Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Gebundenheit und Freiheit /um Gedächtnis Abraham Geigers. Von M C al v ary. Was sich heule liberales Judentum nennt, iiiacln niiien Gegnern den Kampf allzulcicht. Von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, versteckt sich hinter der Maske des modernen jüdischen Liberalismus judentumsfeindliche, ideuhnKuherischc Dutzcndbcquemlichkeit. So kommt es. daß man in jiulischnationalcn Kreisen jilaui'i. diese Bewegung mit einem vornehmen ctlcr u'rächtliehen Achselzucken abfertigen zu kaniun. Assimilanten, punktum! Das ist ein kimlli־.׳hes Vergnügen. So wenig an dem Worte Libcr.tlismus liegt, das nun schon seit Jahrztlinan von Hand zu Hand gegangen und plan gedrückt ist wie eine alte Münze, ־־־ die Bewegung selbst ist für viele von uns unent* KlirFch. Der hundertste Geburtstag Abraham Geigers gibt willkommene Gelegenheit, die Er• sclicinung in ihrer, wenn auch nicht gen'lilußiiistcn und konsequentesten, so doch bedcuuinlsteii Fonn zu betrachten. Am Anfänge des 10. Jahrhunderts erleben wir im Judentum eine ziemlich plötzlich auftreteiu!•.1 Unsicherheit. Zerfahrenheit, ein Ausemaikierbröckclu nach tausend Richtungen. Es uw sei lieht zum ersten Male seit der Zeit des HelleuEinus. daß die Judenhcit mit den Aufgaben, die an sie herantreten, nicht recht fertig wird. Tin Ucbcrwuchem von halb verdautem, vielfaltigem Kuhurinhalt. der seine einheitliche Ge- Haltung nicht finden kann. Bisher hatten die Juden, seitdem sie in dem europäischen Milieu lebten, zu den geistigen Problemen ihrer Zeit aus jüdischer Seele heraus Stellung genommen, waren den künstlerischen gegenüber, — mit einziger Ausnahme der literarischen, — meist teil* nalmüos geblieben. Es war natürlich, in der Phihsophie, der Wissenschaft die nationale Form als zufällig, den allgemeinen Inhalt, die lehre als wesentlich zu empfinden; diesen Inhalt konnte das jüdische Auge, der jüdische Sinn in seiner Weise neu gestalten, und so gab cs indische Weisheit, jüdische Mystik, jüdische Aufklärung, die ihre innere wie äußere l or* mung di•!» Judentum verdankte, ihrem Inhalte nach der arabischen, französischen, deutschen durdi.-ms glich. Das wurde nun anders. Nun lag dvr Schwerpunkt dev Judenhcit in Deutschhui!, in einem Deutschland, das alle geistigen Werte den künstlerischen untcrordnen lernte. Lt e' an sich schon unmöglich, in der Kunst Form und Inhalt 7u trennen, so lehrte nun noch die 1u־uc Theorie, daß alle Kultur auf dem Volks* »hii beruhe, in den tiefsten Untergründen des Hlute\ der Landschaft, der Geschichte ihre Wur- *d halv. Fs fiel den deutschen Juden nicht ein, °>ck־! ehre für richtig zu halten —־ stecken sie doch mh'Ii heute tief im Rationalismus . des 18• Jahrhunderts — aber da eben die Zeit ihren höchsieii Ausdruck im Künstlerischen suchte, 50 fehlte die Möglichkeit, sich am Inhalt zu orientieren, wie man cs seit Jahrhunderten getan "atte. Schwanken, Haltlosigkeit war die Folge, "1וחי aus sich selbst heraus die Inhalte zu er- Jugcn, das hatten die Juden seit den Jemen lagen nationaler Selbständigkeit verlernt. . hi diese Unsicherheit hinein fiel die Jußen^ Abraham Geigers. Die Wissenschaft* _ , _ -Der Zlonlimui erstrebt <0r du JQdliche Volk dl• Schiflunr einer öUemllch-rcclilllch «elidierten Hclmt1*tlo 10 Paltitlna." Uneler Proir•««• Aus dem Inhalt GclitimJeiilicit und Frellielt. Zum Gcdüclitnis Abraham (Jcivjcrs. Von M. Catvary. — \Vc»t mul Ost ln! Zionismus. Von einem Oest!er. -- Der Koloiitnlionüs. Von M. Ussischkin. Dr. A. Sandler. - Aus alter Welt (Deutschland, Rußland. Kurland, Oesterreich, Oalizicn, Rumünie״. Türkei. Amerika). — Pulästlna-Rundscliuii. - Zionistische IiewcuuiiK, ■ Aus den Qcnictiiden. — Veretusrimdsetuui. — l'ciillletou: Von Ghetto zu Ghetto. Von I״׳ N. Adler. — Literarische Rundschau: Palästinas lirdcerucli. Von Emil L e v v. Uiiclierbcsnrcclmtißen. liehe Stimmung der Zeit mögen ein paar Namen bezeichnen: Savigny, Nicbuhr, Bopp, Grimm, mit anderen Worten: die geschiehtliehe Forschung beginnt. Goethes ablehnendes Wort ״Das Beste in der Geschichte ist der Enthusiasmus, den sie erweckt“ verliert allmählich seine Geltung. Es war Geigers Verhängnis, daß er, früh reif, auch in der Jugend keines Mannes Jünger wurde. Aber dahin wirkte auf ihn der Geist der Zeit, daß er sich im Wesentliehen als Historiker fühlte, daß ihm geschieht* liehe Kritik Grundlage aller Lebensauffassung schien. Ucber seine wissenschaftliche Leistungen mögen Kenner urteilen; die ״Urschrift“, wie die populären Vorlesungen über das Judentum und seine Geschichte (jetzt neu aufgelegt) sind, wenn auch in manchen Resultaten angreifbar, ohne Zweifel bedeutende Bücher, und gewisse Erscheinungen, wie vor allem die Pharisäer als bejahende, lebendige Macht sind von ihm zuerst der europäischen Wissenschaft erschlossen. Aber nicht von dem Gelehrten Geiger soll hier die Rede sein. So wenig er sich als Politiker fühlte, — er war im Grunde beherrscht von der einen großen politischen Idee seiner Zeit: Freiheit. Zur inneren Freiheit vor allem sollte dem Judentum die geschichtliche Kritik verhelfen. Denn dieses ludcntum war ihm nichts, als eine Idee, eine Weltanschauung. Er ist nicht etwa der Vater dieser Auffassung, mit Unrecht wird die lehre, das Judentum sei eine bloße Religionsgemeinschaft, dem Liberalismus zur I ast gelegt Sie ist viel älter, «auch die Orthodoxie der Zeit setzt sie schon voraus. Sic stammt auch nicht etwa von Mendelssohn, dem allgemeinen Sütulenbock, man muß ,״rc Entstehung viel früher suchen. Im Grunde ist sic seit dem Jahre 70 bereits gegeben Sic steigeile sich dann, als die religiöse, exklusive Bctrachtungsweise mit der katholischen Lehre wuchs und nationale wie dynastische Kampfe sich in Religionskriege verkleideten. Der Schulchan Arucli ist nichts als ein Religionsbuch, und glaubt trotzdem das Judentum zu crschöp* ft,ו Fs will daneben wenig besagen, wenn dennoch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein vom jüdischen Volke gesprochen wird, denn es galt als ausgemacht, daß die Form in der dieses Volkstum als solches in die Ersehe!* nung trat, eine religiöse war. Schien nun Geiger die Lehre der jüdi* sehen Religion einer schrankenlosen Entwickclung fähig, so mußten ihn in seinem Streben nach unbegrenzter Freiheit um so mehr deren Formen stören. Von zwei Seiten wurden sie verteidigt, gegen beide wandte sich Geiger mit Heftigkeit. Da war Mendelssohn, der sie für bloße Formen ohne geistigen Inhalt erklärt hatte, die zum Zusammenhalt der Juden unentbehrlich und deshalb verbindlich seien, im Uebrigen aber umsoweniger bekämpft zu werden brauchen, weil sie ja — als reine Fonnen — mit jeder beliebigen Wahrheit vereint werden könnten und keiner widerstrebten. Geiger hatte zu viel Respekt vor dem lebendigen Geiste des Judentums, uni diesen Mumienglaubcn anzuerkennen. Es gab auch kaum noch Vertreter dieses Gedankens. Aber seit Anfang des Jahrhunderts, seit den Tagen der Romantik, sah man in Deutschland — ich erinnere an G ö r r e s, Friedrich Schlegel, Schelling, Creuzcr, — in den religiösen Lehren und Fonnen tiefe Symbolik in mystischer Weise verkörpert. Die neue wie die alte Richtung des Judentums ergriffen diesen Gedanken mit Lebhaftigkeit. Der Sabbath, so erklärten die Neuerer, sei ein Symbol, man weiß nicht recht wofür. für den Monotheismus, die Auserwählthcit Israels, für den Optimismus, und so weiter. (Es gab da schwierige Fragen, zum Beispiel, ״ob die Ruhe als bloße Negativität Objekt eines Symbols sein könne!“) Vor allem aber hatte Samson, Rafael Hirsch gerade zur Stütze des überlieferten Judentums sich iin Anschluß an Bcrnays in diese Gedankenwelt hineingelebt. Zu wahrer Mystik zu flach konnte er sich an äußerlieber Symbolik nicht genug tun. Gegen die spielende Willkiirlichkeit dieser Lehre, der cs gleichgültig sei, oh die Wörter verrenkt werden und erst mit zerquetschten Gliedem sich in den Sinn fügen, hat Geiger seinen ganzen Spott ausgelassen, mit um so größerer Heftigkeit, weil er Hirschs ernstes Streben um eine Erfassung der Idee des Judentums anfangs bei aller Gegnerschaft ehrlich und hoffnungsvoll anerkannt hatte. Wir müßten Geiger das Recht, Mendelssohn und den Symbolismus zu kritisieren, absprechen, wenn er nicht selbst von der Bedentung dieser Fonnen eine tiefere und wahrere Auffassung als seine Gegner gehabt hätte. In einem der schönsten seiner kleinen Aufsätze ״Prosa, Poesie, Verlegenheit“ zeigt er, wie diese Gebräuche, vor allem die Festfeier im Hause, aus der Poesie des Volkslebens erwachsen sind und nur im Laufe der Entwickelung ihre freie Gestaltung eingebüßt haben. ״Die zarte Pflanze der Poesie ist geknickt, die Prosa der Satzung hat sie unsanft berührt. Auch wir bedürfen ihrer so sehr, wenn wir nicht schal werden wollen, aber wie will sie sich erheben gegen ihre zwei Feinde, gegen den einen, der sie gemordet und gegen den anderen, der sie nun verspottet“, und ein andermal: ״Wie die Anstandsrcgeln und Modeanschauungen in Steifheit und Eitelkeit ausarten, wenn sic nicht in lebendiger Be* Ziehung mit dem inneren Schicklichkeitsgcfühl bleiben.so ist es notwendig auch mit den höchsten menschlichen Angelegenheiten.“