Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Und wir Juden, wir Zionisten? — Es ist fraulich, ob der Kaisersolm in Palästina auch eine indische Kolonie zu sehen bekommen wird, ob er andere luden, als einige seltsame Typen zur Vervollkommnung des Landschafts• bilde* erblicken wird. Aber gerade darum sollen wir eins neu erweckte Interesse an dem Lande, welches das unserer Väter war und das unserer Sohne sein soll, benützen, um der Ocffenilichkeit von unserer Kollo in diesem Lande zu berichten. Wir haben in dieser Hin• sieht eine grolle und nicht zu unterschätzende A u f k 1 ä r u n g s a r beit zu leisten. Es ist beschämend für uns. daß man noch immer von Palästina sprechen und schreiben kann, ohne des Volkes zu gedenken, das doch schon rein historisch v o r;dien anderen dort heimalsberechtigt ist. Hall man schließlich, wenn man die Juden schon nennt, sie nur als arme, elende, verkommene Hoter und Bettler schildert. Wenn aber den zwei oder drei' deutschen Kolonien mit ihren wenigen hundert Bewohnern, deren Fleiß lind Regsamkeit gewiß anerkannt werden st/11, eine solche große Aufmerksamkeit gewidtuet wird, dann sollen doch auch unsere jiidi selten Kolonien, zehnfach an Zahl, und die als Kuhurpiomerc des Landes ebenso verdi.'iiien jiidi selten Kolonisten nicht ganz unerwähnt bleiben dürfen. Und allen wahrscheinlich bald wiedcrkchrciuieii verdächtigenden Angriffen gewisser I eitle sei im vorhinein die Sitze abgebrochen: e: ist n i c h t w a h r, daß die deutschen Kolo- 1:i>ten Palästinas sic:1 durch die jüdischen Kolonien irgendwie bedrückt fühlen, hu Gegenteil, >ie haben von diesen die allergrößten Vorteile ge• habt und haben sie noch, und nur ein paliistineiiMseher alldeutscher Schreihals, der seinen Antisemitismus aus dem deutschen Vaterlande importiert hat. möchte das gute Verhältnis, tlas zwischen deiiGclieii mul iüdischcn Kolonisten bestand und besteht, stören. Doch er ist um* einer, und selbst das größte Geschrei von drei alldeutschen Blättchen schafft ihnen in Pa- 1 ii s t i n a keine Anhänger. Aber auch ein politischer Gegensatz zwischen etwaigen Bestrebungen Deutschlands und denen des Zionismus kann nie und nimtuer lierauskonstruiert werden. So wie Deutschland, so haben auch wir luden das allerlebhaftestc Interesse an der Stärkung des türkischen Reiches, und jede iüdisehe Position in Palästina bedeutet eine solche Stärkung. Ja noch mehr: ist ist kein Geheimnis, daß die Juden der ganzen Welt sich in eine r Sprache heute am leichtesten verständigen. Das ist leider nicht die iiidische Nitaoualsprache, das Hebräische, sondem die deutsche Srpachc, und es ist nur eine Selbtsvcrständlichkeit. daß diese Tatsache auch gewisse wirtschaftliche Rück wirklingen ausüben muß, wenn Juden in größerer Zahl in Palästina wirtschaftliche Macht erwerben. Und das natürlich in immer höherem Maße, je mehr sich gerade deutsche Juden an unseren palästinischen Arbeiten beteiligen. Wenn wir es nicht verschmähten, solcherart politischen Seclenfang zu treiben, könnten wir den Spieß, mit dem uns die Geiger und Konsorten einst zu durchbohren dachten, indem sie uns der deutschen Staatsbürgerrechtc für unwürdig erklärten, gerade utndrchcn und diesen deutschen Ueberpatrioten zeigen, daß es eine Pflicht- Vergessenheit — gerade vom Standpunkt dieser Arl deutscher Juden! — ist, unsere Be- Strebungen nicht zu unterstützen. * Wir ,treiben diese Agitation nicht, aber gerade anläßlich der Prinzenreise wollten wir es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß auch heute noch, und gerade heute in verstärktem Maße auf unsere Bewegung das Ziel als Vorausetzung zutrifft, unter der ihr vor zwölf lahren Kaiser Wilhelm sein wohlwollendes Interesse in Aussicht stellte: nämlich ״die Hebung der Landwirtschaft Palästinas zum Besten des türkischen Reiches.“ So daß wir also kein Ziel verfolgen, das irgendwie mit der deutschen Politik nicht in Übereinstimmung zu bringen wäre. Die zionistische Bewegung (Schluß.) V. Der Kampf lim die Leitung• Der Natur der Sache «ach mußte sich dieser Kumpf im ganzen im |,ermane11zaussehuß konzentrieren. Dieser hat stets die Möglichkeit, bei der Beratung über die Kandidatenliste für das Bugcre A.*K. die Präge Uber die leitenden Personen nach allen Seiten hin aiiizukliircu und alle Details in Betracht zu zi.'hcu, was auf dm Kongresse vollständig ausgeschlossen ist. Wenn zuweilen die Debatten über die Tätigkeit der Leitung auf dem Kongresse eine unstatthafte Bonn angenommen haben, so war daran der Umstand schuld, daß mau in die Plcnarberatung des Kongresses!•'lagen hincingezogon hat, die eigentlich in die Per• iiiauenzkoiumissioii liiiicingchürcn. Diese letztere fühlte denn auch vom ersten Momente au die ihr anfcrlegte große Verantwortlichkeit und trat mit 'Garem Bewußtsein der ganzen Schwierigkeit ihrer Aufgabe au die Arbeit heran. Die ersten Schritte der Kommission halten Brfolg. Zunächst gelang es ihr, beim Kongresse die Trennung des Koiigrcßpräsldiuins vom Präsidium der Orgniilsatiou iliireliziiliihien. I »er Antrag der Permaneiizkomniis־ sion, א o r d a 11 zum Kongrelipräsideiiten zu wählen und den Mitgliedern ries Bngeren A.*K. das Recht eiiizi.räiimen, zu jeder Zeit das Wort zu nehmen, wurde vom Kongresse angenommen. Damit war der pari a 111 e 111 a r i s c h e Modus der (leschäftsfiihruiig auf unserem Kongreß eingefuhrt. Dieser Beschluß der Permanciizkommis.sion zeigte, daß sie in ihrer!Majorität nicht auf der Seite des bisherigen ßngeren A.-K. stand. Im Laufe der wetteren Arbeiten der Kommission trat diese Bi'schcimuig noch deutlicher zutage. Und nicht hl!»B die Mitglieder aus kmiluml, die in der Kommission mit nur 15 von 59 Stimmen vertreten waren. Mindern auch die Delegierten der anderen l.ämler, darunter sogar 2 von den 5 Mitgliedern aus Deutschland, Schlüssen sich der Opposition an. Die Pcriiiniieiizkonuuissinn betrachtete die!•'rage der Zusammensetzung des neuen leitenden Organs der Bewegung gründlich mul noch allen Seilen hin. Sic hörte die Meinungen aller Mitglieder des Pilgeren A.-K. und seiner unmittelbaren lluiiiumilarbeitei• aus. und nachdem die Sachlage mit völliger Bestimmtheit aufgeklärt war, dann erst ging sie zu den Debatten über die Rolle des leitenden Organs und seiner Zu- .saiumensctzimg über. Die erdrückende Majoiität der Periiianenzkommission, die sich der Opposition;!!(geschlossen haue, machte es sielt zur Aufgabe, die Bewegung aus der schwierige» und gefährlichen Lage, in der sie sich dank dem Oberwiegen des kommerziellen Geschäftsgeisles befand, heranszulieifen und an ihre Spitze ein Organ zu stellen, das die Bewegung in Übcreinstimmutig mit den Aufgaben einer national-politischen Bewegung leiten wiirde. Die Majorität der Kommission faßte folgende grundlegende Beschlüsse: 1% Das Lugere A.-K. hat aus einem Kollegium von ' 5 bis 7 Personen zu bestellen und soll in Berlin seinen Sitz haben. 2. Wenigstens .? Mitglieder des ßngeren A.-K. müssen in Berlin ihren Wohnsitz haben. ,1. Der Präsident des Bngctcn A.-K. wird nicht vom Kongreß, sonderen vom Kollegium selbst gewählt. Die Majorität des Permanenzausschusses entsprach aber nicht der Majorität des Kongresses. Zum ersten Male in der Geschichte des Kongresses drückte die Permanenzkommissiüu nicht die Wünsche der Koiigrcßmehrhcit aus. Augenscheinlich hatte sich die Stimmig der Kongrcßdelegicrlen auf dem Kongresse selbst geändert. Die!•'urclit von der Änderung der existierenden Ordnung, das Niehtvcrstehen der Abnormität der Lage in ihrem ganzen Umfange, die Verständnislosigkeit für die Forderungen der Opposition, die Angst vor Spaltungen und noch eine Menge anderer NebcumoUve, das alles wirkte auf den Kongieß ein, und die Anträge der Permanenzkommission wurden abgelclmt. Bs ist liier nicht der Ort, auf die Taktik der Majorität und insbesondere der deutschen Delegierten, die an der Spitze dieser Majorität standen, eitrzugelten; aber cs verdient die Tatsache hervorgehoben zu werden, daß der Kongreß ׳/.um ersten Mal seit seinem Bestellen Augenzeuge war, wie ein Teil der Delegierten im Verlaufe einer halben Stunde drei Mal ihre Stimmabgabe wechselten: das eine Mal gehen sie ihre Stimmen nhcrlmupt nicht ab, das andere Mal beteiligen sie sich und stimmen dagegen, das dritte Mal beteiligen si״ sich nur an der Abstimmung eines einzigen Punktes, stimmten dafür und enthalten sich von der Abstimmung über die übrigen Punkte. Freilich, nicht alle Anträge der Pcrmancnzkommission wurden abgclchnt; tatsächlich wurdo bloß ein Punkt abgclchnt und zwar derjenige, der l!esu״t daß die Präsidentenwahl nicht durch den Kou״m■ (mit einer Stimmenmehrheit von 11k gegen 12h sm, ’ j men) zu erfolgen hat; aber eben dieser Antrag u"r 1 die Basis, auf welche sieh die ganze vorgcsü'.k,•״.,׳, i Umbildung des ßngeren A.-K. gründete. ohiiLh f nun dieser Antrag zum zweiten Male zur Al/stimm׳■״״ vorgelcgt wurde, und dieses Mal von der einen ti;,1j' des Kongresses bei Stiimucnenthultiing von ״.,!!א der anderen Hälfte angenommen wurde, so! -!)״!״ dieser Abstiniunmgjteine Bedeutung mehr zu!.׳ ,',cn sic konnte an der Tatsache, daß die Permaneu/' mission keine Majoiität auf dein Kongresse hm־••: habe, nichts mehr ändern. So blieb nur ein Ausweg -- überhaupt kein : i;cs Pngcrcs A.-K. zu wählen und das bisherige ' , A.-K. als provisorische Leitung bis zum zehnu; gresse zu sanktionieren. Hier muß noch 1. :•,[ werden, daß D. Wolfisolm sich mit dem ׳! <!וו,_J. hellen Anträge der Permaiieiizkoimnissioii . v,. standen erklärt hatte, nachdem ihm garantiert :״!■ war, daß die Leitung der Finanzinsiitutioncii 11: ׳ >'n Händen verbleiben und zu dem Zwecke eine rimg des Organisationsstatuts in dem Sinuc führt werden wiirde, daß der Vorsitzende 1L sichtsrates der Bank ex afiieio Mitglied des 1. A.-K. mit beschließender Stimme ist. VI. Die gegenwärtige Lage. Der Kongreß schloß mit Beibehaltung des!1 %:! Bngcicn A.-K. an der Spitze der Bewegung. ־ j für sich bedeutet das keinen Sieg des Lngeie! Die Opposition war nicht stark genug, um dk rung der Bewegung 1111 ganzen zu übernehmen, .r doch so stark, um die Wahl eines ihr nicht erx len neuen ßngeren A.-K. zu verhindern. Somit i wir gegenwärtig eint: provisorische I. e 11 g. Das Provisorium schwächt jedoch durchaus m. mindesten die Organisalioiisbefugius des j.t, ßngeren A.- K. und befreit absolut Keinen 'lei er Organisation von den ihm auferlegten PB:. :! gegenüber dem Lngeren A.-K., es laßt bloß .0 1־ r a g e ofien, die dem neunten Kongreß \ .... legen hat, nämlich die Frage der Ziisanmiciiw: . ,;!!׳ eines leitenden Organs der Bewegung, das de: ״c• stellten llauptaiiforderung, das :iiiiteiule Organ ß.r juitioiial.poliuschcn Bewegung und mein Idol'• 1l.,s der Institutionen der Organisation zu sein. v<•I! n!..| ganz genüge. Gegenwärtig tritt noch mehr als n .,her die!־'rage in den Vordergrund, welcher Geist u: er Bewegung herrschen soll, oh der Geist eines Hai... ׳ Unternehmens, der Geist kommerzieller Bereclmm ,׳. oder der ücist einer grollen Bewegung, deren A :!• gäbe die Wiedergeburt des jüdischen Volkes ln seinem Heimat- » lande > ist? Alle übrigen Fragen, sogar die der OrganA.•: 11״. j sind bloß Folgen dieser einzigen Kardmalirage.; Hin provisorisches leitendes Organ der De-; ׳.vegung! Diese Frseheinung allein wird 1mw1!lk״־r!kh I die Gemüter erregen, den schlummernden (ied.m ui wachrtilen und die Zionisten zur Kritik ihrer V:• schaumigen veranlassen. Die Umwertung der Weite hat bereits begonnen, ln unserer Presse ui:. 1 unseren Vereinen ist der Kampf der Meinungen >.ח ׳■'־ wieder entbrannt, und wir sind uns durchaus ine n 1 Zweifel, daß der einmal geweckte zionistische uc• danke sich mit der bloßen Analyse der Kongo;.־׳. gütige nicht begnügen, sondern tief in das Wesen der Frage eindringen und versuchen wird, sich die!זי• sachc der allgemeinen Unzufriedenheit mit der!!•:.־ der Dinge in der Organisation und ihrer Tatigke! Lr zu machen. Niemand wird ja leugnen wollen. >. ß diese Unzufriedenheit vorhanden ist, sie ist am steil aut unserem Parteitage während der De! •' zum Rechenschaftsberichte des Zcntral-Komitcc'■ Ausdrucke gekommen. Diese Hauptfrage ist der Mittelpunkt der ־ ׳•' bereitenden Arbeit zum zehnten Kongresse, v!! ,...וי in der Schlußsitzung unseres Parteitages in ll.< ' ׳g die Rede war. Wir haben jetzt den Beschluß g-.. ß die allgemeinen 0 rga n i s a t i ווייס s f ru g eii. ׳ ebenso die!•rage über die Z 11 s a m a ׳: .׳ setz u 11 g der Leit u 11 g ״ u f d i e Z e i t z 11 v ז י• schieben, wann die Vorbereitung .' u d c n W n 11 len z 11 in ׳/. e 11111 e n K o 11 g r e ß!׳1 י ginnen wi rd. Jetzt ist die Zeit für sie noch mein gekommen, und das Auiwcrfen dieser Fragen k •׳ *•e ' nur der positiven Arbeit, der orguuisatorisclicii und ideellen hiiulerlieh sein. Das Zcntral-Komitcc v!gt •; sieh von keiner einzigen seiner Gruiulanscliainuigc« '• los, die es auf dem Kongresse verfochten hat, imi 111 ן cs dabei die Beurteilung der taktischen S<־uc unseres Auftretens auf dem Kongresse ganz bei S ite läßt und hofft, daß auch die Vereine sich jetzt damit nicht beschäftigen werden. Die Hauptsache bleiben die Grundideen mul Anschauungen, die den Kampf auf dem Kongresse hervorgerufen haben. Diese An• schauungen müssen nun in dem Maße klar und verstündlich werden, daß sic in die Herzen aller Parteigenossen cinzudringcn vermögen. Nur dann können