vertreter der russischen Regierung, die ja nicht die Scham besitzen wird zu schweigen, sich zur Verteidigung des bestehenden Zustandes erheben werden. Mit wehmütiger Stimme werden die Herren den Zustand Rußlands und des russischen Volkes schildern, um zu dem Schlüsse zu gelangen, daß cs nicht angclic — im wohlverstandenen Interesse Ruß- Intids natürlich! — die Tore des Ansicdlungsrayons zu öffnen und die habgierigen Juden auf die wir:- schaftlich unbeholfene Bevölkerung loszulassen. Und dic Regierung ist ja so klug, sich ihre Argumente bereits jetzt zu präparieren. Die Auswcisji 11 c c 11 aus allen in ng I i c 11 c 11 russischen Städten sind ja schon eine im voraus c r t c i 11 c A n t w 0 r t a u f d e n Antrag. Wir möchten nicht so weit gehen zu behaupte•!, die Ausweisungen seien direkt durch diesen Antrag provoziert worden — aber daß sich die Regierung gerade mit Rücksicht auf den Antrag nicht zu einer milderen Praxis bewegen läßt, erscheint uns sicher. Muß sic doch dann darauf verweisen können, daß an eine Aufhebung des Ansicdelungsrayons nicht ge• dacht werden könne, weil ja schon jetzt die Juden aus den anderen Städten ausgewiesen werden müßten! — Man lache nicht über diese Argnmentation. So werden in Rußland antijüdische Maßnahmen begründet. Selbstverständlich begrüßen wir trotzdem den Antrag mit großer Freude. Die Diskussion über ihn kann trotz alledem segenhringend wirken. Natürlich nur indirekt in ihrem Eindruck auf die russische und nichtjililischc Oeffcntlichkcit Einen direkten Erfolg versprechen sich ja wohl die Initiatoren selbst nicht. Denn cs wäre ein verbrecherischer Optimisrmis, die Durchführung eines judenfreundlichen Oesetzes zu erwarten von einer Regierung, die mit so satanischer Bosheit Ule Juden schindet, um zu beweisen, daß sic geschundct! werden müssen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.