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Jüdische Rundschau · 1910-02-25 · Heft 8 (25.2.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Aus der F.iiisainkeit 7.0k cs Um aller immer wieder zur lebendigen BetätigunK, zu unmittelbarer Wirksamkeit. Und;;!ciiii liegt der tragische Zug in Mathias Acher’s Wesen: Der Theoretiker und Praktiker in ihm widerstreben einander. Von Natur aus ein Bin• sanier, ein l!igom־r. ein in sich gekehrter seelischer lündiingei• lebt in ihm doch ein Wirkungstrich. sozusagen ein Masseniiistinkt. Br vermag aber nicht durch die Buge und Kleinarbeit der praktischen Hetatigung liimliii'cli/ugelien, sich den begrenzten He• diugungen der realen Wirklichkeit nicht anzupassen, keine Drücke zwischen dem freien (ledankenflug und dem tatsächlich (legehenen zu schlagen. Und so sucht er du fernes Leben, eine andere Wirklichkeit. Br suchte sie im ühcllu des Ostens. Dort glaubte er das ursprüngliche• naive, imvcr• fälschte jüdische Massenlelten und die echte jüdische Volkskultur zu iiudou. Jene Wirklichkeit wurde ihm *zur Idee. Daraus winkte seiner zwiespältigen Seele die Harmonie, die Synthese von Idee und Realität. I'.s fehlt ihm jedneh dabei die llnmiiU'lhaikcit der Realität und der Urgrund der Idee. Das jüdische Volksideal muss, um in seiner ganzen Qrössc erlasst zu werden, in seinem historischen Werdegang, in seiner geschichtlichen Kontinuität gesehen, bis auf seine Quellen verfolgt werden. Diese Quellen liegen aber in der h e 11 rä i sc h e 11 Kultur. Wir glauben, dem Jubilar keinen besseren Üliiekwünsch senden zu können, als dass er in der historischen Wirklichkeit des .Indentmus seine Lchcnsidcc. in der drcitnuscndjührigcu Kultur unseres Volkes seine Scclenharmonie finden möge! Stammesbewusstsein und Volksbewusslsein Von Pr.!•'ranz Oppenheimer/) Hm Wort der Wahrheit wünsche ich aiis/u• sprechen, nicht nur vier Wahrheit halber, die Selbstzweck ist. sondern auch des Briedens in unserer Hewcgimg ballier: denn es handelt sieh um tiefgreifende Unterschiede der Stellung, die zu Unfrieden und vielleicht stig.ir zu schlimmerem führen können, wenn sie nicht mit voller Klarheit ausgesprochen werden. Ich will das Ventil üfincu, damit der Uchcrdrnck im Kessel gelahrlos abstrbme. Wir Westeuropäer stehen dem zio- 11 i s t i s c 11 e 11 Id e a 1 anders ge g e n ü b e r als die () s t e 11 r o p ä e r! Wenigstens im Durch• schnitt. Denn natürlich gibt es alle Uehergütige und Abschattungen hüben und drüben, so dass mancher Ostjude ganz in dem Sinne Zionist sein mag wie das ürns der Wcstjudeii, und umgekehrt. Aber im grossen und ganzen greift der Unterschied doch durch, den man grob und annähernd etwa folgendermassen bezeichnen könnte: wir Westjuden haben *) Wir reproduzieren trotz, unserer beschränkten Iv’aimiverliältnisse den in der letzten Nummer der ״Welt״ an leitender Stelle erschienenen Artikel Dr. Oppenheimers in extenso, weil an die -- manches Richtige und vieles Falsche enthaltenden ־— komplizierten Auseinandersetzungen sich eine Kritik nur nach g e n a n e r Kenntnisnahme anknüpfen lässt. Bin kritischer Artikel folgt in nächster Nummer. Red. d. ״J. KV jüdisches Stammcslicwusslsc in, die 0 s t j u d c n jüdisches Volksbcwusstsein. Was das besagen soll, wird durch ein Beispiel klarer werden als durch lange theoretische Auscinamlcrsetzungcn: der voll eingebürgerte amerikanischc Deutsche, der seiner Herkunft stolz ist, hat deutsches Stummes-, aber amerikanisches Volkslicwiisslsehi: der der Herliner Iraiiz.öslschen Kolonie ungehörige hohe Heamte oder Offizier, der sielt seiner Abkunft von den RcftigRs rühmt, hat französisches Stammes- und deutsches Volksbewusslsein, Und gerade so hat der in Amerika oder Holland oder Bngland usw. voll eingebürgerte, hat mindeslens der im Lande geborene Jude amerikanisches oder holl,'indisches oder englisches Volksbcwusstsein, und gleichzeitig, wenn er seiner Abkunft stolz ist, jüdisches Mninmesbewiisslsein. Die beiden Bmpfindungcu sind völlig voneinander verschieden und können aus diesem ()runde neben* einander bestellen, ohne in Kouilikt zu geraten. Im Feldzüge von IS70/71 standen sieh einmal 7.w׳ci (icucraie des gleichen Namens, ich glaube Vcrdy de Vernois, als Hefchlshaber gegenüber; den deutschen Refitgit) hat sein französisches Slammesliewusslseiu nicht im mindesten gehindert, seine patriotische Pflicht als Deutscher mit aller Kraft zu erfüllen; wohl aber ist aiizimelimeu, dass es ilm damals dazu gebracht Italien wird, die nicht waffeiitragemle Hevolkenmg so weit zu schonen, wie das mit der Pflicht des Deutschen irgend verträglich war. Das Stumiucshcwiisstscin geht auf Vergangenes, es ist überall da vorhanden, wo das Individuum das Bewusstsein hat. von einem Volkstum ahzustummeu, das dem Volkstum, dessen Bürger cs zurzeit ist, an Ruhm und Adel mindestens gleich ist. Wo dieses Bewusstsein fehlt, da besteht es nicht und macht dem ängstlichen Beslrelien nach Assimilation Platz. So versuchen überall die Mischlinge farbiger Rassen, die Mulatten und Quudtnueit Amerikas, die ״Fttrasier" Indiens, sielt als reiuhhitige Wcisso aufznispiclcn. und so verieugneteii in den Zeiten politischer Zerrissenlieit ausgewaudertc Deutsche ihre als Schande empfundene Abstammung lind machten sich so vollklimmen wie möglich zu l'.iiglandcrn oder Aiiterikauern in Sprache. Namen mul Sitte, (lcrnde so gerieren sielt überall solche .ludeustäuuulingc, die den Stolz, auf ihre adlige Herkunft nicht besitzen. Wo aber dieser Stolz, noch besteht, da ist Stammesbewussisein. das Bewusstsein gemeinsamer a\11stanmiting, gemeinsamen Hintes oder wenigstens ehemaligen gemeinsamen Volkstums, gemeinsamer Cieschichte mit 1111 e11 ׳ Lriuiieiiiiigeu au l.eid und Freud, an Heroismus und (irusstatcn; wir Westjuden z. B. sind stolz, darauf, dem berühmten (iesehlceht zu entstammen, das der Welt drei der grössten Religionen gali und das trotz, seiner Zerstreuung über alle Welt sieh überall und zu allen Zeiten als eines der gewnltigsteit Ktiltiirfermcntc erwiesen hat und noch erweist. Das Volksbewusslsein aber gellt auf (legenwärtiges: auf (lemeiiisamkeit der Sprache, der Sitte, der Wirtseliafts- und Reehtsbcz.iehungcn nsw. und der geistigen Kultur. Bs ist die psychische Wider- Spiegelung des Milieus, in dem und durch das wir leben. Und zwar stuft cs sich de nt t) r a 11 e der Intensität 11 a c 11 a h , u a c h der Freude und den Vorteilen, die der ein z eine v o n d er F. i 11 g 1 i e d e r u 11 g in gerade dieses Volkstum hat. Das muss auf das tiefste verstanden werden, denn es ist die Ursache vieler unserer Selbsttäuschungen und insbesondere vieler (iegensätze in unser!» zionistischcn Lager. Diese Freude und diese Vorteile hängen ab von zweierlei: erstens von der Stellung, die das Volksmm als (ianz.es in der Reihe aller Nationen entnimmt, — und zweitens von def sozialen Stellung, die der einzelne innerhalb seines Volkstums einnimmt. 1),!. nach kann sieh das Volksbcwusstsein noch einmal spalten in N a t i o n a I i t ä t s b c w 11 s s t s c i n und K u 11 u r b c w u s s t s c i n. Auch hier wird ein Beispiel schneller aufkläreit als lange Auseinandersetzungen. Friedrich der ()ross!• halle gewiss ein Markes deutsches oder wenigstens doch preussisches Nationalbewusstsein, ־ - aber er war durch und durch K u 11 u r f r a n z o s c. Kon!׳,: Karol von Rumänien hat unzweifelhaft deutsches Stammesbewusstsein und das stärkste rumänische Nationalbewusstsein, aber höchstwahrscheinlich kein rumänisches, sondern westeuropäisches Kulturin■* wusstseiu, denn was von Kultur in Rumänien existier t. ist j.1 nur ein dünner wcsletiiopäisclier Firnis 1dm orientalischer Barbarei. Hier klafft der erste grosse Unterschied zwischen den ().Minden und denjenigen unter uns Wcstjudeii. die in der Kultur ihres (icburtsl.indes anfgewaelisu׳ sind. Wir sind sämtlich Kiiiturdcutselie, Kulm! franzosen, Ktiltnrengländer. Kulmramerikaiicr usw weil wir das (ilnek Italien. Kiiltiirgemeiiisehafleii an zugehören, die in der ersten Reihe der Volker stelle!! weil es uns eine Bltre ist, unsere weltberühmten Denker, Forscher, Künstler und Brfinder die Unsere!, zu nennen Wir könne» nicht Knlturjudeii sein, dem. die jüdische Kultur, wie sie in den lilictti des Osten־ aus dem Mittelalter lieriiliergerettet worden ist, stell unendlich tief unter der neuzeitlichen Kultur, derer Träger unsere Volker sind. Wir können nielii ruck wärls um] wollen nicht rückwärts: wenn wir ge bildeten Westeuropäer z. B. in uns hincinlciicliteil, s׳ finden wir uns zu 9S Prozent zusammengesetzt aus westeuropäischen Knlmrelemcnten. Die Ostjuilen aber können unmöglich Kulturrusseti, Kulttirruinänen. Kulturgahzier sein, so wen!,: wie König Karol oder Carmen Svlva. S i e nt ü s s e 1! K 1111 n r j 11 d e n sein,, soweit sie nicht durch eine iilinr.ois seltene (iunst der Brz.ieltung bereits Kultureuropäer geworden sind - denn die mittel* alterlielie jüdische Kultur steht »,׳,ratlc so Imclt über der osteiiroo.osehen Barbarei, wie sic tief unter dei westeuropäischen Ifochkultur stellt. Das müssen unsere Staininesei'iiossen im Osten als Brstes cinsehcu und uns verzeihen lernen, wenn es ihnen auch schwer genug falle״ wird. Denn fm viele von ihnen ist die indische Kultur gottgewollt, heilig, ־ und leicht erscheint ihnen unsere Weise als Frevel. Sprechen wir nmiiiiehr von dem zw eilen Best.uni• teil des Volhsbewiisstsems, vom N a t i o n a I b e - wusstseiu! Seine Intensität, der Orad des ..Patriotismus", hängt davon ab. wie weit der einzelne die Vorteile des staut heben Octuciulebeiis genicsst. Das gilt nicht nur für den Juden! Das gilt ebenso für den Niclitimleti. In aller Welt sind die Auge- 110ןן״׳יח der herrschenden Klasse bessere ,.Patrioten" als die Angehörigen .der linieren Klasse. Die Industrie* arbeiter des Kontinents rühmen sielt ihrer Inter* uatioiialität mul behaupten, auf allen Patriotismus zu pfeifen, den sie Chauvinismus und 1״ Imrapatriotismtis" schimpfen. Freilich, das Milten ist oft stärker als ihre theoretische Uelierzcugung, Smist würden die polnischen mul tscliecliischeii Sozialisten ihre Nationalität nicht mit so grosser Hartnäckigkeit behaupsen. Aber wenn auch keine Klasse als (ianz.es völlig von dem Nationalbewusstsein fr<,׳hnmmcn kann, s.> ist doch unzweifelhaft, dass es sich abstuft nach der sozialen Stellung des einzelnen, nach der Wirtschaft■ lidien Klasse, der er attgeliort, und nach seiner gesell* scliaflliehen Stellung. Bin schmier Beobachter l!.!t einmal die Pai teiangeliörigkeit der deutschen Anw idle und Acrztc folgendermassen bestimmt: ״Bis .1111111 Mh. Frühling in Palästina Von A. Freund. \',| > III 1־, Vl'l |1 *.11*• •.) (Aus dem Jiidisdion von I. Szametz.) Sobald der Monat Schewat sieh nähert, macht sieh in dei Luft der Frühling bemerkbar. Freier atmet der jüdische Bauer. Seit eini- Ben Tagen ist er mit dem Bestellen der Aeeker fertig, und nun blickt er n\U l KuvklnukeU auf Müller Lrde. die von Tag zu Tag grüner und prächtiger wird. Auch im Weinberge sind die Vorarbeiten crlediBb Die alten dürren Reben sind abgeschnitten, mul die in langen graden Linien stellenden Wcinstöckc selten hoffnungsvoll dem milden Frühling entgegen. An den Zweigen der Bäume springen kleine (jrauköpfehen hervor. . . . Vorboten von neuen Zweiglein. Die Maudelbäume dort auf dem 1 Higol sind den anderen Bäumen vorangeeilt. Denn kaut« ist der schaurige Winterregen aus dem Lande und die klare, freundliche Frühlingssonnc über dem Horizont erschienen, da schmücken sie zuerst sich mit zierlichen Blättern, zwischen denen zarte, weisse Blüten hervorlugen, als wollten sic in das grosse Tal herabblicken, das sich in einen bunten Blumen• tcppich verwandelt hat. Nim prangen Wiesen mul Felder in Frühlingssclmiuck. Nur die holten Berge dort in der l erne stehen nackt mul leer. , . . Kahl mul traurig liegen sie da. Wo sind die Zedern, Zypressen und Svknmorcn, auf die sie einst so stolz waren? Wo sind die Stätten so mancher schönen LnmienmBen und Legen den? . . . Nur hier mul da sicht man auf einzelnen I liigeln dünne, schlanke I nielilbätmte. Auch die Wege mul l.atulsirasseii sind öde und bar jedes Baumschmuckes. Niehls von den alten hreilsehattigen Bäumen, die einst den Wanderer erquickten. Ja einst, als noch das indische Volk glücklich in seinem Lande wohnte, da verwandte es viel Sorgfalt darauf. Wer sich der Allgemeinheit nützlich machen wollte, der pflanzte an den Verkehrswegen Bäume und grub Brunnen . . . zur Freude und Fmisclmng des Wanderers. In dem ״neu“ gestalteten ״alten“ Land hörten die alten guten Sitten auf. Die Brunnen befinden sich innerhalb fest verschanzter Baumpflanzungen und dienen lediglich zu deren Bewässerung.. Nur hier und da führt ein Leitungsrohr durch die Matter hindurch Wasser auf die Chaussee; nirgends aber findet der müde Wanderer eine schattige Ruhestätte., Hier sucht erst die neueste Zeit abzuhelfcn. Wenn die jüdischen Bauern ihre l eider beslellt bähen mul die Zeit für nette Bamupflau* Zungen noch geeignet ist, dann bereitet mau sielt zu einem grossen ,J'iianzenfeste“ vor. l'ml welcher Tag wäre dazu geeigneter als der!י. Sehebat, das ״Roscli-1 lasehattali" der Bäume? Mil Freude und Begeisterung wird dagrosse Volksft-sl vorbereitet. Scharen von Bauern zielten auf die Land• Strassen, messen gleiche Lntfernungen ah, be• zeichnen jeden Ort, wo ein Baum gepflan/; werden soll, indem sie da einen Pflock in den Boden schlagen und die Nummer eines Baumes darauf schreiben. Fmsig wird auch unten im Tal am (leincindchrunncn geschafft. Tausende junger Bäumchen stehen in Töpfen, die mau sortiert und mit Zahlen versieht. Junge Mäd• dien suchen grüne Zweige und Blumen zur Ausschmückung der Häuser. Ungeduldig erwartet alles das grosse Pilanzungsfest. Schön und milde bricht der Morgen des ״Rosch-Haschanah“ an. Vom hellblauen Hirnmcl schickt die Sonne ihren Neujahrssegen der gi (inenden Frde. Vom Meere her kommt ein leichter Wind, beugt ein Dräschen zum ander», und sic küssen sich und wünschen sich gegenseitig ein ״gutes Jahr“. Die Blümelein nicken

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