Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1910-04-29 · Heft 17 (29.4.1910) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2651273-2651657-2651675--07022-2664156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 196 [ U II D1 SCH II RUN PS CH AU l'.s 1M <11׳r Willen iles Verwalters .... lu ihm kuiimit Ilerzl! Wir hallen unsere Pferde an. — ״Warten, bis der Wagen vdn Waüi-el-Chunin komnul" Und wir stehen. Nur weniice Augenblicke halten die Wagen in Wadi-eUChanin. und daun setzen sie die Reise fort. . . . Und nun wenden sie sieh nach links auf den Weg gegen Recliobntli! -- ״Vorwärts!" Wir snornen die Resse an und fliegen den Wagen entgegen. Die Pferde stampfen drülutcnd über den Hoden .... Ich sehe von Herne, dnf. der eine Wagen ein wenig halt, die Tiir wird geöffnet, der Kopf eines Mannes blickt auf uns, dann wird der Wagen wieder geschlossen .... Als der Wagen herangekontmen, hielten wir unsere Pferde an und auch der Wagen blieb stellen. Iliner der Reiter hatte sieh den Wagcurosseti in den Weg gestellt, und dem Araber - dem Kutscher des Gefährts ~ Halt! z.ugerufcn. ״Hs lebe Dr. Ilerzl!" erschall der Ruf aus aller Munde .... Wir sprangen sämtlich von unseren Pferden. Die 'I iir des Wagens wurde wiederum geofiuet und mit jugendlicher Plastizität sprang ein schlanker Mann heraus mit clrem schwarzen, viereckigen, clmn.kteristischen Harle, schwarzen, grollen und tiefen Augen, tiefem Schmerze in ihnen und einer über Stirn und Gesicht sich verbreitenden Melancholie. Und auch ein leises, aus der Ouellc des Schmerzes ge• borencs I.äcbcln schwebte auf den hippen. Sein Gesiebt bezauberte mich .... Noch nie hatte ich HHrfurcitt vor der Majestät empfunden, doch diesmal begannen meine Knicc zu zittern . . . — ,.Rechoboth entbietet dem Dr. Ilerzl .seinen Grillt!" sagte ich mit schwacher Stimme. Meine Kameraden bürten meine Worte, und hinter uns ciklang der Donner von Rufen: ..Ms lebe Dr. Ilerzl. Hcdad!" Und die Rufe waren wie ein Schrei, ein Schrei der Furcht .... Ural ich wußte, ohne hinter mich zu blicken, dal! alle ihre Gesichter bleich sind mul zittern. . . Und alle diese Menschen waren nicht sentimental .... Ich konnte meine Augen von dem bezaubernden Manne, der da da vor mir stand, nicht abweudeu. mul ic't sali, wie ein Kucken sein Gesicht durchfuhr, mal in seinem Auge;׳Jäuzie . . . eine Träne? . . . .law 0111?! Mr schüttelte meine liaiul. er schüttelte alten meinen Kameraden, die sieh seihst zu ihm drängten, die Ilande ... Mr sprach zu uns deutsch, wir mitwarteten ihm hebräisch . Audi seine anderen Betrieber stiegen ab und traten an uns heran, der Hauer aus Rose't-Piiiah flüsterte mir einige Worte ins Ohr, doch ich sah niemand und hörte kein Wort .... Nur die großen, schwarzen, tieftraurigen Augen sah ich und in ihnen glitzerte .... eine Träne? . . . Begreift ihr? — ״Auf die Pferde!" Wir sprangen auf die Rosse. Ilerzl setzte sich in seinen Wagen, obre die Tiir noch einmal zu schließen, sein Konf ist auf uns gerichtet, seine Augen blicken aui uns . . . ..Ms lebe ihr/!! Ms lebe Rechoboth! Hs lebe Ilerzl! Ms leben Rechoboth!" drülmeu unsere Stirnmen durch die Mail mul unsere Pferde werden ganz, ungebärdig: Sie springen, galoppieren und bäumen sich auf. . . . Die Stute des Kräftigsten unserer Gruppe Asilah hatte Gegenwind gewittert und flog wie ein Pieil im Kreise rings um den Wagen ... Der Reiter spannte die Hitgel :•traft an und saß wie festgenagelt .... Sein Gesicht war kreidebleich, und seine Augen funkelten und zuckten nervös ... Ilerzl wandte seine Angen von uns mein au. leh fühlte die ganze /eit seinen Blick. Und Jedes• mal so oft das Pferd des Wagens etwas z.uruekblieb, sah ich das beuchten dieser Augen . . . ״Haiti" . , , , Uml wieder halten wir. und auch der Wagen bleibt stehen. Herabs Kopf und die Münte seiner Gestalte blickten auf uns aus dem Fenster ״ ־Hier haben Sic die Grenze von Rechoboth, es lebe Rechoboth!" rufe ich dem Gaste zu leb weiß nicht, ob er meinen hebräischen Ausruf verstand, oder nur mich und meine Stimme dem Gcfühle nach begriff . . . Aber dies sah ich deutlich: die schimmernde Trfhe fiel nun auf das (lesichtjierab und rollte hinunter und ihr folgte noch eine 1 rünc und noch eine Trübe .... Die beiden Augen vergossen Tränen . . . Und auch meine Kameraden bemerkten die Träneu und ilire Rufe erschallten wie Donnergetöse: ״Ms!che Ucrzl! Ms lebe Rechoboth!" Die ganze nahe und ferne Umgegend wider* lialltc. ״Vorwärts!" Und wiederum galoppieren und springen die Rosse, und wiederum bewcgi sich der Wagen langsanier und die tiefen schwarzen Augen blicken auf uns und werden noch schwärzer, noch tiefer .... Und die Tränen fließen, fließen .... Wir müssen über Jen Stciuliügcl: Rccliobotli liegt zu unseren Füllen .... 5. In der ..MkroP׳'-stra1le war die ganze Kolonie versäum,eit. An der Spitze stunde•» die Mitglieder des Waad mit den Aeltcsten der Kolonie. Miner der Alten trug in den Händen Brod und Salz., und zwei andere Greise hielten ..Thor.irollen". hinter den Aeltcsten Mumien die Kolonisten mul zuletzt alle Schüler in zwei Reihen Skalier bildend. Die Reiter soremnen bis zu dem Standort der Aeltcsten, postierten siei, hier in zwei Reihen zu beiden Seilen des Weges, und llerz.l’s Wagen fuhr in der Mitie hindurch. Ilerzl .sprang aus dem Wagen und hinter ihm alle seine Begleiter. Der Rosch-Iia-Waad trat au ihr heran, begrüßte ihn und stellte ihm alle Mitglieder ücs Waad mul die Aeltcsten vor. Mr reichte jedem '״n ihnen die Hand mul!)lickte sic mit großer Neugier an. Und mm trat aus der Reihe der Rabbi Jacob vor mit seiner Sammctkapote. und dem Seiiiengiirtel. trat au Ilerzl heran, reichte ihm seine kleine mul magere llam!, hob die Arme gegen den Himmel und rief mit lauter Stimme: ״Gelobt seist Du. unser Mwjger, unser Gott, König der Welt, der uns am Leben erhalten, uns hast dauern und diese Ziele erleben lassen!" Und dann wandte er sieh an die Menge und rief wiederholt: ״A gut Jüin-tef, Jidcn. a gut Jom-tef! . . . ." Ich fühlte den zündenden Funken, der von dem Alten ausging und alle Herzen entflammte . , . Ich betrachtete die Gesichter der Umstehenden und merkte, daß sie alle zitterten . . . . Irgend welche zarte, zarte Saiten in der Tiefe ihrer Seele waren in Bewegung gesetzt worden und schlugen Wellen . . . Ilerzl blickte den Alten unverwandt an, und ich sah: Schmerz war über seine Züge nusgegossen ... »VII IHM IV *V UM . und bogiifi. ohne', zu verstellen . . . Der Rosch-Iia-Waad übersetzte die Worte Alten in’s Deutsche und sein Gesicht strahlte , ״Ms lebe Ilerzl! Ms lebe Reeholmth!" Widerhall‘,.; der ganze Umkreis von dem donnerartigen Stimmen, chor. Die beiden Reihen der Schiller traten an 1/ז.,ןן heran. Mine Sclmk-rin weitt-bl 111 gekleidet, mu vinem offenen Gesichte, blauen Augen nid Goldlocken ״kr reichte Hcrzl einen Blumenkranz .... ... dankte ihr und küßte sie auf die Stirn . . . p1(S /g1aj. dien stimmte das Lied ״llatikwoh" an,!hrg!יון.״ Stimme klang wie der Ton einer Silberglncke und alle Schiller und die hinten stehende Menge fJC|cn mit ein .... ״Der König der Juden!•• flusierteii die Araber die zwischen den Bäumen standen .... Ilerzl geht weiter die ..JaeolP'-Straile emi.inz mul die ganze Menge folgt ihm. ** Und er gelangt bis zur Spitze des Ilug»-ls liier kommt eine Abordnung, der Sepliai,!•!., IUJ Ramiets ihm entgegen .... Sic entbieten 11m, (null . . . Zwei van »!men, zwei Greise, tr!,m Perzl heran, beugen vor ihm ihre Kniee. ״:;•sie ihn segnen und fallen auf ihr Antlitz nieder Sie küssen seine Fußsnuren im Sande . . . |!״’zj ist betroffen, tritt etwas zurück, und wir alle i;.j,rcn zusammen .... ״So geschieht dem Messias, dem So.״!,. Jo• mIs!" erklärt einer der greisen Sephardim Ilerzl begibt sieh in die Wohnung des k• ..;a Waad. und die ganze Menge folgte ihm nach,;-;s .,ntf die Zimmer des Hauses voll gepfropft si!u! ,״! uf״J lange Kette von Menschen steht ilariißen v 4n! Hause . . .. Dr. Her/1 will ein wenig ruhen .... Nur eine halbe Stunde möchte er schlafen, um! 1!.n,: ujrd er wieder zu euch kommen .... Geht nach!!.:!:sc״ sagt der Rasch ha Wa ul zu der Menge. ..Mr mag sich niederiegett und ruhen wir warten auf ihn!" Und niem.ind rührt sieh vom Platze. Nur etwa furf Minuten entschwand!Ls/! Blicken der Monge, dann kehrte er wiedei zu iis.s zurück. und seine tiefen, tränenfeuchten Augen ,,!m i. ten wieder auf uns . . . und noch einmal huiasi .,Me Blicke an ihm. Und die U'isic und Hausgenossen begaben sieh zum Mahle, •and wir standen da und blicken ihn au .... Mitten im Mahle erhol! sich Ilerzl. nahm eine׳: Becher Wein ויי die Hand, wandte sieh an die Menge un.J sprach: Mr sprach deutsch, seine Stimme zitterte. Tuner, erstickten die Worte in 'einer Kehle . . . i>.!!!:, machte er eine!>;;usc. hielt innc mit der Rede ׳.;.,! fuhr wieder fort .... Seine Worte horte:: .זו nicht und verstanden sic nicht . . Doch was w.iut. uns seine Worte? . . . Genügte ans nid.t m״ c Stimme? Sagte seine Stimme uns nicht mehr ab tslie Sprachen der Welt? . . . Und ie mehr er sprach, desto hoher wuchs die Begeisterung der Tisclirimile , . . Min IL1־:'ali׳ starn! begleitete den Schluß seiner Worte. Die .V.er.gc hatte die Worte nicht verstanden, aber sie kannte den Inhalt! .Hs lebe'Dr. llcrzi!" Nach dem Mahle stattete er den Mitgliedern des Waad Besuche ab, und auch mich besuchte er. ,!. .;•: ich gehörte damals ebenfalls zu den Mitgliedern des Waad. Und als er das Bild des ersten Kongreßes sah. rief er begeistert ans: ״liier sind alle unsere Freunde!" ■"M»V ״m nur 1״ liliili! Ich hin's“. sagte Kotick. ״Gibts keinen Ort für Robben, wo keine Menschen hin• kommet!?“ ״I rau' Seekuh“, saute Seepferd. ״Wenn sic noch lebt, kann sie dir’s sauen.“ ״Wie werde ich Seekuh erkennen, wenn ich sic treffe?“ saute Kotick, während er abseuelte. ״Sie ist das Häßlichste in der See, noch häßlicher als Seepferd!“ kreischte eine Müve. ״Häßlicher und hat noch schlechtere Manieren!“ Kotick schwamm nach Novastosclmah zurück. Port fand er, daß niemand seine Meinung, daß man einen ruhigen Ort für die Robben fin* den müsse, teilte. Sie sagten ihm, daß die Men• sehen die Hollusschickie immer verfolgt hätten, und er müsse ja nicht zu den Schlachtplätzcn gehen, wenn er nicht Unangenehmes selten wollte. Aber keine der anderen Robben hat das Schlachten mitangesehen; überdies war Kotick eine weiße Robbe. ״Du mußt“, sagte. Seefang, nachdem er die Abenteuer seines Sohnes gehört hatte, ״eine große Robbe werden wie dein Vater und einen Platz an der Sec haben, dann werden sic dich in Ruhe lassen. In fünf Jahren mußt du schon allein kämpfen.“ Sogar die sanfte Matkah sagte: ״Du wirst das Schlachten nie aufhaltcn können. Geh‘ und spiele im Meer, Kotick.“ Und Kotick ging und tanzte den Feucrtanz mit schwerem 1 Icrzcn. In jenem 1 leibst ging er, so früh er konnte, von der Küste fort, weil er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Iir ging die Seekuh finden, wenn so eine Person in der See existierte, und er ging eine ruhigere Insel finden, wo keine Menschen hinkomnien, und wo die Robben ungehindert spielen konnten. Iir durchforschte den stillen Ozean von seinem nördlichsten bis zum südlichsten linde und schwamm in einem Tag mul einer Nacht dreihundert Meilen. Fr erlebte mehr?Abenteuer als man erzählen kann. F.r entkam mit knapper Not dem Hammerhai und dem Menschenhai, und er traf alle die unzuverlässigen Spitzbuben, die in der See herumbummeln. Aber nie fand er Seekuh, und nie fand er eine Insel, die ihm paßte. War die Küste gut und hart, mit einem Abhange zum Spielen und mit schönem Wellenschlag, so war immer der Rauch eines Walfischfängcrs am Horizont, der Tran siebte, und Kotick wußte, was das bcdeutet. Oder er sah, das Robben auf der Insel gewesen und ausgerottet worden waren, und Kotick wußte, daß die Menschen einen Ort, auf dem sie einmal gewesen sind, nie wieder aus den Augen verlieren. Kotick brachte fünf Jahre damit zu, die See zu erforschen, und jedes Jahr ging er für vier Monate nach Novastosclmah, wo die 1 iollusschickie sich über ihn und sein pl1ama.'ii>1J1ü> lnselparadies ltislig niailiU'ii• IT ging 1״ul1 Galnpagos, einem schrecklichen, dürren Orte am Aequator, wo er beinahe zu Tode gcbaiken wurde; er ging zu den Giorgia-lnseln, den Orkncys, zur F.mcrald-Insci, zur Nachtigall-Insel, zur Oonghs-lnscl, zur ßonvets-lnsel, zu den Crosseis und sogar zu einem winzigen Insel* eben südlich vom Kap der guten HoftV.ung. Aber überall sagte ihm das Seevolk iI.ismTc. Robben waren einmal auf der Insel gcwe»n, aber die Menschen hatten sie ausgerottet. ייל• gar als er weit, weit aus dem stillen Ozean I"יי• ausschwamm, traf er auf dein Cap Orientes *iß paarhundert räudige Robben, und sie sagten ilnn, daß auch dort Menschen hinkamen. Das brach ihm fast das Herz, und er schwamm um das Hom herum nach der heimatlichen Küste; mul unterwegs hielt er bei einer Insel voll grüner 15äumc,^und dort traf er eine alte, alte Robbe, die im Sterben lag, und Kotick erzählte ihr, wie ihm alles fehlgeschlagcn sei. ״Jetzt“, sagte Kotick, ״gehe ich nach Novastosclmah zurück, und wenn ich mit den Hollusschickie zu den Schlacht platzen getrieben Werde, liegt mir nichts daran.“ Die alte Robbe sagte: ״Versuche es noch einmal. 1dl bin der letzte des vorlorcnen Volkes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.