Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ו■ äm r I I I I I I I I I I I I L Abonnement■ 111( die «flehentlich am Frei. 1,1 g cfH'helnemJe ,.Jüdische Ku.iü'ch.iu“ kosten brl der!:tiH'dUlon und brl allen Postiintirrn vicrtell.llirllch 1,25 M, tiiivuvliiilli llculsclilandt und Or»l«1־ riich-Unßarns 2,— M; für ,MliEllalcr lüdlscher Ver• eine im SamnulbcjtiB durch den Verein I,— M. Verla« Jüdische Rundschi■ U. in. b.-ll, Rrrlln SW, 68. Zlmmerstr. 77. Uc'ch.l('issl1mdrn: J bis 7 Uhr iiumer Sonnabend und Sonnta!.^^ ü Anzeigen VTV lör die fünliespiHene e oder deren Raum S1ellen*An«cbot1 und .uclU sowie Verclnsmlt- ■ irnuhRW! u. ״Kleloe Anteilen xj_nna.lWPIi, 0 0 ס 0 ס 0 ס o ^rfl*״Wtf|('te werdtn. wenn bellleit. stets turfleksdt. — Redaktionsschluss Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Rundschau nerlln-Charlottenburg. Dlclbtreuslr. 49. Tel. Cb, 9881. Sprechstunden Dienstag und Donneraug $-6 nachmittags. ««Hk |S.& A Ml I .■! «"*י1— ■ *•ד . . . I I I I I I I I I I I I I I I I J ALLC6MS|£3(1 SU(1G)0§<£M<S ZSITUNC Nummer \1!r Berlin, den 11. März 1910—30. fldar5670 XV. Jahrgang Organisationsfurcht N ul ilem wir den extremen Individualist nu1>. tiiv olles Maß übersteigende Verlierrliiiiui.. der ßcdeufunj׳ und Leistungsfähigkeit des ei' einen Individuums angesichts der beicpiellt .־!•! 1׳folge der auftauchenden Wirtschaftliehen;: ul politischen Organisationen im Lauf je* k teil halben Jahrhunderts glücklich über• wuiult hauen, begann sich ganz naturgemäß eine l , in rschät/.ung der Form der Organisa* non!n ull zu machen. Man meinte nunmehr vielen ״- - und merkwürdigerweise gerade in Öen Im< 'en. die bisher davon am wenigsten :!allen v. •ssen wollen — wenn man sich nur ergann״;e, sich zu einem straff geordneten Ver- Lnnle ,;!'.immenschließe, so sei alles Wcsentliehe gi...n. Wobei man die scheinbare Neben- >jchliel1kei1 übersah, daß die Organisation an sich dt dt nichts ist als eine Form. Eine f orm, die erst wirksam werden kann, wenn sie von einem lebenskräftigen und nach Betätigung aus sich heraus verlangenden, einigermaßen einheitlichen Geiste erfüllt ist. Wir werden nach dieser Einleitung, die mir fruiicr. bei anderer Gelegenheit, Gesagtes wiederholt, nicht verdächtigt werden können, Jer Orgamsnerung um der Organisat i 0 n willen das Wort zu reden. Aber wir wollen auch nicht schweigend zulassen, daß wichtige 0rgn11i$ierung$versuchc in der Judenheit um klvinliclier Bedenken willen vielleicht 1111 Keime erstickt werden. ln voriger Nummer berichteten wir nach einer Meldung der ״Neuen Jüdischen Korrc- Spünden/״ von der bevorstehenden Einberufung tincr KomVi euz, die eine a 11 g e in e ine O r g a n i s i e r u n g derrussischen Juden vorbereiicu soll. Der ״Israelit" übernahm die Meldung ebenfalls und versah sie mit der l'ebersclirih ״Die Organisationsgcfahr in Russinnd“, fügte ihr auch noch on Nachwort bei, in den! er verspricht, auf ee ״im höchsten Grade gefährlichen Organisawinsplänc” noch zurückzukommen. >0 wenig uns daran liegt, eine Polemik mit dnem anderen indischen Blatte zu führen, und •0 wenig wir uns natürlich ohne weiteres für den russischen Plan, den noch niemand חי 'tuen Einzelheiten kennt, 'Veil er noch garnicht existiert, einsetzen möch* kn. so nhr finden wir die Art der Behandlung dieses!׳laues durch den ״Israelit“ bezeichnend Iur eine• gewisse Geistcsrichtung, auf die wieder;11 innzuwciscn an der Zeit ist. Wann immer ein Projekt zur allgemeinen uiMming eines territorial begrenzten >es!kr Judenheit auftaucht, findet es in ge-;1• orthodoxen Kreisen von Anfang an den sclia!fsten prinzipiellen Widerspruch. Wie : Kreise — sei es aus angeerbtem Konscr* nuis oder aus anderen Gründen — trotz von ihnen in reichem Masse geübten Phi* iropie jüdischen Organisationen gegenüber dn gewisses Misstrauen verloren haben, das ich leider vielfach sich als berechtigt erhat. ״ .. B-'unit kommen wir aber zum Kernpunkt Sache: Das orthodoxe Judentum hat tatlieh von jüdischen Organisationen her, ocvon Landesorganisationen ־־ (e z. B. an Baden und den Gebetbuchß — Böses erfahren. Die Dinge lagen meist ״ ••Der Zlonlimu» eritrcbi (Pr dis Uidiiche Volk dl• Schtnunt einer öllcnUleh-rechlUch tendierten Mcitmiltte in Fillstini. Bndcr Prosramm. Aus dem Inhalt Organlsatlonsfiirclit. — Zweifacher Zionismus. (Fortsetzung.) Von Borthuld Feiwcl. — Jiidlsclio Palästina-Ausstellungen. — Mosaisch. Von Harry Epstein. — Hllfsvcrelii der Dculschcn .luden. — Das llllfswcrk In Russland. — .ludentauten In Wien. — Aus der zionistischen Hewoguug. (Distriktstai{ Posen-West- ין r e u s s e 11. Mitteilungen des Zentralhu reuus. Erklärung.) - Aus aller Welt:!)culsclilund, Oesterreich, (iall/lcu, Russland, Frankreich. — Verclusriuidscltu«. — Feuilleton: Pogrom. Von Helene Hanna Kiilm. Eine Fxpedltloii nach!Mesopotamien. V 0 r s a 111 ווו ווו n g s k a I e 11 d 0 r siche Seite US. so, daß solche Verbünde entweder von liberalen Juden geschaffen wurden, oder daß die sögenannten Liberalen in ihnen bald zur Majorität wurden, die mit der allen Majoritäten eigeneu Machtgier dann die Minorität zu unterdrücken suchten. Das leugnen zu wollen, wäre töricht und ungerecht. Aber das darf kein Grund sein, von vornherein eine Gegnerschaft gegen alle Versuche, die Judenheit zu organisicren, an den Jag zu legen. Denn wenn die Juden heute in den Ländern, in denen sie leben, etwas erreichen wollen, wenn sie nicht andauernd die Unterdrückten bleiben wollen, so gibt cs in unserer Zeit dazu gar keinen anderen Weg als den der Organisation. Und wenn wir nun gar den uns heule ineressierpnden Fall ins Auge fassen: man bclenke, was es bedeuten würde, wenn die sechs Millionen russischer Juden heute eine Orgalisation hätten, deren Vertreter als d i e Wort- (ihrer der russischen Judenheit aufzutreten das ,!echt hätten, und man wird ermessen, welche jngchcure Verblendung, welche Verkennung tller heute wirksamen Machtfaktoren darin liegt,;ich gegen den Gedanken der Organisierung :iner solchen Macht zu sperren! Unserer Meilung nach gibt es gar keinen Grund, der •inen luden zu solchem Vorgehen veranlassen cönntc. Alles, was einzelne oder bestimmte Gruppen tun können und sollen, wenn die Mögichkeit, die russische Judenheit zu organisieren, rgendwie sich zeigt, ist doch dieses: die eigo* neu Bestrebungen bei der Begründung einer solche« Organisation möglichst tatkräftig zur Geltung zu bringen. Aber alle müssten solche Versuche doch freudigst begrüßen, statt sie von allem Anfang an als eine Gefahr zu Stigmatisicrcn. Vielleicht würden auch wir als Zionisten mit dem Aussehen dieser Organisation nicht zufrieden sein, und wir sind ja praktisch oft gcnug mit allen orthodoxen Kreisen in diesen Fragen einer Meinung gewesen aber das kann und darf uns nicht veranlassen, einem solche״ historischen Versucheschonbei!seinem Auftanchcn Steine in den We(j zu legen. Wir begreifen die gehegten 1Bedenk«‘ ־ “ ist die Furcht der Minorität, vergewaltigt zu werden. Das soll zur Vorsicht und zur Oegenwehr das darf aber nicht zur Verneinung führa, bei einer Frage, die für «chs Millionen Juden möglicherweise eine Schicksalsfrage sein kann. Zweifacher Zionismus Von B c r t h 01 d F c i w e I. (Fortsetzung.) Leber die Tatsache, dass die Ostjudcn soziolo- Kisch anders determiniert sind als die Wcstjuden. braucht man also nicht erst viel Worte zu verlieren. Die charakteristischen Unterschiede im jüdischen Leben diesseits und jenseits der Ostgrenzc sind zu bekannt, als dass man sich erst mit ihrer Aufzählung und OcKcuiibcrstellung auflialtcn müsste. Umso seltsamer aber ist cs, dass Franz Oppenheimer gerade hier bei Feststellungen und Dcduktionen mehrfach in die Irre gegangen ist. An zwei Stellen, die für seine Beweisführung geradezu entscheidend sind, fallen diese Irrtümer besonders schwer ins Gewicht: Oppenheimer behauptet bekanntlich, dass die westeuropäischen Juden unmöglich ״Kulturj u d e n” sein können. ״Denn die jüdische Kultur", sagt er, ״wie sie aus den Ghettos des Mittelalters licrübei'gercttct worden ist, steht unendlich tief unter der neuzeitlichen Kultur der europäischen Völker. Die osteuropäischen Juden aber", fährt er fort, ״müssen Kulturjudcn sein. Denn die mittelalterliche iüdisclto Kultur steht gerade so hoch über der osteuropüisclien Barbarei, wie sic tief unter der westcuropäisclteu Hochxultur steht." Die Begründung ist falsch. Ausesr einem Irrtum in der Sache liegt hier ein Irrtum im Vcrglcichsobjekt vor. Man bcachte: Die westeuropäischen Juden werden dcutscher, euUlisclicr usw. Kultur gcgcnübcrgestellt, die Ostjuden aber osteuropäischer Barbarei. Dieser Begriff ״Barbarei" mit seinen mitscliwingcnden Tönen von Pogrom, Knute, Sibirien lenkt in verwirrender und sachlich durchaus unbegründeter Weise von der Kultur-Sphäre in die der Humanität oder Zivilisation ab. Man mag die russische Kultuf so niedrig bewerten, v ic mau will europäischen Rang wird man der Kultur der Dostojewski und Tolstoi nicht absprcchcn, selbst wenn man nicht daran denkt, wieviel Kuropiiismus diese Kultur sich zugeseilt hat. Und die polnische Kultur mit ״Barbarei" zu identifizieren, erscheint noch um einige Grade deplazierter, weil da auch die ״mitscliwingcnden Töne" fehlen. Nein, es stimmt durchaus nicht: Keineswegs deswegen müssen die Ostjuden Kulturjuden sein, weil die sie umgebende Kultur ihrer eigeneu gegenüber minderwertig ist. Ist cs denn dem Autor entgangen, dass hunderttausende russischer und polnischer Juden, wenn sic zur Bildung gelangen wollen, diese ״barbarischen" Kuliurkrcisc passieren müssen'׳־ Und will man einen Beweis a contrario gegen die Oppcnhcimcr’schc Deduktion — gibt es einen schlagenderen als die Tatsache, dass man grössere Chauvinisten, Enthusiasten, ״Patrioten", als cs die ״jüdischen Polen" sind, nicht mehr finden kann? Auf den zweiten grossen Irrtum, als wäre die jüdische Kultur des Ostens nichts als mittelalterlichcs Erbgut, als wäre sic identisch mit der ״geheiligten, gottgewollten", also offenbar der religiösen Kultur, will ich hier gar nicht cingchcn, weil eine weitere Entkräftung der Oppcnhcimer'schcn Formel vom ״Mus$"-Kulturjudcntum unnötig ist. Auf ebenso schwachen Füssen stellt — davon sei schon hier wegen einer gewissen inneren Ver- •wandtschaft gesprochen — die Deduktion eines ״Muss"-Zionismus aus der sozialökonomischcn Situation der Ostjuden heraus. Sic haben als rechtlose Proletarier die ״natürliche Tendenz abzuströmen*’. Gewiss. Und selbstverständlich ״zum Orte des gcringsten Druckes auf der Linie des geringsten Wider- Standes". Aber wenn das wahr ist — und cs ist wahr -* lässt sich mit Oppenheimer aus solcher so• sialpsychologischcr Tendenz der markante n a t i o n u I jüdische Zug Im Ostjudentum deduzieren, der dem Westjudentum abgeht? Nein. Denn tatsächlieh führt die Juden, wenn sie dieser Tendenz folgen, der Weg des geringsten Widerstandes in die