Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite HS. JUED1SCHE RUNDSCHAU No. n. «dien vielfach in deren Interessenkreis auf, haben aber doch vermöge ihrer besonderen Denkform diese westliche Kultur in ihrer eigenen Art uufgcfallt. Das eben ist ja das Merkwürdige des jiidisclien Geistes, dalt er Werte in unbegrenzter Zahl aus allen (iebieten und Ländern in sich verarbeitet und doch das Charakteristische seines Wesens nicht verliert. Kein anderes Volk besitzt wie das unserige diese Krall der Individualität. Sie ist es, die uns durch alle Note und Bedrängnisse der Jahrhunderte erhalten und vor dem Verschwinden von der Weltenbiihne bewahrt hat. Die Juden des Westens entnehmen Goethe und Schiller, Victor Hugo und Munzoni. Lougfcllow und Byron ihren Hildungssioft, aber sie verarbeiten ihn gröi’.teuteils in der Richtung ihrer Volkspersiinlichkeii, statt diese der Kultur, in der sie leben, an/.upassen. Man kann mit Worten und Ideen die verschiedensten Auffassungen vom Wesen der Dinge verbinden! Wie hat Heine die deutsche Sprache und Literatur boherrscht, und doch verstehen ihn fast nur Juden! Nur sie würdigen ihn - das kann man ja tätlich im ticsprach mit germanischen Deutschen feststellen weil sie mit ihm empfinden können, auch wo er bizarr wird. Sie fassen nicht als Verhöhnung anderer auf, was der Aufschrei seines zerrissenen Wesens ist, sie fühlen in seinem Spott die verlezte Liebe. Und wenn sich heute die antisemitische Dresse darüber beklaut, dalt unser Theater, unsere Literatur ״verjude", so liegt darin ein Körnchen Wahrheit. Denn das Impressionistische. Anulysierend־hnndlmn׳slose, das heute den Markt der geistigen Droduktiou anhillt, liest dem ursprünglich Deutschen, Tatkräftigen, zur Handlung Drängenden völlig fern. Unsere Literatur wird gryllteuteils von Juden deutscher Kultur und f ü r Juden deutscher Kultur gemacht. ohne doch dem deutschen Wesen zu entsprechen. Welcher jüdische Mater konnte in der von jedermann als urdeutsch empfundenen Art eines Tlmma malen? Welcher indische Komponist sich die Manier eines Hach oder liruckucr zu eilten machen? Lin Teil der westlichen Juden hat das klar er* kaum und die Konsequenz gezogen, indem er zum Zionismus ging. Viele taten es schweren Herzens. Sie wollten vor sich seihst Ruhe haben ■■■׳• finden werden sic den Lriedeu nicht. Das ist ein trauriges Geständnis.;!her w ir müssen es einmal ahlcgcu. Wir hofften, dalt die Juden des Ostens 1ms mit offenen Armen aufuehmeu, dalt wir ihnen die Kultur des Westens bringen und dafür aus dem unberührten Horn ihres Wesens neue Kraft schöpfen würden. Statt dessen behandelten sie uns mit Müttrauen, mit einem durch nichts gerechtfertigten Hochmut mul bemühten sich, uns klar zu machen, dalt wir ihrer kulturellen Leitung bedürftig seien. Von westlicher Seile hat mau sich redlich bestrebt, dem Wesen der Oestlcr Rechnung zu tragen, von Seiten der (testier hat mau nichts oder doch wenig genug getan, um den Westlern nahe zu kommen. So kommt es denn, dal! die Lxireiiien von links in der ״Rundschau" erklaren, die Westler seien überhaupt keine richtigen Zionisten, sondern ..Sahm-Zionistett", weil sie keine nationale Kultur wünschen, während am gleichen Tage in der ״Well" zu lesen steht, der westliche Zionim 1111 s basiere lediglich auf dem Stammesgefiihl. denn unsere Ligcnart gehöre der (icschichtc au, beides ist falsch, Uclici den Vuiwurl des halou-Zumisums brauclit man ja kein Wort zu verlieren, solche!■'lach* lieiteu richten sich seihst. Aber auch der Standpunkt Oppenheimers ist nicht haltbar. Lr sieht in seiner J glücklichen persönlichen (lanzlicit der wirklichen , oder vermeintlichen nicht die Tragödie der י anderen. Vielleicht fehlt ihm der Instinkt, der uns! neben aller kultureller Liebe zum Deutschtum ständig | mit einem Gefühl unbefriedigter Sehnsucht erfüllt, 1 aber ich glaube das nicht einmal. Lr ist eine so; kraftvolle Persönlichkeit» so von Aktivitiitsbcdiirfnis 1 erfüllt, dall ihm die Imponderabilien vielleicht weniger J znm Hewnlltseiii kommen als anderen; aber früher! oder sniiter wird es niieli bei ihm geschehen.! Zwei Arten des Zionismus gibt cs wohl, einmal י den der Ocstler, die, wenn sie nach Süden gehen, geistig unverändert hleibeii, nur eine örtliche Ver* änderiiug vornehmen: dann den Zionismus derjenigen Westler, die wünschten, dall wenigstens die Möglich* | keil einer einheitlichen Persönlichkeit gegeben werde,! die zu schwer au dem inneren Zwiespalt tragen. Hin i Zionismus, der noch weiter links stellt, unterscheidet j sich allerdings wenig genug von völliger Assimilation,! denn ein Streben, das ansselilielllieli auf historischem I Stützpunkt ruht, ist bei der beklagenswerten Unkeuni*; nis der Ueberzahl auf diesen Gebieten doch nur eine : romantische Note im Konzert der Gefühle. Die Sehn* J sucht nach Liulieit schafft den Zionisten des Westens. ,׳ Liii sieh seihst haben mm freilich die meisten i Westler in diesem Kampfe nichts zu hoffen: sic wiir* den drüben sicher ebenso wenig ganz zu Hause sein, I wie in Merlin, Paris oder London. Aber dall dem j Judentum wenigstens eine Heimat werde, in der י vielleicht spätere Generationen harmonisch leben; können, das ist ihre Hoffnung.! Ls hiebe Lilien nach Athen tragen, wenn man J I nach dem Ausgeführten noch den Satz begründete, j i dall der Idealismus der westlichen Juden sieh mit dem | 1 der östlichen reichlich messen kann, selbstlos genug I j ist ihr Streben .sicherlich! j Wenn sie liehen dieser Triebfeder ihres Handelns! noch Mitgefiihl mit dem I.cid ihrer liriider empfinden, also philanthropisch zu denken cingcstchcn (ich habe ordentlich Angst, dies Wort aiiziiwenden), so wird' man sie deshalb lioiicnllieli nicht aus der Partei ן weisen. Vielleicht entschuldigt diesen Verstofl gegen die geheiligten Doktrinen des Ostens die Erklärung l.essings, dall Mitleid auf sich seihst bezogene Lincht sei. Was soll mau aber znm Schlüsse ihnen sagen, denen wir die traurige י iewilllicil gehen muliten, dall l ihnen auch der Zionismus nicht die Meseitigimg des 1 alten Seelenleids bringen wird? Sie müssen eben : verstehen lernen, dalt der Zweck aller Politik nicht! die ' r!)1c//mm< das Glück aller ist, sondern die Lr* j halmng der An. D.is kling( heute, wo man sich ge* j wohnt 11.1t, sozial zu denken, etwas absonderlich. Aber es wird doch immer richtig bleiben. Die Idee 1 an sich zu fördern, den Staat als Zweck, ohne Riiek*! sicht ,nif den I!111zelne11, der dem Ganzen als Opfer | fällt, das ist harte Notwendigkeit, und das Judentum; ist wertvoll genug, um das Opfer nicht vergeblich j scheinen zu lassen. Die IGenen im Korbe verhungern t freiwillig, um die Königin zu erhalten, wenn Hungers- { not herrscht, denn auf ihr beruht die Hoffnung für | die Lrlialtung des Schwarms. 1 Nieln nur die Trägen, sondern auch die Zweifeln, den können von den Hieiien lernen. Ad. I r. Der Systemwechsel in der Alliance. Zu unserem Leitartikel in No. U schreibt uns der Vorsitzende der Zionistischen Ortsgruppe Breslau: Hreslati. den Pf. März 1910, Sehr geehrter Herr Redakteur! In dem Leitartikel der letzten Ausgabe der 11.11״. sehen Rundschau‘• haben iöe bereits einige sehr 1c. rcclitiete Hcmcrkungcn zu dem offiziellen Ber\l,s über die siebente Tagung der D.C.G. der A.I.U. ge* bracht. Gestatten Sic mir. diese noch cm wenn״/ ׳ eigän/eu. In Breslau gibt es seit einer langen Reihe ,!! Jahren eine grölte Zahl von Alliancc-Mitglicdcm. U• ein so grobes Interesse au den Alliunce-Angcle.׳. •!. lieiteu hatten, dall sie niemals von ihrer Leitung, h; sieh selbst eingesetzt hatte, einen Hericht oder Rechenschaft forderten. Sie bcgiiugteii si-־h!1., ,t> alljährlich ihren Heilrag zu zahlen und den gm!! .)iiiircsberielit in L.innfung zu nehmen. Kam d, r einmal nicht, vcrmilUc man ihn auch inclil. sonst hatte es nicht Vorkommen können, dalt ei! ,| Jahresberichte ein Jahr lang unausgepackt in c ..ז Kiste hei einem Vorstandsmitglied stehen bla•'!!)alt man die Berichte von 1911י zu verteilen \ . gesscii haue, merkte man erst, als ich im Jahre t*!7 darauf aufmerksam machte. (Mir selbst hatte '1 dreiviertel Jahre vorher den Hericht andern e g beschafft•) Im Januar l'<(1H war dann wieder , ,r Hericht Pro 1 •»!»'> in Hreslau noch nicht verteilt. 1>׳. c dalt die Mitglieder es monierten. 1111 Jahre I9t)7 nahm ich dann auch Veranlass!!׳ g. einige leitende Herren der Breslauer (truppe auf! 5; 17 der Alliance-Satzungen hinzuweisen, nach •> , die Lokulkomitec-Mitglicder jährlich neu zu ual sind. Lrst nach einer weiteren Besüv.erde an י Berliner Bureau erreichte ich es. dal! endlich! Januar 19(« eine erste Breslauer Getter,dversao• hing staltfand. in der dann auch eine Koiiunission < ז Ausarbeitung von Statuten für das l.okalkonntee ־, gesetzt wurde. Denn bis dahin galt es weder 1 Generalversammlung, noch einen gewühlten Vorst.! noch Statuten. Im Mai 19• )א wurden die Statu: . definitiv festgesetzt und ein Vorstand gcwal! : Dieses sei historisch festgestellt, da es mir die v . teiliiahme der Alliance-Mitglieder ווי ihrer Otg.1; s.ilioii 111 Breslau (und w.iliiselieiihch ist es muh.- wärts licht besser) zu beleuchten scheint. Und nun zur diesjährigen Hauptversammlung Ci Breslauer Alliance-Mitglieder. In der Tat waren m,:. wie in ״Ost mul West" belichtet wird. M Mitglied; anwesend, darunter •4 Vorstandsmitglieder. Von «k•, Anwesenden waren aber nur •j Zionisten! Ls •g,ü ein נ recht lange Debatte, nach der es zur Absim׳ imuig kam. Ol! '»»•mich mir acht Anwesende lur c Resolution gestimmt haben, weil! ich nicht. Ich hak• sie nicht gezählt. Tatsache ist folgendes: Bei da Abstimmung waren mir ,noch 12 Herren an wese - Herren, die vorher in der I)chatte für die Res Intioneii eiiigetretcn waren, hatten vor der Abst!!; . imuig Weggehen Missen. Als der Vorsitzende tr.igu, wer f״r die Resolution sei. erhöhen sich eine Au/.«!; ll.uulc. Wie ges;״׳t, ich habe sie nicht gezahlt. Abi׳ das weib ich genau, dall auf das L.rsuclicn um »k Gegenprobe sich keine Hand erhob, auch ״״•iit ü.c des Vorsitzenden mul nicht die des Sehriftfuliieis 1.111 Heu. dem man «hucliaiis nicht eine Zionistin Imiinllichkcit naelisagen kann, rief darauf laut: AK einstimmig! Dies Mich unwidersprochen. List .seinem Bericht nach Berlin konstatierte der Sehr!!: f!ihrer: mir acht halten dafür gestimmt. tnd lieblich zu seit cm. Und ihr Mund war eine köstliche l'niflil, deren (ieuull immer neue I rettde und Sehnsucht yebar. Da sali Ailant, daB et nicht;tritt war, hob das Weib vom Boden auf, also daß es seinen Kuß liittgetfebctt an seiner Brust ItiitkL wandte sich grüßend der Sonne zu, die sich im jubelnden Olanz ihres Strahlen* Kreises über die jmikdräuliehe Id'de hob, und shjMe li'otzijf und stolz, und frcudikr: ״Wohlan! Uli w i 11!" ״Jüdische Witze“. Ideale stummen nicht aus dein Kopf sondern aus dem Merzen. Das Ideal ist das vorgcstclltc höchste Ziel einer L.niw'ickelung, deren Disposition in unserer Natur he* gründet ist. 111 unserer Natur, d. 11. in imsorcm Willen, denn aus dem Geist der Lrkcniihils lieians ergehen sich keine Liitwlekehingsiintriebe. Wenden n׳lr dies auf unser gemeinsames Ideal an: den Zionismus. Auf dem Grunde unseres We• sens liegen gewisse gemeinsame Eigenschaften. Die vorgcstcllte höchste Vollendungsform dieser Iiigcu- Schäften ist, w׳ic jedes sittliche mul kulturelle Ideal, nicht etwas klares und positives: vielmehr wird cs leichter sein, es negativ zu bestimmen: das kulturelle ideal des Natloiudjudeutums ist die Entkleidung des Judentums von seinen Gohis* und Ghctto-lügenschäften. Das Ghetto ist die lange, ungesunde Kerkerhaft I des jüdischen Volkes, also w ild es sieh auch da, wo phesiselie und moralische Schäden zu 'läge treten, I hauptsächlich um (Icfäiigiiiskrauklieilen handeln. Die j schlimmste moralische Schädigung mm, die den in Ge- ן faiigensebaft und Abhängigkeit gehaltenen bedroht, ist! die LiiibtiHc seiner Selbstachtung, seines Glaubens au | das eigene sittliche Vermögen. Dies aber ist identisch mit Aufgabe des sittlichen Willens. Wo dieser Verlust au Selbstachtung einmal ein- | getreten ist, da wird, da muH sieh zu ihm auch das j Milltraueii gegen die anderen, die gleicher Art sind, | gesellen. I Wir müssen es uns gestehen, das jüdische Volk leidet linier dieser (iefängniskrankheit der Moral: das | eheii zeig! sich in der fiirehihnrci; Skepsis gegen alle ' Bestrebungen, die eine Konzentration des Willens auf j aullerhall) der engsten praktischen Interessensphäre liegende Ziele ei fordern. Diese Skepsis aller tritt nirgends so klar n\ Tage, wie im jüdischen Witz. Der ,.jüdische" Witz, unterscheidet sieh von dem jedes anderen Volkes, eben dadurch, dall er ein Volkswiiz ist, in dem .Sinne, dall er niemals nur diesen oder jenen luilcii, sondern immer das ganze jüdische Volk vcrspottcl. Der Witz jedes anderen Volkes macht sich über irgend einen Stand oder eine Gesellschaftsklasse oder die handgreiflichsten Ligenliiiiilielikciten eines anderen Volkes lustig. Selbst in Lülien, wo das Volk sich seihst, beispielsweise in der Gestalt vom deutschen!Michel oder von John Bull verspottet, meint cs gewohnlich nur die derzeitige Regierung oder irgend eine Verwallungsk,immer oder ähnliches. Der im lies Witzes dagegen ist immer der Jude 1111 alle,!ueiitcn, er kann ebensogut Colin wie Rothscl! : lieilleii, ebensogut aus Lodz, wie aus Schrniini, che; sogut Komtuerziem.it wie Schnorrer sein. Die \« spotteten Ligenschafien sollen stets solche sein, ü wir als schlechthin ״jüdisch" empfinden. Der Jiideü. Wil/.es blinzelt dem Milinda! immer mit 1*11111־ . AwÄWVeiüachehi zu: ״Siehst 1111, so .sind wir: aiimalie!! aufsässig, ohne L.hrgeiulil, Snobs - aber sie könne:! uns doclt nicht lutkriegen, die Gujim!“ Dazu kommt nun noch eine andere Art vm! pm schein Witz, diejenige, die um besser zu wirken, ti״! ihrer nicht nalioiialen Ligcnart, ein jüdisches Gew.!! . wählt: l'ajes mul Kaftan, oder auch nur D.iume״!!! den Achselhöhlen, krumme Beine und Jargon (ndu Pseudo-Jargon). Soweit hier die krummen Beine und der l.tig- : in Hetradit komme״, handelt es sich gleichfalls wn die Verspottung der erworbenen Gcfäugnisubel, da» erste eine körperliche, das zweite eine sprachlich.׳ Degeneration. Was das erstcrc Gewand, in das der indische Witz, sich hüllt, hctiifft, so kann ich für meine Person absolut nicht eiuschcu, was an einem Kaftan oder au den langen Schlüfculockcn eines Greises lächerlich sein soll: es mtitlte denn sein, dalt der Typus ״Jude" überhaupt, der sieh äuherlieh in der Lrscheimmg des polnischen Juden am deutlichsten ausspricht, für den Juden etwas belustigendes hat. Und das scheint tatsächlich der Lall zu sein.