Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2Ö0. dieses Werkes, dieses Wortes Erlösung wollen, so meinen wir damit, dad wir für unser Volk ein Land wollen und ein großes, freies, gesundes Leben, dall wir fiir unser Volk eine Schöpfung wollen aus ungeiriibtein, ungestörtem innen! Wesen heraus. Ich glaube, dall das Judentum vor allen Völkern berufen ist, eine grolle geistige Synthese des Ideals zu schuf• feu, und ich glaube, dall die Keime religiösen l'.rncucrus. dall die Mächte religiösen Werdens, die dieses Volk erschüttert haben von seinen Anfängen bis auf unsere Tage, dall diese Mächte einen Ausdruck finden werden, der — so fühle ich in meinem Herzen ־״ grüner und mächtiger und heiliger sein wird als alles, was das Judentum bisher der Welt gegeben hat. Dies, meine ich, ist die Stellungnahme des Juden, der sich als Juden erfaßt hat, zum Judentum. Daraus ergibt sich von selbst seine Stellung zur Umwelt. Ich schalte jetzt die Drage Ost und West aus. Ich will hier nur von den westlichen Juden sprechen; und da meine ich, unsere Absicht kann nicht die sein, die Kultur, in der wir leben, einfach als eine fremde Kultur zu empfinden und uns von dieser Premdlierrscliaft zu befreien. Denn diese Kultur ist ja von unseres blutes innersten Kräften verarbeitet worden, sie ist ja ganz und gar unser eigen geworden. Diese Kultur ist in uns in Wahr• beit keine deutsche Kultur mehr, wenn es sich um Deutschland handelt, sondern sie ist etwas Neues gcworden, eine deutsche Kultur, die von Juden miigcschaffen und umgebildet wurde mul zu etwas Jiidischein umgenrägt wurde. Nicht um das Aufgehen in einer andern Kultur kann cs sich handeln, wohl aber darum, dall wir uns frei machen von der Herrschuft einer fremden Kultur über 1ms. Wir wollen und dürfen uns bewußt sein, dall wir. die wir diese Kultur in uns auigeuommeu haben, in einem gewissen Sinne mehr noch als irgend ein anderes Volk der Kultur eine Mischling sind. Aber wir wollen nicht die Sklaven, sondern die Herren dieser Mischung Still. Die Selhstheialiiing des Juden hat ihre Tragik und ihre (»rolle. Demi wenn wir uns bejahen, dann fühlen wir, wie ich schon sagte, die ganze l'.nlar• ttmg mit, aus der wir unsere kommenden Ocschlcchtcr befreien müssen. Aber wir fühlen auch die Größe dieser' Selbsthej.ilmm:, wir fühlen, dall noch Dinge in 1ms sind, die nicht hiuausgcstellt worden sind dall noch (iedauken in uns sind, die niemals gesagt wi lden sind, dall noch Kralle in uns sind, die auf ihren Tag warten. Lind diese Tragik und diese (»rotte des sieh bejahenden Juden, dies nun ganz nicht zu denken, nicht zu meinen, sondern in sein Lehen :•ufz.iiuelunen, das lieillt als Jude leben. Nicht um ein llckemituis haiulclt es sich, nicht um die Erklärung der ZugehürigKcii zu einer Idee oder /u einer Bewegung, sondern durum, dall der, der dieses Ideal in sich atifgenoiiimcn hat, nicht blolt anders denke als bisher, sondern auch in Wahrheit anders lebe, dall er sich in den kleinen und grollen Krisen des Lehens von den Schinken der Preimllterrschaft in uns reinige, datl er aus dieser Zwiespältigkeil unseres Daseins sich finde zur Einheit, zur inner״ Versöhnung, mul dall er in seinem!.eben ein ganzer Mensch und ein ganzer Jude werde, denn das bedeutet fiir den, der diese Dinge gefühlt hat, ein und dasselbe. Hs ist mit dieser Reinigung, mit dieser LTcimuelumg vom branden, mit diesem Sieh-Hrgreifen und Sicli-Stelleu auf den ganz eigeneu Hoden der jüdischen Seele, damit ist — um noch einmal das grolle Wort zu neunen eine Selbsieriüsimg gemeint, damit ist gemeint, dall jeder von uns sich seihst befreie und erlöse. Denn wie die alten Juden der Urväterzcit, um sich aus ihrer menschlichen Zweiheit ״der ״Siindc" zu befreien, sieh ganz an den niclitgezweiten, an den einen einheilliehen (lott liingaben, so sollen wir, die wir in einer andern, einer nationalen, besonderen Zweiheit stehen, uns davon befreien, nicht durch Hingabe an einen (lott denn heute haben wir keinen Gott sondern durch Hingabe an unser eigenstes, innerstes Wesen, an die Einheit in uns, die so stark, so fest, so einheitlich und einig ist, wie der einige und einheilliehe Gott, den die Juden damals aus ihrer Kinhcit hiuausgcstellt und an den Himmel ihres Daseins hinaiifuelioheu Imben. Als ich ein Kind war, las ich eine jüdische Sage, die ich nicht verstehen konnte. Sic erzählte nichts weiter als dies: ״Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger llcttler und wartet. Hs ist der Messias," Damals kam ich zu einem alten Mann und fragte ihn: ״Worauf w׳artct er?" Und der alte Mann sagte mir etwas, was ich damals nicht verstand und lange melit verstehen konnte; er sagte: ״Auf Dich!" Heute verstehe ich es so, dall ich nun zu jedem Hinzclncn von Ihnen sagen kann: Er wartet auf Dich. — Gern würde ich ihnen ztun Schlüsse ein helleres, freundlicheres Wort sagen. Aber es ist eben eine Stunde nicht der leichten, fröhlichen Rede, sondem eine Stunde der Tragik und der Größe, in der wir leben. Und so kann Ich Ihnen kein besseres _J U 1: D 1 SCH 1?. RUNDSCHAU Wort zum Schilift sagen, als das Wort jener Sage, das altes sagt, was ich liier darzulcgcn versuchte: ״Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Hettler und wartet ...." « AUS ALLCR W€LT :: Deutschland ,•Tierschutz.*‘ Der Herliner Tierschutzverciti und der Verband der Ticrscliutzvereine haben Petitionen an den Reichstag gerichtet, In denen sie um ein Vctbot des Schächten* eiiikoimiien. Diese Pordcrimgcn werden natürlich unter dem Mantel christlicher - Ticrliehc eiiigebracht. Vermutlich haben die Herren, die , hinter dieser Petition stehen, keine Ahnung von dem Wesen des Schlichtens, sonst würden sic nicht immer wieder mit dem Ammenmärchen der Tierciuälcrci kommun. Denn cs ist unwiderruflich und endgültig iiaohgewiescu, daü das Schächten ebenso wenig oder besser gesagt ־ ebenso sehr quülcrisch ist, als das christliche Selilaehtverfahreii. Sowohl bei dem einen als auch hei dem anderen Verfahren, kann die Prozedur niillgliieken, dadurch unterscheiden sich die beiden absolut niclit. Aber selbst fiir den Pall, daü das jüdische Scliäelitverfaliren den Sclilachtlieren gröbere oder längete (,hialcn verursachen sollte w׳as wir ganz energisch in Abrede stellen — erstellt da noch eine andere Präge. Hin grober Teil der Juden besteht unbedingt auf der rituellen Schlachtung. Hin Vorhot derselben würde ihnen die grollten Gewissenslind Seelentpialen verursachen. Wie steht cs nun, v.enn der Ticrsclmtzvcrcin zu wählen hat, zwischen den menschlichen Seelenschmcrzen und den Leiden der Tiere? Aller noch etwas anderes. Hin Tier.schütz, verein hat doch mir dann eine moralische Berechtigung, wenn er imtei Verhältnissen wirkt, die es nicht notwendig machen, auch Menschen Schutz aiigedeihen zu lassen. Wo dies erforderlich ist, miillte er cs ais seine erste und vornehmste Pflicht empfinden. Aber ist das auch der l'all? Hat ein Tiersehutzverein ein einziges Mal interveniert, als gegen die Juden die grausamsten Vergewaltigungen inszeniert wurden? Als die Pogrome in Rmlland und Rumänien stattfanden? Da werden die Herren sagen: Das konnten wir doch nicht. Diese P.rciguisse haben sich ja aiiüerliaih unserer nationalen Grenzen abgespielt. Gut. Aber hat der Oesterreichischu Ticrschutzvcr• ein auch nur das geringste gegen die Pogromandroliimgen im Oestcrreicliischen Reiclisrate unternominell? Oder hat der Deutsche Verband Stellung genommen gegen die bestialische Behandlung judischer Auswanderer auf deutschen Schiffen? Oder gegen die Miltliaiidliingen jüdischer Soldaten im ueiitschen Heer? Uder hui er protestiert, dall, wenn diese edlen Herren endlich die verdiente Strafe erhalten Italien, diese so lächerlich milde ausficl? Haben diese Herren, die• sich seihst zu den Vcr• treten! menschlicher Barmherzigkeit auserkoren haben, jemals etwas derartiges getan? Nein! Niemals! Niehl ein einziges Mal! Und darum sprechen wir ihnen jedes Recht ah. lur Tierschutz cinzutreten, so sehr wir auch die Notwendigkeit einer derartigen Bewegung mul Bestrebung anerkennen. Die Herren mögen uns jetzt nicht etwa antworten: Das liegt aiiüerliaih unseres Tätigkeitsfeldes! Denn grade dadurch zeigen sie ihre ganze, jämmerliche Halbheit und richten sieh seihst. Denn wie kann man jemandem glauben, dall cs ihm Ernst darum sei. notleidenden Tieren zu helfen, wenn er nichts tut um den tausendmal mehr leidenden Menschen zu helfen?! Nein, vorläufig haben die Tierschutzvereine noch nielu den Beweis ihrer moralischen Berechtigung erbracht. Mit dem Momente aber, wo sie eine derartige Petition einbrachten, haben sic jedoch nicht mir ihren Wirkungskreis in der unverantwortlichsten Weise überschritten, sondern haben sich sogar ganz leichtfertiger Unwahrheit schuldig gemacht und haben in jeder Weise gezeigt, dall sic nicht die ethische Reife besitzen, welche sic zu derart barm• herzigen Werken befähigen könnte. Diese Hingaben besitzen daher, da sie Jeder positiven (hiuullage ent* hehren, einen rein antisemitischen Charakter, der uns veranlassen lnufl, die Konsequenzen zu ziehen. Wir wissen, daü ein enorm hoher Prozentsatz der Mitglieder der Deutschen Ticrscliutzvereine Juden sind; dad ferner ein enorm hoher Prozentsatz der Hinnahmen aus jüdischen Taschen kommt. Was werden diese jüdischen Mitglieder nun tun? Unscres Erachtens nach, gibt cs hier nur eine Möglichkeit: Jeder einzelne, der auch nur das allergeringste jüdische Ehrgefühl besitzt, in dem noch ein Funken jüdischen Stolzes glimmt, der noch ein klein wenig Rückgrat besitzt, muß an seinen Verein das Vcrlangen richten, die genannten Petitionen unverzüglieh zurilckzuzichcn. Sollte dies nicht die gcwünschte Wirkung haben, so muß er die Konsequenz No. 17. ziehen und aus dem Verein austreten und ihm jede lernerc Gcldzuwctulmig verweigern. Das wird dm erwartete Wirkung nicht verfehlen und die Deutsehen Tierselmtz.vereme werden sieh wieder ihrer Aufgaben bewußt werden. Darum bitten wir jeden Juden, ja. verlangen c« von ihm, dal! er diesen Weg eiusclilagt, der der einzig ehrenhafte und wirksame ist. Ha Atur. Die ״l'rniikfurler Zeitung“ brachte vor •:i,•;^״ Tagen einen viel beachteten Artikel unter *le»* Uei׳cr- Schrift: •Die Zionistische Bewegung“, in dem kurze Auszüge aus den ihr anläßlich des Ha1.!hm.:׳:r Kongresses ziigegangcnen Briefen, Ziisclirift’jn n j Artikeln für und wider den Zionismus veröffentlichte. Wir müssen mit einem gewissen Bedauern «kr ״Prkft. Ztg.“ recht gehen, wenn sie sagt, daß :111• serc Meinungen noch recht ungeklärt sind!:.•eU den ihr ziigegangcnen Zuschriften zu in teilen. Aber es wäre ihr ia allerdings ein Leichtes gewesen. v,:h einen ganz authentischen Bericht zu verschaffen und uns so wenigstens diesen einen mul vielte!.In auch andere - Vorwürfe zu ersparen. Mau h. •,״ docli nicht die unklaren und falschen Ausriistm,׳,;>•!! nicht autorisierter Einzelner mit den Zielen und Al!• sichten der Bewegung identifizieren. Ueherall gilt! vs Mitläufer und P.igenbrödlcr — wenn über eine so,11׳• demokratische Präge diskutiert würde. Könnte >:•״״ ״Prkit. Ztg." mindestens ebensoviel divergiere!• k Zuschriften ans dem soziaUb mokrutiselieti Lager• :• zeichnen. Doch lassen w ir der ״P r a n k f u r t! r Zc i t u n g" das Wort: Man sieht, die Meinungen gehen noch re.;!; weit auseinander Unsere eigene Meinung ha! .!1 wir wiederholt xnm Ausdruck gebracht. *r haben 1ms namentlich gegen die Idee eines ji. li• sehen Nationalstaates gewandt, welche die En.״:!• z.mntionsbewegung nur stören und durch die Zasamtnenwerfnng des religiösen Moments mit eimm nationalen mir Uuln.il nurichtvu wurde. P.m ,׳!.׳■ meiiisames nationales Imlentum gibt es mJn mehr. Die Juden der verschiedenen Länder mi .S in ihrer Eigenart durchaus \erschiedeu, und e• wiirde verhängnisvoll sein, liier mm natini,.!!!.• Zusammenhänge zwischen kulturell uod der g.!n- N-,zen Anschauungsweise necli gar nicht homogvnu;;Gruppen schauen zu wollen, die nur die Rebe!••!. ( und eine weil zm iickliegenle historische l k!•; lieferimg gemeinsam haben. Das wiirde auch mir dem Antisemitismus willkommene A11griitspm;k:c bieten. Ps ist ourcliaus falsch, daß die J.hIvi aller I .imlcr eine unnäbernd einheitliche N.!;1 •>• bilden. Daraus aber, daß einer der P.insesukr oiicn f’ir die Stamierung einer jüdischen San■ 11׳ eintriU. wird v.ulil der letzte Einsender aus!!cm zionistischen Lager ersehen, daß es keine 1.1;11:־ rliing der Aiitizionistea ist. wenn sie von s!!L Aspirationen sprechen. Im zionistischen ׳ bestellt eben noch keine volle Klarheit: iast je• Her versteht etwas an leros unter der Bewegm■^ Wenn nur an eine wirtscnaitspolitische Iblis• aktion lur die verfolgten Juden gedacht wu.l. ohne alles natminh: Beiwerk, .so wäre das eine Aufgabe, die sich nicht auf ein bestimmtes Landgebiet und eine einseitige Richtung beschranken dürfte. Wie'die Dinge jetzt liegen, ist u<׳:/ der einlcnkcndcn llamhnrger Beschlüsse dm eh die frühere Schuld der Piihier ein Mißtrauen er• regt worden, das auch den rein wirtschaftlichen Bestrebungen I1inderbvh ist. Die ״Prauktt. Ztg." hat inzwischen von oiü/iukt ־zionistischer Scite einen klaren programmatischen Bericht erhalten und wir dürfen wohl als sicher an• nehmen, daß die ״P'rkft. Ztg." ihn im Interesse der Klärung mul Richtigstellung ebenfalls veiofteiithehcu wird — unsere Leser aber brauchen wir mit einer Erwiderung auf die uns gemachten Vorwur:.־ wohl nicht mehr 7.n belästigen, dem! gerade!•••'׳' haben wir die .nationale" Präge eingehend »:׳•! klärend diskutiert. Mit P'rcudc aber konstaticieii wir. daß die öffentliche Meinung sich immer mein mit unserer Bewegung beschäftigt, beschäftigen mm■ denn totgeschwiegen können wir nicht mehr werden. Dazu sind wir sehen zu stur!;. Ist auch vorlaut:•: und! nicht alles richtig und vieles falsch, was uln! wns beliebtet wird, so wird man lan!1sa1״ doch da׳" gelangen, unseren Standpunkt objektiv mul dann des sind wir sicher z.ustimmcnd. zu würdigen. M. Russland In Petersburg fand vor kurzem eine k״; ferenz. über jüdische Schul- und Bildnngslrageii sia:;• an der außer den Miigliedern des Zcnir.ilkoiniie,•' .1« - ״( I c s e 11 s e 11 a (1 zur Verbreitung v >> Bildung unter den Juden in Ru lila na' und einigen gesellschaftlichen Pührcrn aus Petcrsbm; etwa dreißig Vertreter aus Moskau. Ku v. mms<, Wilna, Riga und anderen Provinz.slüdten ten• nahmen. Zunüchst wurde das Verhältnis der Peter.'־ hurger Zentrale der Bildungs-Gesellschaft zu den rovmz.gruppcn erörtert, in denen siel! das Bestreben bcmcikbnr macht, eine gewisse Selbständigkeit um! Unabhängigkeit gegenüber dem Zentralkomitee zu wahren. Die weiteren Beratungsgegenstände bildeten rhe Frage der Verwendung der PI c i s c h s t c u c r für Jüdische Volksbildungszwccke, die Begründung einer jüdischen pädagogischen Zeit- Schrift, die Regelung des Portbildungs• Unterrichts außerhalb der Schule und die Pest- Setzung eines Normaltypus für die jüdische Elementarschule. Besonders heiße Debatten