Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2651273-2651657-2651668--06929-2664056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JUEDISCHK RUNDSCHAU Seile 110. No. 10. Industriezentren und agiikulturell oder kommerziell entwickelten Gebiete Amerikas. Dort findet das ״praktische, wuldhcratciic Sclb.stiutcrcs.sc" seine relativ selmellste Befriedigung. Das Leben gibt auch liier den beweis: lm letzten Jalirzelmt ging eine Million Juden nach Amerika, mir Tausende Kinnen nach Palästina. Also: weder liegt bei den Ostitiden zum Unter־ schied von den Westjuden ein ״Muss" vor für ein Kulitiriudemuiu, erzwungen durch den Tiefstand an• derer Kulturen, noch ein ״Muss“ fiir Nationaljuden־ tum und Zionismus, diktiert von einem Gesetz des geringsten sozialdKonnminelieit Widerstandes. Heide* sind Kniistntkliuiien, die ntif tliitlekliselieiii We«e die amleie Theorie Mützen sollen, die fiir die xyesteiimpiilschcii Juden eilten mir auf Jüdisches S t n m 111 c $ hewusstsein gestützten Zionismus zn bauen versucht - während das Vorhandensein einer überlegenen Kultur und der Mangel jeder Art von Sclmllcnfliichtigkeit oder AI1flnss־Tcmlenz das d e 111 s c he Kalt n 1־ ־ mul Volks hewusstsein statuieren soll. Hall man diese Koustruktioncu mul die früher charakteiisierte Vieldeutigkeit der Termini zusammen, so sieht man sich versucht, der Vermutung Raum ־zu gehen, dass diese ganze Dreiteilung in Stammes־, Volks־ und KuUurbewusstsein ein post hoc, ergo propter hoc ist, das zur Aufhellung der nationaler. Pliimome anderer Völker sich kaum eignen dürfte mul das zur l'.rkliining der jüdischen Volksfrage sta־ tt'.iert wurde unter der schönen, aber für die wissen־ schaftliehe Argumentation gefährlichen Voraussetzung: Wie schatte ich den Frieden zwischen Ost mul West? Des weiteren aber unter der politischen Nützlichkeit*־ erwäguug: Wie weit können sieh die Westeuropa!־ scheu Zionisten persönlich engagieren lassen? Und wie kamt mau am leichtesten Zionisten in West־ etiropa werben? Vielleicht hat diese praktische Tendenz!׳Tanz Oppenheimer von vornherein auf einen falschen Weg gciiihri. Er wäre dann nicht von den trennenden Momenten innerhalb des jüdischen Volkstums atisgegangen, sondern er hätte zimächsi die Gemeinsamkeit aufzmlecl.cn versucht. Hs ist hier nicht der Patz, die ganze Theorie des jüdischen Nationalismus aiifzurolleii. Hs ist seit Moses Hess, Acl1ad־llaam, Theodor llerzl. Max Nordau, seit dem Bestehen der jüdisch-nationalen Hewegung überhaupt soviel darüber gesagt worden wenngleich hei weitem nicht erschöpfend mul in den feinsten Zuspitzungen anfgespiirt dass vieles aus־ zunihreii (]emeinplätze präsentieren liiessc. Wie schematisch-einfach zerlegt sieh fiir Oppenheimer die jüdische Psyche in die drei lirmulgduiile! Wie beneidenswert gesund doch die Psyche des deutschen luden ist. die in Selbstzufriedenheit, ja Behaglichkeit ihr Judentum kondensiert (oder soll ich sagen verfliicliligt) zu einem Stolz auf die Vergangenheit und zu einem altruistischen Idealismus für die ״anderen" Juden und sonst mit allen Kräften das Peutschlmn umfängt, durch keinen Zweifel, durch keine Pishar־ inonie gestört! Ist sie wirklich mir ein sentimentales Walmgt'hildc, die ״seelische Juüeiinot", lebten sie nur in der Phantasii: der Dichter, diese gequälten und zerrissenen, diese erlösungsdurstigeu und propheti־ scheu Menscher״ die ״den Weg ins Hreie" suchen? War es nur der Altruismus eines froh auf ctiropüiseher Scholle Wandelnden, der den Zionisten den ״Judenstaat" schenkte mit dem flammenden Wort: ״Wir sind ein Volk. H1 n Volk?“ Nein, die Pormcl Franz Oppenheimers — so vielen sie in ihrer praktisch-ausglcichcnden Kon־ sii'iiktion Zusagen 111:1g — ist nicht die Formel des westeuropäischen Judentums, wie er atiniinint. Oppen־ heimers Slammbowiisstscin gellt auf Gewesenes: es ist eine Erinnerung :111 eine glorreiche, aber tote Vergaiigeuheit. Hs ist eine Abstraktion des Jüdischen. Pa ist der Oniiidirrtum. Penn das Vergangene lebt, das Jüdische wirkt Im (1 cge 11 wft rtige 11. Jedes indische Individuum bringt a priori eine spe* /111 mc11 pliysirilnglseli.psyelilngiselie Plspositinii mit• Uubcseluulel aller Muhuiiigsvcrseliledeiiltelieii der Rasseiillicoretiker, kann man das als Tatsache, als Wahrheit heliatmten. Dieses Instinktiv-Jüdische hat sieh mit der Umwelt aiiseimmderzusctzen. Hs wirkt auf sie und wird von ihr beeinflusst. Wo eine jiuli* sehe Gemeinschaft, und sei cs auch eine unvollkom־ mene oder rudimentäre, existiert wie im Osten, da kamt dieser Trieb in den Grenzen der gegebenen Hntfaltuiigsiijöglichkeiten eine natürliche Forderung und jedenfalls einen Schlitz empfangen gegen die wesensfremde Umwelt. Wo tlic.se Gemeinschaft fehlt, unterwirft er sich dem Milieu oder lässt sich von ihm unterwerfen, 1110• difiziert sich ihm oder lässt sich von ihm modifizieren otler :'.her er setzt sich zur Wehr gegen die absor־ liierende oder umgestnltciide Kraft des Milieus und sucht sich gegen sie zu behaupten. Hin Klcinkampf, aber liuiiilerttausciiilialtig mul darum nicht nlmc Grandiosität von erhöhter Warte aus das Bild einer richtigen Schlacht, wo cs Ueberläufcr und Feige, hediuguiigswcisc Kapitulierende und Wehrlose gibt, aufrechte Kämpfer und Verwundete. Und auch ״Opfer fallen liier, weder Hamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört." Ganz simienfällig und kontrollierbnr wird dieser Kampf in seinen grossen Zügen, wo sieh direkt Gruppierungen innerhalb der Schlacht־ reihe bilden, auf deren einem äussersten. dem zurück־ weichenden Flügel die Getauften und Baldgetauften, auf deren anderen äussersten, dem vorwärtsdringeiiden F'lügcl du• Zionisten plaziert sind. Deutlich koiinteil wir die Schichtungen und Gruppierungen verfolgen: Renegaten. Assimilnnteu saus phrasc, Kosmopoliteii. Individualisten, liidiiierente. Konfessionelle. Liberale. Stammesimleii (im Sinne Oppenheimers) Religiöse. Golus ־ Nationale. Kultiirnationalisten, Külutrzionisien, Territorialisten. politische Zionisten da sind so die Repräsentanten der verschiedenen Parolen 'mul Strömlingen lierausgegriitcu.*) Wo setz.l da der jüdische Nationalismus an? Nanirlicli nicht da, wo die Abstumpfung des Jüdisch־ Triebhaften zu Erinnerungen die Grundlage bildet, sondern da, wo dieses Triebhafte die Hrhaltung des Jüdisch• F.igcnartigeii gegen die Umwelt aufrecht zu erhalten unablässig bestrebt ist. Aber sclhstverstündlich erst da, wo sich dieser Widerstand nicht auf die Piirchscizung der eigenen sondergearteten Persönlichkeit beschränkt, sondern die persönliebe Zweekset/ung mit der einer gleiehstreheiideit ׳׳) In einem vor kurzem in Prag gehaltenen Vortrage habe ich diese Schichtungen zu analysieren versucht. Pa diese Arbeit veröffentlicht werden soll, verzichte ich liier auf weitere Ausführungen. jüdischen Gemeinschaft verknüpft, ist psychologisch ־ verstandesmässige Fundament dls jüdischen Nationalismus gegeben. Auf diesem Punkte 111 der bewussten Tendenz, der Beratung der Higeiiutt' trifft sich dann West- und Ostjudentum. Und u,| diese Tendenz temporär nicht begrenzt wird, wo das Individuum und die Gemeinschaft, i״. dem sie ihre Higenart bewahren, nicht mir ihrer persönlichen und der Vulksbestiuumuigeii dienen, son. dem der Meiiselihcüsentwickhuig ־zu dienen sich |)c. wusst sind, da wird Z i o 11 i s 111 u s daraus. ||׳|,cn wie drüben also kein Muss, sondern ein V, ||t t!ie Voraussetzung des Nntioiialjiideiitiims 1111.1 des Zionismus. Was bei itorm.ileii Völkern sieh <»!־.:;!. 111 s e 11 -1111 in e r k 11 e 11 nbsplult, dass der Hin/111,t sei,lein Lehen $11111 und Bedeutung gibt, iml! ״!׳ 1111 Volksgüiizcii lebt, strebt und schallt, ohne An. strengiuig schon durch seine Existenz und sein I!111,. lioiiiertn die Higenart des Volkes bewahrend tmj weitertragend das muss bei uns zunächst »!.׳* 11 e w u s s t e T c ti d e 11 /. sein. 111 ihrem V, י »e״ liegt cs. dass sie keine Kompromisse verträgt. \h, Alt!tiistuus hat dieser jüdische Nationalismus 1: ins zu tun. Pas Individuum gibt nichts ab. was es : empfangen will, cs ist ein Glied in der Kette. I. m. sowenig gellt es :111, dass es seine persönliche Zv Setzung anders gestalte als die des Volksg.!. Seine Zukunft ist mit der des Volksganz.cn 111111'«; ׳ verknüpft. Per auf jüdisches Stamincshewusstseiii gegru! .:»• und zugleich deutsches Volkshcwusstsein und Kt:.׳ tthewusstsein in sieh schliesseiule Zionismus O; heimers. der. altruistisch gestimmt, helfen ״;. dessen Existenz also mit dein Hude oder der t r• fiiissigkeit der Hilie abgeschlossen ist, der für .4s Individuum eine andere Zukunft setzt als für .,s Volksganze, ist kein Zionismus. Hine v>; In: Gedanken־ und Gefühlskombiiiatinii kann zur I ׳׳: k■ rtuig des Zionismus fuhren, sic kann den ZioiiiM. us eventuell auf dem praktisehclm Wege stclleinw w ohne Widerspruche begleiten aber sic ist uuin Zionismus. Beweis durch das einfachste Experiment: lK;.k; nur das Oppcnhcnitersehe Mniumcsbcwiisstsem!;! einer Menge von Individuen wirksam und nehmt .!!!. cs gäbe noch keine zionistische Bewegung - v .!e ist dieses Stammcsbewusstscin, dessen Träger kr. individuelle Zukunft mit der eines nichtjudiselu׳n Volksganzeu verknüpfen? Was als Voran'■ Setzung für seine Wirksamkeit erst des Zion.'• mtis bedarf, kann nicht seihst Zionismus sein. Und denket• wir doch einen Augenblick nak. wohin in aller Welt dieses Stammcsbcwusstw fuhren kann. Hs ist nach Oppenheimer ein Stolz .u;i die Abstammung, der dazu drängt, den guten Na.n: des alten Slumnies wiederher/ustcllen, der verbünde!: mit dem Gefallt für Freiheit. Recht. Menschlichkeit die Juden gegen ungerechte Barbarei zum Siege fuhren soll. Hs war einmal ein Jude, der I•■׳" Pisraeli und später, als er schon anglikanisch war. Lord Peaconsficld. Wenn je von einem, muss mau von ihm sage:, dass er Stolz auf seine Abstammung mehl nur im Herzen trug, sondern nach aussen dokumentier:!,• Nicht mir sein Wappen führte jüdische Unblcme. er kämpfte in seinem Altruismus fiir Freiheit ::״.I Recht der Juden in Wort. Schrift und Tat. st reiste mich Palästina und verewigte seine Ge• Progrom Von II e I e n e - II :1 n n a K ü 11 n. Auf der glücklichen Heimkehr vom weisen Rabbiner, Per das jüngste der Kinder, den Sohn, ihr gesegnet, Saust ihr Schlitten dahin auf der schneeigen Steppe, Und das Gluck strahlt aus Leas scUvvcrlidrigeit Augen. Noch ein Weilchen, dann ist sie im Grenz.würterhutschen. Bei dem teuren Gemahl und den harrenden Kindern. Au dem ksdiebcu 'lisch usit den FekvVAgskuchlctu. Port verbündet sie ihnen die glückliche Zukunft. Pie der Rabbi versprach •- wie wird Israel iubeln, Wenn es hört: Keine Sorge um Brot und um Leben, Keine Trübsal und Not, keines Feindes Verfolgung Wird dem einzigen Sohne das Dasein vcrstürcu. — Und das schlafende Kiudlein noch fester umschlingend, ln Erwartung des Heims und des wärmenden Mahles Treibet Lea das Pferdchen zu rascherem Laufe. In die Ferne gerichtet die sclmenden 1 Micke, Schreckt sie plötzlich am düsteren, selmceschwcrcn Himmel 111 der Richtung der Stadt eine flackernde Röte. Ihre zitternde llaml ergreift fester die Zügel Und ein Ahnen, ein schrecklich unnennbares Ahnen Schnürt ihr .schmerzend das Herz im Busen zu־ summen. Jener flackernde Schimmer wird röter und röter — Jetzt ein Blitz! — und in flammender, feuriger Lohe Sicht sie deutlich das kuppligc Dach ihres Tempels! ״Du, mein Gott!“ schreit sie auf, ״meine Kinder — mein Gatte! O 1)11 Allmächtiger, Pu hast Peine Kinder verlassen -- Bast sie zürnend dem Feind deines Volks überliefert!“ Und so warks. An der Stelle des Judcnquarticrcs Hand sie grausige Heimkehr! - in schweigender Oede Hin verwüstetes, brennendes Trlimmcrgefilde. Auch das Häuschen am Tor, das ihr Liebstes geborgen, Das ihr sonst schon von ferne so freundlich gewinket, War gefallen» nur glimmend noch standen die Walken. In dem rauchenden Schutt, in verödeten Räumen Wühlt ein Weil) in unsagbarem, grausigen Schmerze, Das verbrannte Gebein ihrer Kinder zu suchen. Aber da in der grässlichen (Jede und Stille, Von dem Knistern des Feuers allein unterbrochen — Bort sie plötzlich ein leises ersterbendes Wimmern. Mil den zitternden Händen, versengt von der Asche, Wälzt sie mühsam die Trümmer und Balken zur Seite, Bis sie endlich den sterbenden Gatten gefunden. ״Meine l.ea ich sterbe 0 Gott meiner Väter -- Morgen früh ist die Reih' an den Juden der Marktstadt — Parum eile und warne!" — Ihm brechen die Augen.— Auf dem totenstill weissen, unendlichen Schncefcld, Pein sich schleichend der Dämmerung Schatten vermälilcn, Saust der Schlitten zurück seinen Weg zu der Marktstadt. Ihren Säugling au» Busen, mit gläsernen Augen. Ohne Denken lind Fühlen im totwunden Herzen Fahrt sic hin, die vom Schicksal gepeinigte M! •■! Nur nicht denken, nicht denken! Nur vorwärts,!!!r vorwärts! Pass vor Hiiibruch der Nacht sie die Marktst.ul; er• reiche Und den Freunden das drohende Unheil verkam > ' Und der Abend sinkt tiefer. Per keuchende Br. nuc Kann nur mühsam die Bürde des Schlittens : •>d1 ziehen, Und das frierende Kind beginnt leise zu weine!• ״Nur ein Weilchen noch, Goldkind, dann sind •'זי am Ziele, Und bewahr’n unser VoIk dort vor Tod und 'er• nichtung, Und zum Danke gewährt man uns Zuflucht uuJ Speise." Auf dem Selmcefclde lastet aufs neue die Stille. Aus der Nacht wachsen grausige Schatten um Lea. Und von Qualen verfolgt strebt sic weiter und weite.־. Pa! ein Schrei in der Ferne nun näher! e׳!t Beulen! Und dem ächzenden Weibe strömt das Blut n.!c!1 dem Herzen — ״Nun erhöre mich, Ewiger, rette die Deinen!" Und wie wahnsinnig peitscht sie den stolpernd•::! Braunen, Der, erschrocken sich bäumend, als alm* er da* Unheil, Sich noch einmal zu rascherem Laufe ermannet.