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Jüdische Rundschau · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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IUEDISCMF. RUNDSCHAU Seite 273. No. 23. i: AUS ALL6R W€LT :: Deutschland ' Hi ne Glosse des ״B T.“ Per seltsame Widerspruch, der lange Zeit ,lärm bestand, dal! der Verlag Rudolf Mossc in seinen ,״ich fiir Niclitjudcu bestimmten Blattern der Auf- U״m: des Jndcmums das Wort redete, wahrend er aiuleiseits ein jüdisches Blatt licrausgab, das sieh der I. ciinnc eines Gustav Karneles erfreuen durfte, ist [tclu'lH■״. seitdem Herr Gohcimrat Qc iger die RcdnkliiMi de«■ ״Allgemeinen Zeitung״ in antijiiiiisehcm Sinne zu;c.u'1! begonnen hat. Seitdem herrscht in der Belundüing indischer!״ragen in den verschiedenen ■־־clien Blattern eine seltene Ucbcrcinstiuiinung suul ■:ne Bekämpfung wird kaum mehr als eine innerjiuli־. c Frage zu betrachten sein. Eines der Biiittcr .־! ־•! ist es das meist gelesene — hat sich dieser T.nu ״ ־ui Verstoß gegen die guten Sitten und die der״!•.!׳.n 'ten Hrfordcrnls.se des journalistischen An- 51.11!.' > /״schulden kommen lassen, der mit Rück- 5,c':: ' die hohe Auflage, in der diese Beschimpfung des 1 Icutums jüdischen und niehtjildischen Lesern ,int Kaffectisch gelegt wurde, auch an dieser .»!genagelt zu werden verdient: ’ ..Berliner Tageblatt" druckt in seiner Rubrik ״Vc ׳ ־» mid Versammlungen" ein Referat über den 1• . :".־ץb. welchen Herr Br. phil. flm II U. Hirsch ji.iii. *11 der ,.Lehranstalt für die Wissenschaft des J11.I :ms" über ..Bas Judentum in den Vereinigten " gehalten hat und über den auch an dieser <!d dichtet worden war. Der Schlußsatz lautet: .Diese gesellschaftliche Absehliellung mdes das liute im Gefolge, daß Mischehen fast ״ nicht Vorkommen und die Assimilationsgcfahr ׳ alles Hinicbcns der Juden in Amerika nicht /,. .»•/״rehtei: ist." Dann folgt in Klammern: ״(Wo s;. . ..t den hier das ״Gute"? Anni. der Red.)." I einer Rubrik, wo über die Berufsimcresscn de: 1;.־־eiirgehilfen in sachlicher Weise berichtet um: ..ml wo die lierretipariien einzelner Kegelklubs pi!M1/ .11 werden, wird hier die Existenzfrage des Jude:::ums in einer geschmacklosen Randglosse abgetan. Die Mosseschcn Blätter führen unseres \V155u ■־ einen ziemlich geräuschvollen Kampf auch gegen luinches andere, das sic weniger angeht, als d.is J ul* ntuiu. Wenn cs sein muH, werden wir auch d!c Mus'CblUiter in der Reihe der schUrfstcn Juden-! icinJc zu rubrizieren wissen. Aber dann erfordert der Ar.5i.md offene Aussprache, Rede und Gegenrede. Ihncli •:u:;e Glossen wie die oben wicdcrgegcbciie vergibt mc'i t. in Blatt von der politischen Bedeutung .’,cs ״B 1." ch wohl ׳zu viel. I» w 1!:: c 11 grelles Schlaglicht auf das Niveau . ־ . ,!;• J » Judcutuuis, duü das in seinen Reihen II, 1' kv'.v׳;,c Blatt cs wagen darf, ״schon halb unter du; H,\::nr zum ersten Mal die Mischehe zu I ״•; .־g.uu.! Wir wi'vut nicht, ob Herr Geheimrat Geiger als He1r.it m indischen Angelegenheiten für den ges.im’ni M׳»sCk״nzern engagiert ist und ob wir es liier :m! einer Frucht seines Geistes zu tun haben — wem! de,11׳ so ist, dann tue man diesen neuesten Exzeß zu den übrigen, er wird auch bei ganz In- (]liieren;u! Aufklärungsarbeit leisten —, halten vielmehr eine Parole von ״oben" für wahrscheinlicher. Sollte .mell das nicht der Fall sein — wir wollen alle Mildenmgsgrtindc erwägen —, so miilltc der organi- 'i’.nnselie Apparat eines Webblattes Mittel und Wege t'Jer,. derartiges unmöglich zu machen. Man sorge e'aiiir. 11׳׳, der junge Mann, der mit der Zusammen* ürciel, :!;g dieser Hingänge betraut ist, sich mit seiner Aufgai'.; begnügt und die Finger von Dingen lüllt, die anderu. i .einen ernsteste Gewissensfragen sind. Selbst v־enn 5 sich um Jüdisches und das Judentum 11.1 wk• I. m IS : gewiü eine bemerkenswerte Tatsache, daß d;e 5v neu Hlirungcn, die deutschen Juden von Staatsv, gen oder durch Fürstengunst zuteil werden - v<m :,.11 kleinen Strebern abgesehen, die sieh ihre Titel e: auien — in recht vielen Fällen solche Leute trcifui, njtir.1i: wiese,! ticruu׳.־ bonkii: diesen 1:111 ein,. 1׳e sieh auch ihrem Volkstumc und ihrer 11 Tradition gegenüber als zuverlässig er* ■ilien. Und wenn dieser Tage die Nobili- Digclo Wassermanns, des bayerischen Hof- g *meldet wurde, so können wir auch in •>üc mit Befriedigung fcststcllcn, dail cs sich Familie handelt, deren Vertreter, mochten sic 11 JLiolcl, in der Wissenschaft oder in der Kunst die ׳!uaiikiicr des Ruhms noch so hoch erklimmen, den! udentimic die Treue gewahrt haben. Angclo von 'asserinanu selbst soll der orthodoxen Richtung ngfliMvu. 1■in Sohn des neuen Adclsträgers, der nun auch dem Vater zugleich geadelt worden ist, der Och. Medizinalst Professor Dr. August Wassernii, hat in der deutschen wissenschaftlichen Welt tinen sehr geachteten Namen. Angeregt von Robert z.u dessen hervorragendsten Schülern er gehört, | wandte er sich frühzeitig der Scrumforschung zu und ist der Hutdcckcr der sogenannten Scrodiagnostik auf Syphilis geworden. Die Wassermanns sind eine alte bayerische Familie, deren Stammsitz In Fürth Ist, und zu der u. a. auch der Schriftsteller Jacob Wasserm a n n, der Dichter der ״Juden von Zirndorf" gehört. Vor einigen Jahren veröffentlichte er, wie erinnerlich, in der ״Neuen Rundschau" ein Essay ״Das Rätsel Jude", dessen Ausführungen man nicht durchaus zu billigen brauchte, um sich der offenen Sprache und des aufrechten jüdischen Bekenntnisses zu freuen. Russland Die ,!iidciimiswcistiitgcii scheinen in Rullluud eine ständige Hrseheiming werden zu sollen. Kein Tag vergeht ohne neue Vertreibungen von Juden. So werden jetzt Massenausweisungen von Juden aus Kursk, Tula. Tiimbow, O r 101, Charkow, J e k a t e r i 11 osla w und anderen Orten gemeldet. Zahlreiche Juden werden ausgcwiesen, obgleich sie das Aufcuthaltsreclit in ihren Wohnorten besitzen, weil sie nach den Angaben der Administration ״für die Ortsbevölkerung schädlich" seien. Zumeist wird den Betroffenen keinerlei Frist zur Liquidierung ihrer Geschäfte gewährt. Trotz der Seiiatserklüiimg vom 2. Mai d. J., daß der Aufenthalt der Juden In Sommerfrischen nicht gegen das Gesetz verstoße, verbieten doch die Bebürdet! in mehreren Gouvernements den Juden, Sommeraufeiitlialt auf dem Laude zu nehmen. In Kiew — dem gegenwärtigen Zentrum der Judenverfolgungen. ist es dabei zu einem eigenartigen Verfahren der Administration gekommen. Diese hat eine Liste von den auf dem Lande wolmbcreehtigten Juden angefertigt und läßt die zu den Sommerfrischen führenden Landstraßen bewachen. Jeder mit Möbel bcladene Wagen wird ungehalten und nach dem Hmpfünecr der Möbel gefragt. Gehört der Betreffende nicht zu den in der Liste Vcrzcieluieten, so wird der Wagen in die Stadt ziiiiickgesehickt. Hs muß ein wahrhaft rührendes Bild sein, wie die Polizisten ia der siidrussisclicn Sonnenhitze hinter der Stadt auf die Möbelwagen lauern. Der ltllfsvcrclu der Deutschen Juden erhielt folgendc Nachricht: Zum Geburtstag des Zaren sandte der bekannte Milionär und Philantrop Leo Brodski im Namen der Jüdischen Gemeinde in Kiew ein Ifiildigungstelc, graium an den Zaren mit der untertänigsten Bitte, der Zar möge an diesem Tage in Gnaden der aus Kiew ausgcwieseneii Juden gedenken und ihnen das Verbleiben in Kiew gestatten. Auf dieses Teleeramm ist eine Antwort nicht erfolgt. Dagegen dauern die Masscnaiisweisungcn fort. Die Zahl der ausgewiesenen wächst von Tag zu Tag,. Auch eine Reihe von Juden, die bisher nicht auf der Liste der Auszuweisenden standen, mußten Kiew verlassen, In Privatwohnungen werden nächtliche ffaussuchungen vorgenomnien. um fcstziistcllcn, ob Juden, denen man das Wolmrcclit verweigert, im Hause sind. Zur Hinden Die Duma hat jetzt wieder grolle Tage. Beratung stellt das OcsctzcsnroJckt über der fiihrung der Sein st wo-Vc r wal t u n « in westlichen Gouvernements, die der Ministerpräsident Stolvpin selbst inauguriert hat. Ucbcr hundert Redner haben sich zum Worte gemeldet, und ihre Meinungen gehen weit auseinander. Die Einen ver* treten die Russen, die Anderen — die Polen. N i e m a 11 d aber tritt für die Juden ein, deren Rechte bei den Scinsfwo-Wahlcn in der Gesetzes• Vorlage ausdrücklich beschränkt werden. Der Ministerpräsident hat cs nicht einmal für nötig gc-!alten, die Gründe für diese Begrenzung anzugeben. Die Entrechtung der Juden Im Za* re 11 reiche ist ia eine Sclbstvcrständ• lichkeit und bedarf daher keiner bcsonder e 11 B e g r il n d 11 n g. -U- \w Kischincw ist eine komische Qcschichte passiert. Eine gesetzliche Verfügung bc• stimmt, daß ieder Jude, der sein Kind in eine Schule schicken will, ein besonderes Attest über sein Aufcnthalisrccht am betreffenden Orte vorlcgcn müsse. Diese Bestimmung bezieht sich natürlich auf die Gouvernements außerhalb des Ansicdclungsrayuns. Die Direktion des Kischlncwcr Gymnas i u m s lüllt sich iedoch ־.־uf solche fernen Auslcgungen nicht ein üijd verlangt ebenfalls einen rolchcn Wnliiircctilsmicliwcls — obgleich Kischincw im Ansicdelungsgcbiet liegt. Die dortige Administration weiß aber nicht, was sic In einem derartigen Attest schreiben solle, da Ia In Kischincw keine speziellen WohnrcchtsbcstimmungeP Ihr Juden existieren. Die Gvmnasiatlcitung Jedoch besteht auf der ״Erfüllung des Gesetzes und nimmt k ci ji c j ü disc Jlcn Schüler auf. Türkei Ein Interview mit Faraggl Effendi Der Konstuntinoplcr Korrespondent der ״N. J. K." berichtet: ״ . Ein angesehener KonstantinopJcr Jude hatte diescr Tage eine Unterredung mit raraggl dem indische״ die in mehr als Deputierten von einer Beziehung Konmtcrdas hu m i g r a t i o n s g e - absehbarer Zeit zur Pariakommen soll. Faraggi ist der• Hif c ndi. stantiuoDcl, cssant ist. Ausgangspunkt war s c t z. das nun doch in inentsverhandlune .. —, . Meinung, daß das schwerlich noch in der Liuunucn Saison geschehen, sondern wahrscheinlich «■ein kominenden Winter Vorbehalten bleiben werde. Aut die Frage, ob er und die andern jüdischen Lcputierten in dieser Frage Stellung nehmen würden, erwiderte er. daß sic selbstverständlich energisch die Sache der Einwandcr 11 n gsf ne i I! c i t in alle Gebiete der Türkei verteidigen würden. Vielleicht wäre cs aber opportun, daß er als Jude gar nicht persönlieh das Wort ergreife: in diesem Falle glaube er aber versichern zu dürfen, daß 5Ü-M) seiner musc - manischen Freunde, davon wohl die Hül.te Lliousclins (Priester) cntschicdcnfürdcn ircicn Zutritt der jüdischen Emigranten pla- Uieren würden. . , ״ , . 1111 weiteren Laufe der Unterhaltung druckte Faraggi Effendi seine große Bewunderung für den Z i on i s m u s aus. Was er an dieser Dcwcgung aus taktischen Gründen mißbillige, das sei der Mißdeutungen zugängliche Name, der vielen Attak-% ken aiisgcsetzt sei und die Hauntsehlagworie. die bei Verbreitung der Idee in die Massen geworfen niirden. ״Ich will genau dasselbe wie sic", meinte er. ״werde aber andere Wege citiseliltgcii. mit zu dein gleichen Ziele zu kommen. Hs muß nicht immer gerade eine einzige Tür sein, durch die man irgendwo hincinwül." Was er aber am Zionismus schätze und nicht genug rühmen könne das sei die kulturelle Leistung desselben. Es sei gcradezu unglaublich, welche wunderbaren Erfolge die Bewegung auf diesem Gebiete zeitige. Die Wandlung des jüdischen Lebens In Konsumtinopcl selber seit dem Eindringen der zionistischen Idee ist erstaunlich im höchsten Grade. Wo früher Stagnation herrschte, sei letzt Leben, wo früher stumpfe Gleichgültigkeit, da jetzt feuriger und tatkräftiger Enthusiasmus. In dieser Richtung habe der ״Makkabi" geradezu balmbrcclieiid gewirkt. Die• selbe Jugend, die zuvor in nichtigem und immor.tiischein Zeitvertreib aufgegangen sei, bringe jetzt ihre ganze freie Zeit mit körperlicher und geistiger Selbstzucht hin. lerne und verbreite die hcbrüisclto Sprache und die Liebe zur indischen Kultur. Das sei die Wirknm׳ dos 'Zionismus Er wäre daher viel eher dafür, daß die Träger solcher Bestrebungen 111 der Türkei ihnen etwa den Namen ..Jungjüdische Renaissance" beilegen. Dagegen würde niemand Front machen. Ginge eine solche Bewegung mit der zunehmenden Einwanderung von Juden Hand in Hand, so würde sich als Kern■« punkt dieser K u 11 u r b c s t re b u n gc n ganz von selber Palästina ergeben, das allen Juden teuer sei. Das zionistische Ziel eines pulöstincnsischcn Kulturzentrums würde sich also ohne poli- י tische Taktiken ean׳z von selber ergeben, *ohne irgendwelchen Gegnerschaften ausgesetzt sein zu müssen. *iik* In der Sitzung der türkischen Deputierteiikammcr vom 17. Mai brachte die Regierung eine Cicsctzcsvorlagc ein betr. die Aufnahme einer Anleihe von 150׳)(K)0 Frs. liir den Bau einer nach den Pliosphatniinca von Es-Salt (Palästina) führenden Zweiglinie der Hedschasbnhn sowie einer Hafcnanläge ir. Haifa. Die Eir.enbann und die Hafcnanlagc solle״ den Betrieb der Phosphatbergwerke urmögliehen, fiir den die staatliche Bergwerks- und Forst- Verwaltung dem ottomanisclicn Bürger Nazif B c y e 1 H a I i d i und seinem Gesellschafter Arzcin eine Konzession erteilt hat. * -rel- Der Kultusminister hat den C h a c h a 111 b a s c h i in Konstantinopel davon verständigt, daß unbemittelte jüdische Schälen der staatlichemJjBttcl- und Hochschulen in der Türkei von der Entrichtung der Lehrgelder 11ml Un t c r r le h t s ho 1» 0 r a r e befreit würden, wenn sic den Schulleitungen darauf bezügliche vom Chachnmbaschi nusecstcUtc Zeugnisse voiiegcn. — Vorige Woche hatte der Cltachambasclii Rabbi Na hu m eine längere Unterredung mit den! Großwe s i r über einige die Juden betreffende Fragen. Diese Uotcrrcdung dürfte wohl mit der bcvorstchcnden Reise des Oberrabbiners nach Palästina im Zusammenhanc stehen, die unter anderem auch zu einer wirksamen Bekämpf u n g der dortigen antisemitischen Bestrebungen dienen soll. Bulgarien Das System der Alliance Seit einiger Zeit wird In Sofia und anderen huigarischcn Städten ein heftiger Kampf zwischen den Nationaljuden und den Anhängern der ״Alliancc" und des Lehrprogramms in den jiidi• sehen Schulen geführt. Die jüdische Gcineindcorganisation wird in# diesem Lande gesetzlich durch eine ücmcindckonimission und eine Schulkommission repräsentiert. Letztere ist durch ein im vorigen Jahre sanktioniertes Gesetz zu einer vollständig sclbständigen und unabhängigen Körperschaft erhoben worden der das Recht zustcht, nach eigener Bestimmung und In dem von ihr als notwendig erachteten Maße die

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