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Jüdische Rundschau · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 51. No. JL JUEDISCHE RUNDSCHAU müsen Liberalismus seine liistorisclio ÜrumliaKc abspricht. Mit Recht weist Richer auf •*die Spirituali- Merlin« von Volksfesten uiul auf die VcrhflcIitiKuiifc der individuellen Zükc eines als politischen Akt kcdachten Messianismus hin. Der Liberalismus darf ohne Vorwurf fiir sich das Recht in Anspruch nehmen, 111 dieser Richtung weiter zu bauen. Wer ihn bckämpft, wird an der geschichtlichen Entwicklung keine unzerbrechliche Waffe finden. Aber das Auge des idealistisch befangenen Nardauiütcrs hängt mir an einigen leise schaukelnden Hiutenspitzen und sicht nicht den Stamm und die Wurzel und das Erdreich, in welchem diese vom Kenne an ruhen. Weder der Messianismus noch die iVstentwickhmg hat sich Jemals von dem nationalen;\hmcrhoden gelöst. Die Vergeistigung bereits eine 1::1!1.״ti1)11alisieruug, und nicht vielmehr eine Verfcintrmig des nationalen Gehalts zu nennen, wird in.:1׳ dann zugeben können, wenn Rieger einwandfrei 11״c!!v. eist, dass die Entwicklung vom Jahnschen IY״i'׳־'־ia11׳ zum Ifumboldtschcn Deutschen eine Entn.itu!. loicrutig bedeutet. Den Witz, Moses, wenn .״ich in.1 in Nordaus Terminologie, auf den Ausspruch hm: ..llu s‘»llt mir ein Reich von Priestern und ein liulnu v V.!k werden,“ unter die Vertreter des entw.ckJnn Reiormmessianismus zu zählen, wird nie- 1:1.1!ui w: stellen, der nicht die berühmten ״An- KliMii! :11' unserer Kanzelredncr kennt. \1׳v dem Rausch der Leidenschaft sind auch eimec \ eitere witzige Bemerkungen zu verstehen. ..Imc Voraussetzung der Aufnahme in den Verband vmu Nationalität." trn> v ikes ist selbstverständlich die Aufgabe der 1: 1.'. 1; י י־uuu.u11.il. Das klingt wie Punkt 5 der >;.1;־!u11־ des Klubs der Wasserfreundc: ״Voraus- :: ׳״ der Aufnahme in den Verband der Wasserfreunde ist selbstverständlich die Ablegung der alten mul die Anschaffung einer neuen in den Earben des k!!:K gestreiften Badehose," - Wohlverstanden: 1e!1 i׳;u der letzte, welcher in der Nationalität einen 11 ״ \ r ä n d c r I i e 11 e n K e r n sähe. Gewiss stellt a;e Nationalität nicht nur im Plussc einer spon-!,!an. sondern einer von national fremden Koni- 1u 1.1׳ :cn accessoriseh beeinflussten Entwicklung. 1 uv, 's ist das W i 11 c n s in 0 m c n t dabei die tieii'.'ii.Ie und bestimmende Kraft; aber erst innerhalb mar Entwicklung. Wir mögen die Zeiltuassc 11:1.1 U.itigen Werte nach unserer eigenen nationalen Wer:ane: noch so verschieden bestimmen: darin '״«:na n wir Jedenfalls nicht auseinander gehen, dass der Halm nicht sofort das Eierlegen lernt, wenn er es /ti können wünscht und dass die Katze erst ge-!)raten zum llaseu wird; dass also eine Entwick- 111 n g und nicht eine ״V o r a u s s c t z u n g" den Wechsel der nationalen Zugehörigkeit bestimmt. ״Aber diese l'remdnalionalität war Ja den Juden wider Recht und Wahrheit aufoktroyiert worden, um sie als Fremdlinge behandeln zu dürfen. Diese an* gehlichc jüdische Nationalität war eine Fiktion der christlichen Umwelt" -- man muss stell von diesen horrenden Sätzen etwas erholen, he- \ur man den Schrecken des in einem merkwürdig iiumlnntionnlen Deutsch angekmipftcu Nachsatzes!nirintcr.schluckt -- ״obwohl die Juden in den hetagenden Ländern oft über ein Jahrtausend ansässig vi. an." Das bedarf nach dem Voransgehenden keines W. :;. s mehr. Nur au den Zusammenhang sei erumu;: hier korregiert ein (ieschichtskcnncr einen IgnorantenI Ein Gcsehichtskcnncr, der die Entwickhing von 711 bis 135 so genau kennt, dass er den ״VolksbcgrifJ im Gcmcindcgebctc" nach den! Fall von Bctliar ־— ausgerechnet Hctliar! —- schon ändern lässt zu dem ״von Mose vcrhcisscncn Prlcstcrrcich unter dem göttlichen Könige." Und noch ein Riegcrschcr Witz. Wenn Rieger Moses in Nordaus ״geschmackloser" Terminologie z.um Reformrabbiner werden liess, lug cs nabe genug, in derselben Terminologie Jesaja zum Missionsrabbincr zu machen. Die Melodie lässt sich fortsetzen. Der Satz, mit welchem Rieger argumentiert: ״Ich, der Herr, habe dich (Israel) berufen zum Heil, zum Liebte der Nationen," kann mit dcmsclbe Rechte als Fabrikmarke von einem Heilmittel- und einem l.'KVPW• mui MWWJMIfltWJBMJM Versammlungskalender Berlin. Israclltlsclter F0rtblldu11K8vcrc!11 Montcflorc. Vortrag Dr. Kahn. 7 .Februar.“) Berlin. Zcntralvcrclii d.St.J.Gl. ..Judentaufen". 9. Februar.‘) Cliarlotfenlmrg. ZkmlHtlscbe Ortsgruppe. Vortrag Kantor Blitz: (Dessau) 9. Februar.״) Hamburg. Zionistische Ortsgruppe. Vortrag Dr. Klee: ״Der Zionismus nach dem IX. Kongross", ö. Februar, abends 9 Uhr. ittt Velodrom. Frankfurt a. M. Zionistische Ortsgruppe. Stammtisch im Cafe Bauer, leden Donnerstag abend von 9 Uhr ab. Frelburg I. B. Vortrag Dr. Emil Cohn: ״Jchudali Haievv. 15. Februar.‘) ״) Näheres siehe Vereins-Rundschau.) Giühlichlfabrikantc» ausgenutzt werden. — Die Leidenschaft hat fiir Riegers Auge den wesentlichen Unterschied verdunkelt, dass Jesaja für die Israel ztigescliriebene uni versalist isclic Mcnschheitsprcdigt nicht die Auflösung des Staates mul der Nation verlangt. Die Kanzclparolc: ״Gott hat Israel verstreut unter die Volker, auf dass cs als ein Licht leuchte unter den Völkern" (ich habe den Ton wohl getroffen), diese Parole, mit welcher die von Nordau vertretene Ideen bekämpft wurden und werden, in die prophetische Predigt lilueinlegcn zu wollen, ist ein starkes Stück. Die Existenz einer jüdischen Mission vor der christlichen ist allerdings eine Tatsache. Die Annahme einer Anlehnung des modernen rabhinischcn Missiousgedankens an den christlichen halte ich nicht für unbedingt notwendig; auch darin kann ich also Rieger bcipflichtcu, um dann aber von diesem Punkte aus um so energischer die Verschiedenheit zu bctonen, die zwischen diesen modernen Missionsgedanken und der altjüdischen Mission bestellt, und den Bruch zn betonen, den er zu einer mehr als Mchzelmluindcrtjährigen Entwicklung bedeutet. Die antike Mission bestand gerade solange, als der Tempel und der Rest einer halbstnatliclien Organisation bestand. Sie blicht in dem Momente ah, in welchem Staat mul Tempel dahin sind, hat also den staatlichen und religiösen Mittelpunkt des Gesamtjinlcittmus zur bedingenden Voraussetzung. Darum bedeutet das Wicdcraiifkomiitcn des Missionsgedaukens im 19. Jahrhundert nicht nur eine״ Bruch mit der voraiisgtlicnden Entwicklung, vom Jahre 71) angef.tngen, sondern auch eine grundlegende, wenn wir das Geschichtliche als Argument nehmen, sogar eine sich selbst widerlegende Veränderung, die allerdings der christlichen Mission näher stellt als der jüdischen. ״Die Behauptung (von Nordau), dass alle, auch die minderwertigsten Stände Ihre Gerechtsame batten und nur die Juden keine Rcclitsform für ihre Existenz besassen. spricht jeder Geschichtsschreibung Holm." Jeder? Vielleicht nur der Jüdischen, die Rieger ja kennen muss, und dann gnade Gott dieser Geschichts- Schreibung! Hohn und Spott! Weiss Rieger denn nicht, dass die Eigenheit der ältesten deutschen Rcchtscntwicklung in dem Fehlen eines territorialen Rechts und der Geltung von Volks- oder Stammesrechten bestand und dass die Juden ebenso ausserhalb dieser w׳ic ausserhalb des acccssorischen römischen Rechts standen? Dass sic als freie Fremde nach eigenem Rechte unter sich lebten, dagegen dem Christen gegenüber nur zum Rcinigungscide zugelassen wurden? Dass die Kapitularien sich nur mit ihrer rechtlichen Vcrkchrsbcschrünkung u. a. befassten, nicht etwa positives Recht für sic schufen? Dass die Privilegien nur vorübergehende Rechte verliehen, nicht ctw׳a, wie noch Beselcr vom spcicrischen von 1091) iumalim, gcmcinjildischc, sondern, wie Brcsslan längst erwiesen hat, nur personale Rechte verlieben? Dass die Entwicklung zum corpus Juducorum. der ersten Voraussetzung eines Klassenrechts, überhaupt erst im Landfrieden von 1103 ihren ersten schwachen, rechtlich noch nicht ausgeprägten Ansatz hat, erst 1157 zum ersten Mal für den Umfang einer ganzen Gemeinde bekannt ist (Worms) und erst unter Friedrich II. (1236) zur Auffassung einer geeinte» deutschen Judenschaft mit judcnbischüfliclicr Spitze fortscliritt, aber in der ausgcbildctcn Form der Kammcrkncclitscliaft, die der Möglichkeit einer konstanten Judcnrcchtscntwicklung sofort wieder den Boden entzog? Und die elementaren, von Nordau mit Recht mir kurz gestreiften Tatsachen weiden mit einer im rechtlichen Sinne ebenso formwie inhaltlosen Bemerkung über die in allen Reclitssamndungen paragraphierten Judcnrccbtc (sic!) verhöhnt! Und nun zum Schluss die Blüte aller historischen Anschauungskunst und Dcutungstrcuc. Nordau hat den Messianismus — was soll denn hier die Christliehe Jenseitsvertröstung? — als Quell der im Martyrium sich bekundenden Glaubensstärke gefeiert. Darauf spricht Rieger das Wort: ״Es bedeutet eine Entweihung der L c i d c n s g c s c 11 i c 111 c Israels, sie aus der Verheissung einer materiellen Eiltlolumng erklären zu wollen." Welche entsetzliche Phrase; geradezu eine Windhose! Dann hat. wohl auch Moses die Gcsctzcstreuc entweiht, als er sie verlangte, ״auf dass du lange lebest und es dir gut gehe auf Erden?" Aber wozu überhaupt die Parallele: wie k.11111 ein Mann im Namen der Ucschichtswisscnscliaft uufstclicn, der sich im Augenblick unfähig zeigt, in einer geschichtlichen Ausdrucksform die Anschaumigen, denen sic entsprang, im Messianismus als höchsten Ausdruck göttlicher Verheissungen den in ihm konkret sich darstellenden Glauben an Gott mul sein Wort zu erkennen? Was hat er denn anderes getan, als den christlichen Vorwurf der jüdisch-religiösen do nt dcs-Thcoric wiederholt? Wie immer e r sich als Gläubiger dazu stellt — ich werde seinen Anschauungen näher stehen als der Tradition. Aber hier handelt es sich nicht um unsere Bekennt- 'Vir, die wir mit freudiger Erwartung jeden /<>!! verfolgen, den die Matter aus der Erde 'mV ..!ms um all die lausend Kleinigkeiten mühu:1. die da hinziikanten, die wir die Farben und an der Wand eniselien sahen, uns k׳ nun ן cs jetzt, da wir die fertige Schönheit vor, als fehlte uns etwas. Das Werden u'.'U W achsen war so schön, mn wuchs ordent־ üd.;:יit. Jetzt ist alles fertig. Fertig. Das ist ein kaltes, stählernes Wort. Und nicht bloss d;!' Wort ist kalt. Auch die Mauern, die einst ׳! wann und lebendig emporsfrebten, sind jetzt •'<״) i title starr und kalt geworden. Und ist der ',!llendcl Bau auch ein schönes Symbol für I׳:־;!eis Oottesverehning, er ist doch mit seinen zwei Stockwerken nur ein mehr oder weniger belehrendes Symbol. Hin erweckendes Symbol aber war der wachsende Ban. Und dieses Sytnbol ging unter. So lebendig hier die Farben zu ״ns sprechen, so sehr uns die Formen entzücken, die des Künstlers spielende Hände fanden, es ist doch schade, dass die Bewegung nach oben aufgehört hat. Schade! Ich will euch nun etwas Seltsames sagen, meine Freunde. Ich höre, was die Steine reden in diesem Bau. Und ich will ihr Dolmetsch sein. Bic Steine warten auf uns. Warten darauf. Mieder lebendig zu werden. Das Bauen darf nicht aufhören• Das Werden des Baus muss wieder beginnen, da eben erst der Handwerker von seinem Gerüste stieg. Jetzt fängt das zweite Bauen an. Das ideale Bauen des netten Gotteshauscs. Wir mitten den Bau uns zu eigen machen, indem wir die Mauern durchdringcn mit unserem Geiste, indem wir die unsichtbaren Bausteine unsere Seele liineintragcn in seine Räume, um sie aufz.utiirnien bis zur Kuppel, ia, über die Kuppel hinaus. Mit unserem Geiste durchdringen, dem iiidisclicn Geiste, dem Geiste der Wahrheit, derr Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, feder. der hier ein tritt, soll den Willen haben, ein Stück!.eben hineinz.tibringen in diesen Bau. Alle, gross und klein, sollen wir fühlen, dass dieses Haus, diese Räume, diese Wände, diese Farbe nicht eher zu uns sprechen werden, als bis wir ihnen Sprache verliehen haben. Nicht eher unser wahres Heim werden können, als bis der letzte unter uns seine Liebe, seine Freude, seine Begeisterung hineingemauert hat in die Fugen des Baus. III. ה״/יצבו וראו Steht still und schaut! Und wir schauen zum dritten Male. Und schauen diesmal in die Zukunft. Und fragen uns, wie es wohl sein wird, wenn erst auch das geistig sittliehe Bauen beendet ist. Denn einmal hoffen wir doch, diesen Bau, den wir besitzen, uns auch j wirklich erworben zu haben, so dass wir dann im höheren Sinne von ihm sagen können: Er ist; unser! Dass wir daun in seinem Schatten sitzen | könnten als wahrhaftige Grundbesitzer im Lande I unseres grossen herrlichen Ideals. Oder wird er eine ganz unser werden? Wird das Bauen nie anfhören? Nein! Denn es soll nicht atiUiärcu. Unser Judentum ist nichts audc-res als ein unendliches Batten. Sein Grundsatz. ist: werden, denn heilig bin ich, der Herr. Werdet sollt ihr’s! Werden wie Gott! Merkt man, wa: (las bedeutet? Heisst das nicht: Den Uncrrcich baren zu erreichen suchen? Heisst das nicht Bauen, bauen bis ans Filde? Heisst das nicht In seine Asche sinken und doch immer wiede cmporflamtnen aus seiner Asche? ד־ג־ם '‘גק״ב; Da habt ihr’s: Frncitcrung. Das ist das Geheim nist unserer Geschichte! Das ist das Geheim nis unserer Religion! Das sei das Geheimni dieses Baus! Jahrtausende gingen über uns hi! mit der zermalmenden Wucht des Hasses um der Verachtung: לבקרם ctrrs An jedem Mor gen waren wir neu! Unsere Seele ward verbit tert. Wir zweifelten, verzweifelten an Gott un< der Welt: An jedem Morgen waren wir neu Heut wölbt sich ein neuer, feierlicher Bau übe uns und mahnt uns: Seid nie zuende! An jeden

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