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Jüdische Rundschau · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nissan 5670 XV. Jahrgang .,Religiöse Intoleranz“ ויו preußischen Hause der Abgeordneten, im . Imterhause“ der preußischen Peerskain־ •11er. ״ urde wieder einmal von ״religiöser In־ :jlei• mit Bezug auf die Juden gesprochen, lign;wo in der unmittelbaren Nähe der Reichs* liaup 1 uit Berlin ist ein jüdischer Medizinalpraki .״tut, der sich bei einem Krankenhause zur Ableuuuig seines praktischen Jahres meldete, utih'1 deutlicher Berufung auf sein Judentum zu־ ruck; wiesen worden. Die gänzlich unange־ brat!.;- und überflüssige Offenherzigkeit, mit der 1 י geschah, ermöglichte es liberalen Abgeoriln :•ווי, auf diese flagrante Verletzung der den Jude:, siaatsgeseizlich gewährleisteten Gleich־ berc.imgung hinzuweisen und den Minister — J:e>1::.:i heißt er von Molike — wegen dieser ..religiösen Intoleranz“ zu interpellieren. .V1.u1 kann nicht behaupten, daß die Klage im Ai'geordnetcnhause ein starkes Echo gefun־ den lulle, jedenfalls interessierte sie das Hohe H;ub weil weniger als seinerzeit die Bülow־ selten l iraden über die ״Schnorrer und Ver־ scIiu mvi״ und die freilierrlich Hammerstein־ schui Witze über Karfunkelstein und Janina IkTSou. Der Herr Minister schwieg sich zu• /:.iclM •iumal aus, und ob er nun noch im wei- Kien Verlauf der Debatte geantwortet hat oder nicht. 1>t am I;nde auch herzlich gleichgiltig. Wir m warten davon keine Acnderung des herrschendin Zustandes. Auch des Obersten Oädke in letzter Zeit urscbicdcntlieh wiederholte Bemühungen, den preulSLchen Kriegsminister auf seine uulo־ psduii Behauptungen in der Frage der Fniennung hezw. Nichternemumg von Juden zu Re- HTivofiizieren, so sympathisch uns diese für ihn \veni-: erfreulichen Kämpfe eines Nichtjuden be* fuhren, scheinen uns eine Danaidenarbeit. Herr Gidk.• fragt am letzten Montag im B. T. die Miliiü,Verwaltung, ob es wahr sei, daß ״Juden, die iu Frieden ihre Beförderung nicht erreichen b11׳m n. für den Krieg dennoch in 0ff 1 ׳iersstcllcn verwandt werden sol- 101“, ob cs wahr sei, daß ״jüdische Untcroffi- *icro 1ach ihrer ersten Hebung für die Mobil־ mach; jsg sogar als Leutnants bei aktiven Ba־ taillo •.n vorgesehen sind.“ Und er knüpft darand : Bemerkung: ״Fine merkwürdige ״Kriegs־ 1'זחוחי itigkeit“, die nur während des Friedens beste!,t.“ hieße unseres F.raclitcns die Intelligenz hreuf; scher Minister gar zu niedrig einschätzen, 'w׳nn n;an ihnen Zutrauen wollte, daß sie alle die z ,!illosen Widersprüche nicht sehen, in die Slc si 11 beim leisesten Versuch einer Vcrteidi־ png des herrschenden Systems verwickeln. Des• halb ׳;dien sie, wo es augeht, das Schweigen v°r• Man sollte dieses beredte Schweigen zu Mirdi; on wissen und es ihnen zur Ehre anrech־ ncn zeugt es doch von einer gewissen Scheu v°r unehrlicher PJirascnmachcrci. Aber man auch die entsprechenden Kon- Secl uenzen daraus ziehen. Mail sollte da• v°n ablasscn, ewig einzelne kleinere oder Krößcie ״Fälle“ herauszugreifen und dipen 0^r jenen Minister damit zu ärgern, der doch tut, was er innerhalb des gegenwärtigen “cgicrungssystcms einfach tun ni u ß, und man sollte statt dessen bei jeder Etatsberatung das ganze herrschende durch und durch a n t i s e ־ mitische Regierungssystem kenn־ zeichnen und bekämpfen. Und an Beweisen dafür, daß unsere Regierung —- und nicht nur sie, sondern alle herrschenden Kreise der Gesellschaft —■ von absolut und durchaus antisemitischem Geiste durchtränkt ist, fehlt cs doch wahrlich nicht. Was besagt der eine abgewiesene jüdische Medizinalpraktikant gegen die systema־ tische Zurücksetzung der jüdischen Dozenten nn den U n i v e r s i t ä t c n , der jüdischen Aerztc in der Armee, was die Nichternennung einiger jüdischer Reserveoffiziere gegen die im System liegende Duldung und indirekte Förde־ rung hochgeborener antisemitischer Leute* Schinder vom Schlage des famosen Grafen Gersclorif, die einer Unzahl jüdischer Soldaten den Dienst im Heere zu einem wahren Martyrium gestalten! Und was besagt das alles wieder gegen eine antisemitische Politik von so eiserner Konsequenz wie sie die preußische Regierung in den O s t m a r k e n betreibt — ob zu ihrem eigenen Schaden, das sollte nicht unser Kopfzer־ brechen sein! Eine Politik, durch die innerhalb von sechzig Jahren die jüdische Bevölkerung allein der Provinz Posen von S1000 Seelen auf wenig mehr als 30 000 Seelen g c ־ s unken ist. (Vergleiche die Denkschrift des Verbandes der Deutschen Juden von Justizrat Breslauer und eine eben erschienene Arbeit von Dr. Rudolf Wassermann im 5. Heft der Zeit־ schrift für Demographie und Statistik der Juden.) Aber freilich, um dieses System als das zu kennzeichnen, was es ist: ein System der bcwußten Niederhaltung, Unterdrückung und Ausschaltung der Juden durch die Regierung, also einer zielklaren antisemitischen Politik, — dazu müßte man sich von dem Märchen der ״religiösen Intoleranz“ erst einmal befreien. Und das fällt anscheinend unseren I.ibe- •alcn gar zu schwer. Warum? Weil man m letzten Grunde dasselbe Ziel 1 a t wie die Regierung! Weil man 1ur bedauert, daß die Regierung statt mit dem Zuckerbrot mit der Peitsche arbeitet! Weil das Ziel, das die Regierung ganz klar und bewußt ׳erfolgt, nämlich die Auflösung des [udentums, seine Assimilicrung, am letz־ cn Ende auch das Ziel unserer Liberalen ist. Bei der Regierung liegt die Sache s o Mar, faß sie nicht eigentlich sollte bestritten werden cömien: der getaufte Jude, der das Juden־ um nei'iert und die Assimilicrung cingestan־ ienermaßen erstrebt, erreicht alles, was er nur ,vill. (Unsere Regierung erstrebt also noch licht die rassenmäßige Fcrnhaltung der Juden, A׳ie die russische Regierung beispielsweise, die jereits beginnt, auch die getauften Juden noch 11s solche zu stigmatisieren!) Die Staatsregie־ ״ung wünscht also offenbar das völlige Aufrehen der Juden in der übrigen Bevölkerung - daher der Preis auf die Annahme der Taufe, Jenn daß im allgemeinen n 1 c h t gerade die üchtigsten und besten Juden sich taufen assem ist sicherlich auch den leitenden Kreisen <ein Geheimnis. Wenn aber die Liberalen sich andauernd 50 stellen, als sähen sic in dieser ganzen Politik nur einzelne Fälle ״religiöser Intoleranz“, so eben deshalb, weil sie glauben ־— und vielleicht kennen sie da eine gewisse Schicht der Judenheit besser als die Regierung! — daß einige kleine Ausnahmen von dem antisemitischen System, so etwa ein Dutzend jüdischer Offiziere und noch eine Anzahl jüdischer Richter etc. die Assimilicrung der deutschen Juden viel mehr beschleunigen würden, als es der intransigente Antisemitismus der Regierung je erreichen wird. Weil sie ganz richtig einselien, daß dieser das gerade Gegenteil bewirkt. Weil wir aber als J u d e!1 fortexistiereii wollen, weil uns die Erhaltung unserer jüdischen Art von wesentlicher Bedeutung ist, deshalb muß uns der offene Gegner lieber sein als der heimliche Feind. Und im selben Maße, wie wir die nicht zu leugnende, durch nichts als durch eine antisemitische Geistesrichtung hervorgerufene Zurücksetzung der Juden durch die Regierung bekämpfen — im selben Maße, eher noch um eine Nuance schärfer, müssen wir die zur Erklärung dieser Politik von den Libcralcn hcrangc/.ogenc P h r a s e von der ״religiösen Intoleranz“ bekämpfen. Es ist nicht religiöse Intoleranz, die uns im Wege steht und uns schädigt und schikaniert, sondern unverhüUter Antisemitismus, zu deutsch: Judenhaß. Von den Schutzjuden, den Ghetti, dem gelben Judenfleck führt eine gerade Linie bis auf unsere Tage. . . . Wolffsohn in London Präsident Wolffsohn unternahm in der Woche vor dem Passahfest eine Reise durch England, wo er in London. Manchester und Leeds in grollen Meetings sprach. Wir gehend nachstehend einen Auszug aus der Londoner Rede: ״Meine Damen und Herren! Ich danke Ihnen ihr die Resolution, die Sic soeben angenommen haben. Es ist manchmal sehr gut, wenn man auch ein derartiges Vertrauensvotum cntgegcruichmen kann. Mein verehrter Herr Vorredner. Dr. Straull, hat vorhin von Chomez gesprochen. Ich möchte zunächst das Chomez unter uns, das Fremde, wegräumen, bevor ich zu der Hauptsache komme. Ich mochte etwas über unsere Gegner sagen. Icit glaube, es ist notwendig, daß wir einmal auch darüber sprechen. Gegner hatten wir immer. Von der ersten Minute an. als Dr. Hcrzl den Ruf an uns hatte ergehen lassen, bevor wir noch zum ersten Kongreß nach Hasel gingen, hatten wir schon Gegner, die uns bekämpften. Es waren Juden, die fürchteten, daß der Zionismus ihnen schaden könnte. Sic furchteten die öffentliche Diskussion über jüdische Angc- Icgcnhcitcn. Das war früher; heute scheint die Gegnerschaft allmählich nachgelassen zu haben. Wir haben auf dem letzten Kongreß in Hamburg die Freude gehabt, daß die Svnagogcngcmeindc Hamburg sowie die Naclibargcmeinden ihre Vorstände zum Kongreß schickten, um ihn zu begrüßen. Wir haben heute nicht mehr so viel Gegner. Bei den Nichtjuden haben wir nie eigentliche Gegnerschaft gefunden. im Gegenteil, wir haben überall Sympathien erworben, besonders hier in England, wo das größte, älteste und beste zionistische Buch gelesen und studiert wird, die Bibel, die hier im englischen Volke heimisch geworden ist. Diese Nation hat uns von vornherein große Sympathien cntgcgcngcbracht und wir werden cs niemals vergessen, daß cs die englische Regierung war, die uns zuerst ein Land angeboten hat, Ost-Afrika, wenn auch nicht Palästina; daß die englische Regierung cs war, die den zionistischen Gedanken praktisch-staatsin finnisch anerkannt hat. (Lebhafter, langanhaitender Beifall.) Aber gerade hier in England, und

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