Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4 1:1׳ bewundert am Christentum seine uiumterbrochene lebendige Entwickelung und wünscht auch der jüdischen Religion die Frei• heil zunick/ugewinnen, ungehemmt alle Emmgeiisclmlleu der Zeit, Kunst, Wissenschaft in sich aulzunchmen und sich dadurch zu erweihrn. Darum wies er auch mit allem Nachdruck auf den Reichtum des Prophetismus hin. Die Satzung, die starre Gesetzlichkeit hatte das hben im Judentum, die freie Beweglichkeit, das erste Erfordernis eines lebendigen Organismus, getötet. Darum suchte Geiger den Anschluß an lebendige Kräfte. Am lebendigsten schien ihm die Sprache, in der der Mensch von Kindheit au denkt und empfindet, darum verdeutschte er den Gottesdienst, lebendig war ihm die Wissen- Schaft, in der er lebte, darum suchte er von ihr aus das Judentum zu reformieren. Es bedarf nicht des Beweises, daß ״•s ilun mit dieser Reformierung des Judentums von innen, von seiner geschichtlich wirksamen Idee heraus, wirklich ernst war. Nie hat er eine Kon• Zession an die Idee des Christentums gemacht, wohl aber an dessen Formen, die er eben nicht als christliche, sondern als moderne Formen empfand. Aber in seinem Freiheitsbegriff waren zwei Elemente, die seinen ernsthaften Willen zur U!1• fruchtbarkeit verdammten, — beide sind in sich verwandt, in beiden bleibt er das nachgeborenc Kind einer längst überwundenen Zeit. Derselbe Mann, der in den Formen noch die Poesie des einstigen Volkslebens, nachemp* fand, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit nachzuweisen suchte, wie die abweichenden Lehren der Talmudisten aus ihren verschiede• neu staatlichen, nicht religiösen Tendenzen entstanden waren, — derselbe Mann schreibt, als er Gegenwartsfragen behandelt: ״Der Kultus, die religiösen Handlungen sind in der Zeitfolge das Zweite, denen als Erstes ein innerer Gcdanke voran geht.“ Ist cs nicht, als ob man Rousseau hörte? Diese Verehrung der Geistigkeit, der Vernunft machte ihn blind gegen alle die Kräfte des Judentums, die nicht rein als Idee auflösbar war. Sie führte ihn dazu, aus der Idee heraus religiöse Formen schaffen zu wollen, den Homunkulus des modernen Gottesdienstes zu erzeugen. Wäre wenigstens diese Idee selbst tief und fruchtbar gewesen! Der Glaube an die Macht der bloßen Geistigkeit hätte nichts geschadet, wenn Geiger der schöpferische Künstler gcwesen wäre, der, ohne cs zu wollen, und seiner selbst unbewußt, aus einem Zusammenhänge mit tieferen Strömungen heraus geschaffen hätte. Es kann ruhig gesagt werden, das war er nicht. Mit jener Vernünftigkeit verband sich bei ihm, wie bei so vielen, eine blasse Allgemein- I giilligkcit der Theorie. Wie seine Sprache, ganz I! in der Art der meisten deutschen Juden seiner l Zeit, ohne Ecken und Härten, leicht und gewandt, aber ohne die tiefe, erdenfeste Sinnlich* keit der großen deutschen Prosaiker dammhebt, so hielt sich seine Idee des Judentums in den allgemeinsten Grenzen des gesunden Menschen• Verstandes. Reiner Monotheismus, Religion der Tat, Brüderlichkeit, Menschheitsreligion, — kurz, das Judentum als Freimaurerorden. Im Mittelalter‘erblickt er, — er, der Zeitgenosse Jakob Grimms 1 — die dunkelste Vergangenheit; aber ״das Judentum nimmt nach Mendelssohn einen wunderbaren Aufschwung.“ ln Wahrheit zerfällt es. zerfließt es, für Geiger wird cs ״zur echten, weithin übersirömeiulen Geistesmacht“, doch allein darum, weil es seine l'aibigkeit verliert, und an Einwaudlosigkeit zu* nimmt. So bekämpft er alles, was diese Allgemein• giiltigkeit stören, was verhindern könnte, daß die Lehre des Judentums Gemeingut aller Völker werde. Von Moses Heß ״Phantastereien“ weiß er nichts zu sagen, als daß einer, der am Sozialismus bankerott geworden ist, nun neben rumänischer und iiioiileiiegiinhcher auch in jüdischer Nationalität macht. (Er spricht davon übrigens nur beiläufig, um zu zeigen, daß sich auch von l ieß die Orthodoxie fein vorsich• tig ztu'iickzog. ״Eine Idee hat sie ja nicht, sic will wegen ihrer nichts cinbiißon.“) Die Alliance bekämpft er wegen ihrer nationalen Tendenzen, ״ —־Jerusalem ist uns eine durchaus gleichgiiltige Stadt,“ — in einem Briefe an Nöldecke bcstreitet er dem Judentum mühsam jede national nussehließeude Tendenz, mul 1$<4י schreibt er: ״Die Damascus-Angelegenheit war geeignet, die Erbärmlichkeit der türkischen Justiz und das elende Treiben mancher . . . Diplomaten aufzudecken, aber eine Frage der Judcnheitwar sic nicht.“ Das alles, weil diese Dinge allerdings mit einer Weltanschauung, mit einer all* gemeinen Lehre, nichts zu tun haben. Fr hatte wenigstens, — seinen Nachfolgern kann man das nicht nachriihmcn — den Mut der Konsequenz. Wenn wirklich die allgemeine Menschenliebe erstes und einziges Ziel des religiösen Menschen ist, so konnte er nicht gleichmiitig zuschen, wie Bismarck in blutigen Kricgen Deutschland zusnmmcnschweißtc. Er hat privatim und öffentlich mehrfach erklärt, daß er dieser deutschen Entwickelung nicht froh werde. Er fühlte sich ganz als Deutscher, gewiß, aber Deutschland war ihm Lcssing, Schi!* ler,!mißverstandener Goethe und ein bischen Kant. Im Judentum seiner Zeit sah er zuviel Mittelaller, so verschrieb er ihm, auch hier wieder der Manu der voraussetzungslosen Freiheit, ״Licht“, ״Klarheit“, allgemeine Bildung. Er erhob sich nicht über den Alu-igl״,!״״, Zeit, der aber vor allem die Juden verstrickte daß Bildung und Bildung und wieder Bildui«! not täte. Er sah nicht, daß einzig die Bildu״* furchtbar wirken kann, die aus imlwiüueUer Tiefe, aus der Beschränkung sich aufbaut. Wir sind am Ende. Abraham (ieh;1׳r w,!r nicht die religiös-schöpferische Kraft, die in uns ein neues Verhältnis zum Universum oder •/u unserer Seele gestalten könnte, aller er war 1|!r. lieh, klar, gebildet, überlegt, und die Probien;״ die ihn bewegten, sind auch die unsern. wäre falsche Romantik, wenn wir uns aus tin1r Art nationaler Verzweiflung heraus mit einem salto mortale, in die religiöse Eonncnweh hin• einwürfen. ״Einmal in den Apfel der 11 kein!, nis gebissen, ־ - und man muß weiter und v.ci• ter. Nachtwandeln können wir nicht mehr״ Aber es ist auch nicht mehr nötig. Denn in dem Augenblick, wo wir die nationalen I rieh• kräftc des Judentums innerlich bejahen, h inein• den jene bedenklichen Folgen, die Geiger•* mibe• schränktcm Freiheitshegriff anhafteten. Es ist einer der tiefsten Widersprüche des Daseins — der Aufklärung ein Acrge.ns - daß die menschliche Seele aus gewissen < •••hu:,• denheiten das Gefühl einer Bcrcicherun!:, einer Befreiung des inneren Lebens s< hüpft. Abraham Geiger mußte sehen — er sah es nie - d;!l» in seiner Zeit gerade die Männer, die bewußt di« tiefste Kraft aus ihrer heimischen, fa t l,׳,ulscliaftlicheit Inge schöpften, atu glüh-■־:nisten die Idee der Freiheit lehrten und lebten. Wie das Feuer nur belebend wirkt, wenn cs ir *•ngcr I lut gehalten wird, so kann man der Weite Ar Idee unbeirrt und unzerfasert nur leben, wottt man den tiefsten Bindungen der Seele sich hin• gibt. Selbst um gut deutsch empfinden zu k<m• neu, bedürfen wir einer tiefen Besinn!!!:g aut unser jüdisches Dasein, auf Blut und Geschichte. In dieser Gebundenheit, die wir mGit .יי> Fessel empfinden, die in sich Gefühle dö Wachstums, der Freiheit, der Kraft entfaltet, brauchen wir nicht ängstlich zu sein, daß u:r uns ins Unermeßliche verlieren könnten. 1׳! der Sicherheit, die diese neue Bindung uns gcwälin, können wir den religiösen Kämpfen im Juden• tum, die vor Jahrzehnten zerstörend wirken mochten, gelassen zuschen. Wenn wir!•umkm, wie eine Richtung im modernen JtuU! nta sieh an dem neu verstandenen Kaut zu י0;ז י• ticren sucht, wie einst Maimon an An>i<׳uh. wenn ein Vertreter des liberalen Judentums tim zuruft: ״wir können auch einer zukünftigen!!;• dischcn Kultur nicht unser Gewissen opfern.'־ — so stimmen wir gern ein, ״der Tag i't •׳<ngebrochen, und wir werden die Läden nicht v :״.׳ der zumachen.“ Wir leben nicht in einer reifdien hier durchführte. Der I latulcl ist!!nclt heute der Grund, weshalb so viele Juden dort wohnen, die trotz des ״Aleppoknopfes־‘ eine Art Beule im Gesicht, die dort häutig auf:ritt - und trotz anderer Mißstände der Stadt eine gewisse Vorliebe bewahrt haben, wenn sie atirfi dafür von ihren gebildeteren Glaube11sge11<o>e!1 in Damaskus und Bagdad verachtet werden. Die Juden von Aleppo leben noch beute in einem besonderen Stadtviertel, das 0י1ס־1:י Achnlichkcit mit einem italienischen < »hetw zeigt. Es ist von der übrigen Stadt durch ein Tor abgeschlossen, das eine hebräische liuciinit aus dem Monat Ab des Jahres 1349 trägt. Pie Hauptsynagoge ist sehr alt und zeigt viele Eigentümlichkeiten. Sic besitzt mehrere 1110• dente Anbauten; der Hauptbau aber wird von Abbe Chagnot bis ins IV. Jahrhundert zurück• verlegt. Sie trägt an den Wänden mehrere In• Schriften — einige cingcmcißelt, andere aut!:'•'• malt, von diesen stammt eine aus dem Ja זי 1S61, eine andere geht bis aufs Jahr $31 zurück• Es gibt noch eine Anzahl Kapellen rings מש das Hauptgebäude, die offenbar von Zeit?n Zeit hinzugebaut wurden, um der vergrößerten Gemeinde Platz zu gewähren. In jeder dieser Kapellen wird separat ״Minjan“ abgehallen. Eine ähnliche Einrichtung existiert in Buchara, Von Ghetto zu Ghetto*) Aleppo Aleppo •— im Hebräischen gewöhnlich Aram Zobali oder Zohah allein genannt — kann sich der ältesten jüdischen Gemeinden rühmen. Es wird in» (>(). Psalm erwähnt, mul obwohl es zehn Tagereisen nördlich von Dumas• kus liegt, wird cs doch als der nördlichste Punkt betrachtet, wohin ein palästinischer Jude leisen darf, ohne als Auslnudsreiscnder betrach* tet zu werden. In den Heiratskontrakten, wie sic im heiligen Land aufgesetzt werden, wird jetzt noch slipuliert, (laß der Mann seiner Frau eine bedingungsweise Scheidung gibt, die in ’) Unter diesem Titel erschienen im Vertage von Strecker u. Schröder, Stuttgart, Reiscbcselireibunvjen von li. N. A d I c r, dein Sohn des Cliicf Rabbi Adler aus London. Der Verfasser ist ein bcdeutender Bibliophile, der bei seinen fast 30 Reisen die bedeutendsten indischen Gemeinden der ganzen Welt, mit Ausnahme Australiens, besucht hat und dem cs dabei gelungen ist, über 2000 indische Ort«!• nalmanuskriptc aufzufinden. Dein Buche, das mit zu den wertvollsten Erscheinungen der Jüdischen Literatur der letzten Jahre gehört, entnehmen wir folgenden Bericht ttbor Aloppo und glauben, daß er iodon Leser dazu anrelzen wird, das ganze Buch zu lesen. Kraft tritt, wenn er ins Ausland reist. Die Südgrenze, jenseits welcher dieser ״Gel“ in Kraft tritt, ist Alexandria, die nördliche Aleppo. Solche Eventualscheidung war ein Mittel, um die Frau vor lebenslänglicher Witwenschaft zu schützen in Fällen, da der abenteuernde Ehegatte nicht zurückkehrtc, oder wenn nichts mehr von ihm gehört wurde. Das jüdische Gesetz will den Tod des abwesenden Mannes nicht ״annclimen“, wie viele Jahre auch nichts von ihm gehört worden sei. Ich wählte den kürzesten Weg nach Aleppo. Er geht von der Hafenstadt Alexandrette (IskaiKlerun) aus, wo cs kaum ein ״Minjam“ gibt, und führt an dem malerischen Passe von Bcilan (Pylac Syriacnc) vorbei. Die Straße steigt ziemlich steil an, führt um den See von Antakic (Antiochin) herum und durchquert riesige Trümmerfelder alter Ruinen. Dieser Saumpfad ist 90 kin kürzer als die moderne Landstraße, aber außerordentlich ermüdend und einsam. Die Wagenfahrt von Alexandrcttc nach Aleppo dauert zwei bis drei Tage und Nächte. Aleppo ist eine ummauerte Stadt von großer kommerzieller Bedeutung und liegt auf der Straße nach Bagdad und Südpersien. Zu Shakespeares Zeit war seine Bedeutung noch größer dadurch, daß auch der Weg nach In• ®ו!; ר »I 1 3־ 1' j ,י. 1.- י! *4 G 1־'ו; -I t . f I G