Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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JUED1SCHE RUNDSCHAU No. 21. Seite 21־ S. mul seine Wasserwirtschaft satten. Der Nil entspringt ans den «rollen Seen des zentralafrikanischen l)och|>latcaus. dessen tronisclic Rc«e11 ihm für die Dürre des «an/.en Jalircs Wasser znfllliren und es ilnn ermöglichen von Herber nördlich von Kartnm an anf über 2000 km seinen Lauf durch ein gänzlich regenloses Gebiet fortzusct/.cn, ohne einen Neben* fltill aufziinehinen. Seine groben rechtsseitigen Nebenfliissc. der Sobat, Atbara und vor allem der blaue Nil. die in Abessinien entspringen, schwellen durch die abessyniseheu Sotumerregen vom Juni ab auf das Vielfache ihres Volumens an und rufen durch die enormen Wassermengen, die sie dem Nil zuführen, in Egypten das Phänomen der Nilsehwellc hervor, das etwa von Mitte Juli bis Mitte November andauert. In alten ’/.eiten trat der Nil aus seinen Ufern und überflutele regehnültig jedes Jahr sein ganzes Tal zwischen den wüst liegenden Hergketten, die cs auf beiden Seiten eiuiassen und hiutcrlicll auf dem Hoden den fruchtbaren Nilschlnuuu als Sediment. Um das schnelle Abfliessen des Wassers zu hindern und da* durch das Niedersetzen des Schlammes zu erleich* tern. hatte man schon vor Ueginn der historischen Aera Qiicrdümmc gezogen und diese später durch l.ingsdäuime. welche die Flußufer auf beiden Seiten begleiteten, verbunden; auf diese Weise war das ganze Land in eine Reihe grober Bassins cingctcilt. die zu Heginu der Nilsehwellc durch Kanäle das Nilwasser aufnahmeu und es im Herbst wieder ab* gaben. Dieses ist das althistorisehe Hewässeruugs* system. das seit 61)00 Jahren der cgyptischcn Erde das befruchtende Wasser und den befruchtenden Schlamm ztifülu t und sielt in seinen (irmnlzügcu auch in den Zeiten des ärgsten Verfalls erhalten hat. Hs hat jedoch den Nachteil, dab cs jührilich nur eine Hrnte erlaubt und so scheinen schon im Alter* tum unter Henutzung des Reservoirs des Mocrissees, von dem ich oben sprach. Versuche gemacht worden zu sein, in Untcrcgyntcii die Dauerbcwässerung, das ganze Jahr hindurch emziiiitliren. Mchcmit Ali, der Vater des modernen Hgyniens, der erste Vizekönig der jetzigen Dynastie, nahm sie im Jahre 1820 wie* der auf. I'.r suchte Hgvptcn nach dem mcrkantilisti* sehen System Colheits und Friedrich des Groben I;0cl1zubrin«en, indem er iast alle Zweige Wirtschaft* lieher Tätigkeit durch neu Staat leitete, um für seine politischen Zwecke Geld und Menschen zu schaffen. Hr sah. dal! Hatiinwolle und Zucker, die beiden wichtigsten landwirtschaftlichen Exportartikel, unter dem System der Ucbcrflutuugsbewüsscrung nicht zn produzieren waren, da deren Reifezeit gerade in die jährliche Periode der Feldcrüberfiutung fällt mul sic fortgesetzter Bewässerung bedürfen. Er lieft daher im Delta grundlegende Acnderungen im Kanalsystem vornehmen, die cs ermöglichen sollten, das Nilwasser auch in den Monaten niedrigsten Wasserstandes;׳tu' die Helder zu bringen. Wir können liier die Malliialmien, so interessant sie auch sind, nicht im Einzelnen verfolgen. Unsummen wurden verausgabt, Hunderttausende von Pclluchcu mubten jahrein jalir* aus monatelang in der Hewässerimgsearvee frohuden. Das «rolle Welk des Nilstaudamms zu Hegiim des Deila blieb eine unhrauclibare Ruine. Die Hauptschuld lag an der orientalischen Wirtschaft, der Hestechliclikeit aller Heamten. der Willkür gegen das Volk, der mangelnden Kontinuität des Systems, der l.anueuliafligkeil der einander folgenden Herr* scher. Trotzdem war das neue System ein grober Segen. Hs wart Hgypten in der Zeit des amerika* niseheu Unionskrieges, der cotton fatuinc, Hunderte von Millionen Mark in den Scholl und hätte das Land, wenn auch langsam, doch sicherlich vorwärts gebracht. Jedoch der letzte unabhängige Khcdive, Isinael Pascha, verstand es in 17 jähriger Herrschaft 2 Millardcn M. Schulden aufzuncluneu und grüßtenteils nutzlos zu verschwenden. Die Bevölkerung wurde entsetzlich ausgcprclU, der letzte Para mit der Nil* pfcrdpcitschc von den Steuereinnehmern aus den unglücklichen Fellachen licrnusgcprügclt. Der Han• kerott war nicht aufzuhaltcn. die Mächte mischten sieli in die Finanzwirisebaft, Isinael wurde von der Pforte abgesetzt, die Armee revoltierte unter Arabi Pascha. Hremdeiunassakres brachen aus und England besetzte 1882 das Land, um geordnete Verhältnisse zu schaffen. Seither hat vor allem unter der Verwaltung Lord Cromcrs von 1882 -1007, eines der hervorragendsten Kolonisatoren und Staatsmänner der neueren Ge* schichte, das Land einen fabelhaften Aufschwung genommen. Soweit dies in der Levante möglich ist. wurde die Verwaltung reformiert, die Bestechlich* Leit ging zurlick, die Nilpfcrdpellsehe verschwand ans dem offiziellen Gebrauch, der Frolmdienst wurde durch freiwillige bezahlte Arbeit ersetzt, die Armee, das Sanitätsweseu, Gefängniswesen. Gerichtswesen organisiert. Vor allem wurde die Grundsteuer, welche bisher fast mir die Fellachen belastet hatte, reformiert und gleichmäßig verteilt. Hs herrscht zum ersten Mal in der Geschichte Gesetz und Ord• niing im Lande, ztint ersten Mal seit 6001) Jahren findet der Arme sein Recht, zum ersten Mal finden sieli jetzt die primären, uns selbstverständlichen und daher gar nicht mehr he wußten Vorbedingungen vor• aussehaucudcr wirtschaftlicher Tätigkeit: Sicherheit der Person und des Higcntunis. Vor allem wurde der Bewässerungsdienst reorganisiert, der Deltastau• dämm in Tätigkeit gesetzt, das Kanalsystem ge• ordnet, immer größere brachliegende Flächen kamen unter Kultur, das Riesenwerk des Assiianstaudamms zur Sicherung und Ausdehnung, die Sonmierbewässe• ruiig wurde glücklich diirehgeiührt, das europäische Kapital strömte ins Land. Wurden die 7prozentigen Anleihen 1880 mir mit ׳^10׳ bewertet, so stehen die •1 prozentigen jetzt über HK): und all dies wurde er• reicht ohne Vermehrung der öffentlichen Schuld und unter fortgesetzter Reduktion der Steuern. Im Jahrfünft 1885'so betrug der diirchschnitt• lietie Import 160 Miß. Mark. Im Jahrvicrt 190508׳׳ betrug er •180 Mill. Mark. Der Export stieg in der gleichen Zeit von 220 Mill. Mark auf 460 Mill. Mark. Die Baumwollernte' hob sich von 1880 bis jetzt von 2 Mill. auf 7 Mill. Zentner, das angebautc Land von 2 Mill. auf 2.6 Mill. Hektar. Wenn auch seit dem Rücktritte Cromcrs eine .schwere wirtschaftliche und politische Krisis das Land lieiiiisuclit. so ist das Liigcnwort, das 1878 Isinael Pascha sprach: ״Hgypten gehört nicht mehr zu Afrika, es bildet einen Teil Europas", zum größten Teil Wahrheit geworden. (Schluß folgt.) Judenverfolgungen in Russland Aus Rußland kommen täglich schlimmere Nachrichten von der ganz unglaublichen Brutalität d-r russischen Regierung. Die Unglücksbotseliaften über, stürzen sieli derart, daß cs fast unmöglich wird, sie zu registrieren und sic sind in der ewigen Wiederkehr dieser unmenschlichen Roheiten so monoton, dal! es uns schwer fällt, angesicht dieser erdrückenden Masscnvergewaitigimg noch einen gerechten Zorn, eine Entrüstung, die uns aufrütteln, durchwuhi!!־, müßte, die so stark wäre, daß sie alles mitreißt,;!!, Schranken und Bauden bricht, zu verspüren: Hi: tiefe und stille Trauer bemächtigt sieh unser, wen wir sehen müssen, wie das Russische T i e r sein: Blutiiistiiikte an unseren unglücklichen Brüdern ai:־. tobt, wie es mit Hilfe jüdischen Blutes und jüdischer Tränen die ungeheuerliche Korruption der Verw;:; tungs• und Kassenangelegenheilen verschleiern v und die gerechte Strafe, welche die verbrecherisch׳ Mörder und Diebe, seien sie Senatoren oder Reg! riingsbeamte oder sonst etwas, treffen sollte, duu die niedrigsten Machinationen amgest.dtct wird!! Pogrome und andere Exzesse. * Unser russischer Korrespondent schreibt uns: Die Judenausweisurigen werden nicht allem Kiew, sondern auch in zahlreichen anderen Or: mit rigoroser Strenge durchgetührt. Im Kr. Herd v e /. c w werden demnächst I hinderte in scher Familien den Wauderstab ergreifen müssen Aus einem Doric, Torchow, sind 22 iudis. Familicif ausgewiesen worden, die dort seit de Jahre 1882 friedlich leben.!11 Li bau werden zahlreiche indische llaiuhu ker ausgewiesen, die sich angeblich nicht mit 111. Profession befassen. 111 Smolensk sind mehrere jüdische Kanilei wegen Handelsbetriebs außerhalb des Ansiedlim. ravons gerichtlich verklagt worden. Die Duma hat eine GcsctzcsvoiJagc wu der Sonntagsmul F c i e r t a g s r 1111 e 1. langen Debatten angenommen. Hm Antrag .. Kadetten, den Juden und Mohammedanern die sciiaftsschlielitmg bloß an ihren Feiertagen zu .. statten, wurde ab gelehnt. Die Moskauer Polizei hat ihre eigen.־ Jmi ausweisuiigsnolitik: Sie weist indische Kind aus! Sic hat jetzt die Geburtshelferin Fi. Judilcwitz autgefordert. ihren fünfjährigen 8• aus Moskau fortzusciiickcn. widrigenfalls auch >. selbst;׳.usgewiesen würde. Als ..gesetzlichen tini.' i dafür f'ilirt die Administration die Abwesenheit .!:• Vaters des Kimles von Moskau an. der seit einig.׳־. Jahren spurlos verschwunden ist. Dadurch soll l .־> Kind sein Wohnrecht eingebußt liubcn. Die mielm , liehe Mutter י י a t sich an ׳,en Senat gewendet, .! demnächst über diese Angelegenheit beraten u״’ * Der llilfsvcrcin der Deutschen .1 11 d c 11 erhalt folgendes Telegramm aus P e t e 1 s bürg, vom 20. Mai: Die A 11 s w e i s 1111 g e 1■ i ü .Li s c 11 c r F a m i! i c n aus ihren bisherigen Wohnorten nehmen in Rußland einen iniinei grillieren Umfang an. Neben der grausamen Austreibung von vielen Hunderten von Familien aus Kiew, die nun wohl unabwendbar bevorstellt, kommen ans Moskau Nncliriclitcu uln! Ausweisung(, n v11״ ’ingl.iuhlielier Herzlosigkeit.! ־. \ erl.niti: 1, .1,111 die Moskauer Helinr.leii von höchste: Sie sprachen nicht mul mieden einer des andem Anne und wandten sich, und ohne Wort und Zeichen schritten sie ciniir den Weg zuruck, den sie am Abend gekommen waren. Als sie mehrere Sltmden gewandelt waren ־ die Sonne stand hoch und trocknete ihnen die feuchten Kleider —, sali der Rabbi von ungefällt* den Meister an und gewahrte das alte heilige!.euchlen auf seinem geliebten Auge•' sicht. ♦ 111 der Nacht, da der Baltischem mit der Verlassenheit auf den Wassern und mit der Verlassenheit in seiner Seele kämpfte, lag das 1 and, das ihn gerufen hatte, in der Erwartung. Die Stimmen der l.ebendigbcgrabenen redeten aus der Erde hervor und fraerten die Stimmen in der Luft: ״Was höret ihr?“ Da sprachen die Schwestern in der I uft: ״Ein Sturm braust, und auf den empörten Wassern streitet, der uns er* lösen soll.“ Und eine Zeit verging, dann fragten wieder die Stimmen der Erde: ״Naht er dein Lande?“ Und die Antwort katn: ״Das Wort ist über ihm.“ Und wieder schwand eine Zeit, und noch einmal stieg die Frage empor: ״Was höret ihr?“ Und wie das Rauschen totmatter Flügel klang cs zuriiek: ״Wir hören den Schritt des Davon• : ziehenden in der Ferne.“ Da tat die alte Erde j den Mutul auf und sprach: ..So will ich mich; liinlegeu zu sterben." Und sie verhüllte ihr j Angesicht und schloß die Augen, lind jegliches j Ding kehrte au den Ort seiner Ruhe zurück und j bereitete sich zum Tode. Uncl die Stille dehnte sich über das Land hin. und in der Stille war! der C'utuu, uud m dem (kam war das Sterben. t Aber über der Stille ward ein Ruf lebendig, j der durchbrach und zerstreute sie. Und der Ruf umfing das Land und redete zu ihm: ״Du wirst nicht sterben, meine Freundin. Erde des Herrn, du wirst erwachen und leben. Und du hadre nicht mit dem, den du gerufen hast. Denn er ist geboren als einer, der wiederkehren soll, und die Hand des Herrn ist über seinen Wur• zcltt, ihn wiederzubringen z.u seiner Zeit; ihn wiederzubringen z.u deiner Zeit, o meine Freundin.“ Gedankensplitter aus Hess' ״Rom und Jerusalem“ Zusamincngcslcllt von Viktor Jordan- Budapest, Mit dem feindlichen Verhältnis des Christentums zur Kultur hört auch sein feindliches Verhältnis zum Judcntume auf: mit der Befreiung der ewigen Stadt au der Tiber beginnt auch jene der ewigen Stadt auf Moi ia. mit der Wiedergeburt Italiens auch .io Auferstehung ludäas. Mit dem Rassciiiiistinktc seines kulturhistorische!; Leruts, Welt und Menschen zu einigen und zu veibindern im Namen ihres ewigen Schöpfers, hat da jüdische Volk sieh iu seiner Religion seine National! tät konserviert und beide untrennbar verbunden uu unveräußerlichen Lande der Väter. t Die Geschichte dos nachtahnudiseheii Zeitraum־ bat noch iiimier einen nationalen Charakter: s..׳ ist keineswegs bloße Reiigions• oder Kirchen«: schichte (Grätz). Als .Geschieht« eines Volksstanmics ist die iü• diselie Geschichte weit entfernt eine bloße Literatur• oder Kirclicngescliichtc zu sein, wozu sic Unkundig• keit und die Einseitigkeit stempeln, sondern die Lite• ratur und die religiöse Entwicklung sind, ebenso wie das liochtragisch« Märtyrologiuni. das dieser Stamm cin/tizcichnen batte, nur einzelne Momente in seinem Gcschichtsvcrlaufc, welche nicht das Wesen desselben ausmachen (Grätz). Das Judentum trennt nirgends das Individuum von der Familie, die Familie von der Nation, du• Nation von der Menschheit, die Menschheit von der organischen und kosmischen Schöpfung und diese vom Schöpfer.