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Jüdische Rundschau · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 53. No. 5. :: AUS ALL6R W€LT :: Russland Die Verurteilung Hillcrsohns bestätigt Wie seinerzeit berichtet, hat das Kriegsgericht inOrodno den indischen Advokaten Hillersohn wegen seines int Bialstokcr Pogromprozess gchal• lenen Plädoyers zu einem Jahr Fcstung ver• ״״eilt. Hillersohn hat gegen dieses unerhörte Urteil, das in der gesamten juristischen Welt die schärfste ,Missbilligung gefunden hat, an den Senat appelliert. Ihescr hat jedoch soeben die Berufung ver* w ״ r f c n und das obige Urteil als rechtsg 1111 ig erklärt. Somit ist dieses Justizver* brechen, welches das elementare Prinzip der Vcricidigungsfrciheit völlig auf hebt, M'ii der höchsten gerichtlichen Instanz im Lande des /״mm bestätigt worden. Juden als Kichter Per von der Regierung In der Duma eiligebrachte Gesetzentwurf über eine Reform des 10- Kalen Gerichtswesens enthält eigentümlicherweise keinerlei einschränkende Bestimmungen bezüglich der Krnci'itung von Juden zu Friedensrichtern. Auch die zumo.st aus Oktohristen bestehende Dumakom- Mission zur Beratung dieses Gesetzentwurfs hat an ihm l'circns der Juden keine Aenderungen vorgenmtiiiicn. Die Regierung und die Oktobristcn glauben jcdcni.iits einer besonderen gesetzlichen Einschränku׳re uber die Zulassung von Juden zu Richtcrstcllcn cihIm. i i cn zu können, da nach dem neuen Gesetze die Friedensrichter von den städtischen Scbstvcrwaltun* gen. den Semstwos. gewählt werden, die nach den gellenden Bestimmungen absolut ..judenrein״ sind. I’.s patriotische Gewissen des rechtsstehenden Okmhristcn Grimm kann sich jedoch dabei allein mein beruhigen, und er verlangte in der Duma die Au *Schliessung der •luden von Richter-!!Miau durch eine ausdrückliche in das Gesetz a u i z u n c Inn c nd c Bestimmung. Daser Forderung trat in der Duma der Kadett Kar.tuluw mit einer wirkungsvollen Rede entgegen, in der er u. a. sagte: ״Als Christ. Russe und Kultur-!iienwh muss ich den schärfsten Protest gegen den Vorschlag des Abgeordneten Grimm erlaben. Jede Unterdrückung eines Volkes widersmieln den Griindlordcrungcn des Christentums. I'mvl! die Annahme dieses Antrages würde ein neuer Iv'mg in die lange Kelle der Sklaverei 1 e u es Volkes cmgcfiigt werden, aus dessen Mitte C h r i - s t u s h c r v o r g c g a n g e u ist. Die Annahme, dass d.is grosse russische Reich durch die Mitwirkung einer verhältnismässig kleinen Nationalität bccinträchtigt werden könnte, musste das nationalrussischc Selbstbewusstsein verletzen. Die Auldrückung des Kainszeichen auf die Stirn eines historisch bedeut- Samen Volkes ist ein blutiger Holm aul jede Kultur. Ich muss auch als Konstiimioualist aufs entschiedenste dagegen protestieren. Die erste Bedingung für die Existenz eines Staates ist die Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetze; und dort, wo diese Gleichstellung nicht vorhanden ist. wo es Volkcrklasscn gibt, da besteht keine konstitutionelle Ordnung!" Damit waren die Lrürtcrungen über diesen Gegenstand vorläufig abgeschlossen. Die Petersburger Handw erkerinnung hat 37 Jüdische Handwerker ausgeschlossen. Die Betroffenen haben dadurch ihr Wohnrecht hier verloren und mussten Petersburg, woselbst sic seit längerer Zeit friedlich gelebt haben, auf polizeilichen Befehl verlassen. Un weiter schlepp ich als die Fflss In jeden Haus arein, ״Oi, koifl's mir ob, a orem Mann, A Scheer. a Messer, a feinem Kamm!“ — Un weiter tho* Ich gehn . . . SalanVon Dembltzcr Wir veröffentlichten bereits In Nr. 1 des ■ 1»rigen Jahrganges ein Gedicht von Salamou Gembitzer. Der junge Dichter hat vor kurzem ״n Verlag Buchdruckcrci ״G u t c n b c r g", Cassel, einen kleinen Band lyrischer Gedichte lierausgegcbcn. ״Lchcusklangc" nennt cs der Autor. Für ihn aber scheint das Leben nur schmerzvolle Klänge gehabt zu haben. Wie sollte cs auch anders sein? Er hat seine ganze Jugend in Galizien, ,,der besser ״Skandalizicn“. verlebt und Judennot ״nd -Pein tief erfahren. Das Büchlein ist im Jargon geschrieben, aber die Verwendung lateinischer I'rucktypen ermöglicht cs jedem, auch dem, der nicht Jargon spricht, cs zu lesen. Die Gedichte haben in der!,resse eine recht freundliche Aufnahme gefunden. Unter anderen» wies die ״Frankfurter Zeitung" in einer längeren Besprechung auf den Einfluss, den Morris Roscnfcld auf Dembitzer ausgeübt hatte, hin und wies dann auf den grandiosen Unterschied zwischen der Jüdischcn-deutschcn Lyrik zu Goethes Zeit und der unserer Tage hin. Den Beweis für diesen grossen Aufschwung zeigt sie gerade an der Hand der ״Lebensklangen". — Red. d. ״J. R." In Turkestan haben zahlreiche Juden von der dortigen Administration eine Ausweisungsordre erhalten. Ihr Aufcnthaltstcrmin endete mit dem Beginn dieses Jahres. Der Oberrabbiner von Turkestan ist mm mich Petersburg gekommen, um sich beim Premierminister zugunsten jener angewiesenen Juden zu verwenden. Seine Bemühungen werden auch von mehreren bedeutenden Moskauer Fabrikanten unterstützt, die mit den Juden in Turkestan in engen geschültlichcn Beziehungen stehen und durch deren Ausweisung grossen Schaden erleiden würden. * unbeschrankte Aufnahme finden. Die Kommerz• schulen liat.ten deshalb für die jüdische Jugend bcsondere Bedeutung, da in ihnen nicht nur die Haudclsfäehcr, sondern auch allgemeine Bildungsgegenstände gelehrt werden. Nun hat das ״schwarze‘‘ Kultusministerium (wie cs nach dem Minister Schwarz zutreffend genannt wird) den Juden diese letzte Bildungsmöglichkeit genommen, indem cs auch für die Kommerzsehitlcn Prozentnormen bei der Aufnahme von Juden bestimmt hat. Dadurch haben zahlreiche Handelsschulen den grössten Teil ihrer Schiller und damit Ihre Existenzmögliehkeit verloren. Die Vorsteher mehrerer Handelsschulen sind nun nach Petersburg gekommen und ersuchen die Regierung, die ncucingcführtcn Be- Schränkungen wieder aufzuheben, da dieselben die gänzliche Schliessung vieler Handelsschulen zur Folge haben müssten, was ja auch für die nichtjüdische Bevölkerung von grossem Nachteil wäre. _ Galizien Wie berichtet, hat die Lcnibcrgcr Advokatenkammer ein Disziplinarverfahren gegen acht Jüdische Rechtsanwälte ciugcleitct. weil sic sieh erlaubt hatten, in einer ötfcmlichcu Versammlung gegen den Magistrat wegen Niclithcwilligung einer Subvention an eilte jüdische gemeinnützige Anstalt aufzutreten. Eine zahlreich besuchte Plenarversammlung der Advokatenkammer beschäftigte sich vor kurzem mit dieser Affäre, und cs wurde nach einer stürmisch verlaufenen Debatte der Antrag gestellt, dem Diszinliuarrat ein Miiitrauensvotum auszusprechcn. Da mm voratis/.uschen war, dass die Resolution der Opposition zur Annahme gelangen wird, erklärte der Präsident Dr. Max, über diese nicht abstimmen zu lassen, da sic eine ״Kritik des DiszipÜnarrates enthalte" und verlicss mit dem gesamten Präsidium den Bcratungssaal. Diese feige Haltung wurde gebührend gekennzeichnet. Die Versaiiiiiteltcu konstituierten sich als kollegiale General- Versammlung und auf Antrag Dr. Dwcrnickis wurde dem Präsidium der Advokatenkammerk a m me r das Misstrauen ausgesprochen. Die Diszinlinaruntersiichung selbst, welche eine inquisitorische Form angenommen hat. ist noch nicht abgeschlossen. Der die führenden polnischen Kreise heherrschende Antisemitismus lässt befürchten, dass die mit soviel Aploinb angekimdigte Enquete 111) c r die ökonomische Lage der Juden in Galizien und die daran anzuschlicsscudc Hilfsaktion im Sande verlaufe. Die Enquete war bereits für den August v. J. bestimmt. Nun ist von ihr noch immer nichts zu hören, obgleich der Landtag in diesem Monat wieder Zusammentritt. Eine Hilfsaktion für die Juden dieses Landes würde in nächster Zukunft leichter zu ermöglichen sein, weil jetzt eine ..Industriebank für das Königreich Galizien und Lodomerien samt dem Grossherzogtum Krakau" durch den Lnndcsnusscliuss für Galizien und eine niederösterreichische Gesellschaft errichtet wird. Diese Bank, deren Hauptaufgabe in der Gewährung industriellcr Kredite bestehen soll, könnte und müsste auch den jüdischen Gewerbetreibenden Wirtschaftliehe Förderung bieten. Türkei Das Angesehene Blatte ״Jeune Tu re" wendet sich In einem vlelbeinerktcn Leitartikel gegen die Behauptung des ..Osmaiiisehcn Lloyd", dass eine jüdische r.inw'amlcvmvÄ wach der Türkei für die eingeborene und dort ansässige Bevölkerung nachteilig wäre und den Interessen des Landes nicht entsprechen wurde. Wie der ״Jcunc Turc" mittcilt, seien ihm aus türkischen Kreisen zahlreiche Zuschriften zugegangen, deren Verfasser sieh in entschiedenster Weise gegen die Ausführungen des ״Osm a n i sch c n Lloyd" ausgesprochen hätten. Pie türkische Regicrung müsste das gesamte Material sammeln und sorgfältig prüfen. Der ״Jcunc Turc" gellt dann des Näheren auf die Behauptung ein, dass in der Türkei kein Platz für neue Emigranten vorhanden sei. Diese Bchuuptuiig sei besonders in bezug auf Palästina ganz und gar nicht stichhaltig. Die Hälfte des palästinischen Bodens sei noch nicht besetzt. Die zweite Hälfte hätte bisher nur eine primitive Bearbeitung gefunden und könnte bei intensiver Bebauung die drcifacho Zahl der darauf ansässigen Bevölkerung ernähren. Durchschnittlich befänden sich In Palüstina!8—21 Personen auf elftem Quadratkilometer — gegen 181 Personen pro Quadratkilometer In Italien, und 50 Personen pro Quadratkilometer Im Libanon, dessen Fruchtbarkeit hinter der des nahen Palästina zurückstchc. Sizilien, das ebenso gross sei wie Palästina, habe eine Bevölkerung von drei Millionen Menschen; Belgien fast sieben Millionen. Das beliebteste Argument der Iiiimigrutions* gegner in Mazedonien. Anatolien .Syrien und I alüstina — sei die angebliche Schädigung der Eingeborenen durch die Einwandernden. Dieses Argument sei aber absolut unzutreffend. Das Gegenteil davon entspreche der Wirklichkeit, was aus folgenden Angaben Itcrvorgcbc: ln der jüdischen Palästinakolonie ״Pctach Tikwah‘ arbeiteten zweitausend Araber gegen guten Lohn; in ״Rcchobth" siebenhundert Araber; in ״Rischon Lczion" zweihundert Araber; in ״Sichron Jakob" m c 11 r als tausend Araber. Die jüdische Seilcnlabrik ״Atid" kaufe bei den Arabern die Olivcnabfältc. die früher gar nichts cingebracht hätten. Die Kolonie ״Rischon Lezion". die vor 20 Jahren keine 50 Fr. Steuern entrichtete, zahle Jetzt 50 000 Fr. Steuern an die Regierung. Die Bodenpreise daselbst seien von 5—15 Fr. per Dunam auf 300 Fr. gestiegen. Die Eingeborenen selbst bctonten bei jeder Gelegenheit, dass sie von den jüdischen Kolonisten viel gelernt und ihnen viel zu verdanken hätten. Solche Hctzartikcl wie der des ״Osmanischcn Lloyd" -- bemerkt dann der ״Jcunc Turc" — schädigten die Interessen des türkischen Reiches. Man müsse endlich die unwürdige Methode der Denunziationen aufgeben und cs der konstitutionellen türkischen Regierung überlassen, für das Gesamtwohl des Staates selbst Sorge zu tragen. Am Schlüsse schlägt der ״Jeune Turc" die Einsetzung einer besonderen Kommission vor zur gründlichen Prüfung aller bezüglichen Arbcitsplänc der zionistischen Organisation wie der anderen jüdischen Gesellschaften. Auswanderungs-Chronik Nach den Berechnungen der Londoner ..Times" sind im Jahre 1909 1 269 291 Personen (darunter 9אוו* 18־ in der dritten Klasse) aus Europa nach New- York gekommen, gegen 6S7.646 Passagiere (darunter •122709 dritter Klasse) im Jahre 1908. 28900•; Passagiere dritter Klasse (um 372 915 weniger als im Vorfahre) sind im Jahre 1909 von New-York nach Europa z u r ü c k g c f a 11 r e n. — Der ״Norddeutsche Lloyd" beförderte im Jahre 1909 von Bremen aus 166 690 Personen, darunter 144 417 Emigranten — statt 74 626 Emigranten im Jahre 1908 und 234 013 im Jahre 1907. Nn׳;h der offiziellen belgischen Statistik sind im Jahre 190•; vom Antwerpener Haien aus 67 5U9 Emigranten abgcrcist, darunter 24 401 aus Russland, demselben Jahre fuhren vom genannten Hafen 158 Schilfe ab, darunter nur 39 belgische. — Der französische Botschafter in B »1 c n o s - A i r c s hat im Namen des russischen diplomatischen Vertreters in Argentinien an die dortige Regierung einen!,rötest gegen die strenge Handhabung der Immigrationsvorschriften in diesem Lande gerichtet. Der argentinische Minister des Acussercn hat dann nach einem voraufgegangenen Ministerrat eine heiriedigende Erklärung abgegeben. — Dem brasilischen Kongress liegt jetzt ein Gesetzesprojekt vor betreffs unentgeltlicher Ueber- Weisung von Grundstücken an Immigranten, die Erdarheiter sind, auf ihre eigenen Kosten nach Brasilien gekommen sind und sich für eigene Rechnung daselbst eine Existenz schaffen wollen. Der Boden soll ihnen zunächst auf zwei Jahre probeweise zur Verfügung gestellt werden. — Auf Ellis-lsland ist jetzt das ..Muskelc \a men" auch auf die Passagiere zweiter Klasse mit voller Strenge ausgedehnt worden. Die Schiffsgescllschaftcn mussten jetzt die Kosten für die Pilege von kranken Emigranten auf Ellis-lsland Übernehmen, da ihnen der Kommissar Williams drohte, die sanitären Untersuchungen auf den Schiffen selbst vorzunchmcn, und das Landen von kranken Emigrauten einfach zu verbieten. v> VOM ZIONISMUS v> Sllzung des Rngeren Aktions-Komitees Am Montag, dem 24. und Dienstag, dem 25. Januar 1910 fand in Berlin int Bureau des Palästinarcssorts eine Sitzung des Engeren Aktions-Komitees statt, an der, ausser den Mitgliedern des E. A. C., Präsident Wolffsohn, J. H. Kann und Prof. Warburg, die Präsidenten des J. N. F. und des J. C. T., Dr. B o d c n h c i m c r und Dr. K a t z c n c I - sohn und Herr Hoofien tcilnabmen. Für die Angelegenheit der Sicdlungsgcnosscnschaft wurde Herr Dr. Franz Oppenheimer, für die Organlsationsfragen Herr Dr. Hantke zugezogen. Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete die Vorbereitung der Propaganda für die Sicdlungsgenossen sc 11a ft. Es wurde beschlossen, das Komitee für die Verwaltung des Genossenschafts• fonds aus den Herren Dr. FranzOppenheimer, Prof. Warburg und Dr. Bodenheim er zusammenzusetzen. Zur Propaganda für den Fonds soll ein Aufruf veröffentlicht werden, der von den Mitgliedern des E. A. C., des Direktoriums des J. N. F,

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