Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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JUKDISCHE RUNDSCHAU Seite 9$ No. 0. Aciisscrliclikcil nicht auf, um einen!,teil nach oben zu schicssen. Aber es scheint mir symptomatisch und ich werde es sogar fiir diese Auseinandersetzung noch verwerten können — wie schwach der Wille zur Aufrichtigkeit (natürlich im philosophischen Sinne), zur mmachsichtlich-ehrlieheii zionistischen Krkountnis ist, wenn die Redaktion des Zenirahirgatis und wenn die. dies besonders angelit, nicht das Bedürfnis haben, sofort zu einer Kundgebung von der Tragweite der Oppcnheimerschen Stellung zu nch* men. Pie es besonders angeht, das sind nach den P.rfahrungeti oder Mutmassiingen des Autors alle westeuropäischen Zionisten mit Ausnahme der ״l'.merbten", ״einiger junger Peuerküpfc" mul ״einiger, die sozusagen schon zur Reise nach Palästina ge* packt haben". Unsereins, das sicli In die Ausnahme-Kategorie cinzureilicn hat. könnte ja füglich schweigen wo. fern es sich mir darum handelte, die eigene theoretische Pundierimg des Zionismus unatutetastet zu wissen. Diese Ausnahme-Katevtorie darf sich nach Oppenheimer ״uationaljüdisch‘' nennen mul es sein mit allen Konscnuetizen. Aber es kann dieser Kategorie nicht gleichgültig sein, zu ״welch seltsamen Gesinnungsgenossen". um Shakespeare zu variieren, ״sie die .ludenuot bringt". Und die eventuelle Gabelung des Zionismus ist fiir den Pinzelncn und die Gruppierungen als Olieder eines Gesaiiitorganismiis ein zu ernstes Problem, als dass man darauf verzichten wollte, zu untersuchen, oh sie wirklich begründet und notwendig ist. Und wenn sie es ist, bis zu welchem Masse, mul welche l'olgcrungcii eventuell daraus für den praktischen Zionismus zu ziehen sind. Nannte ich!־'ranz Oppenheimers Kundgebung!evolutionierend mul umstiirzlerisch, so soll damit durchaus nicht gesagt sein, dass Auffassungen mul Empfindlingen. wie sie seinem Artikel z.iutnmdc liefen, nicht schon vorher zutage getreten wären. Vom ersten Moment bis auf den heutigen Ta« ist die Hut- Wicklung des Zionismus, seine Tat mul sein Unter* lassen im '1 iefsteu hceinflnsst von einem bald lauten mul eruptiven, bald stillen und zähen inneren Kampf zwischen einem, satten wir, geschlossenen mul einem gebrochenen jüdischen Nationalismus. Wer das nicht «eschen hat. kann nicht zionistische Ueseliiclitc schreiben, wer es nicht sieht, nicht zionistische Oe* schichte lunchen. Dr. Oppenheimer, obwohl dem Parleileben entrückter, hat das Amte dafür. Allerdings zweierlei muss gesagt werden: Das, was ich als ttebroclienen jüdischen Nationalismus bczeklinctc, trat nicht als ein einheitliches System in die Prsclieiiiimg, vielmehr als eine Piillc drängender oder w iderstreheuder Kräfte, die ihren Tracern oft nicht bewusst und darum nicht plaimiässig «denkt, elementar wirksam wurden. ״Philanthropischer Zionismus". ״Gegnerschaft oder Interesselosigkeit gegenüber jüdischer Kultur", ״mir-pulitisclier Ziouisiiiiis", ״Widerstand gegen praktische A«heit in l’alastina" um mich nicht zu verlieren mul schneller verständlich zu sei״, nenne ich, statt in die Meinte der Prsclieiiiungeii liiiieiiizmtreifen, die erstbesten sogenannten Parteisehlagworte. Verschiedene Sphären, verschiedene Objekte. Und doch ist’s am letzten Pude die Differenziertheit und Alntcstnftlicit der nationaleii Trieb- und Stosskraft der Uruppieruinten, die die Gegensätzlichkeiten erzemtt und nährt. Das wurde nun oft a limine bestritten, mit Hitze die ..Konstruktion von besseren und schlechteren Zionisten" abgewehrt, manchmal wurde es heschönijtt, und noch öfter sah 111;1t1 überhaupt nicht klar, weil die ersten Ursachen sicli schon hinter den von ihnen gewirkten Tatsachen oder Tatsachenfolgen verkanten. Und dazu muss noch ein Zweites gesagt werden: So unausgeglichen es auch im Innern von Oben und Unten sein mochte, im Verlaufe der Jahre war es doch gewissermassen Grundgesetz geworden, dass ein geschlossener, das Ucgcnwarts- und Zuk u n f t s leben der zionistischen Individuen und Massen umfassender jüdischer Nationalismus Voraussetzun«, Inspirator und Regulator des Zionismus sein müsse. (Hs wird später darüber zu reden sein, was unter diesem geschlossenen jüdischen Nationalismus verstanden war). Gegen dieses einheitliche eirundgesetz wurde verstossen (wenn man will: gesündigt) an allen licken und linden. Aber es ereignete sich nicht, dass theoretisch dagegen angekämpft wurde als gegen ein nur fiir eine Kategorie von Juden hereehtigtes, für eine andere aber unamtcmes.seiies Prinzip, das sic darum aucii nicht verpflichten kimue. lirst Pranz Oppenheimer blich es Vorbehalten, beides zu tun: Den ״gebrochenen" Nationalismus, oder wie cs bei ihm heisst, das ״Jüdische Stammeshewiisstsein" (im Gegensatz zum geschlossenen Nationalismus, dem ״Volksbcwusstscin") aus seinen versteckten und verschämten, den unterirdischen Maulwurfsgitngcn, ans Tageslicht zu ziehen und zum Träger eines Systems zu machen — eben das, was die anderen nicht tun konnten oder wollten. Zum zweiten aber das zionistische Grundgesetz eines einheitlichen jüdischen Nationalismus zu zerbrechen. Dies, indem er das Slaomiesliewtisslsein J als die ein/.ig-mögiielie Grundlage für das zionistische Dckemituis der Mehrheit der westeuropäischen Juden mul den so fundierten und vom ״nationalen" scharf abgegreuzteu Zionismus als gleichberechtigte zweite Porm erklärte. Das ist das Neue, das Umstürzlcrisehe in Dr. Oppenheimers Kundgebung. P,r besitzt die grosse Aufrichtigkeit, die Not frei auizuzcigen, den Mut, aus der Not eine Tugend zu machen, und die kühne Konseuucuz, diese Tugend ziiiii Recht zu erlichen. Dieser Konseuucuz Kami und wird man mit aller Energie uutgegenirelun, dem Mut wird mau seinen I Respekt nicht versagen, besonders wenn man daran denkt, dass der Autor ihn In einem Augenblicke hestätigt, wo er des Vertrauens aller Zionisten fiir ein grosses Unternehmen bedarf, für den Preiumt aller, für die grosse Aufrichtigkeit wird man dem Verfasser wie immer man zu seinen Ansichten stellt nicht genug dankbar sein können. Iller ist einmal eine Musis für eine Auseinandersetzung gegeben. Sie wird erfolgen auch in der Realität, nicht nur in der Diskussion. Und wenn diese Auseinandersetzung sein׳ ernst ist, unvergleichlich gefährlicher noch wäre es. zu schweigen und tutlos zu bleiben. 0 Wer 11111 der schriftstellerisch-wissenschaftlichen l.eistmig Dr. Oppenheimers näher vertraut ist, der wirü hei dieser Gelegenheit von neuem an der gast- Vollen und eleganten Art des Verfassers sich erfreuen können umsomehr aber wird der Zionist es hedauern, dass Herr Dr. Oppenheimer gerade hei diesem Anlässe Verzicht leistete auf ..theoretische Auseinamlerset/tingen", auf eine tief eiiulriiigende, wortiiml begriffsstrenge Analyse. So klar Aufbau und Gcdankeiifolge, so schön auch die einzelnen Abschnitte seines Artikels in einander gearbeitet sind, der ernste l.escr wird schon hei der ersten Lektüre abgesehen von den subjektiven Meinungsverschiedenheiten aui innere ״Unstimmigkeiten“ stosscii, sogar auf Widersprüche, mul vor allem wird er manches vermissen, an dem der Autor fiir seine Theorie nicht hatte schweigend vorübergellen dürfen. Am meisten aller vermisst man eindeutige Definition ein Mangel, der noch störender wird, wenn man an die gründliche Verarbeitung des dargebotencu Materials Imraiigeht. liier hätte der Verfasser dem weniger geschulten l.escr zu Hilfe kommen müssen. Nur ein paar kurze Hinweise in dieser Beziehung, ehe wir direkt an den Kern herangehen. Der Verfasser macht bekanntlich einen scharfen Unterschied zwischen S t a m in e s bcwusMscin und V 01 k s bewusstseiii. welch letzteres er wieder in N ,ף t i o 11 a I i t ä t s bewusstseiii und Kultur bewusstsein spalte(. Das Stamnicshewiisstsein ״geht auf Vergangenes" es besteht, wo sicli dem Mcwiisstsein ״gemeinsamer ,Abstammung, gemeinsamen Hintes oder wenigstens ehemaligen gemeinsamen Volkstums, gemeinsamer Geschichte״ der Stolz auf diese Gemeinsamkeit liinzugesellt. ״Stolz auf adelige Herkunft", das ist. was dem jüdischen Assimilaiiten abgclit. Der Verfasser setzt nun den Pall, das grosse jüdische Gemeinwesen, ein Volk mit einer Kultur, bestände schon und beriefe ihn z.u einer ilnn entsprechenden Tätigkeit. Hat er sieh bis zu diesem Augenblicke als S t a in - inesjtide gefühlt, so glaubt er, er würde sich schon von diesem Augenblicke der Berufung an ״in hedeutendem Masse als National- und Kulturjutlc fühlen", ..über - - fährt er fort — ich würde voraussichtlich dann bis zu meinem Tode - d c 111 - sch es S ta m m c sgefithl haben“, und zwar, weil er ״sicli dem Deutschen immer noch näher verwandt fühlen würde als des P.ngländer usw." Ja, was ist nun das Stammesgciiilil? Pinmal ein auf ein Historisclies, Unabänderliches gerichtetes, daher an sich nicht variables Gefühl, heim Juden der Stolz auf seine Abstammung, sein historisches Volkstum, sein Blut (denn Oppenheimer glaubt auch an das Blut, 1 von dessen ״Kultiirwert" er an anderer Stelle spricht) j — das andere Mal aber ist cs dem jüdischen Ini dividuum möglich, demselben Individuum ein and e- | res Siaimnesgcfiihl, ein deutsches zu erwerben, das i daun nicht der Stolz auf Abstammung, Blut usw. ist, sondern ein Gefühl der Verwandtschaft, und zwar offenbar einer geistig-kulturellen. Das Voiksbewusstsein. ״Ps geht auf Gegenwärtiges: auf Gemeinsamkeit der Sprache, der Sitte, der Wirtschaft- und Rcchtsbczeiclimingen usw. (merkwürdiger Weise fehlt hier das ״Land" (״wir liehen unsere Landschaft", sagt der Verfasser nicht, ohne darauf Nachdruck zu legen, an anderer Stelle von den ״iiationaldcutsclicn" Juden) -• und es gellt zum zweiten auf Gemeinsamkeit der geistigen Kultur. Ps ist ״die psychische Widerspiegelung des Milieus", aber das Produkt einer Realität, in der das Individuum stehen muss — und doch kon/.c- Giert der Verfasser an anderer Stelle, entgegen allen physischen Gesetzen, bereits einem ״Passagier" ein Nationalbewusstsein und einem Magnaten sogar mehrere. Kiilliirbewtisstsein. Pin Teil oder ein Lleniciu des Vol k s hewiisstscins. Also etwas Ahgcgrenztcs in der räumlichen und geistigen Sphäre. Der deutsche Jude mit jüdischem Stainniesbewusstseiii hat dem. sclies Kulturbewusstscin. Plötzlich aber und ohne nähere Prklärmig überschwemmt der Itegnli Kultur seine Grenzen und König Karol von Rumänien erhält zu seinem deutschen Stanimcsbcwusstsn״ ״w osteuropäische s" Kulturbewusstscin. Das sind nur die paar Beispiele ich will mein zu ausführlich werden ־. wie der gelehrte Amor cs uns erschwert, ihm auf geraden Pfaden zu i<»|-״!. Aber lassen wir das. Und gehen wir zur Maupulnu• über, die sieh, etwas versteckt, im zweiten Teil «icr Oppenheimcrschen Ausführungen findet. Sic lau:«:!־ ״Wir Westjuden Sind Soziologie eh anders determiniert als die Ü s t j u d e!•.׳־ Das ist eine These, die man akzeptieren muss, v <.־!! sic einfach eine Tatsache ist. Sic um irgend einer zionistischen Pinhclt willen wegieiigneii zu wollen, wäre ein ebenso unmögliches wie toriel '.s Beginnen. Preilich muss dieses ״anders" nicht ganz so a sseiten, wie!•*ranz Oppenheimer cs uns vorführt und auch die Polgerungen können andere sein, (portsetzung folgt.) Zum ״Rufruf“ io der No. R (Seite 91 mul 92) dieses Blattes %: ein Aufruf ahgcdruckt. der bei aller scliemiu!; Harmlosigkeit ־auf nichts geringeres liinauslanft. s die Gründung einer K a m p f o r g a 11 i s a t i o n mm:• halb des Zionismus. Pin altes Sprichwort sagt zw..•: ״Wenn du den Priedeu willst, rufe zum Krieg". 1. i insofern konnte mail vielleicht die geplante tiriimim.g als ein Symptom erwachender Priedcnsliebe irein g begrüssen. Indes der bewaffnete Priede ist k«!•: wünschenswerter Zustand, zumal 111 r eine Partei. «11 alle Kräfte aufsparen muss, um sicli äusserer Gegner zu erwehren. Weniger denn je können wir Zioiüsm iiiis alter im gegenwärtigen Moment den I.iisus eim\ inneren Kampfes leisten. Ich befürchte zwar keineswegs, dass den Um«.־:• Zeichnern des Aufrufs Anhänger in hellen Scharen Zuströmen werden. Bei unseren russischen (k siiimuigsgeiiosseii bestellt freilich noch ein gm Teil Prbitterung, die eine geeignete Atmosphäre• für Unternehmungen, wie die geplante, schaficn konnte. Dagegen wird in den westlichen Laudem. auf die die Unterzeichner ilire Aktion f:««׳ ausschliesslich beschräiikeii wollen, kaum grosse׳ Neigung vorhanden sein, sieh einer Organisation .«:.• zusehliessei). die trotz aller sein,neu Worte von realer, moderner Politik, volkstümlicher Organisation usw. ofi'eiisiclitlicli keinen anderen Zweck hat. als die D« Heiligung des derzeitigen Präsidenten mul allem.«IN auch noch die Verlegung der Zentrale nach Bei ln. Das sind keine heiligsten Güter, zu deren Wahrung sieh die Volker Puropas vereinigen. Wenn indes d!e geplante Organisation auch noch so klein bleilna wird, der Schaden, den sic anrichtcn kann, ist gross, indem sie schon durch ihre Existenz mich aussen hm falsche Vorstellungen von der Bedeutung der Divei• gciizcn innerlia'b des Zionismus hervoiruieu wun, vor allem ahedadurch, dass sie das Zustandekommen der so überaus notwendigen Verständigung erheblich erschwert. Die Unterzeichner des Aufrufs werden allerdings bestreiten, dass ihre ganze Aktion lediglich aui den Sturz des Präsidenten gerichtet ist. Allein ״die v״r I laiipulicsen", die die ,.programmatische Gimull.ig." der z.u schaffenden neuen Vereinigung bilden soll«. . sind auch die ״programmatische Grundlage' unserer aller Bestrebungen, und cs ist dmv::• aus nicht z.iitrctiettd. dass sicli die Scheidung der Gruppen auf dem Kongress nach den 1 diesen Thesen entwickelten Gesichtspunkten v. zogeu hat. Ich muss es als eine nicht ganz emwan ‘1• freie Taktik bezeichnen, wenn die Herren allgem« n anerkannte und von niemandem bestrittene <int• :■ Sätze des Zionismus für sicli allein mit Beschlag Iw legen und uns anderen eine Gegnerschaft gegen dis •-c Grundsätze imputicren, die uns gänzlich fern liegt. So beispielsweise gleich in der ersten These, n der ״gegenseitiges Verständnis". ״Zusammenarbeit" und ״fruchtbare Wechselwirkung zwischen Ost 1101 West" gefordert wird. Ich glaube nicht, dass es zu irgend einer Zeit irgendwo in der Welt einen Z! ׳• nisten gegeben hat, der diese Pordcrung nicht n•ü unterschrieben hätte. Allein der Westen ist nicht :11 Herrn Wolffsohn und der Osten nicht in Herrn U s s i s c h k i n verkörpert und wenn diese beiden Männer zurzeit nicht in der Lage sind. Seite an Seite für unsere Sache zu arbeiten, so ist das ״och lange kein ״unseliger Riss, der sicli zwischen Ost und West geöffnet hat." Zu einem solchen wird diese persönliche Unstimmigkeit erst durch diejenigen gcmacht, die erklären, dass sic unbedingt ״zu einem klaren A11 s t r a g zu bringen" ist und zu diesem Zwecke neue Organisationen gründen. Es ist das