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Jüdische Rundschau · 1910-01-28 · Heft 4 (28.1.1910) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 42. .IUKD1SCHK RUNDSCHAU No• 4. Überzeugt, -- einen immensen Dienst der Sache, die Sie in )!linden genommen Italien. Sic konzentrieren vereinzelte Anstrengungen und vcrzclmfaelicn sie. Sie setzen ein linde jenen unauihürlichcn Sammlungen für Werke, deren Nutzen nichts weniger als erwiesen ist. Sammlungen, die die einen ermüden, ohne die andem zn erleichtern. Sie entsprechen einem allnemeinen Wunsch, dem. zu beweisen, dass der Judo wohl ein Mauer ist, da, wo er cs filr opportun hält, cs zu werden." ״Sie weiden Urot und!.eben verschaffen einem beträchtlichen Teile der jüdischen Familie. Sic be* reiten ein Asyl vor für Bevölkerungen, die morgen vielleicht schon in Massen vor dem Fanatismus werden fliehen müssen." ״Sie werden schliesslich die friedliche Eroberung jenes heiligen ).;indes machen, wo — weder Ortliodose noch Reformer haben es vergessen . das höchste Wesen von unseren Vorfahren augerufen wurde, zu einer Zeit, als noch die ganze Welt in Heidentum versunken war.“ ״Die llrüssc der Unternehmung mag Sie nicht erschrecken. Hin Appell sei an die .luden der ganzen Weit gerichtet, die Ra binnen sollen ihn zum (legenstand ihrer Predigten machen, lind was heute ein Traum ist, wird morgen Wirklichkeit werden. . . ." ״Was mich betrifft, ich werde meine Mission nicht für beendet halten, bevor dieses Werk nicht gedeihen wird, bevor mein Versprechen auf Zion nicht realisiert sein wird. . . ." Kann man zionistischer sprechen, als hier der Allianccgriindcr Netter? Kann man mehr wagen als er, der sich von einer ״friedlichen Hroberuug Paliistlnas" zu reden getraute? Wie würde es Ihm er״ gehen, wenn er heute diesen Ausdruck, mit dem er das Werk der Kolonisation und der Vorbereitung eines Asyls für die jüdischen Massen in Palüstina umschrieb, wiederholen würde. Der ״Tiompo" würde ihn zweifellos unter die Hiihrer ״des monströsen Humbugs" cinrcihen, die ״den Armen das Geld ent״ reissen. um sich den Leib damit zu füllen." — •— Die ״Aurorc" hat sieh mit der Veröffentlichung dieser Dokumente ein bleibendes Verdienst erworben. Sie werden die türkischen Juden vcrglci* dien und unterscheiden lehren. Sic werden cinschcn, dass zwischen dem, was der Zionismus will, und dem, was Netter und (נ r c in i c u x wollten, fast gar kein Unterschied besteht, «lass dagegen eine unausfüllbare Kluft ist zwischen diesen Grossen der Alliance von ehemals und ihren kleinen Grössen von heute. Berichtigung Verehrliehe Redaktion! In meinem Artik.l ״Nach «lern IX. Kongi ess" in der letzten Nummer ist au einer Stelle durch Auslassung einer Zeile der Sinn vollkommen entstellt woideu, Auf Seite 28 Spalte II, Zelle l heisst es in meinem Manuskripte nicht, ״ob der bislicrigc Präsident seine Kriifte dem Dienste des Zio* nismits widmet", sondern: ״ob der bisherige Präsidem das Präsidium weiter behält oder in anderer Weise seine Kräfte dem Dienste etc. Hochachtungsvoll l״ K s t c r m a n n. :: AUS ALLCR WC LT« Russland ■■יי■יי■י•rt•ו^■■■■■■י■■■ייייי■י Der wirtschaftliche Niedergang der Juden Die jüdische Bevölkerung in den russischen Westgouvernements, namentlich in den Klein- und Mittelstädten, bietet gegenwärtig ein erschütternd düsteres Mild. HumlerUauscndc stehen einfach dem gänzlichen Ruin gegenüber. Handel und Gewerbe, Industrie und Handwerk liegen darnieder. Hin paar Mühlen in einem Orte ־־־ das ist die ganze ״Industric": einige jüdische Schuhmacher und Schneider das sind die Handwerker. Man begreift es nicht: wovon leben denn eigentlich alle diese armen Juden? Womit fristen sie ihr trauriges Dasein? Woher bekommen sie auch nur die unentbehrlichsten Hxistenzmittcl, um nicht zu verhungern? Auf solche 1*ragen erhält mau die Antwort: aus Amerika. Afrika, Australien. Die dorthin uusgcwandertcu Verwandten schicken den Zurückgebliebenen das Geld für ihren Unterhalt — bis diese selbst hinfahren. Das S t r c - bcn der meisten zu Hause Verbliebenen ist ebenfalls nach der ״ncucn Welt" h i n ü b c r z u k 0 m m c n. Dieser Zug hält mit ununterbrochener Stärke an. Der grösste Teil der jüdischen Bevölkerung in diesen Gouvernements fühlt sich immer in Bewegung, an der Schwelle der Emigration. Dadurch wird naturgemüsss jeder Unternehmungsgeist gelähmt, jede soziale und gcscllschaftliehe Initiative unterbunden, die das Bewusstsein sicherer Stetigkeit der persönlichen und Wirtschaftliehen Verhältnisse zur Voraussetzung hat. Gegenüber dieser Kraft- und Mutlosigkeit im Inneren steht ein fortwährender, zielbewusster, mit reichlichen Mitteln und massloser Brutalität organisierter und durchgeführter umfassender, Angriff von aussen her, Hs ist der von der polnischen Intclligenz und Geistlichkeit organisierte Boykott der jüdischen .Händler und Gewerbetreibenden, der sich über das gesamte Westgebiet Russlands erstreckt, Die natio״ nalpolnisehen Koopcrativgcscllsehaftcn und Konsumgcuossenstfliaftcn, die den gesamten Hinkauf der uichtjüdischcn Bevölkerung an sich gerissen haben, tragen nicht so sehr den Charakter wirtschaftlicher Selbsthilfe, als vielmehr die ausgesprochene Tendenz des Kumpfes gegen die Juden, die stututenmüssig von ihnen ausgeschlossen sind, während in den wenigen derartigen Jüdischen Üenossensehaften auch Nichtinden Mitglieder sein können und es auch häufig sind. Dieser feindlichen Ucbcrmaclit vermag die niedergedrückte jüdische Bevölkerung nicht den geringsteu Widerstand cutgegeuzusctzcn. Und so bleibt ihr nur eine Hoffnung: die Auswanderung. Hs ist ein Bild von tragischer Wucht: Hin ganzes Volk auf der Wanderung. Manche Ortschaften sind wie ausgestorben. Menschenleere Strassen, verschlossene Häuser; kein Handel, keine Betätigung, keine Regsamkeit. In den Schulen fehlen Schüler jeden Tag aufs neue — sie sind mit ihr<1״ Eltern ausgewandert. Immer entvölkerter werden die von den Juden be* wohnten Städte und Städtchen dieses Gebietes. Wer sich retten kann — der tut cs, ungeachtet aller Leiden und Mühseligkeiten, Hindernisse und Schwierigkeiten,, die sich dem Emigranten auf seinem dornenvollen Wege entgegentürmen. Hier ist die Lage für die Juden geradezu unhaltbar gej worden! Das hat die russische Regierung mit ihrer ״Politik", die Juden und die Polen gegeneinander zu hetzen, und die Juden in dem famosen ״Ausiedlungsrayou" zusammenzupferchen, glücklich erreicht. Wie aber mm weiter?. Türke! Finanzen und jüdische Einwanderung Aus K o n s t n n t i n 0 p c I wird geschrieben: Das einflussreiche hiesige Blau ״Jeune Turc" hat in einem vom Chefredakteur verfassten Leitartikol wiederum zur Hragc der Hinwanderung von Juden nach der Türkei in bemerkenswerter Weise Stellung genommen und die türkische Regieruug auf ge fordert, sieh mit diesem wichtigen Problem ernstlich und eingehend zu befassen. Der Verfasser beschäftigt sich darin besonders mit der Bedeutung einer jiidisehen Hinwanderung für die türkischen Hinanzen und sagt darüber u. a.: ״Wir empfinden einen grossen Mangel an Menselten. Wie und auf welche Weise können wir aber diese für die Neubelebung der Türkei notwendigen Kräfte gewinnen? Man könnte natürlich die öden Ländereien unseres Reiches vielleicht auch mit inoliammed.mischeu Kolonisten aus Russland, Indien und Bulgarien besiedeln. Aber diese kommen zu uns sehr .spärlich. - und nach den statistischen Hcst- .Stellungen nimmt ihre Zahl stetig ab. Hs bleibt uns daher überhaupt nichts anderes übrig, als jüdische Arbeitskräfte nach der Türkei zu ziehen. Hinter den Juden stehen weder die englischen Panz e r s c h i f f c nn c h die russischen Ma - sch inen ge weh re. In ihrer Heimat ununtcrbrochen bedrückt und geplagt, werden sic zufrieden und glücklich sein, in der Türkei eine sichere Wohnstättc zu finden. Und wenn die Juden an einem Gcbiete unseres Reiches besonderes Interesse haben werden, dann werden uns ihre Hinanzgrüsscn zu Hilfe kommen. Unser Staat hat deshalb keinen anderen Weg für die Beseitigung unseres chronischen B tt d g e t d c f I z i t s als die innere Kolonisierung und die Urbarmachung unseres brach liegenden Landes mit Hilfe der Juden. Die Regierung würde danach gut tun, sich mit dem jtidiselten Problem gründlich und systematisch zu befassen." — ״Das jüdische Element ist geeignet, grosse Landstrcckcn in Syrien, Palüstina und Anatolien in einen blühenden Zustand zu versetzen. Wenn unsere Staatsmänner dem Lande wirkliehe Hörderung bringen wollen, dann können sic an den Händen, den Köpfen, den Kapitalien und anderen Mitteln der jüdischen Welt viel Nutzen finden mit Hilfe jener in unserem Besitze befindlichen Anzichungskraft — mit Hilfe Palästinas." Die Juden In der Armee Vor kurzem Welt Wer Gulib Ucy, QbcrsUcut« uant der Kavallerie, einen Vortrag über den Militärdienst der Nichtmoliammcdancr. Der Vorlesung wohnte ein zahlreiches, auserlesenes Publikum bei, darunter auch Hadi Pascha, der Kommandant des dritten Armeekorps, sowie mehrere hohe Offiziere. Galib Bcy beleuchtete die grosse vaterländische Bedcutung der gleichmässigcnHcranZiehung aller Staatsbürger, ohne Unterschied der Konfession und Nationalität, zum Militärdienst. Darauf hielt Hadi. Pascha eine mit grossem Beifall aufgenommene Ansprache, die in folgenden Ausführungen gipfelte: ״Die Juden waren stets treue Bürger ihres Heimatslandes. Sfc haben sich immer von religiösen und nationalen Konflikten fcrngchalten. Sic gaben den Behörden niemals Anlass zum Einschreiten und haben unserer Regierung niemals Ver- Icgcnhcitcn bereitet. Als ilcissigcr und intelligenter Arbeiter verdient der Judo unsere ganze Ancrkcnmmg und unseren vollen Dank. Ich hoffe und bin überzeugt, dass der Judo ln dlcsor Aera der Freiheit, die allen Bürgern die ungehemmte Entwicklung ermöglicht, eine für die Zukunft unseres gcmcinsamcit Vaterlandes sehr wertvolle Rolle spielen wird. Lr wird sieh in der Armee ebenso auszciclincn. wie auf den Gebieten der sozialen Tätigkeit." Amerika Im Monat November UWW sind im New Yorker Hafen 71!<>2 jüdische Emigranten ciiigetrolfen (statt 31ו)י in demselben Monat des Vorjahres). Von den Einwanderern waren 5184 Personen aus Russland, 111)5 aus Oesterreich, 377 aus England. 215 aus Ungarn, 185 aus Rumänien, 153 aus der europäischen Türkei und 5(» aus der asiatischen Türkei. Von den im November v. J. cingewandertcn Juden haben sich 505א Personen im Staate New York niedergelassen. Die Hinwanderungskoinniissioii hat dem Kongress einen Bericht über die Verhältnisse auf den Hirngrantcuschiiieii zugcstclit. Danach lässt die Ordnung auf diesen Schiffen sehr viel zu wünschen übrig. Die Behandlung der Zwischendeckna.ssa giere, insbesondere der Frauen, ist nach vielen Aussagen eine geradezu empörende. Die Kommission schlügt deshalb vor. für jedes grössere Emigrantenschiff einen amerikanischen Beamten zur lnspektion zu bestimmen. _ RUNDSCHAU D£R PRCSSC Der IX. Zionislenkongrcss Das Frankfurter Isr. FumlUeublatt schreibt: ״Der neunte Kongiess begann mit einer Stiiniiiimg gegen Woliisolm, und diese Stimmung kam m dem Pormancnzausschuss sowie attcli in den Rednern zur Generaldebatte zur Geltung. Da ergriff Wolffsohn das Wort, und was dem Nachfolger eines Herzls Al': Jahre der Leitung nicht gebracht hatten, «las gab ihm diese Stunde: «lic Autorität: denn in dieser Stunde zeigte es sich, dass der bisher vielfach unterschätzte Mann der alle überragende Führer ist. Aus dem drohenden Misstrauensvotum wurde das uneingeschränkte Vertiatiensvotiuu der erdrückenden Mehrheit des Kongresses: und als am Schluss des Kongress der /u Anfang gewählte Permanen/aus• seiniss ein Präsidium ohne Wolffsohn Vorschlag, da innü er keine Majorität: Wolffsohn ist auch der Präsident der neuen Periode geworden. Aber die /ionistischc Mehrheit will unbedingt die Konzentrierung aller Tätigkeit der Bewegung auf Palästina. Wie sehr die zionistische Mehrheit von diesem Willen beherrscht wird, illustriert am besten die Tatsache, dass der Kongress zu den Punkten der Tagesordnung, die nichts mit Palästina zu tun haben, überhaupt nicht kam. Diesen Willen will die Leitung respektieren: während Wolffsohn die Gewähr dafür bietet, dass diese Arbeit im Rahmen des grossen zionistischen Gcsamtgcdankcns bleiben wird." In einem zweiten Artikel äussert sich dasselbe Blatt folgcndcrinassen: ״Scheinbar handelte es sich um einen Streit über Personen, der eine sichtbar im Vordergründe des Gespräches und des Angriffes, der andere fast unsichtbar, sich ganz im Hintergrund haltend; Wolfi• sohn, Ussischkin waren cs, die den Kongress in zwei Lager gespalten haben. Und doch war es mehr als ein Streit um Personen! Zwei Systeme waren es. die da stritten: der sogenannte politische Zionismus, der in Untätigkeit verharrt, anfangs auf einen Clinrter mit Zustimmung der Mächte, später aber *beim Eintritt von geordneten Verhältnissen in der Türkei auf einen Charter seitens der türkischen Regierung wartend, also eine Methode, die das Grosse im Auge hat. aber auch mit dem Grossen beginnen und zu uem Kleinen -״ der praktischen Arbeit erst nach* her überzugehen gedenkt, und der praktische Zionismus, der, eine Entwicklung voraussetzend, vom Kleinen zum Grossen allmählich gelangen will und daher die praktische Arbeit in Palästina wünscht. Der neunte Kongress hat stillschweigend eine Entscheidung in dem alten und neuen Streit der Systeme gebracht: in seiner überwiegenden Mehrheit war der Kongress für intensive Arbeit in Paliistina, also gegen ein untätiges Verharren bis zur Erlangung eines Charters. Es klingt sonderbar und doch ist es wahr: Ussischkin persönlich hat eine Niederlage erlitten, sein System aber kam zur Geltung. Wolffsohn dagegen trug einen persönlichen Sieg davon, sein System aber fiel. Dasselbe merkwürdige Schauspiel bot uns der Kongress noch einmal: das Baseler Programm ist cs, dem cs so wie dem Präsidenten Wolffsohn ergangen ist. Auch das Baseler Programm blieb unverändert bestehen, allein sein Inhalt hat eine andere Interpretation erhalten: nicht die Mächte sind cs, die ihm zu seiner Verwirklichung verhelfen sollen, sottdern die ottomunischc Regierung, das ottomanische Volk, und seine Verwirklichung soll nicht vor einer Tätigkeit in Palästina stattfinden, vielmehr soll ihr eine ehrliche, verdiente Arbeit im Lande der Väter vorangchen. Diese Auslegung ist die einzig richtige und kann unter der konstitutionellen Türkei nicht anders ausgelegt werden. Mit all diesem können wir uns zufrieden geben; was uns aber missbehagt, ist der Umstand, dass die

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