Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 210. J U li I> I SC111: RUN DSCH AU No. 18. nus unserer Mitte heraus ist jetzt die scliürfstc und einzige UcKiicrscIctfi erwachsen. Ich meine Air. Israel Zan1׳\vlll. Hs ist das erste Mal, daß ich mich öffentlich mit Mr. Zamtwill besclitifli«c. Ich habe mich niemals in derartige Diskussion eingelassen und ich luittc auch diesmal davon nicht gesprochen, wenn Mr. Zuugwill nicht in die grolle Öffentlichkeit hinausgegangcu wäre. Hriiher hat er gegen uns in jüdischen Zeitungen und jüdischen Versammlungen gekämpft, jetzt geht er in die 0 1' f c n 11 i c h K e i t hinaus. Hs wird Ihnen ja bekannt sein, daß er im ״Hortnightlv Review" einen Artikel über T e r r i t o r i a I i s m n s und Zionismus geschrieben hat. der nach meiner Ausicht nur von einem Renegaten geschrieben werden konnte. (Hcifall.) Zaugwill hat sehr! lange gewartet, ehe er zu uns kam. Rr J bat es sich *1 -5 Jahre überlegt und dann ist er j begeisterter Zionist geworden. Nach weiteren vier | Jahren hat Zaugwill, naclult in llerzl gestorben war. ' und nachdem der VII. Kongreß das Ostafrika-I’rojekt , abgelehnt halte, die JTO gegründet und gegen den 1 Zionismus zu kämpfen begonnen. Jetzt tritt A\r. ' Zaugwill vor die Öffentlichkeit und schreibt gegen den Zionismus, wie noch nie ein Rcind Über uns geschrieben hat. Rr schreibt genau das (legeuleil von dem, was er früher über den Zionisj tnus sagte. Wer früher seine Artikel oder seine Reden im Article Club las oder seine Reden auf dein Zionistenkongrell, wird wissen, daß Herr Zaugwill heule das Ocgcnteil schreibt. Rriilier hat er Palästina in den Himmel gehoben, jetzt ist Palästina das schlechteste Land, das existiert. Früher war der Zionismus die einzige Lösung der .ludenfrage. jetzt ist er die schlechteste. Ich will nicht auf Rinzelbeiten cingehen. Ich möchte nur auf den Pessimismus hiiiwcisen. den Zaugwill am Schlüsse des letzten Arlikels zeigt . Rr sagt dort, daß alles bei uns bankrott ist. daß alles tot ist; die zionistische Klee ist tot, der Zionismus ist tot, Palästina ist bankrott, das jüdische Volk ist tot. Sogar der Tcrritorialismus ist nach Zangwills Ansicht tot. Alles ist tot, alles ist für ihn g e s t o r b e u , und ich finde es nicht schön von einem so gebildeten Manne, wie Zaugwill ist. daß er einem Toten so viel Schlechtes nachsagt. (Heiterkeit). Wie würde es > Zaugwill ergehen, wenn er in alle jüdischen Vereine. Turnvereine gehen müßte, in die Vereine für hebräische Sprache, I iteraturvereine und nach Palästina, um zu sehen, was der Zionismus dort geschaffen hat. um zu sehen, wie unser altes Land jetzt zu neuem Leben erwacht ist. (Lebhafter Beifall.) Zu seinem Glück und vielleicht zu unserm ist Mr. Zangwill kein Prophet: er macht auch gar keinen Anj spruch darauf. Aber etwas anders behauptet er. Rr j hat wiederholt gesagt, daß er der natürliche Nachfolgcr llcrzls ist. Ich kenne nur eine Ähnlichkeit zwischen llerzl und Herrn Zaugwill, nämlich, daß Herr Zaugwill auch ein großer Schriftsteller und Dichter ist. Andere Ähnlichkeiten finde ich nicht. Herzl war ein großer Dichter, aber deswegen ist noch nicht jeder Dichter ein Herzl. llerzl war ein Dichter, aber er war auch ein praktischer Politiker. Als er daran ging, die Idee des Judenstaates praktisch durchz.iiführcn, hat er sich sofort der zionistischen Idee bemächtigt und hat sich sofort dem Zionismus angeschlossen. Rr ist Zionist geworden. Als aber Zaugwill ging, seine eigenen Ideen durclizuführcn, hat er sich vom Zionismus getrennt, wollte er nicht mehr Zionist sein. Dr. Herzl hat die glcichdenkcnden Juden vereinigt, den Kongreß geschaffen, er hat die Juden aus der ganzen Welt zusaimuengeführt. Zangwills erste Tat war, als er daran ging seine Ideen durchzuführen, daß er sich von der Organisation trennte. llerzl hat Rimmz-Iitstltiitioncn geschaffen, die jüdische Kolonialhank, den Nationalfond, die doch schließlich keinen andern Zweck halten, als Palästina zu kolonisieren, Juden dort aiiz.nsicdcln. Zangwills erste Tat alter war, diese IiistJliilloitcn zu hekiiinpfen, Prozesse g e g e 11 11 n s 7.11 führen, um unserer Bank zu schaden. (Hört, hört!) llerzl hat mit der englischen Regierung wegen Rl-Arisch, eines Stückes von Palästina, verhandelt, welches jenseits der türkischen Grenze liegt. Und als die Verhandlungen daran scheiterlcn, daß dieses Oeltiel für uns nicht brauchbar war, da entwickelten sich daraus die Verhandlungen betreffend das Ostafrika-Projekt. Dort wollte llerzl ein sogenanntes Nachtasyl schaffen, wenn-■ das Land dafür geeignet schien. Zaugwill war dafür, er wollte aber, als unsere Kmuiii'ssion uns berichtet hatte, daß Ostafrika für uns ungeeignet sei. trotzdem dorthin gehen und dort kein Nachtasyl, sondern eine Heimstätte für das Jüdische Volk schaffen, Dr. llerzl lmterlinndcltc zu derselben Zeit mit dem früheren Sultan Abdul Hamid: der Sultan stellte ihm die Rinwa'iderung der Juden in der Türkei frei. Herzl leimte dies sofort ah und sagte, die Lösung der .ludenfrage könne mir in einer iiidlsclicu Helmut. in einer jüdischen Heimstätte, in einem Zentrum erfolgen, und das jüdische Zentrum könne nur Palästina sein. Zaugwill hatte genau denselben Gedanken und dieselben Ideen und — geht nach Oalvcston! Herzl war ein Dichter, kein jüdischer Dichter.! Als er zu 1ms kam. wußte er wenig vom Judentum, j Rr lull sieli aber hiueingcfiihlt und hat ״Das Neue! Cllictto" geschrieben, ein Drama, in welchem er bcweist, daß das Heil des jüdischen Volkes mir in seinem Bekenntnis zur Nationalität liegt und daß die Assimilation für uns Juden ein Unglück ist. Das hat llerzl getan! Zaugwill, der jüdische Dichter, der sich als Nachfolger Her/Ts erklärt, schreibt sein ״M e 11 i n g - po t"! i Zaugwill gibt uns einen guten Rat. Nachdem er gefunden hat, daß alles tot ist. findet er kein anderes Mittel, als daß die Juden nach Amerika aus*! wandern und lieber Amerikaner als Ottomanen werden sollen. Dieser Rat ist nach meiner Ansicht überflüssig, er kommt auch viel zu spät. Die Juden sind nach Amerika aiisgewamlcrt. lange bevor Zaugwill zur Welt kam. Ich muß aufrichtig sagen, es ist schwer, hei aller Achtung vor der Person Zangwills, seine Rat* sehläge in jüdischen Angelegenheiten zu befolgen, d e 1111 er hat zu oft seine M c i 11 ti n g geändert. Rr hat auch den Glauben an das jüdische Volk verloren, an dessen Zukunft er verzweifelt. Aber ich möchte dem Meister des jüdischen Witzes empfehlen, er solle nicht den ludenwitz mit dem .Imiensclmierz verwechseln!" (״Hört, hört!" Leb* 1 liaftcr Hcifall.) | Präsident Woliisolui (׳jin: sodann auf die Vor*! gütige auf den Kongreß in Hamburg und auf das Verhatten der Opponenten ein. indem er im wesentlichen seine Ausführungen in Lern borg inhaltlich wiederholte. Bezüglich der Verlegung 41er Partei* Icitung äußerte sich Präsident Wolnsohn dahin, daß er London als Ort der Leitung für geeigneter halle als Berlin. Vorausgesetzt hierfür sei aber, daß die englischen Zionisten ihre Differenzen untereinander j beilegen und sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen! würden. Zum Schluß ging Präsident Wolffsohn auf j die neuen Verhältnisse 111 der Türkei ן ein und fuhr fort: 1 ״Rs ist gefragt worden, ob wir durch die Um. wälzimg in der Türkei und durch die Riiifulirung Konstitution in diesem Staate uns besser stehen odcr nicht. Das ist nach meiner Ansicht eine 1nüüige Frage. Selbstverständlich steht cs jetzt für m1sur.. Aussichten und unsere praktische Arbeit in P.ilastm, bedeutend besser als wie jemals zuvor. In Türkei soll jetzt Freiheit herrschen. Hs ist njc|״ mehr die alle Wirtschaft, sondern Freiheit und Gleichheit für alle. Rs ist seihst verständlich, t|a|; man unter solchen Umstünde., viel eher etwas jn Palästina unternehmen kann als früher. Aber mit dem Ausrufen der Konstitution ist noch nicht üjc 1 leiheit und auch noch nicht nie Gleichheit!״U] Ordnung da. Rs kann nicht über Nacht das gut ־<c. macht werden, was Jahrhunderte früher vcrdorl>;.n haben. Ibis türkische Volk um! die türkische• |(c. gierimg Italien jetzt sehr viel zu arbeiten. I'.s noch sehr lange dauern, bis sie das erreicht |1,,|a.״ was andere Völker schon lange besitzen. Nur ,ן!!^ .scheint absolut sicher zu sein, daß die Tu:i;1.j jetzt die Freiheit behalten w. r d, und dal; die Ordnung, die diesem Staat zu wim> j!ctl' ist. ganz bestimmt kommen wird. Di rK.. setze müssen, dort so geändert werden, daß sie• . |a Türkei ermöglichen, ihre Kräfte zu entfalten. V(,״ dem Augenblick an, wo das türkische Volk!' gehen wird, hei sich seihst Ordnung zu sclianei. Jrj es cinschcn müssen, daß es uns Juden sehr g; ■iv. brauchen kann. Die türkische Rev׳if>rung wi!. K;, überzeugen, daß sie keine besseren Rinwamkrc•! . kann als die Juden. Und das. meine Dame:■;;״j Herren, müssen wir vor der ganzen Welt lieh. , <1 a II das j ii d i s e 11 e Volk n o c h 1 c! u J bessern Freunde gehabt als s türkische Volk. Man braucht das nick, erst durch viele Rede zu beweisen, die Tatsachen / es. Rs gibt kein Land, wo Juden gelebt habe:• mj nicht verfolgt worden sind. Nur ein einzige^ .!!!J das Ist die Türkei. In der Türkei hat noch nie ein Jude geinter er Jude war, und ich glaube. 4l׳e Türkei wir.! .! J! keine bessern Freunde haben. wL uns Juden Wir Juden haben die Rigcnschaft. daß wir iiliei.in, w! wir uns ciiigclebt haben, die besten Bargt: us Landes werden. Wir sind manchmal amerik. .!!er als die Amerikaner, deutscher als die Deutsche:, ich hin überzeugt, daß. wenn wir in Palästina sind, vir bessere Ottomanen sein werden, wie die Olt!1.׳. :an seihst und deswegen muß die Tiirkei zu dem s.;:!11;; kommen, daß sie die Rinwanderung von Juden gerne annelmieii wird. Sic möchte schon heute die Lm- Wanderung gerne selten, nur will sie keine /eist: .!te Rinwanderung, aber Dr. Nordau hat es auf dem Ict/teiiKongrell schon klar ausgedrückt, daß es nicht unsere Sache sei. die Juden unter den gleichen lk׳• dingimgen von dem einen Lande in das andere zu verpflanzen. Unser Ziel ist auf dem Boden unserer \׳äter eine Heimstätte zu linden. Jetzt ist die lichkeit iür uns gegeben, in Palästina intensiv /!! arbeiten, um dem türkischen Volk und der hirkisclien Regierung zu zeigen, was wir leisten können, und ich glaube, dies wird das beste politische Mittel sein, um die Türkei von unserm guten Willen und dem, was wir leisten können, zu überzeugen. Wir \\״lk» jetzt mit aller Kraft in Palästina arbeiten. Aber m!: dem Willen allein ist es nicht getan, wir müssen vor allem auch die Mittel haben, und wir werden die' Mittel erst dann bekommen, wenn wir die große Masse und auch die wohlhabenden Juden aut unserer Seite haben. Rrst dann wird es möglich sein, großes in Palästina zu leisten. Das soll darum der erste I*unkt unseres Programms sein, die großen jüdischen Massen zu werben und zu gewinnen. 11114) dann .:!ich Der gestohlene Segen Ans dem Fnglischeu des S a m u e 1 G o r 41 o n. I. Im Lesezimmer des ״Missionshauses für Juden“ im londoner Osten sah es traulich und gemütlich aus. Dicke Teppiche bedeckten den Boden, ein freundliches I*'euer brannte im Kamin. Fs war wirklich ein recht netter Aufenthalt, an soeinem rauhen und stürmischen Februar-Abend. So dachten auch die drei oder vier Personen mit mürrischen, gleichgültigen Gesichtern, die, in ihre Bücher und Zeitungen vertieft, im Zimmer sallen. Und so schien auch der Pfarrer Michael Rubcnstein zu denken, der am ßibliothckarpult mit dem Hiuricltten des Kntalogcs der Büchersainmlung beschäftigt war. Sie sahen :»Ile auf, als ein junger Mann ein* Irat, der auf der Schwelle sielten blieb und mit der schüchternen Neugier eines Fremden um sich blickte. Der Pfarrer Michael Rubenstein stand sofort auf, ging ihm entgegen und bc* grüßte ihn, wie es bei den Juden üblich ist, mit ausgcstrecktcn Münden. Lin flüchtiger ,Freuden- Schimmer huschte über das Antlitz des Angekommenen. Gern folgte er der Aufforderung, sieh nahe an das Fetter zu setzen. ״Seil zwei Nächten und zwei Tagen laufe ich in den Straßen herum“, klagte er. ״Mein Bruder hat mich vom Schiff abgeholt, auf dem Wege!׳dielen wir auf einmal in eine Menschenmenge, tnul ehe ich noch wußte, was geschehen war, wurden wir getrennt. Ich habe ihn ge* stiehl; aber grade so gut könnte ich eine Stecknadel in einem 1 leithatifen suchen. Ich weiß kaum, wie er aussieht. Seit fünfzehn Jahren ist er von Kamorka fort.“ Der Pf ״wer Michael Rubcnstein fuhr cm* por. ״Kamorka, — kommen Sie von dort her?“ fragte er. ״Ja, in Podolicn.“ Rubenslein nichte. O ja, er wußte recht gut, wo Kamorka lag. ״Wir werden Ihnen helfen, Ihren Bruder zu finden,“ sagte er. Und inzwischen können Sie hicrbleibcn.“ ״Aber ich kann nächst bezahlen,“ rief der junge Mann verzweifelt. ״Machen Sie sielt deswegen keine Sorgen. Sind wir Juden nicht alle Brüder?" F.iu dankbares Leuchten kam in des Freittden müde Augen. ״O, ich wußte, Gott würde mich nicht ver* lassen. Mit klopfendem Herzen trat ich hier ein, wo icli die hebräische Inschrift an der Tür gcsehen hatte, und wußte nicht, welch einen Lmp• fang ich finden würde. . ״Sagen Sie,“ unterbrach ilm der Pi'anvr Ruhensicin mit abgewandten Augen, ״Sie haben doch einen berühmten Rabbi in Ihrer Stadt, tmiu wahr? ״Linen großen und berühmten Rabbi. Naphtali Sophar.“ ״Fr muß schon sehr alt sein; — geht י'י ihm gut?" ״So gut, wie es ihm bei der Heimsiiclu: 1g gehen kann, die Gott über ilm verhängt lim “ Rubenslein nickte abermals. Das Unglnek des Rabbi von Kamorka kannte er recht gut. ״Aber des Rabbis Frau starb im vorigen Jahre," fuhr der junge Mann fori. Hin gequälter Ausdruck kam in des Kcv. Ruhensieins Antlitz, ״Also des Rabbis Frau starb im vorigen Jahre, so — so“ — wiederholte er wie aß* wesend. Pr brach ab und folgte 41er Richtung der Augen des Fremden, die vor Schrecken weit aufgerissen waren. ״Was ist Ihnen, mein Freund?“ ״Was — was ist das?“ stammelte der junge Mann und wies auf ein Kruzifix, das in einer Wandvertiefung nahe beim Feuer hing.