Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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U E D ISCHE RUNDSCHAU ן. No. 21 Seite 249. Solle den Auftrag hatten, unter allen Umstünden üic Zahl der jüdischen Einwohner .in Moskau zu vormindern. Wenn mau den Familicnliüuptcru nichts nnliaben kann, so hat man folgende unmenschliche Methode gefunden, um /am Ziele zu kommen. Unter iiceml einem Vorwand weist man die Kinder der Familien ans. selbst Kinder im allcrzartcston Alter. S) wurde das zweijährige Töchtcrchcn der Hebamme Hermann ausgewiesen. weil der Mann sich ״m Geschäftsreisen befand und man erklärte, dali das Kind mir während der Anwesenheit des Vaters das Wohnrecht für sieh habe. Die Mutter hat als Hebamme selbständiges Wohnrecht. Ähnliche Fülle von Kinderaiisweisututen. wenn die Vüter vorüber- -״cltend abwesend sind, und selbst dann, wenn die Mutter als Zaluuirztmnen oder Hebammen usw. das Wohnrecht besitzen, stehen in Moskau auf der Tagesi'idmniK. obwohl ein Scnatsbcschlufl sich in solchen :Vllen gegen die Vollziehung der Ausweisung auscvsprochcu hat. Durch solche Maßregeln will man -׳!bst w o h n b c r ee 111 i g t e jüdische Familien <v ineen, Moskau zu Verlassen. * Aus Kiew kommt folgendes Telegramm: Kiew, den 20. Mai, II.?0 vrm. Die Ausweisungen da jüdischen Familien aus Kiew werden jetzt mit He walt durchgctührt und zwar in der grauansten Weise. Angesehene jüdische Bürger viden von Seluitzniaimskordons in die Mitte geinnen und gruppenweise zur Polizei geführt. .־ .inst in dringendsten Füllen wird höchstens Aufschub von 2 Tagen gewährt. Ein Teil der sgewieseuen wird per Schub weggebracht, tl.mz unerwartet erhalten zahlreiche weitere ,;mli.’ii und Personen, die bisher verschont ge- : ׳oben sind, von der Polizei Ausweisungsbefehle, denen den Betroffenen nur eine 24stündigc Frist n Verlassen der Stadt festgesetzt wird. Unter jüdischen Bevölkerung Kiews herrscht infolge!.ser brutalen Vorgänge eine verzweifelte 1 III III II II g. * 1 *ein ״B c r I i n e r T a g c b 1 a 11“ wird von seinem karespoudenten telegraphiert: Petersburg, 21. Mai. Die Unterdrückung der jüdischen Hvvülkcrung greift immer weiter um sich. Den i1״!gesetzten hidcnniiswcisungcn aus Kiew und der Ausweisung jüdischer Minderjähriger aus Moskau ist nunmehr eine Erklürung des Senates gefolgt, daß du! .luden innerhalb des Ansicdhmgsravons verb<» teil sein soll, in die Sommerfrische zu zu.be». Diese Erklärung ist auf Wunsch des Ministeriums des Inneren erfolgt, das diese seltsame 11 willkürliche Interpretation durchgesetzt hat. # Wir verzeichnen noch nachstehende Notiz »ler ,.M eit a m Mont a g": Jüdische 1*0*derer der Judcnvcrfolfjutijcn Aus Ruitlanü kommen empörende Nachrichten!d t! Muss e n a 1t s w e i s u n g e 11 v 0 n .1 ti d e n. i •״sende von jüdischen Familien werden aus!ufcr.'iu Himmel aus ihren Wohnsitzen entfernt und '׳• '*ft an den Bettelstab gebracht. Aus einem Vor- ׳׳!; von Kiew sind Juden ausgewiesen worden, die 1••־t Jahrzehnten dort wohnten. Was aber » ui Teil der jüdischen Hochfinanz nicht hindert, u.t/.end ihre Hand über die russischen Papiere zu! den. Besaiten alle reichen jüdischen F i n a n- / 1 r s in Deutschland und Frankreich genügend » •rgeiühl, um die JuiJcnvcrfolgungcn in Rußi mit einer Kampagne gegen die russischen Pa* zu beantworten, so würde den barbarischen!aikiiecliten bald in ihrer Gottühnlichkeit bange rden. Womit nicht gesagt sein soll, daß nicht •rliaupt alle unständigen Leute die Pflicht ben, die russischen Papiere zu boykottieren, bis ״•bland sich Kuhursitten angcpalH hat. Aber die ׳!sehen Pitummättac( salUw w\U gutem Beispiel \ rangchen. Sie sind doch schließlich die nächsten '/II. Theodor Herzt *us der Herzl-Gedenknummer der Welt Anläßlich des aß, Ocburlstagcs unseres ver- igten Führers hat die ״Welt" eine inhaltlich und «niterlich ebenso vornehm wie reich ausgcstattctc ׳«׳ d c n k n u in m e r hcrausgcgcbcn, deren Anschafiiing wir unseren Lesern dringend empfehlen. Einige L'.oinc Proben sollen unsere Leser zur Lektüre des u.snzen Heftes, das einen bleibenden Wert behalten dürfte, anregen. Max Nordau schreibt in dem einleitenden Artikel ,.Was Hcrzl uns bedeutet" u. a. folgendes: So ist Hcrzl uns gestorben, aber wir haben ihn nicht verloren. Er lebt zwischen uns weiter, wie in der frommen Sage des deutschen Volkes der Kaiser Rotbart wcitcrlebtc, eino Hoffnung, eine Kraftreservc, ein Unterpfand der Zukunft, eine mystische Verheißung. Im Lehen war Hcrzl bestritten; bewundert von den einen, nichtswürdig angegriffen und beschimpft, sogar schwachkdpflg verspottet von den anderen. Seit seinem Tode ist er in ein an- ן dcrcs Licht gerückt, in ein Jcnscitslicht. Er hat, so weit ich sehen kann, keine Gegner mehr. Er ist einmütig als außerordentliche Qcschiehlscrschcinung anerkannt. Er ist über das Maß des Alltags hittnusgewachsen; er ist apotheosiert. Die katholische Kirche gestattet in ihrer großen Weisheit, Menschenkenntnis und Wetterführung nicht, daß jemand heilig gesprochen* werde, so lange noch ein einziger Mensch auf Erden wandelt, der Um im Leben persünlich kennen konnte. Der Grund dieser Bcstimmutig ist einleuchtend: auch der Heilige mag als Mensch Schwächen gehabt haben, deren letzter möglieber Zeuge verschwunden sein soll, ehe ihm der jeden Makel und Manuel ausschließendc Heiligenschein um das Haupt gedachten wird. Hcrzl hat dieser Schutzfrist nicht bedurft. Er würe, wenn er heute noch lebte, noch kein alter Mann. Wir würden seinen 50. Geburtstag in der Ueberzeugung feiern, daß er eben die Mittagshöhe seines Daseins erreicht hat. Die meisten seiner Freunde und Bekannten stehen in der blühenden Vollkraft ihrer Tage. Er ist ihnen durchaus gegenwärtig, als hatten sic ihn gestern gesehen, als sollten sic ihn morgen Wiedersehen. Sic kannten alles Menschliche an ihm. auch das kleine und sehr kleine: aber sie haben cs vergessen. Sie erinnern sich nicht, daß sie ihn einst beurteilten, ihm vielleicht Unfreundliches nachsagten. Sie sehen jetzt mir eine gleichmäßig glänzende Lichtgcstalt ohne Flecken und bewundern und preisen ohne Vorbehalt. Vergebens würde man beute versuchen, das Zeugnis der Lebenden gegen ihn anzurufen. Der ndvocatus diuboli (der im Kanonisationsprozeß die Aufgabe hat, gegen den Hciligsprcchcnden zu plaidiei'cn) würde niemand finden, auf den er sich stützen könnte. Der Besitz einer solchen Persön* lichkeit in seiner Geschichte ist von unvcrgleich• liclictn dynutnogenem Werte für ein Volk. Seit Hcrzls Tode hat das jüdische Volk große Ereignisse erlebt. Die einen waren für cs furchtbare Heimsuchungen, die anderen weckten in ihm überscliwcnglichc Hoffnungen und Morgenrotahmmgen. Bei all diesen Ereignissen fragten wir uns: ״Wenn unser Hcrzl jetzt lebte — was würde er tun'.־' Wie würde er diesen Augenblick erfassen und für sein Volk wenden?" Das fragten wir uns bei den russi- .sehen Niederlagen in Ostasien, bei den Friedensverlianülungcn auf amerikanischem Boden und unter amerikanischem Einfluß, beim Ausbruch der russiselten Umwälzung, bei der scheußlichen Mord- und Raubbewegung der russischen Schwarzen Hundert gegen unsere wehrlosen Brüder, hei der Erneuerung der Präsidentschaft Roosevclts, beim Anbruch der oUomanischen Verfassungsüru. Immer wollte unser nüchterner Verstand antworten: ״Wir träumen wie Kinder. Hcrzl würde gar nichts tun, weil er gar nichts tun könnte. Er wäre ein machtloser Zuschauer des Donnerganges der Geschichte wie wir anderen auch. Er hätte so wenig das Mittel, wirksam cin/.ngreifen, wie wir." Aber immer erhob sieb eine Stimme des Glaubens und hieß den Rationalismus und die Skepsis verstummen und sagte laut und vertrauend: ״Wir sehen nicht, was hier zu tun wäre, weil wir eben Menschen des Alltags sind; Hcrzl aber hätte cs gesehen, weil er Hcrzl war. Er hätte etwas getan, woraus dem jüdischen Volke Heil ersprossen wäre." Ein solcher Glaube ist von unersetzlichem Werte für ein verfolgtes, angefeindetes, gequältes Volk. Er ist eine Kraftquelle, denn er ist die mystische Form des Olanhens an sich selbst. Er läßt die dumpfe Hoffnungslosigkeit nicht aufkommen, die den Tod vorbereitet. Und diesen Glauben konnten wir nur bewahren, weil Hcrzl früh verstarb, weil er nicht in die Lage kam, die Wunder vollbringen zu müssen, die wir von ihm erwarteten, weff es uns! erspart blieb, zu sehen, daß er in den Augenblicken der Erprobung versagte, weil keine hämische Wirklichkeit unsern Glauben als absurd erwies.! Das ist das ״Garn su Ictoba" an Hcrzls vurzciti- | gern Tode. Das ist cs, was mich das scheinbar grausame Wort sagen ließ: Sein früher Tod, ein Unglück fiir die Söhligen und seine Freunde, war vielleicht keins filr das jüdische Volk. Diesem bleibt er ein Heros eponymus, der nie einen Bankbruch erlitten hat und mit dessen! Ruhme die Erinnerung an keine einzige Unzulänglichkeit verknüpft ist. An seinem 50. Geburtstage denken wir nur daran, daß das jüdische Volk nicht in einer sagenhaften Vergangenheit, sondern In unseren Tagen einen Mann von kühnstem Planen und entschlossenstem Handeln, ein Willensgcnic, einen Helden der urkräftigen Tat hervorgebracht hat, und dieser Beweis des Fortlebens und des Fortwirkens des Keimstoifes, aus dein unsere Makkabis und Bar Kochbas hervorgowachsen sind, erfüllt uns mit neuer Zuversicht und dem ruhigen Vertrauen, daß Israel mit unerschöpftcr Lebenskraft auch in Zukunft die notwendigen Männcr aus sich heraus gebären wird, die es zum Helle führen. Unter dem Titel ״Er und Wir" schreibt Martin Buber einen feinsinnigen Artikel, dem wir folgende Stellen entnehmen: ״Dies ist die vorbildliche Größe Theodor lierzls, daß er ein reiner und starker Elemcntaraktiver war. Vorbildlich nenne ich sie, weil sie eine Aufgabe stellt, eine der größten Aufgaben, die die Menschenscelc kennt: in sich zur Einheit zu gelungen. Denn es gibt für den Prublcmatikcr einen Weg zur Ueberwiudung seiner Problematik. Freilich, zum Naiven, Primären, Elementaren hat er keinen Zugang. Dieses wird nur besessen, nicht erworben. Er kann seine innere Entzweiung nicht auiheben. Aber er kann sich über sie hinaus schwingen in jene Gccinthcit der Scclcnkrüfte, die fähig wird, Erleuchtung zu empfangen; Erleuchtung, die Werk und Tat lehrt. Keines Problems Dunkel ist so tief, daß die Er- Icuchtung cs nicht durchstrahlen könnte. Aber um sic zu empfangen, muß der Prohlcmatiker so einheitlich werden, wie der Elemcntaraktive von vornherein ist. So ist der Elcmentaraktive sein Vorbild. Dies ist die höchste Form der Erziehung: einheitiiehes Dasein. Wir werden von einem großen Toten erzogen. Durch sein einheitliches Dasein, das’uns jetzt lebendiger als je ist." ״Während ich dies niederschreibc. kommt es plötzlich über mich: jetzt würde er fünfzig Jahre alt werden. Ich habe das früher nicht so verstanden, wie in diesem Augenblick, dieses Einfache und Grausame, vor dem das Herz Stillstehen und der Mund verstummen muß. Und nun fühle ich es, wie ich cs noch nie iiihlte: daß wir verwaist sind. Und nun weiß ich, wie ich cs noch nie wußte, was uns fehlt. Nicht dieses oder jenes Programm. Nicht diese oder jene Methode. Nicht diese oder jene Arbeit. Nur Größe! Theodor Hcrzls Fahrten nach dem Ziel mögen hrfahrten gewesen sein. Aber w׳cnn er von seinen Fahrten sprach, zitteite die Scelc der Millionen vor Sehnsucht, vor Erwartung, vor Glück. Vor Glück über ihn! Vor Größe, vor Größe durch seine Größe;.itterto die Seele, die stumme Seele der Millionen, wachte, stammelte, lebte. Aus solchem Leben allein kann das neue Volk geboren werden, das wir ersehnen. Reine Kraft! Einheit! Größe! Um dieses Eine laßt uns das Schicksal bitten!" >* ״Was wir Theodor Hcrzl schuldig sind" führt Johann Kremontzky in kurzen verschiedenen Sätzen aus, deren Schluß folgender maßen lautet: ״Wer am heutigen Tage dankbaren Herzens unseres verewigten Führers Theodor Hcrzl gedenkt und gewillt ist, in geeigneter Weise die Schuld abzutragen, die uns sein Lebenswerk auferlcgt hat. der helfe das Material herbeisebaffen, um den von Hcrzl begonnenen Bau zum Abschluß zu bringen, der förderc nach Kräften die von Hcrzl geschaffenen Insti• tutionen! So und nur so werden wir dem Geiste unseres Führers gerecht. Ich behalte cs mir für später vor. detaillierte Vorschläge zu machen; diesmal sei cs mir gestattet, den Ankauf von Aktien der A.P.C. und der P.L.D.C. in erster Linie aufs nachdrücklichste zu empfehlen. Man hat in Kreisen, die steh gerne an Schlag- Worten berauschen, einen Gegensatz zwischen politischen und praktischen Zionisten konstruiert. Ich bin politischer Zionist. Aber das hat mich nicht gehindert, in Palästina ztizugrcifcn, wo die Möglichkeit zukunftsreicher Arbeit sich bot. Solcher Möglichkeilen gibt cs jetzt, Gott sei Dank, die Hülle und Fülle." י Uchcr ״Theodor Hcrzl im Zionismus" schreibt Heinrich Loewe u. a. folgendes; ״Hcrzl’s Kerntruppen waren die Ostjuden, ganz besonders die russischen Juden. In ihnen war ja der nationale Wille zum Leben am lebendigsten geblickcn.‘ ״ , ln.cn J,aHe sich die meiste jüdische Ursprünglichkeit und, abgesehen von den orientalischen Juden,, ucr Zusammenhang mit dem reinen Ursprungliehen Volkstum am längsten und festesten erhalten. Darum fand Hcrzl sich mit ihnen. Darum öciontc er immer und immer wieder, es genüge vollauf für Judentum und Zionismus zum Leben, wenn die tussi* sehen Juden Zionisten seien. In ihnen fand er mit Recht die Kerntruppe des Judentums, in ihrer Jugend die Triarier des Zionismus. Chowcwc-Zion und Zionisten, die sich nur in der Methode, nicht im nationalen Ziele unterschieden, fanden sich unter Hcrzls Leitung als zionistische Einheitspartei zu-