Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. <י• JÜDI$CHI־: IUI NI)SCH AU Seit«’ 6'J. gross haben sic durch den Mund ihres Führers Pr. Svrkin ihren Wiedereintritt in die zionistische 1 )Ionisation erklären lassen. I)r. Syrkin, der;uif dem VII. Kongress die Spaltung anküiuligtc, hat vou der Tribüne des Kongresses herab offen und ehrlich den Territorialismus als einen Traum!י!•■zeichnet, das l'.iule dieses Traumes prokla- 1 n und eine weithin schallende Mahnung an >1im* Genossen, die jüdischen Sozialisten, und ־,•זז■ besondere an den grossen jüdischen Patrioten U, d /angxvill gerichtet, sich der zionistischen r!;anisation anzusehliessen zum Zwecke der I << mitr des jüdischen Problems. liier haben wir ein Resultat, das seine I. .••IV Begründung findet in der lebendigen hi.;1 der zionistischen Idee. Die Umwälzung י!:וh 11 politischen Verhältnissen der Türkei hat Resultat nur beschleunigt, hu Hinblick;11; niese bedeutungsvolle Kongressepisode v,!;t 1 wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass Imin r Weg gefunden wird, auf dem auch die i'isiiet noch Unversöhnlichen sich zurückfinden /tu* .11! n Fahne des Zionismus. i v as ich bisher dargelcgt habe, sind Frgcbi ׳i>M. die sich auf dem Kongresse enunziativ |l!l I min Im 1 de Diskussion dargeboten haben. Fs sich um die Grundfragen des Zionismus. T a 1 uinaiid wird verkennen, dass die F.inhel• 1111!! ׳,.׳er Kundgebung von der nachhaltigsten IV aung für die zionistische Bewegung sein v, .! So wesentlich nun aber auch solche k .Köhlingen des Kongresses sind, und so •ו! י und erhebend es auch sein mag, die Har- ,1 c liner grossen Versammlung in grund* 11.!•1011 Fragen feststellcn zu können — der I!; .11 und die Bedeutung unseres Kongresses i*> darin bei weitem nicht erschöpft. In Bezug auf die Fragen der zionistischen ׳»־ י!wartsarbeit herrschen im Zionismus die \י:■miiieiicnartigstcn Ansichten. Bei den Juden 1 1 ' wie bei alle!’ ancieren Nationen. Das Parl. :1 ut ist die Stätte, wo der Kampf dieser Mci- 111!; ^n aufgetragen wird, und auch manchmal U'imcramcntvoll ausgetragen wird. Dass wir i!׳ len nicht Fischblut in den Adern haben, dass 1 euer und Beweglichkeit uns im Blute steckt, dass weiss die Welt nicht erst seit gestern. Dass wir Zionisten in den »Tagen der Wiedererneue• rung und Verjüngung unseres jüdischen Volks• lebens in bewegten Momenten unserem Tempe• rr.ment die Zügel sehicssen lassen, das wird nur der unbegreiflich finden, der es nicht gelernt hat, einer Sache ergeben zu sein und ihr anzuhängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und mit ganzem Können. D׳e parlamentarischen kämpfe auf dem Kongress haben den Zweck und t 1 füll e n d c n Zweck, einen Ausgleich cVr Meinungen herheizuführen. F.s von der die Betroffenen oft meinen, dass sie das Böse will, von der es aber sicher ist, dass sie das Gute schafft. Die Kritik ist auf unserm letzten Kongress sehr stark, ich möchte sogar sagen zu stark, zu Worte gekommen. Die zu starke Kritik hat auf unserem Kongress die Durchführung einiger Aufgaben verhindert, die der Frledigung harrten. So ist beispielsweise die finanzielle Grundlage unserer Bewegung noch nicht neu geordnet, der Beschluss noch nicht durcligcführt worden, dass 10 Prozent von den F.innahmcn aller zionistischen Institutionen an die Organisation abzuführen sind. Aber alle diese Dinge sind nur eine Weile hinausgeschoben. Die Kritik oder — was dasselbe ist — die Opposition hat aber auf dem Kongress ein Frgcbnis gezeitigt, um desscntwillen ich ihr alle Sünden vergebe. Wir haben nach dem Tode llepsamvnlungskalendep Berlin, Jüdischer Jiigemlbuml, Vortrag Dr. Emil Co Im-Kiel, 17. I'chruar, abends 9 Uhr, Architektenhius. Willielmstr. UH. Berlin. Rolclteiiheliu-Vcrcin. Vortrag Rabbiner Dr. Wars c h a <1 e r, 0״ as Wesen des, .Indent u nt s‘\ IS. I'chruar, abends 9!i׳Uhr, Richters Hotel. BurgMrnssc 16. Cliarloücnbiirg. .liidlsclier Turnverein.*! Familien• k rduzeben. 12. Februar, abends 9k: Uhr. Oartensaal des Theaters des Westens, Kant- Strasse. Hamburg. ,Indische l'rutieincrsnnimhiiig. Vortrag l.ina Wag 11 er-Taube r, Berlin, Logenheim. *) Näheres siehe Vereins-Rundschau.) 1,1! jüdischen Volkspnrlamcnt eben so zu wie in ici! m andern Parlament der Welt. Die Kritik mu;s dort zum Worte kommen — die Kritik, Dr. Hcrzls einen Mann gesucht, der uns Führer sein kann. Wir haben an den verstorbenen Füllrer alle die Jahre hindurch gedacht. Alle, die nach ihm an seinem Werke forlarheileten, erschienen uns klein und winzig ־- an ihm gemessen. Dieser Kongress hat uns den Beweis geliefert, dass wir einen Mann besitzen, dass wir einen Führer haben —• David Wolffsolm. Sein Aufireleit auf dem Kongresse war <x, bedeutend und eindrucksvoll, dass seine grössten Widersacher davon bezwungen gewesen sind. Und ich kann sagen: David Wolffsolm ist in Hamburg nicht nur im Kongresssaale, soliden» auch von den Tausenden auf der Tribüne umjubelt worden wie ein Fürst in Israel. Ich brauche es wohl nicht besonders hervor/tihcben, dass unsere Organisation, dass unsere l.eitung Mängel aufz.uweisen hat. Fs ist ganz, gewiss richtig, dass ein grosses jiidis c h e s Z e n t r tt m als Sitz der obersten ziogeht 1 nistiselteii l.eitung geeigneter ist als Köln. Die ' Verlegung der Leitung von Köln weg ist auch sicherlich nur noch eine!Tage der Zeit. Die zionistische Leitung mag in vielen Punkten versagt haben — es gibt keine schwierigere Leitung als die der zionistischen Organisation, die ja bekauntlich über den ganzen Frdball sich ausdehnt. In einem und zwar einen! höchst wicht!*, gen Punkte ist das Präsidium der zionistischen Bewegung weitblickender gewesen als ein Teil seiner Kritiker — in der Beurteilung der durch die türkische Umwälzung geschaffenen neuen Situation. Wäre es nach einigen Heissspornen gegangen — und in welcher grossen Bewegung gibt es keine Heisssporne? ־— dann wäre gleich der Kongress einberufen worden; die Leitung wäre nach Palästina oder doch zunt mindesten nach Konstautinopcl verlegt worden; wir hätten die Partei der Jungtürken mit der türkischen Regienmg uleutifiziert; und wer weiss, was sonst noch. Mit einem Worte: Wir hätten uns politisch möglichst ungeschickt, unklug und taktlos J benommen. - - Das Präsidium der zionistischen S Organisation hat in dieser schwierigen Lage, wie I dies auch unser zum Urteil berufene Max א o r - 1 d a u hervorgehoben hat, politisch klug und takt- 1 voll gehandelt. F.s hat eine klug zuwartende Stellung eingenommen und die Beziehungen zur türkischen Regierung, die durch die Krise unterbrochett waren, wiederhergestellt. Fs ist nunmehr erreicht worden, dass wir in Konstantinopcl einen ständigen Vertreter der zionistischen Interessen haben. Das Fngere Aktions-Komitee hat natürlich nicht daran gedacht, den Kongress vorzeitig ein/.iiberufen. Im Gegenteil — es hat ihn um ein volles halbes Jahr später wie gewohnlich einberufen, und der Frfolg dieses Winterkengresses wird sein, dass die Aufklärung über die in jedem Betracht mit den türkischen Interessen übereinstimmenden zionistischen Be- Strebungen in der Türkei Fortschritte macht. — Ich kann in diesen Augenblicke nicht auseittandersetzen, in welchem Masse der Zionismus, der jüdischnatioiialc Gedanke nach dem Tode Hcrzls und insbesondere in den letzten drei Jahan in der Welt fortgeschritten ist. Ich müsste Claim den umfangreichen Bericht des Aktions- Komitees milteilen. Ich will mich damit begnügut, auf zwei Punkte hinzuweisen, die geeignet sind, uns mit (ienugniuug zu erfüllen. Der eine Punkt ist das Auf!ebcn der jüdischnationalen Politik in Oesterreich. Seit der Fiiifiihrimg fies allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts existiert im österrcichiselten Parlament, im Reichsrat, neben den iibrigen nationalen Klubs der J ii d i s c It e Klub. In keinem l ande der Welt hat die Frage der Natiomilitatt.n eine so akute Gestalt wie in Oesterreich. Akute nationale Gegensätze bestehen hier zwischen Deutschen und (:zechen, zwischen Deutschen und Polen, Polen und Rutltenen usw\ Die Juden haben bisher die traurige Rolle gespielt, der Handlanger bald der einen, bald der anderen Nation tut־ den Toten, den Blick auf den Boden gcltefici. stumm und in sich versunken. Das Gebet war zu F.ndo. Matt nahm den U/U'11 und legte ihn in die Bahre. Sein Gesicht v tr verzerrt, seine Wangen eingefallen. Die l'.tlirc wurde dann geschlossen und mit zwei; i'iemen gebunden, vier Männer nahmen den! ־ hwarzen Totenkasten auf die Schulter, trugen j!!nt hinaus und legten ihn auf die Fuhre. Fr v;trde mit einem schwarzen Tuch bedeckt, auf 1׳is das übrig gebliebene Heu zu liegen kam. Die versammelte Bauernschar schaute Mumm auf die Juden und die schwarze Bahre, i s war still. Der Wagen mit dent Toten rührte \nm Fleck. Der Fuhrmann schritt neben dem h« rd, in der Hand die Zügel haltend, die anderen folgten hinter dein Wagen nach. Bald vcrlicss ntan das Dorf. Man kam auf ׳ inen breiten Weg, der sich weit dahinzog. Zu H'iden Seiten dehnten sich Felder aus, grüne 1 lnren und duftende Wiesen. Das Schärlcin ging dent Wagen nach, der langsam dalnnrolltc, 11׳ י leichtes Staubwölkchen ging von den Rädern aus. Nicht ein Laut entging den Lippen der Gehenden, doch fühlte jeder von ihnen, dass dieser Moment etwas eigentümliches hatte. Das feine Azurblau des Himmels, die durchgluhte 1 •tut, die uferlosen Auen und etwas, was in alledem verborgen war, — der tote Jude in der schwarzen Bahre, *-- das alles gab dem Moment eine tiefe Weihe. Das Dorf eutseliwand allmählich hinter der Begläbnisschar. Der Wagen schleppte sich ruhig weiter, die Juden blichen aber stehen. Sie hatten dem Toten das Geleite gegeben und jetzt wollten sie umkehren. Denselben Weg darf man aber nicht zurückgehen, die ntan den Toten nicht aus den Augen verloren hat. Sic standen also beim Graben am Wege und schauten dem allmählich verschwindende» Wagen nach. Ihr Blick war miiclc und verklärt. Der Wagen, neben dem die zwei Fuhrleute schritten, wurde immer kleiner.\uf dem weiten Wege, der sich wie ein staubiger Streifen zwischen den Feldern hinschlnng, war nur noch ein schwär- :׳.er, undeutlicher Punkt zu sehen. . . Bald konnten die traurig spähenden Judenaugen nur ein winziges Fleckchen in der Weite gewahren. Das Fleckchen bewegte sich langsam nach vorwärts, und je weiter es kam, desto kleiner wurde GS# Bis es verschwand. — Sie standen und schauten atemlos, bis nach einer langen Weile einer tief aufscufzte.- Stille war es umher ... nur die Heupferdchen zirpten und die Mücken summten.. . Hin neues hebräisches Blatt Aus Konstaminopcl wird uns geschrieben: Seit kurzem erscheint hier ein neues hebräische! Wochenblatt ״Haine vasscr" (״Der Verkünder"), zi dessen Hauptmitarbeitern der bekannte hcbrüisclu Publizist N. Sokolow und der talentierte jungt Schriftsteller Wladimir Jabotinski geboren. 1• dem!,rogranimartikel der ersten Nummer, die einet vielversprechenden Eindruck macht, heisst cs u. a. ״Die Uolusplagc hat unsere türkischen Brüder tas unberührt gelassen. Das Gleichgewicht ihrer nntio nalcn Psyche ist nicht gestört. Sic werden nicht wie die Juden anderer Länder, zwischen Judcntun und Menschentum hin und her geschleudert. Sei allcrshcr zeichnen sic sich durch geistige Ein )1 c i 11 i c 1ו k c i t und Ganzheit aus. Halbheit um innere Zerrissenheit sind den ottomanischcn Jude! fremd. Sie waren immer treu ihrem Lande und ihren Volke zugleich." - ״Die Ottomanen, die nicht eng herzig sind, haben niemals irgendwelche seelisch Opfer verlangt, wie dies auch die Jungtürken de Gegenwart nicht fordern. Sic verlangen nur vo allen Nationalitäten im Staate die Kenntnis de Landessprache — und wir unterstütze diese Forderung mit allen Kräfte! Sic verlangen aber von den Juden keine A s s i 111 i I i c r u n g und Aufgabe ihres Nationatbcsitzcs. Das Blatt verdient die besondere Beachtung alle Kreise, die den kulturellen Bestrebungen der türk selten Juden Sympathien entgegenbringen. (Di Adresse ist: Journal ״Hamcvasser", Deutsche Pos Postfach 216, Constantinopel.)