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Jüdische Rundschau · 1910-04-22 · Heft 16 (22.4.1910) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. H>. ■IUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 185. ncm Blick“ die Propheten zu lese!» verstünden! Pro- ״lictcn. wie die vom Verfasser genannten Jcrcmla, Ljciucl und Dcutcrojesaja, haben cs a!s Wahrseheinlieh ia als sicher angesehen, daß sich an Israel die Lnilische Wiodcrxchurt nicht aus eigner Kraft, son- .1crn durch Gott vollziehen werde, und daß trotzdem allein durch die Uir.ule Gottes die Wiederherstellung Israels und seine Rückkehr i1׳s Heimatland vor •sich ״heil werde -- ücdankenbildungen, die phyeholo- Kj<cl1 doch allein aus der heißen Liebe der Propheten zu ihrem Volke erklärlich sind — und doch soll Ihnen die Relation alles, die Nation gar nichts sein{ Sehen dem die Herren nicht, da» die Starke des nationalen Pcwiiiiinmis die eigentlich treibende Kraft in den Propheten und daß ihre ganze religiös-ethische Ged.mhcuweU nur als eine Frucht aus der Verbindung ihrer religiös-ethischen Genialität mit ihrem starken nationalen Bewußtsein hervorgegangen ist? \Y.!s fiir Aussprüche und exegetische Kunststückdien vch unser Verfasser leistet, ist geradezu erstjtiißvh• 1 >10 bekannten Worte der Verheißung an Abra- 11>ונביכו בך כר משפהר.,־-א-ג־ך,:״״übersetzt Klein in herkömmlicher Weise: ״Durch dich sollen gesegnet werde!: alle Völkerstämme auf Erden", und er macht sie zun» Leitmotiv der jüdischen Geschichte. Der Verfasser sollte aber wissen, daß diese Übersetzung sdir ungewiß, und eine andere ebenso gut möglich, wenn mein gar wahrscheinlich ist, die Übersetzung: ״mit d,r werden sich segnen alle Völkcrstäinme auf Kitlen". d. h. deinen Namen werden sie nennen, wenn sie sieh selbst Glück und Segen wünschen werden. Bei dieser Uebersetzuug enthielten die zitierun Worte überhaupt nichts von einer Mission Israel'*. Amr seihst wenn wir die ersterc Übersetzung Kelten Sassen wollten, würde weder daraus noch sonst .!.יו* itxend einer Stelle der Bibel folgen, daß Israel .״.! einem .AVandcrvolk“. nicht zu einer ״seßhafte» Nation" prädestiniert sei. Wo in aller Welt stellt st• etwas in der Bibel zu lesen! ln der Bibel wird die Zerstreuung Israels stets als ein Fluch 11. z. als der höchste angesehen, ״־ siehe den zweiten Abschnitt unseres ״Schema Jisrad"! — Die Samm- Lag der Zerstreuten stets als ein Werk der unbegren/ten Liebe Gottes zu Israel: Und da soll Israel nach der Sinnesrlchtung der heutigen Schriftsteller, zu einem Wandervolk bestimmt sein!1 Ist den Herren wirklich immer erst dann wohl, wenn sic alle Dinge glücklich auf den Kopf gestellt haben? S teh dem Verfasser war cs die Meinung des Deute;ujesaja. Israel solle ״Hcidcnapostol" werden - wie später Paulus und nach den fernen Inseln ziehen, um Gottes Herrlichkeit zu künden. Im allgemeinen pflegen uns die Assimilationsrabbiner die .Mission be<111cmcr zu machen, wir können dabei hübsch zu Hause bleiben, denn Israel ״schreit und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht aul der Gasse hören." Der Verfasser verwendet dieselben Prophetischen Worte fiir die gegenteilige Auffassung. Mm! kann also auch anders sagen. Nach dem Verfasser zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte die Mahnung! ״Erhalte: eure Religion und nicht eure Nationl“ Beinahe. Herr Kollege! Richtiger aber muß cs fol- Kendermaßen heißen: Erhaltet eure Religion, dann Werdet ihr eure Nation erhalten! ״Nicht eure Nationl״ das klingt erstaunlich. Ich wäre Ihnen, Herr Kollege, zu gf'Ccnt Dank verpflichtet, wenn sie für diese Worte den Beweis der Walirhcit aus der Schrift an* treten wollten. Nun noch zwei Proben von der Exegese des Vert «ssers! Jeremia läßt den nach Babel Deportierten sagen: ••Dam Häuser und wohnet darin, pilnnzet Gärten und kuii. ,:et ihre Frucht ,..kümmert euch um Ule Wolm.ihrt der Stadt, in die ich euch weggefüfirt habe ur.d!!etet für sic zum Ewigen, denn ihre Wohlfahrt ist c,;c eigne Wohlfahrt." I‘er Prophet selbst begründet unmittelbar darauf diese seine Aufforderung mit der Warnung vor den falschen Propheten, welche die ganz nahe bevorstehende Rückkehr Israels nach Palästina verkünden. Jcrcmla ist überzeugt, daß diese Rückkclir so rasch nicht erfolgen werde und daß die Deportierten sich darum häuslich in der Fremde Anrichten sollten. ״Denn also spricht der Herr: frst wenn für Babel 70 Jahre vorüber sein werden, tfst dann werde Ich euer gedenken und ich werde weine guten Verheißung an euch erfüllen, euch an diesen Ott (nach Palästina) zurückzufUhren.‘ Man sollte doch meinen, daß diese Worte und die Meinung des Propheten unmöglich mißverstanden '׳erden könnten. Aber was sagt nun der Verfasser £>n Jeremia? Er sei noch freier von nationalen ßandcn (siel) als Jesaja, er rate seinen MUbür- $crn, sich Babel zu fügen - das Motiv verschweigt der Verfasser _ er betrauere nicht den Untergang Jerusalems, und er habe die oben zitierten Worte geschrieben ln der Ueberzeugung, daß die Religion von der Nation unabhängig scill Ja, ist denn das Wort der Bibel herrenloses Qut, mit dem man nach Willkür schalten und walten kann! Das Ist keine schiefe Auffassung mehr, das ist etwas weit Schlimmeren Die andre Probe! Der Verfasser sagt: ״Oanz cntnationalisicrt hat indes kein Prophet Israel In dem Maße, wie der große Unbekannte, dessen Schrift wir in Jesajas Buch 40-Gö besitzen." ״Ganz cntnationalisicrt" und ״in dem Maße", das ist wunderbar logisch misgcdrückt. ״Israel ist für ihn (Dcutcrojesaja) überhaupt kein Volk mehr", sagt Klein. Beweis: Dcutcrojcsala läßt Gott zu Israel sprechen: ״Für deinen Beruf als mein Knecht ist cs zu gering, daß du mir die Stämme Israels aufrichten und die aus Israel Bewahrten wieder zurückführen sollst: vielmehr mache ich dich zum Lichte der Völker, daß mein Heil bis ans Ende der Erde reiche." Gleichviel, ob hier mit dem ״Knecht Gottes'* Israel oder der Prophet selbst gemeint sei, die Ansicht des Propheten kann für jeden, der zu lesen versteht, nur die sein, daß Gottes Liehe nicht nur die Wiederherstellung Israels bewirken, sondern auch, darüber hinaus, sein Volk noch dadurch verherr* liehen werde, daß er durch Israel die religiöse Wahrheit an die Menschheit vermitteln wolle, ln diesen Worten webt also, neben der Liebe zur gesamten Menschheit, ein kaum noch zu steigerndes nationales Hochgefühl: und gerade ihnen entnimmt der Verfasser, daß Dcutcrojesaja Israel ganz cntnationalisicrt habe! Man muß wirklich seine ganze Kraft zusammennehmen, um angesichts solcher Entstellung der Wahrheit ruhig zu bleiben. Noch möchte ich lieber glauben, daß der Verfasser, wie su viele seiner Oe* sinnungsgenossen, für die Wahrheit blind sei, weil er von früher her gewöhnt ist, alle jüdischen Dinge unter einem schiefen Gesichtswinkel zu sehen. Aber es ist höchst verdrießlich und wahrhaft kummererre* gend, daß man mit Darlegungen auf solchem Niveau die kostbare Zeit vergeuden soll. Ohne die ausdrßcklichc Bitte der Redaktion dieses Blattes würde ich mich auch nicht zu einer Erwiderung entschlossen haben. Nachpurim Vor uns liegt die Nummer 14 der Allg. Zeitung des Judentums. Chefredakteur Herr Geheimer Regierungsrat Dr. Ludwig Geiger, vom 8. April 1910. Ich glaube, man hat Herrn Geiger Unrecht getan, er uzt uns. Das Blatt ist ernst genominell worden. Mit schwerem Geschütz ist der Weihnachtsfei cm auf satz, Less i n g s antisemitische g a l i z i s c h c Schnurren von einem großen Teil jüdisch Empmindender bekämpft worden. ViclleicH war das überflüssig. Geiger will offenbar gar nicht ernst ge nommen werden. Wir sehen vom Leitartikel ab. Geiger selbst setzt sich mit dem Lomer’sehen Aufsatz in der ״Z11 k u n f t" auseinander und zwar in der alten liberalisierenden Form einer Generation. die ausstirbt, l.omcr’s Aufsatz ist flach. Immerhin, er ist kein Jude, tritt von außen an die Problenic heran, kommt er nicht zu reifen und tiefen Urteilen, so darf man sich darüber nicht wundern, allerdings müßte ein Mann wie Harden— sapienti sat — schon aus Interesse für sein Blatt dafür sorgen, daß ernste Problem nicht von oberflächlich Dil letanten behandelt werden. Ocigcr’s Antwort ist flacher, aber schließlich ist der Chefredakteur eines jüdischen Blattes auch nicht verpflichtet, jüdische Probleme gründlich zu behandeln: Die Juden sind nicht tonangebend, sie herrschen weder In Presse, Handel, Richterstand noch Universität vor, im übri gen gebt die volle Qlcichhcit vor dem Gesetz und alle Fragen sind gelöst. Ist das nicht ein Witz? Ein Mann wie Geiger weiß, daß mit diesen alten abgedroschenen Frager, die Frage nicht abgetan ist. Aber warum die Leser ernst nehmen? No. 2. Nachdem sich Qcigcr In der jüdischen Oemcindepolitik unmöglich gemacht hat, fängt er an, mit den großen philantropischcn Organisationen Händel zu suchen. Ludwig der Deutsche wird Ludwig der Türke. Bekanntlich hat dcrHIHsverein der Deutschen Juden in verständiger Würdigung vorhandener püdagoglschcr Bedürfnisse in seinen Schulen bei aller Be- 1 ücksichtlgungder Landessprache die hebräische Unterrichtssprache clngcf ührt. Herrn Geiger paßt das nicht. Er Ist logisch. Wie die radikalen Vertreter in der Repräsentanz das Hebrüischo als Gebotssprache verdrängen wollen, will‘auch Herr Geiger, der letzt Ia zu ihnen zählt. — wie lange noch? - das Hebräische als Sprache unseren Brüdern Im Orient nicht gönnen. Und so kommt er dazu, den stark antisemitisch angehauchten ״Osmanischcn Lloyd", so eine Art Konstantinoplcr Tägliche Rundschau — wacker nennt Herr Qcigcr den Aufsatz, wacker, heilo — gegen die gut-jüdische ״Aurore" auszuspielcn. Die Tatsache ist so unglaublich, daß sic auch wieder nur zu verstehen ist, wenn sic als Witz behandelt wird. No. 3. Ein langer Aufsatz des Abgeordneter! Peltasohn über die preußische Wahlrechtsvorläge. Nichts jüdisches im Aufsatz außer dem Bilde des Abgeordneten. Wir haben immer geglaubt, daß die Leser der Allg. Zeitung des Judentums nicht gerade den proletarischen Schichten angchörcn und nebenbei eine Tageszeitung lesen. Offenbar haben wir uns getäuscht. Sic müssen über die preußische Wahlrcchtsvorlagc von Herrn Peltasohn in der ״A. Z." belehrt werden. Dem Aufsatz voran geht eine zwölfzcilige Sclbtblographie des Abgeordneten. Sic enthält nicht die Tatsache, daß er Jude ist. wohl aber, daßer Mitg l i e d der Burschenschaft ,.Arminia" in Breslau war. Daß gerade Herr Peltasohn als Referent für ein Jüdisches Blatt ausgesucht wird, ist auch ein Witz. Immerhin zeigt Her Peltasohn Takt. Er schreibt nicht über jüdische Fragen. Es wäre auch zu grotesk gewesen, wenn uns Jemand, der sein eigen Fleisch und Blut nicht so erzog, daß cs dem (Hauben der Väter treu blieb, über jüdische Fragen hätte belehren sollen. Aber was nicht ist. kann ja noch werden. Gegenüber Lcssing ist Peltasohn immerhin der Jüdischere. No. 4. Aber hier müssen wir Herrn Geiger aus dem Spiel lassen, ihn trifft keine Schuld. Dieselbe Nummer enthält einen Bericht Über die Sitzung der Repräsentanz. Gegenstand der Hera- Unix bildet der Gemeimiehaushalt. Eine ehrliche und anständige Arbeit. Dis sollte so sclbstvcrständlieh sein, daß man cs nicht hervorheben braucht, Fleiß und Gewissenhaftigkeit sind eine so sclbstverstündliche Eigenschaft von Leuten, die in Aemter gewühlt werden, daß es komisch anmutet, wenn für diese Dinge Lobsprüchc erteilt werden. Freilich, das verdient hervorgehoben zu werden, sind diese Lobsprüchc nicht etwa von einem Außenstehenden erfolgt. Eigenlob duitet. Der Repräsentant Dr. Ignatz Cohn hob hervor, dal', schon die umfassende Arbeit der Etataufstellung und Durchberatung beweise, was von den Gemeindebehörden geleistet werde. Er tadelte mit scharfen Worten, daß gerade In letzter Zeit von Leuten, die es nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, u u g c r cc h t f e r - tlgte Angriffe gegen die Mitglieder der Repräsentanz gerichtet seien. Das ist durchsichtig. Offenbar geht cs gegen die führenden Persönlichkeiten des Neuen jüdischen Gemcindcvcrcins, deren freimütige Kritik Herrn Ignatz Cohn unangenehm ist. Der Etat ist ja so ordentlich aufgcstcllt und durchberaten! — Mein Liebchen, was willst du noch mehr? Herr Cohn ist konservativ. Aber das Licbeswerbcn um die Gunst der Liberalen nutzt ihm doch nichts. Trotz der Anbiederung winkt der sehr kluge Herr Justizrat Lilienthal in seinem Schlußworte sehr zart ab: ״Wir verschließen uns auch garnicht gegen eine Kritik, die von außen herantritt." Armer Ignatz Cohn, konservativer Treuhänder der Berliner Reformgcmcindc! Eine kleine Blutenlese aus der Nummer vom 8. April! Leuten, die keinen Humor haben und ernst genomnten werden wollen, Ist cs kaum noch möglich, für das Blatt das. wir wollen es nicht vergessen, Ludwig Philippsohn begründet und Gustav Xarpclcs lange Jahre redigiert hat, heute noch zu schreiben. Uns Hegt ein Briefwechsel vor, zwischen Herrn Ochcimcr Rcgicrungsrat Dr. Ludwig Geiger und einem unabhängigen jüdisehen Schriftsteller, der recht lehrreich ist. Briefwechsel Redaktion der Allg. Zeitung d. Judentums. Berlin, 9. Febr. 1910. W. 50, Schaperstr. 8. Sehr geehrter Herrl Herr Dr. Leopold Kätscher In München hat mir Ihre Adresse angegeben und mir das Erfolglose seiner Bemühungen bei Ihnen mltgetcilt. Es würde mir leid tun, wenn Sie wirklich Ihres zionistischen Stand- Punktes wegen es ablehnen müßten, eine Novelle in meiner Zeitung abdruckcn zu lassen. Ich persönlich, so energisch Ich auch den Zionismus bekämpfe, würde mich durchaus nicht scheuen, einem Zionisten das Wort In meiner Zeitung zu gönnen und erkläre mich speziell Ihnen gegenüber bereit, einem novellistischen Beitrag aus Ihrer Feder, vorausgesetzt, daß er nicht

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