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Jüdische Rundschau · 1910-05-20 · Heft 20 (20.5.1910) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 235. No. 20. gjmishiUlcndcii Zeit, aber das Bedürfnis nach י Vt'allrliafIijjkcit des Individuums ist, so scheint e$, im Wachsen. Wir können und wollen es nidit totsclilagcn mit nationalen Phrasen; die Weite und Freiheit der persönlichen Gefühle zu steieem, das ist der tiefe Sinn aller Gebundenhei!• ׳ , ••/ West und Ost Im Zionismus Von einem O c s 11 c r. P;e bekannten Ausführungen des Herrn Dr Pi.׳״׳ Oppen hei in er über den Gegensatz /" ‘״י O.stiiihI Westzionismus sind ein docuincut 111• ״*׳־• *.’in Zeitereignis, Pjir viele sicherlich ein sc;׳! r/licli lütteres Ereignis. Der ״Frieden in un.'cur Hewegung" dürfte dadurch kaum gefördert werden. Und ob der Verfasser mit seinen Darlocijn.en die ״Wahrheit“ schlechthin, die absolute W.i'iilieit. und nicht vielmehr bloll seine eigene ״W.'iirhcit“, seine snbjcktiven Stimmungen und Ansc::״: iingeii ausgedriiekt hat — steht doch nicht so im11 >:1eithar fest, wie cs Herr Dr. Oppenheimer sc! : vermeint. Nicht alle westlichen Zionisten, in de: : Namen er spricht, werden ihm zustimmen und v. * vinen AeiiUcnmgcn sonderlich erbaut sein. Ni. 'destoweiliger ist cs gut. dall icucr wunde Punkt im ״-'׳nisinus. der Gegensatz zwischen West und 1K 1:1 der nationaljiidisclicn Bewegung, einmal so um ■ .׳Inoeken mul Prinzipiell konsequent beleuchtet w. ■ea ist. Pas dürfte zu einer Klitnmg des in das Wi'11 des Zionismus tief eingreifenden Problems l\ ׳ ■:wen, Herr Pr. Oppenheimer verwechselt das Wesen 1 ds' /mmismus mit seinem Ziele, seinen inneren >• ״ ׳ mit seiner Aufgabe. Was man erstrebt, das!st man aber noch nicht. ..Per Zionismus ers;:. 1 iiir das jüdische Volk die Schaffung einer 1 u. ch-rcclitlieli gesicherten Heimstätte in Pa-!.,s; ,!.״ So lautet das Baseler Programm. Wer j d-ssZiele zustrebt, der hat das zionistische Proer. 1 gutgchcilleii. ist dadurch allein nur objek i.ver Zionist. Pliilozionist,' aber nicht unbedi!:..! subjektiver Sclbstzionist — sofern er sich nicht selb' als Glied des jüdischen Volkes fühlt. Die gim.ds.il/lichc Voraussetzung und der innere Sinn des Zu liismus ist das jüdische Volkstum in seiner t'avi:;! ••! als gegenwärtige Einheit. Wer sich;ne!.: .ds Teil dieser Einheit betrachtet und fühlt, der k.1!hui ein Freund, ein Anhänger des Zionismus h . was ja auch Nichtjudeu sein können und cs .1! smd. Ucbrigcns gehurt auch zum Baseler I'.׳ ki..:am ..die Stärkung und Förderung des jüdis.ik:׳ SGbstgdülils und Volk sbe w u II tsc i ns“. I׳;s' Aufgabe ist für die westlichen Zionisten eine «wi: schwierigere, als für die östlichen — aber darum auch eine viel dringendere und aktuellere. Was bildet die jüdische Gesamtheit in der (ie.Miwart? Neben und hervorgegangen aus der Kciih nsamen Abstammung und Geschichte Ist cs v.r allem die psychische und gcwisscrmallcn and! physische Sonderartung der Juden aller!•ander. Sic trifft bei ihnen, namentlich den Ariern Keuetmber, in unvergleichlich stärkerem Malle zu als hi den von Oppenheimer angeführten Beispielen der Deutschen In Amerika und dergleichen. Die Art des Denkens und Empfindens, des Rcagicrcns auf Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens ist bei den Juden von ausgeprägt spezifischer Sonderheit, die durch die Verschiedenheit der sozialen Lage und der Kultur- und Qcscllschaftseinjlüssc in den einzelnen Ländern und Staaten in ihren Formen und Acullcrungcn modifiziert wird, In Ihrem Grundcharaktcr jedoch überall gleich bleibt. Diese psychische Eigenart bedarf, um sich frei, unverfälscht und ungehemmt auslcbcn und entfalten zu können, eines eigenen Milieus und einer von ihr selbst getragenen Kultursphärc. Die jüdische Volkssccic bedarf eines Heims. Pas ist der tiefere Sinn des Zionismus. Pas ist kein bloiicr ״Idealismus“, das ist innere Wirklichkeit. Und sofern die Menselten nicht bloß soziale, sondern auch physische Wesen sind mit itmerett Bedürfnissen und Anlagen, Neigungen und Forderungen — ist der Zionismus filr die westlichen Zionisten eine eminentere Notwendigkeit als für die des Ostens. Dr. Oppenheimer bezeichnet die crstcrcn als die eigentlichen ״Idealisten", die ״nichts für sich wollen". Er meint damit das soziale Wollen. Er berücksichtigt dabei j aber nicht die inneren Notwendigkeiten, die nicht } minder real und in ihrem Wesen komplizierter sind.! Er denkt nicht an das ״neue Ghetto". Mit der psychischen Eigenheit verbunden existiert aber auch eine K 1111 u r g e mc i n s a in k c i t aller Juden. Sic existiert auch in der Gegenwart. Sic ist vor allein ethischer Natur. Ein Volk, das der Welt die größten drei Religionen gegeben hat — worauf auch Herr Pr. Oppenheimer stolz Ist — kann nicht mifhörcn, eine eigene moralische Weltanschauung zu besitzen mul zu verkörpern. Zwischen den genossenschaftliehen Bestrebungen des Herrn Pr. Oppenheimer und den so/.ialetliiselieu Prinzipien der mosaischen Gesetzgehung bestellt sicherlich ein innerer Zusammenhang. Pall die Juden stets und überall Vorkämpfer des sozialen Fortschritts und der höchsten Mensclihcitsideale sind, ist durch ihre Stellung als Schwächere allein nicht erschöpfend erklärt; cs hat als tieferen Grund eine besondere geistige Veranlagung und seelische Artung, die allerdings durch die fortwährend erlittene Unbill und Ungerechtigkeit geschürft und gesteigert wird. Herrn Pr. Oppenheimer genügen die gegenwärtigen jüdischen Kulturproduktioncn im Ghetto nicht. Zunächst sei die Fragt gestattet, ob ihm diese in ihrem ganzen Umfange bekannt sind. Und dann, was folgt daraus? Poch nur. daß man seine Kraft daran zu setzen hat, um die jüdische Kultur zu mehren und zu bereichern. So wenigstens denken und handeln die Angehörigen anderer kulturell zurückgebliebener Nationen. Bei uns kommt aber noch das wichtige Moment hinzu, daß Kulturlcistungcn von •luden, also jüdische Kulturlcistungcn. nicht auf das Konto der jüdischen Kultur gesetzt werden, in die sic doch inncriicli liineingchörcn. Wie unwahr ist cs, zum Beispiel, Spinoza als holländischen Philosophen zu charakterisieren. Dadurch, daß die schöpferischen Kräfte der westlichen JudcnhcU ihre Werke nicht in die nationaljüdischc Sprache kleiden, verlieren diese den äußeren Zusammenhang mit der jüdischen Kultur, — innerlich und in ihrem Wesen sind sie doch mit dieser verknüpft. Dieser Dualismus in Form und Wesen ist allerdings eine Abnormität und könnte nur dadurch beseitigt werden, daß auch die Westler sich der hebräischen Sprache bedienten, die auch in dieser Hinsicht schlimmer daran sind als die Ocstler. Diese aber werden leider nicht in der Lage sein, die ״Werbearbeit" der Westler in der von Herrn Oppenheimer gekennzeichneten Art zu erleichtern; sic werden ihn ״dementieren" müssen und erklären: Wir wollen nicht nach Palästina gehen, bloß um dem westlichen Antisemitismus keine neue Nahrung zu geben; auch nicht nur, um unsere eigene materielle und soziale Lage zu verbessern. Dieses Ziel läßt sich in Nordamerika und Südafrika leichter und schneller erreichen. Palästina verlangt Opfer, Entbehrungen, Beschränkungen. Aber unsere jüdische Scclo bedarf eines Heims, das Judentum — nicht nur die Judcnhcit — bedarf eines Zentrums, eines Stütz- Punktes, unsere nationale Kirre und Würde ist zu wahren — für die Juden aller Länder und aller Lagen. Gewiß, nicht alle werden sic und sollen sic hingchen. Aber auch die Wcstlcj werden ihrer patriotischen Anhänglichkeit zu ihren Vaterländern umso ircier und voller nachkommcn können, als sic durch dl© Existenz eines jüdischen Heims gesellschaftlich den anderen Völkern gleichgestellt werden. Der Kotonialfonds Wir erhalten zu dem Vorschläge von Dr. A. Sand 1 c ז Breslau, einen ״Ofienen Brief* von Herrn M. U s s i s c h k i n - Odessa, den wir mit einem Antwortschreiben Dr. Sandlers hier verülfentliehen. Odessa, 19. April (2. Mai) 1910. Sehr geehrter Gesinnungsgenosse! Ich bin im Besitze Ihres Artikels in der ..Jüdischen Rundschau", wie auch Ihres Briefes vom 18. Aprü. Ich stimme mit Ihnen ganz überein, daß es zurzeit unsere dringendste und wichtigste Aufgabe ist, alic gegebenen Möglichkeiten für eine kolonisatorische Tätigkeit auszunützen und der Privatinitiative nach dieser Richtung in jeder Weise entgegenzukommer.. Ich bin mit ihnen auch darin einverstanden, dall cs noch eine geraume Weile dauern wird, bis unsere Agrarbank zu funktionieren beginnen tmd eine ersprielllielie Tätigkeit wird entfalten können. Gleichzeitig mit den Vorbereitungen für die Agrarbank haben wir aber noch ein weiteres großes Arbeitsfeld zum W0I1I und Gedeihen der Kolonisation Palästinas. Es gibt nämlich noch eine recht zahlreiche, für unsere kolonisatorischen Bestrebungen in Betracht koinuiciule Kategorie von Personen, die kapitalskräftig genug sind, um einen langfristigen Kredit, wie 1)111 Institute für Agrarkredit zu gewähren pflegen — etwa auf 15-25 Jahre — entbehren zu können, dabei aber immerhin auf längeren Kredit angewiesen sind, als ihn eine Bank wie die A. P. C.. deren Tätigkcitsbereich der Handel und die Industrie sind, geben kann. Diese Leute, die neben dem Beruf und dem Willen zur landwirtschaftlichen Betätigung auch das für die agrikuiturcllc Kolonisation notige Kapital bcsitzen, benötigen häufig ein Darlclm auf 3—5 Jahre, bis sic ihre Geschäfte in ihrem gegenwärtigen Heimatsorte liquidiert und ihr Kapital flüssig gemacht haben. Neben der Kreditfrage kommt noch die von Ihnen erwähnte technische Schwierigkeit eines Bodeukanfes in Palästina in Betracht, deren der einzclnc Reflektant, bczu׳. die einzelne Gruppe nicht Herr werden kann, ebenso die der eigentlichen Tätig-!"1 ויו' finden sich noch Spuren davon in! alte» 1׳׳:!״׳H-lie11 Ohetto. Die 1 lauptmerkwürcli^keit det Synagoge von Aleppo ist eine hohe Kanzel, .dir! Siiz i.has" genannt, zu der etwa 20 Stufen liitt.itumiiren, und die noch heute bei der Feier der :ויי ith Milah (Besclmeidung) benutzt wird. 1 H\s größte literarische Interesse bietet eine Kap ■Ile im äußersten Westen hinter dem Oran K׳׳< •cli (Raum für die Bundeslade); sie hat ein ßcv.- .ibtcs Dach und enthält einen steinernen Sarkopim׳;. Die Tradition behauptet, daß hier der Prophet erschienen sei und die Gemeinde aus lincr der zahlreichen Verfolgungen errettet fiab,• ן |jC|* wird der berühmte masoretische Kodex, der Stolz der Aleppoer Juden, ehrfürchi'lf bewahrt. Es ist der sogenannte Kodex Aarons (Abu Said) ben Ascher, der um das Jahr ö$0 geschrieben sein soll. Das Alter des Kodex wird jedoch von einigen bestritten, und 1fh kam durch sorgfältige Prüfung ebenfalls zu dun Schlüsse, daß hier nur eine Kopie des ur- *prim;:liehen Kodex Aaron ben Aschers vor- 'iege. die Zwci oder drei Jahrhunderte später *״gefertigt wurde. f Jeher der Synagoge befindet sich eine Schule (jeschibah), und in einem Versteck am Dach einer der Satcnicapellen ist die Oenizah. Sie war ebenso voller Staub wie die berühmte von Fostat, aber viel weniger interessant und alt. Alles, was ich fand, war gedruckt, und das Interessanteste davon war das ״Supplement au Journal hebreu le Libanon“ vom 11. Januar 1S09, das einen Bericht der Jahrcssitzung der ״Alliance Israeiite Universelle“ enthielt, bei der Joseph Halevi den Bericht über seine berühmte Mission zu den abessinischen Falaschas erstattete. Die Gcnizah wird von Zeit zu Zeit geleert und ihr Inhalt feierlich auf dem jüdischen Friedhofe bestattet. Man glaubt, daß dieser Akt Regen zur Folge habe! Im allgemeinen sind wenig Manuskripte von Bedeutung in Aleppo zu finden. Ganz interessant ist eine Erwähnung von Cochin in einem Manuskripte des ״Scfer Haknah“. Das Buch selbst war kaum des Kaufens wert. Samuel ben Hillcl, für den das Buch im Jahre 1497 geschrieben wurde, scheint einer der ersten syrisehen Juden gewesen sein, der nach Cochin auswandertc. Er belegt jedenfalls damit die Tat* Sache, daß die Juden von Malabar und von Aleppo länger als vier Jahrhunderte hindurch in regen Beziehungen standen. Wessely veröffentlicht in seiner Ausgabe von Abraham Farissols ״Orchath Olam“ als Anhang einen Brief des Ezekiel Rachabi an Tobias Boas, in dem er erzählt, wie sein Vater iin Jahre 1646 nach Cochin gekommen sei. Aleppo, das an den Haupthandelsstraßen zwischen Europa und Asien liegt, war mit Indien und mit Italien in gleicher Weise vertraut. In Italien wurden viele seiner hebräischen Bücher gedruckt, besonders das Ritual der Juden von Aleppo, das kürzlich von Dr. Berliner in seinem Buche ״Aus meiner Bibliothek“ beschrieben wurde, das ich aber in Aleppo selbst vergeblich suchte. Der Reisende Benjamin von Tudela besuchte Aleppo im Jahre 1173, Alcharisi etwa 50 Jahre später. Der erstere nennt die Zitadelle den Palast den Königs Nureddin und sagt, daß zur Zeit seines Besuches 1500 Juden in Aleppo gelebt hätten, deren Oberhäupter Rabbi Moses el Constandini, Rabbi Israel und ein Rabbi Seth gewesen seien. Der Autor des ״Tachkemoni“ lobt die Juden von Aleppo sehr. Fr nennt das ״gesegnete“ Aleppo ״die königliehe Stadt“. Die jetzige Zahl der Juden wird auf 10000 geschätzt, deren jeder eine Kopfsteuer an die Gemeinde zu zahlen hat. Außer mehreren Talinud-Thoraschulen, in denen nur Hebräisch und Arabisch gelehrt wird, gibt es eine von der ״Alliance“ im Jahre 1869 gegründete Knabenschule mit 250 Schülern und eine 1889 gegründete Mäöfhenschule mit 195 Schülerinnen. Das

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