Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 90. JUEDISCHE RUNDSCHAU No. 8. Viertes Hü um dien (ebenso): Und ich wurde als Dankesgabc Fiir einen Preumlsehaftsdienst gewährt. Alle im Chor: .letzt .stellen wir im engen ()arten, Sind noch Stecklinge ganz klein, Aber braucht nicht laug' zu warten, Haid siml wir ein grosser Hain! Kecken uns recht hoch mul schlank, hiebe Sonne, dir zum Dank. (Taiizroigen nach derselben Melodie.) (Der Purim liiipft unter dem Aultakt des Casinoliedes aus dem Metropoltheater herein und wendet sieh mit dem liesang halb an Estlier, halb ans Publikum. — Er wird von einem halbwüchsigen Mädchen dargestellt, welches als Pierelle gekleidet Ist.) Melodie: Casinolied. Pu rim: Erscheine ich in eurer Mitte. Es jedem in den ■Pässen zuckt! Ach Esther, schau* mich an, ich bitte. Ihn dein ureigenstes Produkt! Stamm aus dem ältesten Jahrhundert, Als von dir grosses Heil erblüht. Man dich, 0 Königin, bewundert Und Ereude cinzog ins Gemüt. Der Human au dem Galgen hing, Ahasver freundlich uns empfing. So kam ich, Purim, in das Land, Und nie seither ward ich verbannt! Ich trag ein buntes NarrenUleid, Hin stets zu Spiel und Scherz bereit. Das Glöckchen klingt bei jedem Schritt, Die Hrummigsicn, die zieh' ich mit In meinen Narrenkreis, Da glüht die Lebensfreude heiss! Tags vorher gibt es grosses Pasten, Der ,,־raues Esther" stellt sich ein, Den Magen gründlich zu entlasten, Piir kiinft’ges Schlemmen zu kastein! Des Abends geht man zur Mcgillc, Es Imrct deinen l.ohgesaiig Gar andachtsvoll die ganze Kille, Nur dauert cs ein wenig lang! Und früh am anderen Morgen schon, Da trete ich in Aktion! Wem immer man sich fühlt verwandt. Dem wird Schlachniones zugesaudt: Die Kräppcheit schmeckqn gar so zart, Der!•’laden ist von felt'ster Art! Und nach dem Schmause grosser Hall. Ein recht fideler Karneval: So gabst du uns das Best*. Das schöne, liehe Purimfest! (Tanz.) E s t h e r: Ich kann all das Gehörte kaum erfassen Z11 viel des Neuen stürmte auf mich ein, Werd* ich jetzt wiederum die Welt verlassen, Welch’ tiefen Eindruck nehme ich mit heim! Es jubelt und jauchst, cs singt und klingt Vom jüdischen Volk, das sich wieder verjüngt! (Es schlägt ein Uhr. Alle fahren zusammen. Der Hauer ruft): Es schlägt eins. (Mirjam oder eine beliebig andere der Schau- Spielerinnen tritt vor und singt): Melodie: Herr Kaiser aus der Purster- Christel. Wir ziehn nun von dannen, vorbei die Geisterstund*. Und was wir zusammen euch neues taten kund, Das find’ in euren Herzen recht lauten Widerhall, Wenn wir uns wieder aufgelöst im grossen Weltenall! (Alle auf der Hülme wiederholen die Strophe.) Vorhang fällt! AUS ALKER W€LT ״ Russland Die Wahlen zu der von der Regierung für den nächsten Monat einberufenen Uabblnerkonleren/, sind in den verschiedenen grösseren Gemeinden des Reiches so gut wie abgeschlossen. Es ist nunmehr auch das offizielle Programm für die Konferenz definitiv festgesetzt worden. Danach hat das Ministerium des Innern die Heralungsgegenstände in fünfzehn Kategorien eingeteilt, von denen sich zehn auf Russland und fünf auf Polen beziehen. Darunter befinden sich auch eine Reform der Rabb in als, Kultus- und Pamiliena n g e I c g e n 11 e i t c n, Geburtsscheine, Schulverwaltung, W o h 11Ü t i g k e i t s a n - s t a U c n , R a h b i n e r k o m tu i s s i 0 n, r e 1 i - g i ö s c Erziehung, Licht- und PI e i s e h - .Steuer. Zu jedem Punkte liegen jiidischerseits mehrere Vorschläge vor. Die e e h t r u s s i1 s e h e Presse hat der Regierung vorgeworfen, dass sie in der Rabbinerkonferenz eine ״jüdische Autonomje" gewährt habe. Darauf erwidert die offiziöse ״Rossin", dass die Befugnisse dieser Konferenz nicht über den Rahmen der früheren Rabbincrkommisrioncn hiuausgehcn. Der 1 * *lau zu solchen Kommissionen wurde zum ersten Male im Jahre 18*10 geiasst. Es sollte nach französischem Muster eine Art j II d i sc 11 e s K ״« - si stör ht in gebildet werden. Das darauf bezligliehe Gesetz wurde am 1. Juni 1818־ Allerhöchst bestätigt. Ursprünglich war die Einberufung der Rahbinerkoiiimissioncu für jedes Jahr geplant. Es wurde Jedoch später den! Minister Überlassen, den Zeitpunkt hierfür nach .seinem Ermessen jedesmal zu bcstimmen. Und so tagte bisher die Rahbiiierkoinmisslou nur fünfmal, und zwar in den Jahren 1852, 1857, 18(»1, 1879 und l«y.l. * Die Bemühungen der Vorsteher der Handelso r g a n i s a t i o 11 und der K o m m e r z s c h u I c 11, die neue l’rozentbescliränkung für die Aufnahme von ,Imluii In den lliuulelssclinlcii uiifzuhcbcu. haben nur gel ingen EHolg. Der liandclsiiiiiiislcr T I in 51 sc 11 o w erklärte, die von seinem Vorgänger getroffene Be- Stimmung beruhe auf einem Beschluss des Ministerrats uml müsse deshalb von ilun befolgt werden. Es ist mir Aussicht auf eine zeitweilige Erleichlcrimg hei der Aufnahme von Juden vorhanden. Später soll die 15 ,/«'■-Norm streng durchgcfülirt werden. Frankreich Die Debatten aber die Ereignisse des IX. Zioiiistenkongrcsscs halten diese Woche in Paris ihren Ilölivpimkt in einer öhcnllü’hcu, äusserst zahlreich besiicliten Versamml'ing erreicht, die sich zu einer grandiosen iiutlomil-Jiiillschoii Manifestation gcstal- (etc. Sie war um so mächtiger mul eindrucksvoller, als sie nicht von einem geschlossenen •Verein, um- Hern von einer viellmiulertküpiigeii Mncge ausging, unter denen sich midi viele hoeliangcsehene trauz ö s i s c 11 c .111 d e 11 11 n d J ii ü i 1111 e n befanden. Line sonst seltene Erscheinung in zionistischen Vcr- Sammlungen, die die Ansicht bekräftigt, dass die lioffniiiig auf die Eroberung der Hochburg der Assiinilatioii nicht ganz vergebens ist. Was dieser zionisti.sclicii Kumlgeiimig ihr besonderes Gepräge gibt mul das Interesse der g5.11/cn zionistischen Welt vcrdient, ist eine französische Rede Max N n r 115111 s, Die Versammlung wurde vom Präsidenten der l'odeiation. I >r. \lcx5m Jcr M a r m 0 r e k , eröffnet, der Herrn Dr. Reich das Wort zur Hcrich'.crsiaitiim: über die Kougrcssvcrhandliingeu gab. Dr. Reich .sprach mit grosser Verve mul f5md viecn Del,11׳. Hieran{ ergrin l'rati Dr. Kritschewsky das Wort. Sic unterzog die Ergebnisse der Hamburger Tagung einer scharfen Kritik mul suchte augeiiseliein• lult Nm'dnn zu einer ausführlichen Klarlegung seines Standpunktes zu veranlassen. Das Das gelang ihr auch vollständig. Mit der Ruhe um! Gelassenheit und dein biendeiulvn Witz, die ihn stets anszeielmcu. erwiderte der greise Pnhrer auf alle die Vorwürfe, die in letzter Zeit gegen ihn erhoben wurden. Seitdem er der zionistischen Organisation, angehörc. begann der Redner, habe er nie nach Popularität unter den jüdischen Massen gestrebt. Sein einziges Ziel wäre: seine Pflicht als Jude zu erfüllen: mul mit diesem Ptlichtltewiisstsein sei er auch nach Hamburg gegangen. Die türkische Revolution habe einen gewaltigern Eindruck auf die zionistische Welt gemacht. Mit dem Optimismus, der die Stärke, zuweilen 5d1s־r auch die Schwäche des jüdischen Volkes bilde, glaubte dieses, seinem Ziele sieli ganz, nahe zu finden. Pa habe er es für seine Pflicht gehalten. Gas jüdische Volk aus diesem Tran mzusta ndc in die Wirklichkeit zurücUziifiilircn. Er erwarte von den Massen keine Dankbarkeit, denn sie ständen unter dem Eindruck des Augenblicks. Wenn dieser sie trugt, sind siei enttäuscht. Die türkische U in w u I z u n g b a b e für d 51 s J u d e u t u m k eine grosse IS e d e u t u 11 g. Denn wenn der Despotismus;niclt geschwunden sei. die Männer, die Institutionen (roter Zettel) seien dieselben geblieben. Redner hielt es für notwendig, die sdem jüdischen Volke klar••ztimaelieii. aller anderseits auch die tiirlösche Nation von der massgebenden jüdischen Tri• hüiiu lierab übe! die w;׳l1un Absichten uml Ziele iles Zionismus :mf/iiklareu. Die Türkei stelle uns jetzt unannehmbare Hcdingungun, Sic verlange, dass wir uns im ottomaniseheit Reiche zerstreuen, zersplittern mul ottonianisieren sollen. Wir wollen die türkische Sprache erlernen. ein Jude erlernt ja alle müglklnm Sprachen mit Leichtigkeit. wollen;1 u e h gute Ott o in a n e n s e i 11 aber die einzage Bedingung, die wir stellen, sei: ״A I s j II d i s e 11 e N a t i 01151 I i» ä t in Palästina lebe 11 z 11 können. ״Und." fügte der Redner unter dem Beifailsstnrm Ger Anwesenden hinzu, ״wir sind an inassgebender Stelle gehör» wonleii.“ Dass unsere Be* miihungen *auf Schwierigkeiten stossen, läge daran, di.ss es unter uns Juden Leute gibt, die von einem blinden Hass gegen die jüdische R ni aissii iicc b e w c g u n g besessen sind, und jede nerli'lo List anweuden, um unsere Bewegung aufzuliiilten und zu hemmen. Diese Leute sagen den Türken•. Ihr braucht McnschenmatcriaP. Wir geben euch so viel ihr wollt. Wir stellen gar keine Bcdiugum/eu Palästina ist uns gleichgültig. Wir schicken euch die Juden, wohin! ihr wollt. Wir 1 wünschen nichts als Türken, die türkischsten Türken ans ihnen zu machen. Durch diese Verräter seien die .luiigtürlten Irregeleitet worden. Sie antworten uns: Wir brauchen euch nicht. Ihr stellt Bedingen• gen, andere sind bescheidener und anspruchsloser. Deshalb bleibe uns nichts anderes übrig, als zu warten: nicht etw״ auf einen Messias, oder dass cs unter uns keine Verräter gebe, dass wir alle Engel werden. Nein. Wir wollen warten, bis die Türkei das Piasko des Unternehmens unserer Gegner wahrninnnt, was nicht ausblciben wird, und u n s c r c 1 o vale 11 Absicht c n er Keimt• Wir wollen nach Palästina geben, mellt um dort Brot zu essen, das könnten wir anderswo vielleicht billiger und besser haben, sondern um moralische Satisfaktion zu erlangen: die Realisierung 11 ״. s c f c, r AI c s c h i c U t \ i c h c 11 L x i s f c u z. I las jüdische Volk habe durch seine t;1uscndjährige Existenz bewiesen, dass es eine relative Ewigkeit bc:itzt. Wir wollen unterdessen nicht die llnmlc in die Taschen stecken uml nmssig_ warten, sondci,! an den andern Aufgaben arbeiten, die ausserhalb Pa• lüstüias unser harren: Erzieilnmg des Volkes und Stärkung unserer Organisation. Zur Präge der Polemik unserer russische.! Pr cu ndc übergehend, bemerkt der Redner, d.o■, er Wolf! söhn gesagt bah•.•, er whrd»• gerne ö: Verantwortung und die Leitung in den Händen ä ז Kritiker sehen, wenn es die gegenwärtige Lage 11ז ׳ erlauben würde. Die Russen kritisieren .Me:־., sind aber nie mit einem praktischen Programm he!• vorgetreten. Wie wenig praktisch sie sind, bewei*! die Pordcrung der Gründung einer Agrarbank. S lange in der 'Türkei kein I l.vpithekeiigesetz existier:. sei ein derartiges Unterrm Innen unweigerlich zu n liankcrotl verurteilt. Die Russen hätten zu vul Phantasie. Diene sei zwar in der Kunst sehr forder• lieh, aber unbrauchbar für das reelle Leben. S1; fassten Beschlüsse, die uureaüsicrbar seien. Es s.! keinr auf ׳!ein Kongress gewesen, der cs ihnen gi sagt habe. Redner durfte als Präsident nicht 1>״U misieren. Er habe *•teil auch deshalb anianglicli gi weigert, die Präsidenteitw.irde aiizuiichmeii. Wii dürfen den Mut nicht sinken lassen. Wen in 21־ Stunden der türkische Despotismus gefalle;. w;1s können nicht andere 24 Stunden für das jndisci Volk bringen? Deshalb müsse mau arbeiten und su . nicht in Gegensätze von Ost und West, von prak tischen! und politischem Zionismus ergehen. Wenn wir neue Anhänger werben, in i'.il istm.i neue zu« nistisclic Vereine gründen, ist Gas nicht ebensolein■ praktische Arbeit, als wenn man ein Stückchen Lau 1 kauft, um es brach liegen zu lassen? Nicht Land 11\\ erb sei;lugenhlieklich tur das jüdische Volk v<•;, giosscr Wiclitigekit, sondern \ 11 i k I a r u n g d c 1 öffentlich e 11 M e i » u 11 g in der 1־' u r k c 1 uml die Gewinnung der dortigen Juden für unsere grosse Sache. England M r. Herbert S;1 11 וון e I ist dieser l äge G e 11 e r a I - Po s t m e i s 1 e r von England geworden. Dies ist eine um so beachtenswertere Erscheinung, als auch ein anderer Glaubensgenosse. Sir Matth e w Nathan, vor wenigen Wochen Postminister geworden ist, so dass 51lso die oberst e Leit u n g des englischen Postwesens mit Juden besetzt wurde. Dies wiril ein eigentümliches Licht aul die Behaup• liingeu der Antisemiten, dass Juden in leitende! Stellung tinlir.iiiclili.ii׳ seien, Ware es auch nur, wie Herr vMi Heeriugci. sagt, weil sic keine Autorität besitzen könnten. Da scheinen die Engländer doch andere Erfahrungen gemacht zu haben. Man knüpf; an die Ernennung Herbert Samuels zum Clici des englischen Postwesens die grössten Hofimingen. da mau bei seiner bewährten Tüchtigkeit und Palugkeit neue, einschneidende Aendeiungen erwartet. * Am 12. Pebruar starb in London plötzlich Rabbine! L. (iordon. das ehrwürdige Haupt der .1 c s e 111 b ,< in Tel sc 11 (Russland). D51s Haus der Jesclulu w.u durch Eener zerstört worden und der Rabbmei. den man den Telscher Gaon nannte, war mit seiner (iattm nach London gekommen, nm Geldmittel für diese Institution zu erlangen, deren Ruf viele der begabtesteii Rahhinatsstudeuicn in Russland Iterlu. gezogen batte. Als Rabbiner von K o w וו o und In•• sonders als Rabbiner und Leiter des Seminars! lelscli, widmete er sich grösstenteils der pordertm. jüdischer Wissenschaft unter einer Gruppe seiner 111■ mittelbaren Sclniler. für deren Studien er sich seih־! verantw örtlich machte. Er galt viel in den;111־ kindischen Gemeinden. Man bewunderte sein. Geistesschärfe, sein massvollcs Wesen mul seine lu schcidcnhcit. —- Am 15. Pebruar fand unter grossi 1 Ehrenbezeugungen seitens der Londoner Juden d Beerdigung statt. Der Tod überraschte am 10. Pebruar den ()bei•: C. R. C o 11 der, den bekannten Palästinaiorscln Der \ erstorbene trat frühzeitig in Beziehung, zu der I* a I ä s t i 1151 - P, r f o r s c 11 u 11 g s g e s e 11 *!, * kJulirc 1874 wurde er Nachfolger 1kv Kapitän S t e w51 ׳ r t, der;ins Uestnidhcitsrueksichit von .seinem!,osten 511s Landvermesser Wes Palästinas zuruektrat. In» September 1875 kein!. ״״ ״!״l ,U"ulur "״cl1 England zurück, nachdem er 4700 Uiiadratuieilen vermessen hatte. Er brachte eine menge Notizen und Zeichnungen mit, die das Matermi für cm Werk bildeten, das 511s klassisch bezeichne: werden kamt: Tont Work in Pa lest ine (Zeh iirbeit in I alüstina). Die Bücher, die er über Palästina veroilentlicht hat, bilden eine ganze Miblintlick. Sem neuestes Werk, das er im vorigen Jahre I1era11sg.il>. behandelte die ״Stadt Jerusalem". Oberst Comk-i sprach oft in z i 0 ח i s t i s c It c n Vcrsannulunucn mul zeigte grosses Interesse für die Wieder b e I e b 11 ״ g I alästmas und die hierauf gerichteten Bemühungen der Zionisten.