Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUEDISCHC RUNDSCHAU Seite 75. No. 7. Ii.nu im ('!rossen dem Zionismus die Kreditbasis * ^eschafteu wird, deren er zur Lösunu seiner Auf^nbe drinuend bedarf. k Zum Schluss will ich eine kleine Ermncninir jus (iediiehtuis zunickrufen. In den EnililiiitfsiaKei» des Jahres 1807 war cs als Theodor llerzl den ersten jüdi* > e h e n V o 1 k s k o n « ress einberief. Eine 110 u t s c h e Stadt, M ü 11 c h e n , war von ihm auserwählt worden. Der Vorstand der israeli• ״sehen Kultustfemeinde hat sich damals veranlasst aefühlt, förmlich ueircn die Abhalfun« des K» naresses in München zu protestieren. Dr. IUr/1 hat dem imustlichen Wunsche der daniali.tien Münchener Kultusijemeinde nachgegcbeit. 1 1. 1 letv.l hat damals der 1 loffnung Ausdruck beuchen, dass der Kongress in kommender Zeit )(.iv‘1־ Stadt, die ihn beherberge, zur ge- >.!1 i c h 11 i e h e 11 Ehre gereiche n v.:de. Pie Hoffnung ist erfüllt. Unsere Konb! "C bilden die ersten Pfeiler zu einer moder- 11, positiven Gesell ich L* unseres jüdischen Vol- Ki'. wie ein geistvoller jüdischer Schriftsteller m,;! ausgedrückt hat. I nsere Kongresse sind die bedeutendsten 1 *emonstrationen geworden unserer jüdischen S, luiarität, unserer nationalen jüdischen <, lularitat. Pass ein Hauch dieses Geistes in ifi'1 XX'olt verspür, wird, dass das Verständnis im Jen hohen Ernst und die Bedeutung der zior.Mi'Chen Idee einen gewaltigen Fortschritt ge* 1!,1ut hat in der jüdischen und nichtjüdischen W h, das hai der IX. Kongress in Hamburg U wiesen. Per Peutscii-Israelitische Synagogenver* b.nul m Hamburg, die hochdeutsche Israeliten* biiin iiule zu Altona, die Gemeinden Kiel und luKvk haben den Kongress offiziell begrüsst. t ihir hundert Berichterstatter waren aus aller \\ di herbeigccilt, um der Chronisten p f l i c h t /t! genügen. Pie Presse aller Länder hat im <uv"cn und Ganzen berichtet, wie cs der t'!ro»e und Würde der Sache entsprach. l'iul das jüdische Volk? Ich habe in Ham* hut'b mit einem Gefühl der Rührung die Trihu ne 11 de.; Kotigress^aales beobachtet. Sie wann \<>m ersten Augenblick bis zum Schlüsse der denkwürdigen Nachtsit/.ung dicht besetzt. 1? ויו sicherlich manches Judengesicht darunter gewesen, das zum ersten Male das Be* v 11s>tM'in wieder^piegelte, eitlem Adelsvolke, einem 1 lerrenvolke zuzugehören. I > muss doch ein f ien'cnvolk sein, das n,!eh zweitausendiährigem Siechtum aus sieh h e 1.1 u > die Kraft zieht zur Wiedergeburt. I -lese Kraft hat der Zionismus in unserem V׳ lk. wieder erweckt. Peshalb lieben wir in ihm <l;1s jüdische Volk. Perez SmolensKy Zu seinem 2&]nl!rl1rcn Todestage.) Von Josef Lin- Berlin. An einem trüben Wintertage des Jahres 1HH5 wurde der Jüdische Priedhof /.u Meran um ein frisches (Irab bereichert: cs war das Grab für Perez Smolcnsky. ״Ohne Sang und Klan«", ohne Leichen- und Gedenk reden, in Anwcscnthcit von nur wenigen!,ersonen, wurde seine sterbliche Hülle beigesetzt. Was aller in Meran geräuschlos und unbemerkt geschah, das machte die ganze osteuropäische Judenheil erbeben. Es war ein unersetzlicher Vcriust nicht bloss für die hebräische Literatur und die «Ms״**■ ■* Versammlungskalender Berlin. Jüdischer Jtigundhumt. Vortrag Br. Emil Colin, 19. Februar. — Vortrag Max NVolff, 24. Februar.*) Berlin. Nutioimlkiillurelle Vereinigung ]üdischcr Stildeuten, 19. Februar.״) Berlin. Vortrag Nalinni Sokoluw über ,J, B. Lewensolin". Montag, 21. Februar, im Hotel Rn lila n d, Miltcistr. 60. Berlin. Jüdischer Jugcndbnnd, Pronagandavcrsammlung. 21. Februar.״) Glelwltz. Ohcrsclilesiselier Gruppen Vcrbundslug, 20. I'ebruar. ) *) Näheres stehe Vcreliis-Riindschuii.) ihr nahestehenden Kreise, sondern für die gesamte regenerierende Judcnhcit. Denn Perez Smolcnsky war nicht nur ein hervor- , ragender Schriftsteller der nculicbräischen Literatur | und einer ihrer Schöpfer, sondern er war auch ein! grosser Lcbcnsreformator. Was die Enzyklopädisten j für das neue Frankreich waren, das war Smolcnsky l für die (ihctto-Jugcnd: ein mutiger Kämpfer gegen! inorschgewordene Zustände und veraltete An- I schaumigen und der Orundlcgcr zu einer neuen Aern. 1 Dem Fanatismus im Judentum war selten ein solch | gefährlicher und!gefürchteter Gegner entstanden.! Seine Schriften gegen die Auswüchse des cluissidi- | selieu Lehens und den Starrsinn der konservativen j Taliimdisten wirkten wie giftige!* 1feile. Her zu | neuem Lehen erwachenden Jugend aber war er i ein Wegweiser. Diese Jugend war von einer ganz eigentümlichen In den weltentrückten, ״luft• und beinlosen" | l.chrhäusern sassen sie, die bleichen Talmudjiingcr, j und ,.lernten". Wer nicht seihst ein solcher ...Icscliiwah-Iiaclmr" gewesen ist, kann sieli in dessen Psyche schwer hincinvcrsctzcn. Das enge, überfüllte i.clirhaiis ist sein Heim, seine Welt. Diese Welt aller ist so eng! Immer und ewig dasselbe trockene Tahimdstiidiuni. das seiner jungen Seele nicht genügen kann. Eine Sehnsucht ergreift ihn ■״ Wonach? Wohin? Er kennt keine andere Sphäre, keine anderen Geistesprnduktionen. Und wenn man nach Mitternacht au der Jesehiu ah" vorbeigeht, da kann man die melancholischen Stimmen der jungen Bacliurim vernehmen. Wie viel Ergreifendes liegt in diesem zitternden Sing-Sung! Diese bloss geahnte Sehnsucht nach einem unbewussten Etwas -- Und nun kam Smolcnsky und brachte ihnen zum Bewusstsein, wonach sic sich sehnten. Er zeigte ihnen die grosse Welt, die jenseits der engen Jeschi• wuli-Muticni liegt. Mit schonungsloser Schärfe kriti* siertc er die Zustände der Jeschiwah-Spltürc: er zerriss den heiligen Schleier, der darüber lagerte - und erleichterte den Ringenden dadurch ihre seelisehen Kämpfe. Und so wurde er ihre geistige Stütze und ihr Leiter. Au ihm hingen sic mit grenzenloser Begeisterung, mit fanatischer Ucbcrschwänglichkcit. Jede seiner Schriften wurde von ihnen trotz aller Hindernisse verschlungen. Mochten die orthodoxen ״Machthaber", denen Smolenskys Name ein Schrecken war, die Leser seiner Werke noch so viel verfolgen und seine Schriften noch so oft den F'lanimen preisgeben — cs half alles nichts. In später Nachtstunde, oben in der ״Wcibcrschul", beim matten Scheine eines Tniglichticins, oder buchstäblieh bei Mondschein wurde sein ״Hatoc bcdarchci liaehjim" gelesen. Dieses vierbändige Buch — ״Der! Irrende auf den Wegen des Lebens" — war von I sämtlichen Werken Smolenskys das wirkungsvollste, j Es schildert die Erlebnisse eines armen jüdischen Jünglings, der sich in allen möglichen Kreisen bewegt hat und nirgends zufriedcngcstellt wurde: er ״irrte auf den Wegen des Lebens". In selbsterzählcnder 1 Form schildert er fast alle Schichten der damaligen Ghetto-Welt, namentlich die eliassidischcn und die j Jcsehiwaii-Kreise. Die ״Wundcrrabbis" und die Jcschiwuh-Lciter insbesondere werden einer ungemein strengen Kritik unterzogen. Vom künstlerischen Standpunkt aus lässt sich manches an diesem Werke aussetzen. Vor allem fehlt ihm der einheitliche Charakter; einzelne Typen sind zu einseitig dargcstellt; manche Momente sind zu krass geschildert und erscheinen iilicrtriebcn. \ndcrcrseits enthält das Werk viele wirkungsvolle, lebenstreue, mit virtuoser Kraft und starkem Teinperament geschaffene Einzeldarstellungen. Die Bedcutung des ״Hatoc" — wie cs kurz genannt wird ■ liegt aber nicht in dessen literarisch-künstlerischem Wert, sondern in seiner historisch-kulturellen Wirkung. Für die Ghetto-Jugend war cs von cpochcmachendem Einfluss. Viele unserer osteuropäischen Brüder, die jetzt an schweizerischen Universitäten als Dozenten wirken, haben die erste Anregung zur modernen Bildung diesem Werke zu verdanken. Im ..Matoe" gab Smolcnsky zum grössten Teile Sellisterlebtcs wieder. F.r selbst war auch aus der Jeschiwah hervorgegangen und hatte eine überaus wechsclreielie Jugend. Alle möglichen ״Berufe" hatte er diireligemacht: er war Baehur in der ״Grossen Jeschiwah“ zu Sklov (Gouvernement Mohilcw in Russland). Kabbalist im Hause des Rabbi Mendeio zu Ljubawiiz: Wanderredner. Sänger. Lehrer. In seinem .1׳». Lebensjahre uni IS62 — trat er daun mit seiner ersten literarischen Arbeit auf: es war eine scharfe Kritik der hebräischen Faustubcrsctzung von Lettcris. Diese Kritik machte grosses Aufsehen, da Lettcris im jüdischen Publikum als eine Autorität ersten Ranges gegolten hatte. Schon in seiner Erstlingsarbcit zeigte sich Smolcnsky als ein mutiger, unerschrockener Kämpfer. Die Kauipfernatur war die ausgeprägteste Seite in lv,\' ist vor allem Schuld unserer Verhältnisse, \ יי Ihieltt vor allem auch Schuld unserer E tili rer, 11! i!ir alles Sinn — oder doch wenigstens Worte liabcif, nur für die Kulturbcstrebungen »m XX <*teil nicht. Pas mag auch an unseren Zeith'.: :üen liegen, die teils parteiisch, teils verstand- ׳׳!*!יו' diesen 1 ragen gegenüberstehen. — Damr g1i1׳ cs ja so viele Gründe, so viele praktische 'יחי welische Imponderabilien, dass man sic km: .1 denken, geschweige denn aussprcchen ki'llll. hl’ X.: Da stehen wir als Ihrer Meinung nach «*111er Mauer — und können nicht weiter, ist traurig, sehr traurig. B.: pa haben Sie mich falsch verstanden. י eine Mauer hindert uns, nur eine versene Tür. Und die ist nicht unwidersteh- So bald Wir de״ Willen dazu werden 1. ׳ wollen, werden wir sie öffnen und können das nicht, werden wir sic cinbrechcn י wir werden durchdringen und weiter ge- :ui, — wenn wir nur wollen! Und wir wollen!! Hanns Margulies. Heinrich Heine und die Frauen Ein italienischer Schriftsteller. Bruno Vignola 1mier.sm.ht in einem jüngst erschienenen Buche, wetdien Einfluss die l'raueit auf das Leben und auf die Kunst des Dichters des .Buches der Lieder" gehabt haben. Im allgemeinen ist cs besser, wenn man die Musen der Dichter mir aus den Werken kennt, die von ihnen ״inspiriert" worden sind. Wenn mau die Damen ״;liier keimen lernt, ist man oh sehr enttäuscht. Vor, den Frauen, die Heine geliebt hat, bleiben uns aber die meisten auch bei näherer Bekanntsehaft sympathisch. Wir wollen hier nicht von .seinen vorübergehenden Neigungen fiir Angelique oder Diane. Hortcnse. Clarissc, Emma mul Catharina sprechen: diese Damen zählen nicht mit. Es handelt sich hier nur um ernste und tiefe Neigungen. Heines erste ernste Liehe war Jose!)ha; sie w ir von sehr bescheidener Herkunft, hatte aber hübsche grosse Augen, die ״fortwährend ein Rätsel aidzugebcu und ruhig die Lösung: abzuwartcu schienen." Sie war ein wenig Nckromnntin und bcscliäftigtc sieli mit den occultcn Wissenschaften. Fines Tages schwang sic int Laden ihrer Mutter einen l ingen Degen, der. w׳ic sic sagte, schon hundert Menschen getötet halte. ״Willst du den flimmernden Degen küsse״?" sagte sic mit Pathos zu dem junge״ Heine der neben ihr im Laden stand. ״Ich küsse lieber die rote Joscpbine," erwiderte der verliebte Dichter In so romantischer Weise begann die Liebe zwischen beiden: Joscpha, die das Schwert In der Hmul hatte, konnte sich nicht wehren und musste sich küssen lassen. A!1f Joscphinc folgte A m a I i e Heine, des Dichters Häschen. Als Tochter eines Millionärs war sie eitel und hochmütig und sah auf die schwärmerische Liebe ihres Vetters etwas versichtlich herab: sie hielt sie für einen Tribut, der ihr rechtmässig znkani, hielt es aber nicht für nötig, den verliebten Dichter zu erhören. Man weiss, dass sie später einen reichen Kaufmann geheiratet hat. Trotz ihres lioelifalireiulou Wesens kann sie uns aber nicht unsympathisch sein, da der Dichter für sie seine schönsten Gedichte mul die Tragödien ״Almansor" und ״William Rateliff" geschrieben hat. Ihre jüngere Schwester Therese war ihre Nachfolgerin in Heines leicht entzündlichem Herzen. Sie u׳ar. im Gegensatz zu Amalie Heine, ein sanftes, frcmulliclics mul zartsinuiges \\fesen. Aber die Familie erlaubte nicht, dass sic den leichtsinnigen und gar zu unpraktischen Vetter heiratete, mul da ihr eigener Wille nicht besonders stark ausgeprägt war. licss sic alles gehen, w ie cs ging. Vignola weis: darauf hin, dass der berühmte italienische Dichter Cnrducci Therese Heine als ein echtes, rechtes Bürgen.ladclien bezeichnet hat: sic habe wohl dir Herz verschenkt, habe aber als gehorsame Tochter dem spicssbürgcrliehen Vorurteil ihrer Umgebung nicht widerstehen können. Nach den beiden Basen erschien Mathilde M I r a t auf dem Plan, jciuf Pariser Handschuhmachcrin, die sichen Jahre später Heines Gattin wurde. Sic ist bekannter als die andern Mädchen welchen der Dichter für längere oder kürzere Zeit sein Herz geschenkt hat. Man hat über sic viel