Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1910-04-01 · Heft 13 (1.4.1910) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 13 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651657-2651671--06969-2664099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

JUED1SCHE RUNDSCHAU Seile 147. 3;_ luden der daß die auch . daß etzte 1 daß sich ungsmgechen Un• rißen mgs- Eva, iiriti der chen ihm und No. J'!_ den. aber noch wartete ich auf eine Antwort auf eine!״liiere A<1ü;>KC an das Ministerium für Volksauf. kiariMK־ lcl' ,|י1,״: »hinliclt als Vertreter Kurlamls not einer Bitte für einen Bürger meines Be- Zirkc5 an das Ministerium gewandt. Am 15. Oktober erhielt ich eine so charakteristische Antwort, daß ich 15 für meine I nicht Italic, Ihnen sowohl nieiitcn Brief an das ,Ministerium wie auch die Antwort wörtlich vnrziileecn. Ich schrieb: Mein Landsmann Kaufmann Kalm bittet mich in einer Bittschrift um Aufnahme seines Sohnes Josef m das Rigaer Polytechnikum Ich sl.'.obe« daß genanntem Kalm als KurlUndcr die M^lici'Kcit zu einer weiteren Bildung an einer baltischm Hochschule ermöglicht werden muß und bitte deshalb, diesem Gesuche stattzugeben. Ich richte Ihre .•vunierksamkcit auf folgendes Detail• Ich adrcssi ne meine״ Brief an den Direktor der Abtei- Industrieschulen, H. L. Schtschuki», erhielt seinem Gehilfen Antwort. Sic verstehen na- "•'s es bei einem burcuukratischcn Regime׳ . \ve11n_ man sich an den Chef wendet, und *sseit von einem Gehilfen Antwort erhält;wort lautet: — Ich bitte Sic um Aufmerksamkeit.!!*1 ׳‘ic Herren, das berührt nicht nur mich, sondem י■ י ■die. — »In Beantwortung Ihrer Fürsprache für I. l .dm beehre ielt mich Ihnen mitzutcilcn, daß der Mi■■ •Mer für Volksaulkllirung cs nicht für möglich eracht . Ihrer Bitte stattzugeben, da die Zahl der ücm •M i'istcrium zur״Vcrlügung stehenden Vakanzen unbed». Anteil l’lat/c. cs de! tollen nister sonder l'csoiul aus tL Holm ׳ hing b aber vtiirlich. bedcui' statt < Piese '• u ad ist.. Mit anderen Worten, wir nehmen 1 einem jungen Menschen, haben auch freie Sic aber Fürsprache für ihn cinlcgen, hält ,\mistcr nicht für möglich, diese Bitte zu er- Meine Herren, ich wandte mich an den Ml- •d an den Direktor, doch nicht nur als Jude,!ich als Vertreter Kurlands. Man muß nicht - empfindlich sein, meiner Ansicht nach, um Inhalte mul Ton dieses Briefes den ganzen d Spott gegenüber uns Volksvertretern erscheu /׳.! Können. Und ich muß sagen, nach Empfang dieses '1 leies beabsichtige ich all denen, die uns derartig 1h * .nideln, meine tiefe Verachtung und Entrustuue .;us/usprcelien Nach der letzten, an die ganze 1׳ na gerichteten und von derselben genügend beurteil:. 11 Rede des Ministers aber, werde ich nur das ei״, sagen: wie der Herr, so der Knecht. Meine Herren, der b'iihrcr der Oktobristen schloß in seinem und se!׳1 .״׳ Ercmidc Namen seine letzte Rede bcziiglieh dev Budgets für das Ministerium des Innern mit den Wlicn: ״Wir warten." Ich persönlich und meine freunde I,״unten es nicht begreifen, was und von wem der Abgeordnete Gutsehkow erwartet. Ich muß in meinem und im Namen meiner Glaubcnsbriidcr sagen, daß wir von Herrn Schwartz, seinen Mitarbeitern und Genossen, die da rechts sitzen, nichts gutes, sondern nur böses erwarten, aber meine Herren, wir warten auch. I'ocli wir erwarten in Kürze den Moment, da das ßM.e russische Volk sich von den Ketten der dunklen Reaktion befreien, das Joch der schwarzen Knechtschaft zerbrechen wird. Denn nur dann wird zu allen Völkern Rußlands und auch zu uns Juden die Wahrheit und Gerechtigkeit gelangen, die wir fordem und verlangen. (Stimmen rechts: ״Werfen Sic aber Keine Bomben.“ Beifall links. Die Huünungcn, daß unter dem ״schwarzen*' Minist, ruiiii für Volksaufklärung — nirgends paßt dieser Name so trefflich wie in Väterchens Reich — sich an der schändlichen ״Prozentnorm" etwas andern könnte, sind sehr gering. Und vor allen BcdrUckungsmaßnahmcn einer niederträchtig ge* hässigen Burcaukratie wird die ״Prozentnorm" als •die Infamste bestehen bleiben — zum Schutze Rußlands vor den blldungsdurstlgcn Juden! Westlicher Zionismus Franz Oppenheimer hat mit seinem Aufsatz über Volks- und Stammesbewußtsein in der ״Welt" eine tiefgehende Wirkung erzielt, nicht nur in den Kreisen der Zionisten selbst, sondern weit über diese hinaus. Denn das Problem, das er angeschnitten hat, ist wohl das tiefste und schwierigste in unserer Bewegung und überhaupt im modernen Judentum. Viel mehr als man dies Im allgemeinen annimmt, zerbricht man sich In Westeuropa den Kopf Uber die Frage, die hier zur Diskussion steht. Denn gerade für die ehrlichen und tiefen Naturen ist nichts peinlicher als das Leben in unklaren Verhältnissen — das zeigt schon die leidenschaftliche Hast, mit der man den Zionismus vielfach instinktiv in Kreisen verfolgt, die doch ganz gern für Palästina und seine Kolonisation tätig sein wollen. In Wirklichkeit steht ja für sie viel auf dem Spiel: die Frage, ob sic daheim sind oder nicht; zuin mindesten ob sic in ihren Qegenwartsländern ein geistiges Heimatsrecht besitzen. Das Unbehagliche dieser Frage pflanzt sich bis in die eigenen Reihen fort. Ich kenne sehr gute Juden, gute Zionisten im Sinne des Strebens nach einer politischen Heimstätte, die stets mit sich selbst im Kampfe liegen, stets bei der Zahlung des Schekels sich im seelischen Konflikt befinden. Sie haben den Aufsatz Oppenheimers als eine Art von Erlösung bctrachtet, und wenn sic auch weniger schreiben als die Unentwegten, so sind sic doch so zahlreich und ihre Sorgen ehrlich genug, um sehr ernst genommen zu werden. Bisher ist dieser Punkt in der Diskussion sehr nebensächlich behandelt worden. Es wird in Vereinen, Versammlungen und Artikeln auseinandergesetzt, ob Oppenheimer logisch seine Untcrschcidungen nufgebaut hat, ob er den einen oder anderen Begriff richtig determiniert hat — ja, ist denn das wirklieh das Entscheidende ln der Sache? Politik ist doch keine Sache formaler Beweisführung. Irgendwer hat einmal gesagt: man wird konservativ oder liberal geboren, womit gemeint war, die ganze Riehtung der Persönlichkeit bestimme die Ueberzeugung, und die Begründung suche man sich meist erst nachher zusammen. Ist dieser Satz auch vielleicht etwas schroff formuliert, so enthält er sicher doch sehr viel Wahres. Es handelt sich daher bei der Feststellung, ob Oppenheimer recht oder unrecht hat, nicht so sehr um eine Prüfung seiner Logik, als um eine Konstatierung, ob er richtig gesehen hat. In zweiter Linie erst steht, ob er folgerichtig deduziert hat. Ich glaube nun, daß Oppenheimer im wesentlichen richtig gesehen hat, wenn er meint, daß die westliehen Juden für einen national-kulturellen Zionismus, soweit er sic selbst betrifft, nicht zu haben sind. Sic wachsen auf in einem Kulturkrcisc, der unvergleichlieh viel höher sicht, als der des östlichen Judentums, W■■ ' ■■■ .—.. die!',!anzen und selbst das Wasser der Bäche, das über weiße Kiesel murmelnd dahinfloß. Die ’ iifte waren eine Bruderhand, die seine Wan1.cn streichelte, und Gott, Gott selber in seiner uncrforsclilichen Hoheit war Vater, Heimal and Ruhekissen. Und Gott war mild und sprad! zu ihm aus dem Wipfel eines Baumes, aus dem Nebel, der des Morgens über den WicMH stand, aus der Wolke des Felsenbergcs, aus (k r Stille der lauen Nacht. Gott sprach mit einer Siinune, die wohl tat wie Kuß und Seg* nuni*. Gott wandelte in der Kühle, und seine Oese!•,׳ •pfe beugten sich willig seiner Macht. In der Mitte des Gartens aber stand der Baum de! Erkenntnis mit seinen Früchten, auf denen ein Krüiiicin von roten Blumenblättern sich öffnete, und wo die Schale unter dem Druck der lieberreife geborsten war, da schauten saftige Kerne hervor, aneinander gereiht wie Milchzähne in Prallem, rotem Zahnfleisch. Und die Blätter des Baumes waren groß und glänzten und rauschten im Abendwind. Der Stamm aber hob sich vielfach verzweigt gen Himmel und wuchs 1ns un* gemessene. Und Adam fluchte seinem Geschick, das ihn nicht auch vom Baume des Vergessens kosten hcß. Nun sehe ich in die Leere ur]d״We1te der 'Veit und kann nicht vergessen, daß sie einst wohl bevölkert und eng war, so eng, daß ich sic ganz umfassen konnte. Ein König war ich und Tischgenosse Gottes; nun bin ich ein hungriger Kämpfer, der seine Augen mit Gier und Haß schweifen lassen und aus Steinen Brot sich schaffen muß. Aber die Nacht ging langsam zur Rüste, ltn Busch erschollen zuerst Vogclstimmen, die sich zuriefen, als ob sic einander das Nahen der Sonnckündcn wollten, und aus dem Dunkeider Nacht hob sich grau die Welt, immer weiter trug der Blick, drang über die Ebene und stille Gewässer bis an die fernen Berge im Westen, die rötlich in den klaren Himmel ragten, im Kreis aneinandergefügt, wie Kinder die Hand in Hand staunend zur Sonne aufbheken. Die Wolken waren ins Nichts gesunken, das Lieht der Sterne verflog, bleich schwand der Mond, das Grün der Wiesen leuchtete freundlich auf, das ganze Land lag da, schwere und süße Fülle verheißend dem, der seine Scholle lockern würde. Und es geschah, daß Adams Seele gleich* am den Frieden in sich schlürfte, der allenthalben sich breitete. Er sah, daß er fürder nicht nur seine Not. sondern auch seine Freude erkennen würde. Dies alles war sein, war dessen, der sich zum Herrn machen würde, dies war die Welt in die ihn Gott gesetzt, zu leben und sein sic schätzen und lieben Dichter und Denker ihres Volkes und vielleicht mehr noch die ästhetischen Werte des Westens. Schließlich kann der moderne Mensch noch eher in einem geistig unentwickelten Milieu leben, das er selbst ja befruchten kann und in das er seine Ideen trägt, als in einem Kreise, den» die fortgeschrittenere Art des Verkehrs und der gegenscitigcn Beziehungen mangelt. Die Auffassungen von Zulässigem und Unzulässigem im täglichen Umgang, in der Behandlung der eigenen Individualität und der Persönlichkeit anderer, die Begriffe von formaler und innerlicher Ehre, vom Werte des Geldes und dergl. mehr, sind kulturell weit trennender als die rein geistigen Fragen. Man mißverstehe mich nicht, ich will keineswegs etwa behaupten, daß solche Werte im östlichen Judentum nicht vorhanden sind. Es gibt dort wunderbar reine und hochstehende Mensehen, geistig und ästhetisch gleich fortgeschrittene Naturen. Aber drüben fehlt der Kultur die Breite, die sic im Westen erreicht hat. Sie fehlt ihr geistig wie ästhetisch. Und für viele Menschen ist der Oedanke, daß eine neue Gemeinschaft demokratischen Charakters auf zionistischer Grundlage dem Ganzen diesen minderwertigen Stempel der breiten Masse aufdrückcn werde, unerträglich. Wenn sich heute so viele gute Juden des Westens unserer Idee gegen- Uber ablehnend verhalten, geschieht das nicht zum wenigsten, weil sie glauben, damit in die geistige und ästhetische Enge des Ghettos zurückgezwungcn zu werden. Dazu kommt die Forderung der sogenannten Kulturzionistcn nach einer jüdischen Kultur, nicht etwa nur in Palästina, sondern auch in der Diaspora. Als ob man sich eine Kultur anschalicn könnte, wie einen neuen Anzug! Als ob man dem jüdischen Volkstum nützte, wenn man seine Kinder statt in der Landessprache hebräisch konvcrsicrcn läßt. Dazu hat man wirklich nur dann ein Recht, wenn man ernstlieh daran denkt, alsbald auszuwandern, und damit hat es doch im Westen gute Weile! Eine gesonderte Kultur kann man wohl in den Ländern des Ostens pflegen, weil dort die Juden in dichten Massen zusammensitzen und sich daher ihre Eigenart fortentwickeln kann. Im Westen sind solche Bestrebungen, soweit sic nicht gegenseitiges Verständnis und Kenntnis des jüdischen Wesens bezwecken, verfehlt. Der Westler hat wohl ein Interesse daran, daß die alte jüdische Kultur sich erhalte, daß eine neue in Palästina erblühe, aber er selbst kann Erziehung und Umgebung nicht verleugnen und wehrt sich daher instinktiv gegen die an ihn gestellte Zumutung einer völligen Umgestaltung seiner Persönlichkeit. Oppenheimer irrt nun aber in zwei wesentlichen Punkten. Einmal nimmt er an, daß die russischjüdische Intelligenz auf der jüdischen Kultur fuße. Wenigstens sehe ich nicht, daß er fiir sic eine Ausnähme von der Regel machte: diese Intelligenz Petersburgs, Moskaus, Warschaus und anderer großer Zentren ist genau so kulturell-russisch oder polnisch, so losgelöst vom jüdischen Kulturkrcis wie die Intellektuellen des Westens. Vielleicht hält er diese Schicht auch für zu dünn, zu zahlenmäßig schwach, um mit ihr rechnen zu müssen. Jedenfalls hat er diesen Punkt außer Acht gelassen. Und dann sind die Juden des Westens zwar von der Kultur ihrer Geburtsländer erfüllt, sic lieben die neue Heimat. Weib zu umfangen und sich zu mehren, auf daß es Herren gäbe und nimmer leer würde das Erdenrund vom Rufe der Menschen. Nach Dunkel der Nacht sollte Sonne und Helligkeit kommen.In meinen Gliedern schwillt die Kraft, meine Sinne schweifen durch Himmel und Erde, meine Gedanken umfassen das All! Du droben, Gott! Ich liier auf diesem Boden, dessen Kühle meinem Fuß wohltut! Du wollfest, daß ich kämpfe. Wohlan, so will ich kämpfenn. Mein Arm ist stark und sehnt sich nach einem Widerstand, der gebrochen sein will. Mein Auge schlürft Nähen und Weiten trunken ein. Erkenne ich und kann nicht vergessen, wohlan! so will ich kein welkendes Blatt sein, sondern ein strotzender Baum, der seine Zweige über die Muttererde breitet, Saft aus ihr zieht und in den Himmel wächst, bis seine Stunde gekommen ist.“ Und Adam sprang auf, und wie er stand und im ersten Stahl der Sonne seine Arme dehnte, erwachte auch sein Weib und sah noch traumbefangen lächelnd zu ihm auf. Es war aber die Aeltermutter des Menschen in der keuschen Fülle ihrer iungen Glieder, in der Glorie ihres wehenden Haares und im strahlenden Blick ihrer reinen Augen, die noch einen Abglanz der Ruhe des Gartens Eden bewahrten, gar schön

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.