Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Adar 5670 XV. Jahrgang .״ *iS״ Mehr Taktl Wir erhalten folgende Zuschrift: Einen Appell möchte ich richten an alle ,.u••! lulen und schreibenden“ Zionisten I. V.sclilands, die dringende Bitte ihnen ans lk: legen, alv.ustelien von der negativen Kritik, die i1׳ vielem durchaus berechtigt sein mag, aber 11191;־ die Konstatierung gewiss sehr trauriger, II, v:! längst bekannter und als un vermeidlieh längst erkannter Tatsachen nicht hinauskommt. Glaubt z. B. der anonyme Entdecker de> ,.Saloii/ionismus“ irgend wie positiv zu wirkn. wenn er die wohlhabenden Zionisten l\uuH־!!lands und das halbe Dutzend, zu dessen 1 dv )>uewohnheitcn die Reise nach St. Moritz gell«»! 1. zur Emigration nach Palästina auffor• den•׳ Wie, wenn nun die so Apostrophierten sich M'lbst auf die Pnideckerrcise begäben und San an ben Mordechai aus der warmen l'cko seiner bürgerlichen Golusexistenz aufiHilH'iiei׳.? Warum, Du neunmal weiser RatgebiT. arbeitest du nicht auf der geheiligten Scholl,• von l'rcz-lsrael?“ Wie, wenn die zioiiistisehi• Kategorientafol weiter fortgeführt wird, utui der Typus des echten, wahren unverfälsch-!en /.Ministen, des ״Monopolzionistcn“ in des Wortes doppelter Bedeutung, des westüiropiiiM'lien ״Kulturzionistcn“ usw. in cliarak- 11ristisch׳ r Pose vor uns paradieren wird, das bei uns in literarischer Fehde so geschätzte Mass von Lieblosigkeit vorausgesetzt —? Nicht wahr, es bestände dann unsere ״Rundschau“ nur noch atm Puriiiinummern! Sollen wir ferner die emphatische Forderung von Kulturopfern, die in un*erem Milieu nur einzelnen ludividualitäten möglich sein werden, ernstlich zu einem Axiom der Propaganda erheben, noch dazu in einer Zeit, in der die limigrationslust nicht einmal unter den kapitalkräftigen Zionisten Russlands übermässig gross zu sein scheint? Weiter! Lin anderer durch jugendlichen Opti- - •*»!, »• r? .,Der 7.ion!tmm entrebt lOr de» indische Volk dl» Schaffung einer 0llcmllch>recl1tllch gesicherten IfcimMdtte in PsIBslIns." Daseler Proersrnm. Aus dem Inhalt Mehr Takt. Von Dr. 0. W11 k o w s k y. (Nachschritt der Redaktion.) — Mathias Aclior. Von J o s cf L i 11. — Staiunicshcwiigstscln und Volks- Bewusstsein. Von l)r. I־' r a 117. Oppenheimer. — f *url 111 f cs (spiel. Von Frau Dr. W a c h s n c r. — Aus aller Welt. (Russland. Frankreich, England.) — Palästina-Rundschau. — Vorn Zionismus. — Vereliis-HuiidscIiuu. — Feuilleton: Frühling In Palüstlna. Von A. F r c 111111. Aus dem Jüdischen von I.. S/amctz. Handel und Wandel In Althuhytoulcn. (Vcrsannnhmgskttletider 8■ Seite 87.) misnius ausgezeichneter Ratgeber hält die Fr zicliuug zum Zionismus für wertlos und sogar gefährlich, ehe nicht die Erziehung zum Judentum vollendet ist. Diese Erziehung aber scheint ihm erreicht, sobald die jüdische Jugend die jungjüdischen Gedichte und die von Gollanin gesungenen Jargonliedcr zu gemessen versteht. ך־ < ieschmacksnehe, gegen die sich kaum etwas wird sagen lassen! Kann man aber das Wesen des Judentums nicht vielleicht auch anders auffas'•n und z. B. Rückkehr zum Ceremonialgcsetz ־־־ aus nationalen Gründen — Einrichtung hehväischw Kindergärten fordern? Wie dem auch sei,-vielleicht hat dieser Ratgeber Leiht, vielleicht ist die in den Einzelheiten ihrer ״Struktur“ so sorgfältig entworfene Kommission zuiHeranbildung des Verständnisses für jungti'd^die Literatur der einzige Weg,1,־ der ins Judentum zurückführt. Darf aber dieses ״viel* leiilii־‘ das moralische Recht geben, nun alles herabz.usctzcn, was bisher ohne die geplante Jugi'iidkomntission in zionistischen Dingen ge* leistet wurde? Muss denn jeder Gedanke, den 5,ein Schöpfer für mehr oder weniger gut hält, sofort ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und dem nicht immer gerade angenehm überraschten Volke gezeigt werden? Darum mehr Mass, ״dir Takt! Die ״jüdische Rundschau“ ist unser Parteiorgan, in dem gewiss unsere Sorgen zum Ausdruck kommen sollen, sic ist aber auch, wie die Ueberschrift lautet, eine ״Allgemeine Jüdische Leitung“, die wir zu Propagandazwecken be* nutzen wollen und müssen. An diese Tatsache seien alle literarisch tätigen Zionisten erinnert, sie haben es in der Hand, der Schriftleituug der ״Rundschau“ peinliche Situationen dadurch zu ersparen, dass sie nur wohl überlegte, dem a 11 g e m e i n e 11 zionistischen Interesse dienende Artikel ciuscndcn. An die Ortsgruppenvci stände endlich richte ich die Forderung, unverzüglich in eindeutigen Resolutionen dem C. 0״ dem Aufsichlsrat und der Schriftleituug der ״Jüdischen Rundschau“ die herzliche Bitte auszusprechen, dass dem Bruderzwist, der gegenseitigen — wir wollen die G c* g e n s e i t i g k e i t gern kqnzedicrcn, obwohl sie mit einigem Recht bezweifelt werden könnte — 1 lerabsel/.ung und Verunglimpfung in der ״Rundschau“ ein Ende gemacht werde, dass wir alle au der Ueherkritik mul dem Ucbcrfluss an ״individuellen“ Anschauungen übergenug haben und endlich die uns allen gemeinsamen positiven Aufgaben in unser!« Parteiblatt behandelt sehen möchten. Wenn diese Kund* gebung möglichst einmütig erfolgt, daun werden wir in unseren Reihen die Ruhe, jawohl die ganz gemeine, so ganz ungeniale Ruhe haben, die wir zur erfolgreichen Arbeit brauchen. Dr. G. Witkowsky. Nachschrift der Reduktion: Wir hüben diesen Arlikcl trotz vieler Bedenken, die man uns leicht micliftililen wird, an dieser Stelle zum Abdruck gebracht, um ja auch den leisesten Verdacht abzu wehren, als behandelten wir eine bestimmte Kate goris unserer Mitarbeiter anders als die andere. Wir müssen aber - einfache Selbstachtung zwingt uns dazu doch betonen, dass uns die Nervosität und die nicht eben liebevolle Kritiklust des Verfassers obiger Ausführungen nicht viel geringer ׳zu sein scheint als die der von ihm angegriffenen Autoren. F.s muss \v eher werde«, dass die Resolution*• Hut. die Herr Dr. W. über uns hcrcinbrcchcn lassen will, unserer Meinung nach keinen, aber auch gar keinen Anlass haben kann. Wer die ״J. R." in den letzten Wochen aufmerksam verfolgt hat. der wird kaum etwas finden, was das herbe Urteil ״gegenscitige Herabsetzung und Verunglimpfung" irgendwie berechtigt erscheinen lassen könnte. Wozu also der Lärm? Und cs ist ja doch schliesslich auch noch kein allgemein anerkanntes, nicht anzugreifendes Axiom, dass wir 7.u unserer Arbeit nichts als die ״ganz gemeine, so ganz!!״geniale Rgjie“ brauchen! Wie's aber auch sei: Kampf 7.cugt von Leben, Ruhe nicht Immer. Es gab noch keine Partei, keine Bewegung, die nur nach aussen kümnftc — denn dazu hätte sie erst innerlich erstarren müssen. Und wie wenig cs im politischen Leben möglich ist, den ״Takt" — wie ihn der andere verstehtH — immer so ganz zu bewahren, das zeigt schliesslich der Artlkel ״Mehr Takt" am besten. Mathias Acher (Zu seinem 25 jährigen SchrHtstcUcrjublläum). Von Josef Lin. Auch er, der Unkonventionellsten einer, muss sich nun der Prozedur einer Jubiläumsfeier unterziehen. Ob er dabei von der obligaten ״gehobenen Stirnmung" erfüllt ist? Er ist ein ״Aclicr" geblieben: ein Anderer. Der nicht die breite, ausgetretene Strasse der Allzuviclcn wandelt — und den es doch immer wieder nach der geheimen Massenurkraft zieht. Der neue Bahnen ebnet י־ und sic verlässt, sobald sie passierbar geworden - Wir batten schon einmal einen Aelier. Vor vielen, vielen Jahrhunderten, im Zeitalter der Tannaim. Es war jener seltsame, erste Geistesrevolutionär im Judentum, der ״das Paradies betrat" und du ״Pflanzen fällte". Noch drei waren mit ihm dabei: Ben Asai, Ben Santa und Rabbi Akiba. Der erste ״schaute hin und verschied"; der zweite schaute hin und wurde verletzt"; Rabbi Akiba allein ״kam unversehrt heraus". Am schlimmsten erging es Acher - er ״hieb Bilanzen ab“. Und doch ver- Hess ihn Rabbi M* ir, sein Schüler, nicht, er Hess sich von ihm weiter belehren ״ —־er genoss das Innere und warf die Schale fort.“ Eine wunderliche, sinnreiche Geschichte. Eine etwas legendäre, tielproblematischc Gestalt. Wir ab•).•״ ihr Wesen und Ringen, vermögen sic aber nicht näh!r zu erfassen. Es fehlt uns dazu bis heute noch jede genauere Angabe, jeder Anhaltspunkt. Als unser Roscli-Jcsclüba zum Blatt H des Traktats Cliagiga kam, wo von Achcr’s Paradies* betretung erzählt wird, da verdüsterte sich sein Qc* sicht, und seine Augen schienen in die Weile zu schweifen. Wir Jungen aber wurden dabei von heimlieber Neugierde und seltsamem Staunen erfasst —- Ob Dr. Nathan Birnbaum jene sagenumwobene Tannaigcstalt vorschwebte, als er sich den Namen Acher beilegte? Auch er hat im schattigen ״Paradies" des Assimilationsjudcntums ״Pflanzen gefüllt". Hat in die Tiefen des jüdischen Seins und Wesens, in die Klüftungen unserer Volksseele hincingcschaut und den umhüllenden Schleier von den inneren Wunden heruntergezogen. Er hat eingewurzelte Meinungen und Urteile umgestürzt. Nur fiihrlc sein Weg nach anderer Richtung. Der erste Acher drang vorwärts, der zweite rückwürts zurück zum Einhcitsjudcntum. Denn dazwischen lagen viele, viele Jahrhunderte ... und das neunzehnte dazu, Mathias Acher wurde das mahnende Gewissen für die Ruhigen und Unbekümmerten im Judentum. Zürnend und eindringlich, zündend und leuchtend erhob er seine richtende Stimme gegen die bcschwichtigcndc, trügerische Assimilation, gegen den 1 Frevel des treulosen Abfalls, gegen die unwürdige 1 Sucht nach Selbstverleugnung. Birnbaum schuf kein neues Gedankensystem; theoretisch war er ein Fortsetzer von Moses Hess. Seine Bedeutung liegt vor allem In seiner intensiven Wirkung, worin er diesen weit übertraf. Während der Autor von ״Rom und Jerusalem" meteorartig erschien und, ohne tiefere Spuren zu!Unterlassen, wieder verschwand, bahnte Mathias Acher eine Rcvolutionicrung der Qcistcr an und bereitete so Hcrzl den Boden vor. Da geschah etwas Merkwürdiges: als die von Birnbaum gepredigte Zionsidec weite Kreise erfasste, als sich um das von Ihm hochgehaltcnc Palästinabanner Tausende scharten — da zog er sich zurück. Denn er Ist ein ״Anderer", der die von ihm gewiesenen Pfade verlässt, sobald sic passierbar sind und von vielen passiert werden.