Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 22ö .('1 ."א .1 Ü D 1S C H l: RUN P S Cj 1A U matogiapliisdicr Bilder za erwirken, da dieselben durch das tendenziös gefärbte ״Leben Jesa" und das schmutzige Miirclicn vom ״Ritunlmord" sehr gceiguel waren, zur Osicr/.eü in den Köpfen llalbgcbil* deter «rollen Schaden anzuiichtcn. Erfreulicher* weise zeigten sich Regierung and Stadtverwaltungen in beiden t*’iillcn den Wünschen der jüdischen Hevölkerung äußerst entgegenkommend, so da» auch nicht ein einziger Unfall wahrend der jüdischen oder bulgarischen Ostern za verzeichnen war. Da in diesem Jahre noch die Wahlen für die Gemeinde* and Schulverwaltungen stattfinden, wird in den Parteien bereits mit den Vorbereitungen zum Kampfe begonnen. Zionisten und Niehtzioiiisten stehen sieh ungefähr in gleicher Stiirke gegenüber, so da» wohl ein heilles Ringen zu erwarte« ist, ins* besondere in Sofia, wo die Schlacht am die Schule entbrennen wird, liier beging nfimlich der Direktor der Allianceschale den sowohl taktischen als auch rechtlichen Fehler. dal) er den hcbrüischen Lehrern auch auücrhalb der Schule die politische Betätigung in der Ocmcindc untersagte, wodurch er nur heilies Oel ins Feuer goll; wallte er ja ganz genau, da» die zionistische Vereinigung von Bulgarien ans verschic* denen und gerechten Gründen die Bekämpfung der Alliance in ihr Programm aufgenommen hatte. Wie die Sache weiter verlaufen wird, hängt im wesentlichen von den Beschlüssen einer zionistischen Konferenz ab, die zur '/.eit in der Hauptstadt Sofia tagt. Mitte Juli wird in Warna die Ocneralver- Sammlung 1111׳ Bulgarien stattiuuleii. .1. Carnii. AUS־AlteR W€LT" Russland — ss, — Das von rler JCA atisgehaltcne ״lnforina* tionsbureau fiir jüdische Emigranten“ in Peters* bürg hat einen über lüü Seiten umfassenden Be* rieht über seine Tätigkeit im verflossenen Jahre herausgcgcbeii. Danach hat im Berichtsjahre die Jiidisehe Auswanderung sms Rußland einen sehr grollen Umfang angenommen. Die Ihuiptursache davon ist der hu (schreitende wirtschaftliche Niedergang der jüdischen Volksmasscn. Der ökonomische Zustand der jüdischen Bevölkerung sinkt von Tag zu Tag; der Handel liegt darnieder, die Handwerker sind arbeitslos, und überall wächst die Armut und Not. Die Aussichten für später sind sehr schlechte. Aus den kleinen und grollen Dörfern werden die jiidi• sehen Händler und Handwerker verjagt, -• und cs bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihr Brot jen* seits des Ozeans zu suchen.“ Aus dem Gmivernc* nullt Kowno emigrieren zahlreiche Juden nach Süd* airika: aus Dwinsk ־ nach Dänemark; aus Her* dvc/ew. Cherson und Bcssarabien •־• nach Argenti* nun and Kanada. Lin beträchtlicher Teil der Aus* wandernden aus den südwestlichen Gouvernements hat sich im letzten Jahre nach Palästina begeben. In Petersburg ist im Aller von 70 Jahren der Senior der russischen Kriminalisten, der hervor* rageiulste Jurist des Zarenreiches, Alexander Passo* wer, gestorben. l;r war, trotzdem er Jude war, mehrfach Präsident der Advokatenkammer in Pctersburg. Seit dem Brlall von beschränkende» Be* Stimmungen gegen die jüdischen Rechtsanwälte lehnte Passower, Ms Protest gegen jene Veriiigun* gen, jedes oifizielle Amt ah. Hr war stets mit allen Klüften 11111 die Brleiehterimg des bitteren Loses seines unglücklichen Volkes bemüht. Nach der Le* galisiernng der JCA-Abtcilung in Riillland wurde er zusammen mit dem nun ebenfalls verschiedenen Baron llorace Giinsburg an die Spitze derselben gewählt. Passower galt als der glänzendste mul he* dcutcmlste Advokat in Rulllnml. Zum letztenmal trat er als Verteidiger des früheren Direktors des 1*011• zci-Departeincuts Lopucltin, auf. Br besaß eine vielseitige Bildung, und die von ihm!unterlassene Bibliothek zählt zu den größten Büchcrsainmhmgcn im ganzen Laude. England — <>ü — Aus London erfahren wir folgendes über eine in Aussicht genommene Intervention Buglauds zu Gunsten der russischen Juden: Mr. D. L. Alexander, K. C., als Vertreter des Board of Dcputics, und Mr. Karl Stet tau er, L. C. C., als Vertreter der Anglo Jcwish Association (Mr. Montefiorc war durch Krankheit verhindert, die Körperschaft, deren Präsident er ist, persönlich zu vertreten), sprachen diese Woche beim Minister des Auswärtigen vor und ersuchten ihn, sich bei der russischen Regierung zu verwenden, um die bevor* stehenden Ausweisungen der Juden aus Kiew rück* gängig zu machen. Das Foreign Office soll die Her• ren sehr freundlich empfangen und seine tief emp* fundene Sympathie mit den 1500 unglücklichen Fa• mllicn ln Kiew ausgcdrUckt haben. Bs soll sich auch diesbezüglich an den englischen Botschafter in St. Petersburg gewendet haben. Man erwartet hier ein sehr günstiges Resultat dieser Verwendung, die sehr würdig und energisch gewesen sein soll. Kanada — f. Kanada hat sieh stets durch auüerordeutliehe Gastfreumlseliafi ausgezeichnet und cs bot den Emigranten eine freie ZnfJuclitsstülte. Das lag auch im Interesse des Landes und seiner Wohlfahrt, die durch die eiugcwanderten Kräfte auf den verschicdenen Gebieten des Handels und Gewerbes, wie der Landwirtschaft einen großen Aufschwung gc* nominell hat. Nun beginnt Kanada den Vereinigten Staaten von Nordamerika in der Beschränkung der Immigration nachz.uahmcu. Nach den ersten diesbezügl. Bestimmungen, daß jeder Einwanderer 25 Doll, und eine Fahrkarte bis zum Zielortc besitzen 11111II, sowie daß chronische Kranke nicht zngclassen wer* den. ist jetzt ein aus 82 Paragraphen bestehender Immigratimisgeset/.entwiirf ausgearbeitet worden, dessen Annahme eine außerordentliche Brschwcrung, wenn nicht gänzliche Unterbindung der Bmigratiun nach Kanada bedeuten würde. Argentinien —•08—- Die gegenwärtige Lage der Juden in. Argentinien ist in mehrfacher Hinsicht eine lielits weniger als eriorulichc. Die diesjährige Brate, st durch Heuschrecken diese ständige argenti* lisolie Plage völlig vernichtet worden, wodurch über die jüdischen Kolonisten eine schwere iiknnomische Krisis Itcreiugehrociien ist. Zugleich ist das geistige Lehen der Juden von einem cmpfiinl* liehen Schlag betroffen worden. Die argentinische Regierung hat sieh nämlich zu einer Maßregel aufgeschwungen, die selbst in HuBInnü ohne Beispiel ist: sic hat .sämtliche Tahmid-Thora-Sehulcn gcschlossen! Der Grund hieifiir ist, daß in diesen Schulen die Landessprache nicht gelehrt wurde. Statt aber die Hinführung des landessprachlichcn Unterrichts in diesen Schulen zu fordern, hat sic die* seihen gänzlich geschlossen! Das jüdische Brzie* Imngswescn in diesem Lande ist dadurch in eine I ,1.,*.!■■niitlt Australien Vor kurzem starb in $ i d n e y in hohem Alter die Witwe des verstorbenen königlichen Rates Philipp S. Solomons, der lange Jahre hindurch Oberstaatsanwalt in Fiji. Australien, war. Frau So- I 11 ס ווו ס s war die erste Jüdin, die noch auf Grund des älteren australischen Schulgesetzes zur Schiilleitcriu an einer öffentlichen Schule ernannt wurde. RUNDSCHAU DCR PR6556 Präsident Wolffsohns Heilen in Bnglaml haben in der jüdischen Presse große Beachtung gefunden und werden in deutschen und englischen Blättern lebhait Uommcnticrt, wobei die verschiedensten An* sichten zu Tage treten. So schreibt /.. B. Herr Dr. S. M. M c! a in c d in einem .,Offenen Brie f“ au das Jcwish ,Journal, London ..Die Lage unserer Brildcr in Rußland ist ver* zweifelt. Den Lebenden fehlt das tägliche Brot mul den Toten das Ldchcngewand. Wenn man die Nach* richten aus Rußland über die Lage der Juden liest, daun glaubt man. im X. Jahrhundert zu leben. Junge Leute begehen Selbstmord und ihre Hltern stehen verzweifelt da in der großen Welt, in der für sie kein Platz vorhanden ist. Die russische Pogrom* Regierung rächt sieh an den f» Millionen Juden, von denen 5 Millionen vollständig ruiniert sind; sic würde die Juden am liebsten ertränken. Und da erklären die Zionisten: ״Wir haben 2000 Jahre gewartet, wir können noch länger war* ten!" Der zionistische Führer hat selbst am letzten Sonntag verkündet, daß er entschlossen sei, zu war* ten. bis ihm Palästina von der Türkei übergehen wirif -- um nur die zionistischen Fonds zu schützen." ״Allein es besteht ja in der zionistischen Organi* sation eine große Partei, die gegen das Zuwnrten ist, weil man nicht warten darf: diese Partei verlangt, daß in Palästina sofort gearbeitet wird, sonst kann Palästina in 20 Jahren Anderen gehören." Der Brief schließt mit einem Appell ״an alle j ü d i s c J! c n Zionisten, sich zu sammeln und einen solchen Zionismus zu brechen." Von seinem Londoner Berichterstatter wird dem Frankfurter Israelit. Familienbiatt geschrieben: ״Herr Wolffsohn führte aus, daß auch er ein praktischer Zionist sei, aber — man müsse warten, denn man dürfe nichts riskieren. Es sei nicht Aufgäbe des Zionismus, jüdische Kolonien zu gründen, sondern die Bedingungen für die Verwirklichung des Baseler Programms In Palästina zu schaffen. (Wo* rin die Bedingungen bestehen, hat Herr Wolffsohn nicht gesagt!) Was die Männer der Opposition betrcfic. so müsse er sagen, daß sie nur das Best!: des Zionismus wünschen, aber, obwohl sie zu pral.. tischer Arbeit mahnen, nichts von der Praxis ver* stehen. Würde es nach ihnen gehen, so wäre (l״s zionistische Vermögen schon längst verbraucht. t:r könne der Opposition nur einen Rat geben: arbeite!!; sic werde dann schneller zur Leitung kommen, als sic selbst glaubt. Herr Wolffsohn gab zu. Hai; K-.1. kein geeigneter Platz für den Sitz der Leitung im; er selbst würde London Berlin vorziehen. Eben׳», erklärte er. daß er auf der nächsten Sitzung iß, Großen A.-K. Vorschlägen werde, daß das H. A.-K. durch Knoption erweitert werde. Nach diesen ruhigen Ausführungen änderte doch Herr Wolffsohn den versöhnenden Ton n:״| ging zur Attacke über. Br wart /.. B. den Mänr• der Opposition vor, ihre persönliche Unzufried heit, die aus Mißgeschick in ihrem Beruf result! u, in die Bewegung liiiieingctragen zu haben. Sic s :! onasi Rebellen aus Instinkt, und nur dank der hem:, gen Leiter der zionistischen Finanzmstitute sei C : Zionismus von einer finanziellen Katastrophe v schont worden. Was Herr Wolffsohn darunter י.!• stand, war vielen unklar. Das eine ist alter sic!; die Männer der Opposition füllen alle ihren I; ׳, aus. Herr Pr. Wcizmann. Professor der Chemie .! der Universität Manchester, füllt ebensogut sei:. ■t Beruf aus. wie Herr Bcntwich. einer der heilen: den Londoner Anwälte, wie der Cliaeham Dr. (i.!•, der größte jüdische Polyhistor der Gegenwart. Bs ist unendlich zu bedauern, daß sieh!'* . Wolffsohn an der persönlichen Hhre der Opposit!׳ fiibrer vergriffen hat. Noch mehr abe, ist ׳., zu bedauern, da» er gegen die zionisti ״V •.׳ Intelligenz in einem Tone sprach, den 'k! kein wirklicher Staatsmann erlauben darf. F.r s!n. .! verächtlich von ״den Schriftstellern. Aerzten und i. gciiicuren". die nur reden und rebellieren mul nkkm tun. und diesen rebellierenden, niclitstuenilcn. in׳..:., friedenen Intelligenten stellte er seine prakti'e״c Person entgegen. Hat denn der Herr Wolifsohn v*׳,׳. gossen, daß der Schöpfer unserer großen F111a!;1׳;,. Mimte mul Organisator kein ״praktischer Kaiiima::! ־. sondern ein Schriftsteller und Jurist war. daß <...!• Begründer des Nationalfonds ein welivcrgcsv'm: Mathematiker. Professor Selinpira, auch kein K. ״;• mann war?" Jcwish Chronicie, London ״Wenn die Zionistische Bewegung keine größere;» Fortschritte macht, kann niemand ihrem F»i,;\r Vorwürfe machen. daß er Energie oder Ziel \ missen läßt. In der Versammlung am Sonntag •m London) sprach er fast 70 Minuten mul ich ■mit, m stehen. Herr Wolffsohn ist gewachsen, seitdem u das letzte Mal hier gesprochen hat. (die Stellung als l':ihrer einer solchen Partei, die über die ganze Welt verstreut ist. und unter den besten Umständen kompliziert ist, sicherlich die komplizierteste aller komplizierten der nivnselilielu11׳ Kompliziertheit kann keine Sinekure sein. Wolffsohn ist ein tapfe. rer und tüchtiger Arbeiter, aber er zeigt /eichen von Mündigkeit, welche am Sonntag, wie es um schien, unangenehm aufiicleii. Wiener Brief (V o 11 unserem K 0 r r c s p n n d e n t e 11.1 ln Wien gab es in den letzten Wochen ei'.c grolle Sensation. Etwas, was kein Mensch mehr von den Wiener Jaden erwartet hatte, kam pim׳• lieh ganz, »benaschend. Dieselben Juden, die 11» vor wenigen Wochen an der Bahre Luegers ü■־,׳ heuchlerischen Krokodilsträncu geweint hatten, e mannten sich plötzlich und erklärten öffentlich, sie Juden seien und einen jüdischen Stolz lu-sai'■ Sie glaubten jedenfalls damit der Oeiientliehkeit v ungeheure Neuigkeit mit teilen zu können, da es »׳ seit Jahrzehnten ihr ganzes Midien und Streb war. sieh als tapfere Deutsch-Freiheitliche zu pro»! zieren und so als letzte Reste einer vergangc!'• ן Acra eine deutseh-philoscmitische Politik zu pos>. reu. Und sie hatten es auch wirklich fertig gebrach,, unter dem Deckmantel des Deutschtums die cinzi.to nicht-antiscmitischc Parlamentsgruppe zu sein, die aber allerdings nur aus Juden besteht. Das cm• zig freiheitliche att ihnen war, daß sie sich vom Judentum befreiten. Aber siche, das große Erstaunen blieb aus. Die Herren hatten wohl gehofft, daß die paar Christen, die in ihre Wahlversammlungen kamen, Augen und Ohren aufreinen und vor Erstaunen sprachlos sein würden, wenn sie pltözlich erführen, daß die Vorsteher der Jüdischen Kultusgcmcindc und der Ocstcrrcichisch-Israelitischcn Union Juden seien! Die Arier haben vermutlich mit mitleidigem Achselzucken gedacht: ״Wenn das die Führer der Juden sind, haben doch eigentlich die Antisemiten recht. Denn nach den Vertretern muß man doch die 0־'•י samtheit beurteilen!" Die einzigen, die Über diesen Qlaubenswccliscl erstaunt waren, waren die Herren Redner selbst, die plötzlich aus dem Hausrat ihrer Kinderstube oder gar ihrer Qroßeltern das jüdische