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Jüdische Rundschau · 1910-06-03 · Heft 22 (3.6.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 28י. IUI: Dl $ C Hl: RUND SC IIAL No. 22 oarüncr bolcliroii, m wie großem Umfang der wirtschaftliche Boykott gegen jüdische Acr/le aiisgcübt wird. Als Vertreter oder Assistent wird vielfach mir ein ״Christ“ gesucht. In anderen!׳allen wird die nicht weniger harn»• lose i'oriuel ״Angabe der Konfession" gewählt. Mau hat sich /war gern die Hundes•' genossensciiaft der jüdischen Aeiv.te in /eiten der Not und des Kampfes gefallen lassen, mau hat ihr sogar gestattet, für die gemeinsamen Imeres>en des Standes Opfer jeder Art zu brin• gen; das aber hält viele christliche Aer/te nicht ab, dem wirtschaftlichen Vorwärtskommen ihrer indischen Standesgenossen alle möglichen Hindernisse zu bereiten. Mau verlangt zwar von den jüdischen Aerzien die Respektierung der über manche Städte 11ml Krankenkassen ver• bängten Sperre, a b e r m a u I ä ß t 11 e n wirtschaftlichen Boykott gegen sie in d e u e i g e u e n R e i 11 e n r u 11 i g w eite r best e 11 e n. Die l.eitung des ״!.einziger Verbandes der Aerzte Deutschlands zur Wahrung ihrer wirt* sehaftlicheu Interessen" hat zwar in der wohl• erwogenen Lrkcnmnis, daß mau die jüdischen Aerzte, d. h. 10 l’ro/.en! aller in Deutschland an• sassigeu Aerzte, als Bundesgenossen im wir!• schaftliehen Kampf nicht entbehren kann, sicher• lieh mit gutem Recht jede direkte Begünstigung antisemitischer Betätigung auf ärztlichem Gebiel bestritten. Aber die jüdischen Aerzte müssen gegen sie den Vorwurf erheben: (,)ui tneef, conscnlire videtnr. Die l.eitung einer wirtschaftlichen Organisation hat nicht nur die Interessen ihrer Mitglieder nach außen zu schützen, ihre I*flieht ist auch die Betonung etlii• scher Gesichtspunkte für das gegenseitige Ver* halten der Mitglieder innerhalb des Verbandes. Wenn der Majorität der ״Mitglieder nicht zum Bewußtsein gebracht wird, daß sie nicht eine Minorität durch Boykott wirtschaftlich scliädi• gm und gleichzeitig von dieser Minorität die l.rfüllimg aller ethischen und materiellen I’flich. ten im Interesse der Gesamtheit fordern kann, dann ist das Gerede von ״Staudesbewußtsein" und ״Solidaritätsgefühl“ nur Schaumschlägern. Was das Organ de> ״Leipziger Verbandes" die ״Aer/tjichen Mitteilungen" gegenüber der־ artigen Vorhaltungen sagt, klingt wie eine Ver• hölunmg. ״Die Organisation hat es jederzeit abgelel.n1, eines ihrer Mitglieder .... in seiner persönlichen I reihe it zu beschränken." ״Ls gibt antisemitische Kollegen, so gut wie es solche gibt, die zum ' v.mgelischen Bunde, zu einer katholischen Vereinigung, zu den Dissidenten, zum Keichsverbaud gegen die Sozialdemokratie usw. gehören, so gm wie es hakatistische und polnische, elsässisch-orotestlorisdu* und germa• nisatorische, altbavcrische und alldeutsche gibt, ln allen diesen Dingen gewährt die Organisa• lion volle I reiheit, und sie muß cs im eigensten Interesse; am Gegenteil ginge sie in kürzester I rist zugrunde." Die hülle der aufgezählten Richtungen kann; über die Unzulänglichkeit der Argumentation [ nieht hiiiwegliuisdteii. Kein Jude verlangt ja,; daß irgend ein Arzt seine antisemitische < lesin־ I innig aufgehe. I:s wird mir gefordert, daß.; wenn diese Gesinnung /.um Schaden von Kol•; legen bestimmend in das Gebiet iir/tlich-wirl• sehafllieluT Interessen eiijgroil'l, dies als ein Ver• stoß gegen die Solidarität der Standesinteressen gebramlmai'M wird, die ja das 1 umlament der är/.tliehen Organisaiiou bildet. Bisher haben die jüdischen Mitglieder des Verbandes, von ׳ wenigen Ausnahmen abgesehen, diese unwiir• dige Behandlung stillschweigend ertragen; ihre Selbstachtung wird sie schließlich bestimmen, sieh zu einem gemeinsamen energischen!1rötest zu vereinigen. Das Bild, Jas hier von der Lage der jiidi• sehen Aerz.K in Deutschland ent worfelt wurde, \v «irile unvollständig sein, wenn das Kapitel der gesellschaftlichen Beeinträchtigung uneröricrt bliebe. Im Rahmen dieser Betrachtung können allerdings aus der I iille des Materials nur wenige typische Lalle hervorgehoben werden. I lier wird ein jüdischer Arzt, dessen Nase seinen Kollegen mißfällt, auf systematische Art aus einem Krankenhause ״hinausgcekclt", dort bildet sieb ein neuer Standesverein, der keine Jmleu aufniiimit. an einer anderen Stelle wird ein erfolgreicher jüdischer Arzt auf dem Lande von seinen Kollegen als ein Lindringling be־ liamich, bisweilen werden die religiösen In- -linkte der Massen gegen ihn mobil gemacht. In den kleinen Städten wird der jüdische Arzt häufig nicht für windig befunden, in die gesell• schädlichen Vereinigungen der Leute seines Bil• dirngsgrades mitgenommen zu werden, und der gesellschaftliche Verkehr mit den Familien sei• ner Staudesgeiiossen ist auf ein Minimum herabgedrüekt, Besonders jüngere christliche Aerzte, denen in der Schule antisemitischer Studenten* Verbindungen ein bornierter Rassendünkel ein• gebläut worden ist, glauben bisweilen beruflich mul gesellschaftlich ihren jüdischen Staudcsgeiiossui gegenüber ihre Uebcrzeugungstrcue in höchst seltsamer Bonn dokumentieren zu müssen. Lürwalir. ein unerfreuliches Bild! ״Zu• lückselziiiig, Boykott, Isolierung", das sind die Stiehworie einer Befruchtung über die Lage der jüdischen Aerzte in Deutschland. Welche Aus• teilten hiiten sieh ihnen nun für die Zukunft? Zeigt die Lmwickluiig eine Tendenz, zur T-. >cnmg? Nur ein unverbesserlicher 1 ) ■limist kann die I rage bejahen. Die Behandlung der jüdischen Aer/te ist nur eine Tcilersdieimmg des allgemeinen in der Verwaltung und im ge• i sellschaftlicheii Leben dominierenden \uti>,!ui.! lismiis. Der arbeitet geräuschloser, aber inuu. siver und zielbewußter als der Judenhaß, der den lärm der Hasse weckte. Der Auiscliumijf; der modernen Hygiene schafft immer nein• \i״״.! liehkeiteii ärztlicher Betätigung. und die 1c, UH.. i nmg, die schon von einem Vortrag de* \\r• י dienten Dr, M ל ס e s ■ Mannheim aui einer Ta• gung der Schulärzte nichts wissen wollte, y, ,r<j auch bei Anstellung von Schul• mul Stadiäi ׳ von ihrem bewährten antisemitischen!וןן׳י;!וי mir abgehen, wenn der Bewerber feierlich •גן der jüdischen Rasse ausgetreten i>!" Und! j; ein weiteres ״Moment von großer Trage., •e trübt die Aussichten für die Zukunft. Die!״ veihichcnmgsordmmg plant eine ge•»•: ik I inscliräiikung des SelbstverwaiumgMVcin r Krankenkassen, und wcilcrgehcndc V,!ordern die Möglichkeit eines größeren Busses der Behörden auf die Kasseiiverw... ־ . Welchen LintTuß diese Veränderungen a bisher nicht ungünstigen Anstellung-' >. ׳.׳ ׳;. nisse der jüdischen Aerzte und ihre wui liehe Lage ausüben werden, das läßt -i, ״;יי her noch nicht übersehen, aber augesich; ur bisherigen Lriulmingeii sind nur Verseht- ,!!<-. ruiigen zu erwarten. Die Stellung des jüdischen Ar/t ״! neutsehlaud ist ein I aktor, der fin vlio i ,:g:• lung dir allgemeinen politischen Lage dei ,.;am in Deutschland wesentlich in Betracht k!.,! I:r lehrt in heihamer Weise. ilaß wir ui, i t; sollen, die Wohltaten geordneter Rechts/uc, in denen die Juden des Westens leben. 11״. :׳• über der ״barbarischen I ntivchtuug der a itulcu־* zu überschätzen; er lehrt diejenigen. immer den Vorwurf der ״jüdischen Separ... •;־־ fürchten, daß die Not des Au ׳ I) I i e k e s kein tu ii ß i g e s I a i s s e r a l! 0 r. sondern nur den Kampf g ee 1!1; g tcr Volksgenossen um ihre ׳.׳!e• men tars teil Rechte kennen d a n - Religionsgesetz und Zionismus I iuc I iilKcgiuiiig an! den Artikel ..(jeluimleniuit und Freiheit.״*) I'me!.:äiseiie t 1*^e *dum.ckt sich um >״;!•-״ N. : uaes iiidiseiieii Anosi.itcn und euu• in״. litltl'u .׳• /,.<■ II ne bringt eine (.|orili,׳ien1;1< Ahralumi (ie!e /.uei Tat-aelten. d;c 01.1 u;:!r;.lisnrd i 101:e;! v euu sie mein \י irkli-’li waren. Wer euu:,.״. ,! I:lick in die III •j!er der iinlisdiui < ie-citu״ .;;!־ > A n in. der I’cd.: Wir bemerken, du. v .r n:1s mit ׳׳tiiecn A11st1!11־r11ma־n rbeiis •weine ’’•! ■ 11: .1׳ m So. J11 /uni Aixlrnek uel!r.1.i1lcn Ani.'.e. .<!•.• f>11mlcnl:1׳it und i reiiicit" von M. Calvnrv 1 d.;.׳ lizie.en. da die Redaktion in Fragen. die d.1r.i■• nir.se (»einet streiten. keine Ste 1 i 1 m־.; eininnuti! Zum /Andenken Klise Orzeszkos Wir zitieren aus einem Vortrag N. Sok ס• lows einen der verstorbenen gefeierten polni• selten Schriftstellerin, L 1 i s c O r z. e s z k <> gc• widmeten Nachruf: ..l'oien i-t in liefe i raut 1׳ versetzt und •ins indische Volk stellt klagend au der Bahre einer ,großen Toten, seiner Verfechterin und Vcriei• digct in. Niemand fühlt so wie wir den herben Schlag, den schweren Verlust, den die polnische Nation und mit ihr die ganze denkende Mensch• J heit durch das I linscheidcu der großen Schrift- : slcllcrin Llisc Orzcszko erlitten hat. J Ls ist der aufklärende, menschcnvcrbrü• | dernde Geist aller Zeiten, der in der sehriflsfcUe. j rischen Tätigkeit der Verewigten zur vollen, lichten Ausprägung gelangt ist. Wer hat sieh nicht erhoben und begeistert gefühlt schon von der ersten jüdischen Lr/ühlung Or/eszko's: ״LH Makoter", die die Botschaft des Briedens 1 und der Gerechtigkeit in die weiten Lande hin• i austrug und eine heilsame, durchgreifende und j dauernde Versöhnung der trennenden Gegen• j Sätze verhieß? Wie die Verkündigung eines; neuen Völkerfrühlings, wie ein lieblicher Lr•; lösungsruf klangen die Schilderungen des jiidi•! scheu Herzens, die der I•’eilet־ dieser großen Lolin, dieser edlen Ghristin entquollen. Die Saat alles edleren menschlichen Ströhens, die. stets von neuem in den Acker der Zeiten gc* streut, in manchen aufgeklärten Kreisen allmüh* lig atit/.iiblühcn begann, erschien uns hier als herrliche I 'nicht, gereift in dem Lichte der Gei• siessotme, die diesen hellen I rauenkopf bestrahlte. I Hi wahr! eine Unsterbliche, zu der wir be. wundernd cmporsckatien, bleibt uns Llisc ()r/.s/ko, denn sie hat ihren Geist nicht der wandelbaren Tägesnieintmg unterworfen, ha( nie von schwächlichem Wankelmut ihren Willen beherrschen lassen, sondern selbständig in ihrer Gesinnung, aufrichtig in ihrem Urteil, stark in ihrem Streben, ist sie den edlen Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Menschenliebe, die in ihrem Herzen heimisch waren, allezeit treu geblieben und hat. wo es erforderlich war, sich auch in ihrer liebenswürdigen Leutseligkeit mit riieklinllsloAT offener butschiedi'uheit zum Aus• druck zu bringen gewußt. Unvergeßlich für alle Zeiten bleibt ihr Mei• sterwerk ״Meir L/ofowicz“. in dem sie das itmge freilieüliebende Judentum verherrlichte. Wie schwärmte Meir für die Veredelung der Sitten, für den Fortschritt der Lrkenntnis, für eien Aufschwung der Wissenschaft, für die Be• täligmtg der Menschenliebe! Welch hob׳' ״. fiissimg des Ituieutunis und seiner imver. liehen Sitteulehre, welches prophetische 1. : liurchgitiht die Worte dieser Seherin. >׳• ׳׳; c über die Bibel spricht *־■ und nicht;1 ׳ . .׳!״ •ilut. die den Bünden Liier kennzeichn«.* dern immer die leuchtende I lamme freie:־. , > iimigcr, tucnsehenliebemUr Begei-terun: . c ihrem Wune eine so läuternde, befivieml•. 1 iröMomio Kraft verlieh! Und doch war -u; . -׳• ...Meir I zofowie/" eine sieh erst Orientier : . eine eiii-tlieli Riiit/cudc. Aber wie >1״» 11011־!. •: s׳el1 auch an ihr das Won bewährt: .,Ich ־‘ י י mich bemüht, darum habe ich gefunden!" Mi diegeiun Kenntnissen und seltener Hole 1״• •' ״ auf dem Gebiete der iiUlisclien Roligion>p!:׳l ׳• sopl.'ie ausgenistet. zugleich ein vollkom:: ו modern durchgobildeier und gesehuhcr > ■ ׳. streng und kritisch gegen sich selbst, fciii'׳: ׳'• : und scharfsichtig, crk.annte sie nicht nur mi: ’.;ei• len», klarem Blick die Aufgabe einer I ivnhh.A aus dein jüdischen Leben, sondern fand;.!uh gleich die Bonnen, die diesem Genre cm>:w eiten und die ihrer Individualität und ihrer Ivr• sönliclikeit entsprossen waren. Die SiT.iU.״ rungen sind nicht frei von kleinen Schnitzen:• die bei einein nichtiüdischen Schriftsteller in• folge der Ligenart des Gegenstandes uiivenaciil• lieh sind, aber wie bemühte sich Orzcszko in

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