Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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■».»«,•••׳•*•*»י• fr <nM^T3g»rwar«B«ma» _Seite 184. ___ welches der kürzeste Weg in die Stadt sei. Da sagte der Weise: ״Der eine Weg ist kurz, aber laug, der andere dagegen lang, aber kurz!" Der Wau• derer ging den kurzen Weg, nuillte aber wegen verschiedener Hindernisse timkehrcn und den länge* reu, aber sicheren Weg einsehlagen. Mit diesen Worten möchte ich den Unter• schied zwischen der Leitung und der Opposition kennzeichnen. Die Opposition mochte den kurzen Weg, ohne auf Hindernisse zu achten, gehen. Wir aber sind der Ansicht, daii wir auf dem langen Wege auch zum Ziele kommen werden, aber mit gesunden Knochen. Wir werden etwas langsamer, aber um so siehe• rer aus Ziel gelangen! (Stürmischer, immer von neuem entsetzender Beifall und Händeklatschen.!)er Präsident wird von allen Seiten beglückwünscht.) Die jüdische Volksidee und die Propheten Von Rabbiner Dr. Max .1 o.scph-Stnlp i. P. Man mag es mi*. mir tief beklagen, dall, wenig* stens bis heute, die Religion in der P.utschcidung für oder gegen den Zionismus eine nur ganz geringe Rolle spielt: wahr bleibt es. dall wesentlich rein ווןaktische (lriindc den Ausschlag gehen. Von den Kultui Zionisten, die innerhalb des Judentums und der zionisjischen Bewegung die eigentliche Elite des jüdischen Volkes d.irstcllen, können wir absehen. Ihre Wirksamkeit beginnt im Orundc erst bei denen, die schon Zionisten sind oder doch wenigstens ent• schieden natiouuljüdisch fühlen. Wie .schwer sie ihre Arbeit selbst noch hei manchen Zionisten, zumal ans de in Westen, verrichten, ,iahen wir erst noch in den letzten Wochen gesehen, weint diese uns auch freilich hinsichtlich der grundsätzlich uational-kultiitclleu Auffassung des Zionismus die (IcwiBhcit gegeben haben: la verite est eit inarehe. I Handelt es sich darum, für oder gegen den J Zionismus Stellung zu nehmen, so meinen die einen. } das Jtideutmu solle sich nmlöscn, weil so die Judenfrage allein ans der Welt geschafft werden könne, r.ml so sind sie gegen den Zionismus. Die r.ndcren meinen, das Judentum solle sich erhalten, alter, wie bisher, nach einer vollen Lmaiizipatiou streiten und darum sich nationalisieren, und so sind sie auch gegen den Zionismus. Die dritten aber meinen, eine Emanzipation aller Juden und also die Hescitigung des Elends der östlichen Juden sei entweder gar nicht oder doch nicht in absehbarer Zeit zu erwarten, eine wirkliche, volle Hniaiizipation erst recht nicht, und auch eine volle Emanzipation bedeute noch keine gesellschaftliche Gleichstellung, keino wahre Befreiung des jüdischen Volkes von Not und Schmach, und so sind sie f u r den Zionismus. Aber wenn hier auch in der Hauptsache praktische, meist politische Gründe entscheiden, so suchen bcknmiterinuücu die Gegner des Zionismus doch gern Anlehnung und Sukkurs hei der Religion. Denn die Hauptmasse der Gegner ist,;nelir oder weniger, für die Erhaltung des Jiideutmns, alter gleichwohl um _.ז Ul: DI SCHI: RUNDSCHAU der ihnen noch weit wichtigeren Emanzipation willen für die Entnationalisierung des Judentums. Ja, am liebsten möchten sie in dem Wahn, damit die Gleich• Stellung der Juden völlig durchsetzen zu können, die Juden als schon cntnationalisicrt bezw. fremdnational erscheinen lassen. Und da auch die jüdische Rasse aus den gleichen Gründen arg verpönt ist, und die Juden doch wiederum Juden sind, so müssen diese notgedrungen mich für diejenigen, denen die Religion nicht gerade eine Herzcnsgelcgettheit ist, Religionsgcttossen, samt und sonders Juden nach dem religiösen Bekenntnis sein. Welche abstoßende Umvaliiliailigkeit mit diesem offiziellen jüdischen Bcektmerimu verbunden ist, darauf sei nur ganz im Vorilbergchen hingewiesen. Sie ist um so ahstoßender, als da gewöhnlich auf der Propheten holte, unübertreffliche ethische Ideale, zu denen doch vermutlieh die Wahrhaftigkeit nicht in letzter Keilte ge• hört haben wird, mit dem sich blühenden Stolz des siegesgewisseu Apologeten bezug genommen wird. Natürlich diese Apologeten selber machen sieh keiner Uuwahrliaftigkeit schuldig, soweit sie es ernst und ehrlich mit ihrem religiösen Judentum meinen. Schuldig aber machen sieh jene zahllosen religiös Indifferenten, die aus politischen Gründen hinter dem Rücken dieser handvoll Apologeten des Religionsjmlcntmtts willkommene Deckung stielten. Und da gibt es besonders l'.incs, wofür die entanzipatümslüstcrncn Anhänger des Entnationalisierungsideals den liberalen Apologeten und Theologen dank wissen: das ist der Missionsglatibe. Die Juden sollen von Gott zum zerstreuten Wandervolk prädestilliert sein, mit der Menschheit so den wahren Glauben zu übermitteln. Die Juden sollen die Menselten lehren, dall es nur eine n Gott und nur eine Menschheit gelte, mul um dieser universalistischen Mission willen sollen sie dem jüdischen Nationalismus. als etwas Niedrigeres, Ueberwundcnes, aufgehen. Logisch würde das mm allerdings zum Kosmopolitismns führen, aber damit dürfte man die Gleichberechtigung doch auch wieder nicht zu erreichen Hoffen. Denn da lauert statt des jüdischen Nationalismus wieder das Gespenst der jüdischen Vaterlandslosigkeit. Aber muß matt denn immer gar so logisch denken! Mau verlangt von uns, daß v.ir nicht mehr jüdisch-national .sondern deutschnational sein sollen: Gut, wir sind es! Int übrigen ist unser höchstes Ideal das prophetische: die Menschheit. Von allem Chauvinismus halten wir uns als gute .Inden fern. Der jüdische Nationalismus ist natürlich immer Chauvinismus, immer etwas Verholirfes, Tadelnswertes, Rückständiges, eine Art Atavismus, mag er auch einzig und allein darauf gerichtet sein, das jüdische Volk aus seiner fatalen Umklammerung zu befreien und seine in den Schmutz gezerrte L'lirc zu wahren, Israel, den Völkern und der gesamten Menschheit zt:!n Wolde. Der deutsche Nationalismus des deutschen Juden aber ־— ist der auch etwas Niedriges, Tadelnswertes? Nein, sagen hochrot vor Zorn und mit Emphase die einen, die sich des Unlogischen in ihrer Anschauung minder schämen. Ja, flüstern die andern, auch der deutsche Nationalismus; sie flüstern cs, denn so etwas braucht man doch nicht so laut zu sagen, das könnte der Gleichberechtigung schaden. Immerhin lehrt der Missionsglaubc der liberalen Ruhhineit, daß die Juden eine durchaus, jawohl No. 10. durchaus universalistisch gerichtete Rcligioiisgcmcin. schalt, mul beileibe nicht etwas so Schändliches w!c eine Nation seien. Man sollte es nicht für möglich halten, daß nach allem, was ich über die liaarstraubctulc Ungeschicklichkeit und die ganz offen zutage liegende, geradezu beschämende Unwissenschaftlich, keil dieser Auffassung in meinem Buche ״Das Judentum am Scheidewege״ tttid in den vielen Erwidaun• gen auf die Kritik dieses Buches heigehracht |1.,hC( sielt auch weiter Theologen oder Historiker des Judentums finden würden, die jene Atiscli.u.a׳״״ öffentlich zu vertreten den Mut halten wurden. Allein die geschichtliche Erfahrung lehrt ja leider <i*.ttes, daß Anschauungen, die theoretisch längst ahg> t.ut sind, sich noch lange Zeit nachher infolge des '11.0׳. heitsgesetzes weiter behaupten, zumal wenn sied!rch die realen Machtverhältnisse gestützt werden. So ist denn wieder einmal in der ״Allgciiic.ncn Zeitung des Judentums“, ein Aufsatz erschienen, mit der Ucbcrschiift: ״Die jüdische Volksidee um* «itc Propheten.“ Der Verfasser dieses Aufsätze'־ ist Rabbiner Klein aus Stockholm. Dali der Zionismus, der seit kurzem;0, ׳, l״ Schweden seinen Kiivr.'g gehalten hat. immer v .!!er rüstig fortsehrcitet. gibt Klein mit großem Bed.!ern zu, aber er sieht in ihm eine Modekrankhcit. •mc Verirrung, vor der er seine Bruder gern bc\v.,1ren möchte. Er sagt: ״Der Zionismus ist nichts;.ehr und nichts weniger als ein Abfall von der I,.,- vv״ Idee des Judentums." .,Demi zu einem Am K.o! ■ J!, zu einem heiligen Volk innerhalb der Muts!,!,u! wollten die Propheten Israel erzielten. We: .hm daher einen tmticnalen Beruf impuüert. . . . der untergräbt seine Wur.d, der versündigt siel .m seiner Geschichte, der verkennt seinen Hernf, d.r m 1 ein Zerstörer des Judentums.“ | ״Die Zionisten werden den Kopf schütteln. im I ilmeu diese Zeilen zu Gesichte kommen," sag: 1er | Verfasser, und er hat recht. Aber die Zio:: oca i schütteln den Kopf nicht, weil sie hier zu hörtסי! :׳• kommen, was sic so oder ähnlich schon öftn la!rt halten, sondern weil sie es nicht verstehen, ׳mo es nur möglich ist, daß ein Theologe, der du Gc• schichte des Judentums, der die Bibel doch kt;.:,cn sollte, eine solche aller historischen Wahrheit i!!111• sprechende Anschauung vertreten kann. Um m )סי• gieriger sind wir nun. zu erfahren, woran! der \\r• fasscr diese seine Anschauung stutzt. Aber wir kommen dabei leider aus dem Staunen nicht her• aus. Die Propheten sind Antizionistcn. un<! alle durchweg, sagt der Verfasser, Also die Pro; i׳.a:t, die in ihrer glühenden Liebe zu ihrem Volke d, , Gc• danken an den Untergang desselben nicht zu ertiagcn vermochten und darum die Schöpfer des natu •nalincssiaiiischen Glaubens geworden sind, sollen Anti- Zionisten, Gegner alles Nationalismus sein! D!c Propheten, gerade die Propheten haben in taitwnJ prächtigen Barben die Rückkehr des exilierten V«l• kes ins Heimatland und seine Wiederauferstehung in neuer Macht und Pracht geschildert: und darum sollen sic Antizionisten sein! Sie haben erklärt. Jafi zttr Lrlialtnng oder Wiederherstellung Israels die moralische Wiedergeburt des Volkes notwendig sei: darum soll ihnen, wie der Verfasser sagt, die Reh• gion alles, die Nation gar nichts sein! Wen» die Herren doch wirklich ״mit Verständnis und mit ׳•:ic• Häusern war Freude und Jubel und sic sandten Geschenke einer dem andern und besonders den Armen. Aber wie war cs, als Mordcchai tot war? Wie, wenn ein neuer Minister den Weg zu dem! h iclit zu findenden Ohre des Königs fand und wieder die Erlaubnis zur Veranstaltung der llamanscheu Lotterie erhielt? Daß man das Los werfen durfte (:her den Tag, an dem man alle Juden, groß und klein, Frauen m׳d Kinder, liitunordun durfte? Was dann? Davon wissen wir nichts. Mit Mordccluüs Erhöhung und Preis schließt die Mcgilla. Und noch von einem andern schweigt das Huch. Was geschalt, als die Juden gerettet wurden? Wurde auch das Judentum gerettet? Wir erfahren über das jüdische Lehen nichts als das, was Hanum davon erzählt. Waren sic unter Mordccltais Ministerimn ganze Juden, die ihr Judentum nicht nur betätigten, wenn Tod und Vernichtung drohten, dio jüdische Kultur, jüdische Warte schufen? Tod und Vernichtung drohten auch, als Moses in Egypten erstand zur Zeit, von denen dio Haggada erzählt. Auch er ging zutn König wie Mordcchai. Aber er sprach nicht: Nimm dein Edikt zurück, das uns vertiigeu soll. Wende mildere Maßregeln uns gegenüber an! Sondern er sagte: Laß uns zielten! Wir werden zunächst durch eine Wüste wandern müssen, in der mancher sielt z.urfickscfmt nach den Fleischtöpfen Mizraims, aber wir werden dort u n - sernt Gotte dienen, in unser Land wandern. Und hier, als sic ihr Judentum verkündet erhielten vor dem Einzug ins Judcnland, hier melden uns die alten Rollen, was folgte. Auf Moses folgten David und Salomo und Jesala und Jcremla, Könige, Richter und Propheten. Künstler, Dichter und I’salmcnsüngcr, in Gesetzen und Gesingen redete der Geist des Judentums. Purim ist vorüber. Der Zeit, in der aus schwerer Lebensgefahr unsere Ahnen errettet wurden, mag man gedenken hei Spiel und Mummenschanz. Itt Imnten Flitter» mögen Masken durch die Straßen?.teilen, als Prinzen, als Herren verkleidet für einen Tag, bis man das erborgte Kleid wieder abzicht. Purim ist vorüber.lallt es vorüber sein! Herunter mit der Verkleidung. Denn heilte brauchen, heute wollen wir sie nicht. Heute sollen wir Juden sein. Heute schreitet aus den Blättern der Haggada die große Zeit hervor, die Helden unseres Volkes werden lebendig und sagen: Wir lebten, als die Juden den Mut hatten, Juden zu sein, als kein Geist in ihrer Mitte herrschte außer dem jüdischen, da lebten und schufen wir, die der Stolz eures Volkes sind. So lesen wir In der Haggada vom Auszuge aus Egypten, Von da an, da Moses Gottes Befehl überbrachte: Dio Lenden gegürtet und den Stab in die Hand! Die!.enden gegürtet und den Stab in dio Hand! Erlösung In deinem Licht schläft aller Glanz: Dein Volk aul finstern Wegen reist, Und ihrem Sehnen, lang gehegt, Der Frevel in die Ferse heißt. Duell still: Darüber leuchtet rein Wie Sonncnglanz im Morgeiischcln Das schönste Licht. 0 Vater, um ihr wildes Haupt Schling' einen Schleier silbcrklar, Und statt des armen Bettclldcids Reich ihnen einen Purpur dar. Gieß aus dein Licht zum zweiten Mal Wie einst am ersten Tag den Strahl: Es werde Lieht! Hoch dein Panier den Wankenden! Dein Engel schreite nun voran Und lege den Erlösten bloß Die junge marmorweiße Bahn! 0 segne sic der Gnaden voll, Doch in Verdammnis sinken soll Des Lichtes Feind! Nach Schatten lechzt der arme Knecht: Führ* ihm dein letzend Heil heraus! Wie lang noch soll dein Schimmer ruhn Im unbefreiten dunklen Haus? Sag' an, wie lang? Sag’ an, wie weit? Empor, du Licht! Es kommt die Zeit: Dein Leuchten kommt! J c 11 u d a H a 1 e v i. übersetzt von E• C.