Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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JU EPISCHE RUNDS C H A U No. 17. ditcn Elemente der Nation und fühlen wir in uns diese Elemente?01111 es eine nuiionulc Gemeinschaft des Judentums und welcher Art ist sic? Drei lebendige Elemente sind cs, die eine äußere nationale Gemeinschaft begründen: das Land die Sprache und die besonder» Lebensformen einer Na• Nation. Sic wissen: Wir haben kein Land: viele von «ns "ollen eines, manche von uns fühlen noch den Zusammenhang mit dem alten Lande Israels, den sic erneuern möchten. Aber dieses Land unserer Träume, unserer Erinnerung, unseres Willens unscrer lloi;»ung, ist doch nicht unser Land, ist doch 11 ich 1 das Land, in dem wir wohnen und leben Das /weite Element ist die Sprache, ln diesem Problem offenbart sich vielleicht noch tiefer als in dem des Landes die ganze Zerrissenheit, die ganze Irac! des heutigen jüdischen Lebens. Im Osten sibt >•"«' iddisclic Sprachen: die Volkssprache, oail sogenannte Jiddisch, oder wie es manchmal ge• iiaiuii wird, der Jargon, und die Sprache der alten Juden, die freilich in unserer Zeit eine wunderbare Kriic u'inng und Verjüngung erfahren hat, die he-!«räisvlic Sprache. Aber neben dieser Zweiheit der spr.uU• gibt es im Ahcndlandc eine Unzahl anderer Suadien. die von Juden gesprochen werden, ich kann wohl sagen, die ungeheure Mehrzahl der Juden des Westens spricht nicht die jüdische spi.klc. hat nicht eine Sprache, die ihre Qemcin- Kliast begründet. I .א dritte lebendige Element einer Nation sind die hoonderen Lebensformen einer Nation, die gemcin> :neu Sitten, die gemeinsame Art zu leben, die Hi .״!ehe. die beste, kurz alles das, was das Leben gerade dieser Nation gerade so und nicht ander!, gestaltet, so von der Seele dieser Nation gef.'rmt mal gesiegelt. Aber sic wissen, solche allcenuinen jüdischen Lebensformen gibt cs nicht mehr. Ls gab sie. so wie cs ein jüdisches Land und niie jüdische Sprache gab. Aber sic sind nicht mehr. Und so wären wir in der Tat. wenn man nach aalten schaut, ein Volk ohne Volkstum, ein Volk ohne ■lUiicru tirund des Zusammenlebens, und darüber kann uns auch das nicht hinwcghclfcn, was ein :eurer uml groller Toter, der edelste unserer Toten m diesem Zeitalter, was Theodor Hcrzl sagte: eine Nation werde zusammengehaltcn durch einen ger.eins.iiuen Feind. Wir mögen Feinde haben an allen Qnen. aber nicht einmal einen gemeinsamen Feind haben wir. Wenn wir aber einen hätten, dann wiirden wir in demselben Augenblicke, wo der Feind in sich ginge und uns für eine kurze Zeit nicht befeindete. aiiiliören, eine Nation zu sein. Wir wären dann eine Nation auf Kündigung, und zw׳ar auf Kündigung unseres Feindes. So glaube ich. daß Sic mit mir fühlen: Eine äußere Grundlage unserer Gemeinschaft ist nicht da. ball wir aber dennoch zusammengeliörcn und uns als zusammengehörig fühlen, und daß wir wirklich trotz allein einen großen Organismus bilden, der in «rofien Stunden auch so tun und handeln kann wiq ein geeinter Organismus, das. scheint mir, liegt datan, dal׳- in uns etwas stark ist, was man zunächst mit einem nach außen deutenden Worte als ״Ab- Stimmung" bezeichnen kann. Aber diese Abstammung wäre ja nicht ein reales Element im höchsten Seine weiße Mähne stand ihm zu Berge in sdner Wut, seine Augen flammten und seine ßfoßu! Zähne blitzten; er warf sich auf die Scharen der erwachsenen Robben, hieb rechts u״d links auf sie ein, daß sic wie Spreu vor dem Winde auseinanderstoben. Da brüllte der altc Seefang auf und schrie; ״Er ist vielleicht vernkl;L aber er ist der beste Kampier weit und breit, f!reif’ deinen Vater nicht an, er hält zu (!ir. Ich bin stolz, auf dich, mein Sohn, und n)d1r als das. ich will mit dir nach deiner Insel ziehen.“ ine Woche später ging Kotick mit seiner (fast zehntausend Hollusschickic und alte 11) nach Norden zu dem Tunnel der See* Die Robben, die in Novastoschnah zuii’hen, nannten sie Idioten. Aber im näch* liihling, als sic «die im stillen Ozean zunkainen, erzählten Kotick's Robben solche ,igeschichlen von den neuen Gestaden, nmer mehr Robben Novastoschnah vei* Es geschah natürlich nicht auf einmal, Jie Robben sind nicht sehr klug, und sie icn lange, bis sie sich entschließen, aber 1111 der Auswanderer wuchs von janr zu Seite 199. bliine, wenn sic nicht In uns selbst wlrksum wäre, wir würden so wenig Zusammenhängen, wie etwa eine weitverzweigte, aber einander entfremdete Faniilic, wenn nicht diese Abstammung etwas in uns gelegt hätte, was uns zu keiner Stundo unseres Lebens verläßt, was jeden Ton und jede Farbe in unserem Leben, in dem, was wir erfahren, in dem, was wir tun, färbt und bestimmt. Ich meine das Innerliche, das Jüdische in uns, die Macht, die unser Denken, Füllten und Wollen trägt, die Macht, die cs bewirkt hat, daß unser Denken mehr abstrakt mathemalisch als konkret naturhaft, daß unser Fühlen mehr musikalisch als bildhaft ist, daß unser Wollen mehr auf die Umgestaltung als auf die Ausgestaltung des Lebens geht, mit einem Wort: ich meine unser Blut. Denn die bestimmenden Mächte des Menschenlebens, die Mächte, aus deren Wirkung sich das Menscheneben zusammenfügt, sind: die Innerlichkeit und die Umwelt. Unser inneres Schicksal nicht nur, sondern auch unser äußeres entsteht aus dem Zusammentreffen dessen, was wir selbst nn Fähigkeit, an Dis- Position, Eindrücke zu verarbeiten, hcranbringen, und aus dem, was von außen auf uns cindringt und einwirkt, — aus dem Blute und der Umwelt. Von allem aber das Innerlichste in uns ist nicht das, was wir die Persönlichkeit nennen, sondern die tiefste Schicht unseres Seins und unserer Persönlichkeit Ist eben das Blut, ist das in uns, was die Jahrtausende, was die Kette der Väter und Mütter, ihre Art und ihr Schicksal, ihr Tun und ihr Leiden in uns hincingcpflanzt haben, das große Erbe der Zeiten, das wir auf die Welt mitbringen, wie wir auf diese Welt geboren werden; und cs ist, wie ich sagte, nicht bloß die Art der Väter, die wir geerbt haben, sondern cs ist auch das Schicksal der Väter, und alles, das Leiden, das Elend, und — sagen wir es nur heraus -- die Schande, in der unsere Väter Jahrhundert um Jahrhundert gelebt haben, all dies hat unser Blut und hat unsere innerste jüdische Art mitgestaltet. Das sollen wir ebenso fühlen und ebenso wissen, wie wir fühlen und wissen sollen, daß in uns lebt die Art der Propheten, der Sänger und der Könige Judas. Jeder von uns, der auf sein Leben zurückblickt, wird die Spuren dieser Macht erkennen. Wenn etwa der eine oder der andere von ihnen sich das Pathos des Innern Kampfes vergegenwärtigt, das er in manchen Stunden seines Daseins erlebt, so wird er finden, daß hier etwas in ihm weitcrlcbt, das sein großes nationales Urbild in dem Kampfe der Pro* pheten gegen die auscinanderstrcbcndc, zersetzende Vielheit der Volksiriehc hatte. In unserer Sehnsucht nach einem reinen und einheitlichen Leben können wir dieselbe Macht wiederfinden wie einst in der Periode, welche die große essäischc und urchristliehe Bew-egung erweckte. In dem Bestreben nach der Erlösung aus der Zweiheit, an der wir so schwer zu tragen haben, werden wir dieselbe Macht wiederfinden, die das Größte des Judentums, den Messianismus geschaffen hat. Und ebenso werden wir das uns entartende Schicksal der Väter fühlen in der Ironie des modernen Juden, die ja nur ein Werk dessen ist, daß wir Jahrhunderte lang, wenn wir ins Qcsicht geschlagen wurden, nicht mit der Faust zurückschlugen, daß wir, weil wir numerisch und körpcrlich schwächer waren, uns nicht wehrten, sondern uns zur Seite wandten, lächelten und sagten: ״Wir sind eben die geistigen Menschen." — Und so liegt auch die Quelle unseres abstrakten, wcltfrcmden Fiililens unserer oft so unproduktiver Intcllcktualität darin, daß wir Jahrhunderte und Jahrtausende lang keine gesunde, normale Betätigung des Lebens kannten, kein gesundes, vollständiges, vom Rhythmus der Natur bestimmtes Leben führten. Und in dieser ganzen Zerrissenheit. Verlorenheit( Wurzel* losigkeit unseres Lehens durch Jahrtausende hindurch werden wir die Wurzel unserer Skepsis und unserer Verzweiflung finden. , ״ Wenn wir mm wissen, daß diese zwei Mächte in unserem Dasein wirksam sind, unser Blut und un* scre Umwelt, so müssen wir auch erkennen, daß die Umwelt das äußere Schicksal, uns immer nur den S öfT unsercs Erlebens gibt, daß die Form des Erlebens aber unseres Blutes Werk ist, daß unsere jüdische Innerlichkeit die gestaltende Kraft ist, die aus dem Stoffe, den die Umwelt an uns hernnbringt, erst unser wirkliches innere Leben schafft. Wenn wir stille Stunden haben, - und ich glaube, cs sind die wesentliehen, die eigentlichen, die besten Stunden unseres D-iscins ~ wenn wir Stunden haben, in denen wir uns auf »ms selbst besinnen und die ganze Zwiespältigkeit unserer Existenz fühlen, so wollen wir auch erkennen, daß diese Zwiespältigkeit nur daher kommt, 55,® JS?diese Erkenntnis, daß unser Blut allein das Gestaltende in unserem Leben Ist, nicht zu unserem lebendigen Eigentum gemacht haben. Und dies Ist es worauf cs. wie mir scheint, für uns alle ankommt: aus der Zweiheit unseres Innenlebens, aus unserer Innern Entzweiung, zur Einheit zu kommen, um uns - um ein altes jüdisches Wort zu gebrauchen - um uns selbst zu erlösen. Ihizu bedarf cs eben dieser Besinnung auf das, was unser Blut in uns ist, denn in dem Getriebe unseres Lebens werden wir uns immer nur der Umwelt und der Wirkung dieser Umweit bewußt. Nur eben in diesen stillen Stunden, dn schauen wir in uns hinein, da erkennen wir uns selber und — ich möchte sagen — da erfassen wir uns selber. Wir erlassen uns oder wir sollten cs tun; wir sollen unser Leben in die Hand nehmen, wie man irgend ein Ding in die Hand nimmt, wie man etwas Zerstreutes zusammenrafft. Und wir sollen uns entscheiden; wir sollen in uns selbst eine große Ausgleichung finden zwischen den beiden Mächten, von denen ich gesprochen habe, zwischen innerer Welt und Umwelt Diese Frage, diese große Forderung, die an jeden von uns hcrantritt, zu wählen, uns zu entscheiden, unser Wesen selbst zu ergreifen und von jetzt ab wirklich von innen heraus Juden zu sein, und als Juden aus unserem Blute heraus zu sein, und als Macht, mit der ganzen Schönheit und mit der ganzen Zukunftskraft dieses Blutes als Juden zu leben, dieses ist cs, was ich die persönliche Judenfrage nennen möchte, im Gegensatz zu den vielen Judenfragen, von denen heute geredet wird, und die uns auch sehr wohl angelten, die aber alle erst aus dieser letzten und innersten Frage heraus entspringen, alle, auch die wirtschaftliche, auch die nationale Judenfrage, auch der ganze soziale Komplex von Judenfragen, alles das ist erst etwas, das sich aus dem ergibt, was wir uns zu innerst klar machen, in uns selbst finden und in uns selbst entscheiden müssen. Es ist einmal gesagt worden: Was ein Jude, der auf eine wüste Insel verschlagen wird, ohne Zusammenhang mit aller äußeren Welt, ganz einsam und auf sich allein gestellt, was dieser Jude noch als Judenfrage empfindet, das allein ist sic; denn das allein ist es, was wir die persönliche Judenfrage nennen dürfen. Diese persönliche Judenirage meint zweierlei: sie meint unsere Stellungnahme zum Judentum selbst und unsere Stellungnahme zur umgebenden Welt. Unsere Stellungnahme zum Judentum. Ich glaube, jeder, der mit dem Herzen verstanden hat, was ich die persönliche Judenirage nenne, der hat sich auch schon gesagt, was allein seine Stellung zum Judentum sein kann. Wenn wir uns einmal aus tiefster Selbsterkenntnis heraus bejaht haben, wenn wir zu uns selbst, zu unserer ganzen jüdischen Existenz Ja gesagt haben, dann fühlen wir nicht mehr als Einzelne, sondern dann fühlt jeder Einzelne von uns als Volk, denn er fühlt das Volk in sich. Ich sage nicht, er fühlt mit dem Volke, sondern ich sage, er fühlt als das Volk, weil er das Volk in sich trägt. Und so werden wir uns zur Vergangenhe i t des Judentums nicht stellen als zu der Vergangenheit einer Gemeinschaft, der wir angchören, sondem wir werden darin die Vorgeschichte unseres Lebens sehen, jeder von uns die Vorgeschichte seines eigenen Lebens, und darum werden wir die jüdische Geschichte erfassen, nicht wie man sich eine Ucbcrsicht von einzelnen Kenntnissen schafft, sondern wir werden uns bewußt werden der Mächte, die in dieser Geschichte gewaltet haben, des großen Werdens und der Bestimmung dieses Volkes. Und ebenso werden wir die Gegenwart fühlen. Diese Menschen da draußen, diese armen, gebückten, schleichenden Menschen, die drüben im Osten von Dorf zu Dorf hcrumhausicrcn und nicht wissen, wie, wo und woher sic morgen leben werden, und diese schwerfälligen, fast betäubten Massen von Mensehen, die auf Schiffe verfrachtet w׳crdcn und nicht wissen, wohin und wozu, diese werden wir dann nicht etwa bloß als unsere Brüder und Schwestern empfinden, sondern ieder von uns, der sich so in sich gesichert hat, w׳ird fühlen: Diese Menschen sind Stücke von mir. Ich leide nicht mit ihnen, sondem ich leide das. Meine Seele ist nicht bei meinem Volke, sondern mein Volk ist meine Seele. Und in diesem selben Sinne wird dann ieder von uns die Zukunft des Judentums fühlen, er wird fühlen: Ich will wciterlcbcn, ich will meine Zukunft, will ein neues, reiches, ganzes Leben, ein Leben für mich, für das Volk in mir, für mich im Volke. Denn das Judentum hat nicht bloß eine Vergangenheit, sondem, trotz, allem, was cs bereits geschaffen hat, meine ich: Das Judentum hat vor allem nicht eme Vergangenheit, sondern eine Zukunft. Denn von dem jüdischen Volke, und von ihm allein kann gesagt werden, daß cs der Hamlet unter den Völkern Ist, ein Hamlet, der nicht zu seiner Tat, der aus seiner Zerrissenheit und Zwiespältigkeit aus der ihn umdrängenden Verzweiflung nicht zu seinem Werke kam. Ich glaube, das Judentum ist in Wahrheit noch nicht zu seinem Werke gekommen und die großen Kräfte, die in diesem tragischesten und unbegreifliebsten alter Völker leben, diese Kräfte haben noch nicht ihr eigenes Wort, ihren eigenen Ausdruck in der Geschichte der Welt gefunden. Und wenn wir