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Jüdische Rundschau · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JUKD1SCHE RUNDSCHAU! Seite 0י No. 5. Verhältnis des Zionismus /tun osmanisehen Keich stand auf einmal im Vordergrund des lnteresses. Freund und Feind beschäftigten sich mit dieser Fräße. Ich will in aller Kürze diese Frage vor Ihnen aufrollen und den Standpunkt des Kongresses, wie er in den programmatischen Reden \V o 1 f f s o 1111 s und N o r d a u s zum Ausdruck gekommen ist, kennzeichnen. Wenn wir früher unsern Gegnern den Fundamen• talsatz. unserer Bewegung auseinandersetzten: ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesielter- Un Heimstätte in Palästina,“ dann wurde uns von ihnen ein Fimvurf gemacht, der ziemlich schwer wog und nicht ohne weiteres von der 1!and zu weisen war. ״Ihr wollt eine gesicherte Heimstätte in l'alästina“, hielt man uns entgegen. ״Welche Sicherheit kann das Willkürregimcnt eines abso• luten Herrschers bieten?“ Der Zionismus hat sich diesem Hinwand nicht verschlossen• ln verständiger Würdigung dir politischen /eitverhältnisse ging «las Hemühen der zionistischen Politik dahin, für das jüdische Volk einen Charter unter der Sou• veränität des Sultans zu erlangen, der die nöti• gen öffentlich-rechtlichen Sicherheiten enthielt. Und solche Sicherheiten erblickte man früher nach l äge der Verhältnisse nur in der Garantie der Grossmäclite, Das war eine Zeit lang die zionistische Politik unter dem alten türkischen Regierungssystem. Fs ist Ihnen bekannt, dass diese von .De. iler/1 auf dem 111. Kongress inan* gurierie Charlerpolitik vollkommen abgewirlsehaftet hat, dass sie seit dem VII. Kongress wohl nur noch in einzelnen Köpfen lebte b i s zu jenem Tage, da im osmanisehen Staat die grosse Umw audlung sieh vollzog. A n j e n e 11! T a g 0 h a t d i e G 11 a r t e r p o I i t i k für den Zionismus ihre Grundlage mul damit den Charakter der Notwendigkeit und Zweckmässigkeit verloren. Diese politische Idee hat sieh, wie Mas N o r d a 11 als Interpret der Kongressineinung unter grossem Beifall vorkündet hat, überlebt. Die alte zionistische Politik ist dahingegengen mit der alten Zeit, die durch die Schwäche und den anscheinenden Niedergang des Orients gekennzeichnet ist. Fine neue Zeit ist licrautgezogen. Der Orient beginnt zu erwachen. Das erste weithin leuchtende Z e i c 11 e n ist die 1 Itnwandluug der Türkei in einen Verfassmigsstaat. Damit ist für den Zionismus eine ganz neue Situation geschaffen. — Die Situation ist neu sowohl hinsichtlich der Politik als auch hinsichtlich der Arbeitsmethoden und der Arbcitsmöglichkciten des Zionismus. Als erster und bedeutsamster Niederschlag dieser neuen Situation hat sich gleich nach Be* endigung der türkischen Krise eine Wahrheit ans Liebt gerungen, die ihren Ausdruck auf dem Kongress in den programmatischen Reden Nordaus und Wolffsohns gefunden hat: Dass die jüdische Nation von der türkischen Regierung k e i n c riet I‘ r i v i I e g i c 11 heischt, dass die jüdische Nation im Rahmen der ottomanischcn Staatsvcrfassung als Nation sich auszulebcn wünscht wie jede andere im Rahmen des .türkischen Staatsverbandes lebende Nation. Keine P r i - v i 1 e g i c ח! Keine Garantie der Grossmäclite — wie zur Zeit des alten türkischen Regimes. Für den Zionismus ist die türkische Verfassung die erwi'1118c 111e und genügende öfientlicli-rechtlicbe Sicherheit. Durch diese neue Situtation hat der Zionismus eine Aktualität bekommen, die er vordem in dem Masse nicht besessen hat, und die seine Anhänger und seine Gegner nervös gemacht bat. Unsere noch immer existierenden j ü d i * s e 11 e n G e g n e r haben sehr bald den giüisiigen Umschwung der Dinge für den Zionismus gewittert, und in ihrer nervösen Angst haben sie den Zionismus bei der türkischen Regierung zu denunzieren versucht. Aus einem Hauptquartier, aber fast gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen, wurde in die Türkei die These hincinlanciert: Der Zionismus stehe im Wider- Spruche mit dem territorialen Finheitsgedanken der Türkei; das zionistische Programm habe eine separatistische Tendenz — im letzten Sinne also eine dem Ottomanentiun feindliche 'lendettz. Das Manöver unserer antizionistischen Widersacher ist sehr durchsichtig gewesen. Zwölf Jahre nach der Geburt des politischen Zionismus hat man plötzlich die separatistische '1 enden/. des Baseler Programms entdeckt, vor der man die junge Türkei warnen zu müssen glaubte. Dass ein solcher Tremuiugsgedauke geradezu ein politischer Wahnwitz wäre, dass ein 801eher Gedanke, solange der Zionismus besteht, niemals ernstlich diskutiert worden ist, dass ein solcher Gedanke den jüdischen Volkszwecken nicht innewohnen kann und darf, brauche ich Ihnen wohl nicht amoinanderzusetzen. Immerhin kann man dein wahnwitzigen separatistischen Gedanken eine gewisse Me- 111 ode nicht absprechen. Fr schien in den Augen unserer indischen Gegner eine treffliche Waffe zu unserer Vernichtung zu sein und schien auch wenigstens im Anfang nicht o 11 n e I: r * folg zu wirken. Deshalb genügte cs nicht, dass die Denunziation einer separatistischen Tendenz in der zionistischen Presse eine allgemeine Zurückweisung erfuhr. Um der Schlange den (iifl/.alin ein für alle Mal atiszubreclicii, war es nötig, eine Kundgebung des Kongresses zu veranlassen. Und fliese Kundgebung des Kongresses ist durch den Mund des Präsidenten Wolffsohn folgendermasscn geschehen: ,Die oitoiuanische Staatseiulieit, die Welt• inaclitstellung und die innere Wohlfahrt dieser Monarchie, ihr Schutz und die gedeihliche Fntwicklung ihrer Gesamteinrichtungen sind die selbstverständliche Voraussetzung aller unserer Arbeiten. Die ottomanischcn Gesetze werden die Richtschnur sein für alle unsere Unternehmungen, und auf der freiheitlichen türkischen Verfassung werden sich alle unsere Pläne aufbauen. Denn in der nunmehrigen Rechtsstellung, in den staatsgrundgesetzlich gewährleisteten und in einer fortschrittlichen Entwicklung begriffenen Hinrichtungen er• blicken wir die Garantien unserer persönliehen und nationalen Sicherheit.“ (I'ortsct/.uwc M«t.) Wie Rieger den Nordau totschlug Von Br. phil. Limen Tü übler.׳■) Nordau hat in Mamburg eine ,.gläubige Mc!;״c irrcgetiilifl". Dafür trifft ihn Gottes Zorn uiulRicgus Schwert. Breitbeinig auf Shaws rechter und Saengt rs linker Schulter .stehend, rückt der fruinbe Herrgoi;■,. lan/.kueeht heran und holt so gewaltig aus dass da; | eigene Wucht ihn hintenüber in den Sand wirft. bis; Publikum amüsiert sieh! leb glaube, Rieger weiss mehr von den Liן •;.׳״ beiten der jüdischen Geschichte als Nordau. Mi 1 Glauben ist so stark, dass er mehl einmal durdt! Ricgers Kampfartikel erschüttert wird. Aus de:1 knüppeldicken bi s t o r i s c h e ti 1' e hier n dieses Artikels ersehe ich vielmehr nur, dass die Leidenschaft wie starker Wein berauschen kann. Aristoteles. Plotin, Leone Ilebro. Jacopo Montin•׳. Dchora Ascarelli.in der schlechtesten jüdischen Geschichte kann man mit beiden Händen noch ein ( Dutzend herausholcn. Rieger argumentiert mit ilnen gegen Nordau, dass die Berührung des Judentums mit den Aussciikulturen stets vorhanden gewesen sei. F.r hat damit Recht. — Dick gedruckt, also mit vollen Backen, zu lesen: ״ist es nicht amnassend, bei einer so verhängnisvollen Unkenntnis über die Geschieht•, des Judentums urteilen zu wollen?" Läge Rieger nicht jede anniasscndc Zurschaustellung seines Wissens ferne, so wäre er wohl unbescheiden genug gewesen, hinzu/iifiigcn, dass die formale und die materielle Beeinflussung des Judentums durch die Aussenkulturen gerade im umgekehrten Verhältnis zu einander stehen! Damit ist Nordau noch nicht gerechtfertigt, aber Rieger als Schwertrichter aus• geschaltet in dem einen der beiden Punkte, in welchen er zur Hälfte Recht hat. Ls ist gewiss eine arge Verkennung, wenn man von konservativer und zionistischer Seite dem reli- ) Der Verfasser veoeientliehte diesen Artikel, der sich gegen einen in der ..Allgemeinen Ztg. d. Judentums" erschienenen Artikel des Hamburger Rabbiners Dr. Rieger richtet. im ״Hamburger Israelitischen Lamilienblatt". Wir glauben die prächtige Abwehr unseren Lesern nicht vorenthaltcn zu sollen. Red. d. ״J. R." Weiliepredigt Von Rabbiner Dr. Emil Colt 11, gehalten bei der Einweihung der neuen Synagoge in Kiel am 2. Januar 1010. Liebe Brüder und werte Freunde! Die Zeit des Bauens ist vorüber und die Zeit der Weilte ist gekommen. Der Maurer legt Hammer mul Kelle beiseite, der Künstler löst den Plan von seinem Reissbrett, der Maler steckt den Pinsel in den Kasten. Alles feiert. Was ein Jahr lang wuchs, nach innen und nach aussen, das hört jetzt auf zu wachsen. Was ein Werden und was Bewegung war, das steht jetzt still. Und wir alle, die wir den Bau vor unsern Augert entstehen sahen, die wir das Werden und Wachsen seihst wirkend oder doch schauend milerleblen, wir alle müssen nun auch Halt machen vor dem, was fertig ist. Das Abgeschlossene ist auch für uns ein Abschluss, und es ergeht an uns alle das Wort unseres Lehrers und Meisters: התיצנו וראו Steht still und schaut! I. ־ Und da stehen wir denn und schauen. Und was sehen wir? Auf einer kleinen Spanne Erde erhebt sich ein bescheidenes I laus, und obgleich dieses Haus unserer kleinen Gemeinschaft ent* sprechend auf engem Raume steht, dennoch enthält es eigentlich drei Häuser: Hin Schulhaus, ein Volksltaus u nd darüber ein Gotteshaus. Was nicht nebeneinander gebaut werden konnte, musste übereinander gebaut werden. Als der Künstler che Pläne entwarf, ahnte er wohl nicht, dass er mit diesem IJebereinanderbauen nicht bloss etwas Zweckentsprechendes schuf, sot\- dem ein schönes und lebendiges Symbol unserer Religion aufrichten half: Ein Gotteshaus über den Räumen des Lebens und des I.ehrens, was ist das anderes als der Ausdruck für die tiefe Wahrheit, dass das Göttliche und Menschliche im Judentum eng mit einander verwachsen sind, dass Himmel und Erde sich berühren, dass die Welt der Ideale nicht der Welt des Wirklichen entgegengesetzt sein dürfe, sondern ganz im Gegenteil aus ihr erwachsen müsse. Lehre und l eben sind das untere Stockwerk unserer Religion. Hier unter diesen Dielen, meine Freunde, da werden am Alltag die lauten und fröhlichen Stimmen der Kinder ertönen, die lernend und spielend aus dem Becher des Lebens trinken. Hier unter diesen Dielen werden die Grossen zu* sammenkotnmen, Männer und Frauen, um sich Belehrung zu holen in allen Fragen des jüdiselten Lebens und Wissens. Und während tlrtm• teil das ernste und das lachende, das alte mul das junge Leben aus- und eingeht, wird droben der ltciligc Raum träumen, und in seinem I rannte die Stimme des Lebens vernehmen unter sich. Jedesmal aber, wenn der Sabbatli nabt, daun wird es binaufsteigen, das lebendige Lebet', um vor Gotte» Antlitz zu treten und ihm ztt danken für die Gabe des Lebens, für die Freude■!: der Zeit und für die ticnUchkeüeu der Welt Wahrlich, eine Religion der l.ehensbejaltung ist unser Judentum, nichts ist ihm fremder ab die Lcbensflucht, nichts ihm näher als der Genuss des Lebens. Mit irdischer Sprache spricht Gott zu uns, er will, dass wir Menschen seien, und wenn wir der goldenen Wirklichkeit 1!n> freuen, fühlt er sich geheiligt. Und darum ist cs ein schönes und starkes Symbol, dass dieser Raum sich über weltlichen Räumen wölbt, dass das Forschen der Grossen und das Spiel der Kinder, der Fleiss der Lernenden und die Hingäbe der Lehrenden die Säulen sind, die diese Kuppel tragen• ה־־־דצבו ו* או So sieht unser Maus aus: Steht still und schaut! II. Und wir stehen zum zweiten Male still, schauen zum zweiten Male und sehen, wie alles fertig ist. Und da wird uns sonderbar zu Mute.

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