Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 40. JÜEDISCHE RUNDSCHAU No• 4. lcgcnhclt wurde von verschiedenen Selten bemerkt, duss dies nur dann möglich sein wird, wenn nicht nur der Verband, sondern auch die Einzclvorcitte die n 0 u t r a 10 Basis, auf der sic nufgebaut sind, streng beachten und Parteiungen'irgend welcher Art in ihrer Mitte nicht dulden. , VI. Eine Bezirkstagung der südwest־ deutschen und rheinischen Vereine wird am 26. Dezember a. c. mit reichhaltiger Tagesordnung in Frankfurt a. M. s t a 11 f i n d c n. Bei dieser Gelegenheit sollen die Delegierten die rllhmlichst bekannten sozialen Einrichtungen des dortigen Montcflorcverelns kennen lernen. VII. Zum Herbsto 1910 Wisst der Verband ein ei genes Organ fiir seine Zwecke erscheinen. VIII. Der Verband der Deutschen Juden soll um Ueberlassung von 5000 Abzügen der Rede des Herrn Rabbiner Dr. Outmann, Breslau, Uber ״Die Idee der Versühnung im Judentum" für die Mitglieder der Verbandsvcrcinc ersucht werden, damit die Jugend aus dieser vortrefflichen Rede lerne, wie sic das Judentum mannhaft zu verteidigen hübe. IX. Auf Anregung des Ocschüftsführcrs wird den Vcrbandsvcrcincn die Abhaltung gemeinschaftlicher Sederabende empföhle״. An kleineren!,Witzen, an denen die Vcrcinsmitgliedcr im Hause ihrer Eltern die Sederabende verbringen, soll in Vereinsbrüderlicher Weise dafür gesorgt werden, dass die Jungen Leute, die keine Eltern um Platze haben, von bekannten Familien zur Feier der Sederabende eingeladen werden. Zu der Jüdischen Jugend zahlt Herr Dr. Finke! auch die jüdischen Mannschaften, die er auch zu den gemeinsamen Scdcrabcndcn eiligeladen wissen möchte. — Im Anschluss hieran wird auf Anregung des Herrn Dr. Apfel beschlossen, auch gemeinschaftliche Freitag-Abende, wie sic im Frankfurter Montcfiore-Vcrcln seit jeher abgehalten werden und jetzt sich auch in Cöln bcwühten. den Vcrbandsvcrcincn angelegentlichst zu empfehlen. X. Die Geschäftsstelle des Verbandes befindet sich in Berlin SW., Wllhclmstr. 118III. Zuschritten sind zu richten an den Verband der Jüdischen Jugcndvcrcinc D •»tsclt־ lands, zu Händen des Herrn Rubbincr Dr. E. Pinkel. Unser Organisationsstatut Referat zum IX. Zion iste 11 k o 11 g r css. Von Dr. M. J. B 0 d c n h c i m c r. Nur zögernd folge ich dem Ruf des A. C., den Entwurf eines neuen Orgnnisationsstatuts vor dem Kongress zu vertreten, da gegenüber den wenig freundlichen Acusserungen über diesen Plan Standhaftigkeit und Courage dazu gehört, die Waffen der Dialektik mit so viel tüchtigen Gegnern zu kreuzen. Es sind schwerwiegende Bedenken gegen eine Aenderung des bestehenden Statuts laut geworden. Man hat nicht ganz mit Unrecht angeführt, dass das jetzige Organisatiousstatut erst auf dem letzten Kongress geschaffen worden sei und darum die Zeit noch nicht genüge, um mit Bestimmtheit sagen zu können, dass cs sich nicht bewährt habe und in welchen Punkten man den Hebel der Besserung einsetzen müsse. Auch ist gesagt worden, dass eine ge* wisse Unsicherheit dadurch geschaffen werde, wenn fortwährend Aenderungen an dem Statut vorgenom* men werden. Im grossen ganzen sei inan mit dem jetzigen Organisationsstatut ausgekommen. Es könne I sich nur darum handeln, einige geringfügige Aenderungen bezüglich der Leitung vorzunchmcn. Sodann hat man auch gegen eine Behandlung der Organisat'ionstragc aui den! Kongress geltend gemacht, dass Organisationsfragen bei den Kongrcssdclcgicrtcn nicht das nötige Interesse erregten und cs deshalb nicht angebracht sei, dieselben auf Jedem Kongress aufzuwerfen. Hierdurch könnten wichtigere Angelegenheiten der Bewegung Schaden leiden. Gegen diesen Gesichtspunkt möchte Ich mich zunilchst mit aller Bestimmtheit wenden. Man braucht die Bedeutung einer guten Organisation für die Bewegung nicht zu überschätzen. Man wird aber doch zugeben müssen, dass die Ideen der zionistischen Weltanschauung und dio Politik ohne eine gute Organisation der Bewegung wie ein Wagen ohne Räder wäre. Selbstverständlich ist das geistige Leben Innerhalb der von zionistischen Ideen erfüllten jüdischen Bevölkerung bedingt durch Verbreitung des jüdischnationalen zionistischen Ideals, und cs kann keinem Zweifel unterliegen, dass eine richtige Politik der Führung In den Geschäften der Bewegung notwendig Ist, um das zionistische Ziel zu erreichen. Aber ebensowenig wie cs möglich ist, einen Bau zu errichten, der Jahrhunderte überdauern soll, ohne einen guten wohldurchdachten zweckmässigen Qrundriss, ebenso* wenig kann die zionistische Bewegung sich entwickeln und Ihren Zielen cntgcgcnstrcbcn ohne eine vernünftige Organisation, die den Zwecken der Bewegung, den Gesetzen, unter denen die Juden wohnen, und den Ansprüchen der Jüdischen Bevölkerung der einzelnen Länder genügt. Wenn aber der Grundriss eines Gebäudes den Zwecken, denen derselbe dienen soll, nicht entspricht, ist das ganze Bauwerk verpfuscht. Nach einem Bild, das Ich In meiner ersten Kongressrede über die Organisation gebraucht habe, kann man diese auch mit den» Nervensystem der höheren organischen Lebewesen vergleichen. Dieses dient dazu, diu Empiindungen aus allen Tellen des Körpers in einem Zentralpunkt zu vereinigen und von dieser Zentralstelle aus die Befehle für eine zwecktuässlge Handlungsweise nach allen Richtungen und Organen des Körpers zu entsenden. Wenn dieses Nervensystem nicht richtig funktioniert, geht der Organismus zugrunde. Hierin bestellt also der \yert und die Bedeutung einer guten Organisation, dass die Gesundheit, die Lebens- und Entwicklungsfähigkeit der Gesamtheit durch dieselbe bedingt Ist. Darum hoffe ich darauf rechnen zu dürfen, dass auch Sie trotz der trockenen Sachlichkeit dieses Gegenstandes demselben die gebührende Aufmerksamkeit schenken werden, in der Ueberzeugung, damit die Grösse und Zukunft unserer Bewegung zu sichern. Es Ist auch nicht das erste Mal, dass wir Aenderungen an der Organisation beraten, nachdem auf ()rund meines Referats das erste provisorische Statut geschaffen worden war. Ich habe selbst damals der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, dass dieses Statut den Zwecken der Bewegung nicht ausreichend dienen könne. Wir mussten gewissermassen alles ab ovo aus dem Nichts schaffen und konnten uns nicht einmal nach Vorgängen hei anderen Partclgruppicrutigen richten, da die Verhältnisse innerhalb der zionistischen Bewegung ganz eigenartig gestaltet sind. Auf dem III. Kongress wurde dann auf Vorschlag des A. C. ein Organisationsstatut angenommen, welches den Anspruch zu erheben schien, für die Dauer berechnet zu sein. Aber Hcrzl sah binnen kurzem, dass dieses in lapidaren Zügen verfasste Statut den Ansprüchen der Bewegung nicht genüge, und so wurde denn schon auf dem V. Kongress eine neue grundsätzliche Aenderuug des Statuts bcschlossen. Während die schwierigste Frage bei den Erörterungen dieser Statutentwürfe die Festlegung des Verhältnisses zwischen dem A. C. und den Landesorganisationeu sowie die Organisierung von Vereinen und Wahlgruppen bildete, tauchte nach dem Tode llerzls als wichtiger Punkt die Erörterung der Frage auf, wie das A. C. zweckmässig zusammenzusetzen sei. Es ergab sich daraus schon auf dem Vii. Kongress die Notwendigkeit einer neuen Aenderung des Organisationsstatuts. Trotz aller dieser Verbesserungen musste sich der VII. Kongress wieder mit einer Organisatlonsberatung befassen, die nach Ansicht des Herrn Pragiiiaticus in der ״Jüdischen Rundschau" ״eine unfruchtbare Spielerei" ist. Es ergab sich nämlich die Notwendigkeit, die Frage der Leitung von neuem zu ventilieren. Sie sehen also, dass unser Organisatlons- Statut bis heute noch keine Einrichtung war, von der man sagen konnte, dass sie in befriedigender Weise funktioniert hätte und dass man für sic das Prinzip in Anspruch nehmen könnte, sie als etwas Fertiges und Unantastbares zu betrachten; Im Qegenteil geht aus diesem geschichtlichen Rückblick hervor, dass der Kongress sich statt der Radikalkur einer fundamciitnieii Acmleriing des Statuts stets mit Flickarbeiten auf der unzulänglichen Grundtagc des ersten Entwurfs begnügt hat. Die Furcht vor öden Statutenberatungen darf nicht so weit gehen, die wichtigsten Grundlagen der Bewegung zu vernachlässigen. ' Wir freuen uns gewiss, wenn ein aufmerksames und Intercsslcncs Publikum umi üic Damen ln schönem Kranz an den Verhandlungen des Kongresses Anteil nehmen. Der Kongress tagt aber doch nicht für die Galerie und um wirkungsvolle Reden zu hören, sondern um die ernstesten Aufgaben des jüdischen Volkes zu erfüllen, und dafür ist wirklich keine Zeit zu kostbar und keine Debatte zu trocken und zu Öde. Ich komme nun zu dem Einwurf, dass die Mängel des gegenwärtigen Organisationsstatuts nicht so bcdeutend seien, utn ein neues Statut zu schaffen. In dieser Hinsicht ist dio Meinung der bisherigen Leitimg der Bewegung meiner Meinung nach nicht von geringerem Gewicht als diejenige der Herren Dr. Möller, Roscnfcld und Pragmaticus, welche glauben, dass man auch mit dem bisherigen Statut weiterarbeiten könne. Dio Meinung der bisherigen Leitung des E. A. C. geht aber mit aller Bestimmtheit und Deutlichkeit dahin, dass das Jetzige Statut nach verschicdcncn Richtungen hin kein geeignetes Mitte! ist, um die in der gunzen Welt zerstreute Bewegung auszugcstalten und zu fördern. Dio Hauptfehler des alten Statuts bestehen in folgenden Punkten, die Ich gleich zu Beginn meines Referats zusammenfasson will. Erstens Ist sowohl die Ocsamticitung ln Form des A. C. unzwcckmüssig organisiert, wie auch das E, A. C., das an seiner Spitze stellt. Zweitens ist die Neueinrichtung internationaler Föderationen in der Form, in der sie von! letzten Kongress beschlossen worden ist, geeignet, die Organisation zu verwirren und die Landesorganisationen zu schwächen, ohne dass die Bestrebungen, welche in den Föderationen nach Ausdruck und Machtbetätigung suchen, irgendwie ־ in der Lage wären, aus dieser Einrichtung entsprechende Vorteile zu ziehen. In dritter Linie bietet die Fundierung der Bewegung auf den Schckclzahlcr weder eine sichere Orundlagc für die Finanzen der Bewegung, noch die Gewähr, dass die Bewegung in konstanter Entwicklung immer neue weitere Kreise der Judenheit in sich cinschllcsscn wird. (Schluss folgt.) Nasim Bey und der Zionismus An leitender Stelle bringt das ״Journal de Saloniquc" in seiner Nummer vom 9. Januar folgenden Artikel über eine Unterredung mit Dr. Nasim Bey, den wir nach der Uebersetzmig des Konstantinopicr Korrespondenten der ״Welt" wicdcrgcbcn: ״Der Hamburger Kongress hatte soeben seine Arbeiten beendet. Wir sprachen mit Dr. Nasim Bev über dies und Jenes. Er hatte das ״Journal de Salonique" entfaltet, und wir zeigten ihm die Dcncschc aus Hamburg und den Artikel unseres Mitarbeiters King. Er las beides, dann sagte er gesetzten Tones: Ich hin absolut der Meinung Eires Redakteurs. Ich beklage die vom Zionistenkongress angenommene Resolution. Ich beklage sic, wohlverstanden, wegen des Schadens, den diese Resolution den Juden selber tun wird. — Was für einen Schaden? -- O, unberechenbaren. Vor allem glaube ich, dass die Juden nicht sämtlich die Beschlüsse der Kongressisten billigen werden. Hieraus entsteht schon eine Spaltung unter den Juden, die an sich bereits ein Ucbcl ist, da die Feinde Ihrer Rasse aus dieser Spaltung für ihre Angriffe Profit ziehen werden. — Die Judenfeinde wissen im Notfälle die Angriffsgclcgcnheitcn zu erfinden, seien wir nun einig oder nicht. — Pardon, wenn Sic einen Block bilden, wird der Ansturm der Antisemiten sich leichter brechen. Sic sind eine vollkommen unbegreifliche Rasse. Die Juden, die man so prosaisch nennt, stürzen sielt in Utopien, in absolut unrcallsicrbarc Ideen. — Wer sagt Ihnen, dass das zionistische Ideal in den Bereich der Träume gehört? — Aber wir alle behaupten das. und ich glaube nicht, dass wir uns täuschen. Ihre Zionisten erschrecken die türkische Masse. Und unsere Elite wird niemals eine jüdische Konzentration in Palästina gestatten. Niemals, absolut niemals, so lange wir am Lehen sind, und ich glaube, wir stehen noch nicht mit dem einen F11s.se im Grabe, Wenn wir einer Judencinwandcrung günstig gesinnt sind, so ist cs nicht einzig darum, weil wir unsere Rechnung dabei finden werden. Die Juden werden uns offene Köpfe, materielle Hilfe bringen, sic werden sehr gute 0110 m a n i s c h c Untertanen abgeben, das ist alles wahr. Aber wir werden ihnen unsere Arme öifnen, um ihnen aus ihrem moralischen Elend herauszuiielfeii. Wir werden die Juden auch aus Tradition auf* nehmen. Ais das katholische Spanien sie verbannte, waren wir glücklich, sic aufzunehmen, und wir haben uns nicht schlecht dabei gestanden. Heute, da Runiänien sic allen Pflichten unterwirft, ohne ihnen irgend ein Recht zuzugestehen. sind wir erneut hereit, sie zu empfangen. Ich glaube, es ist ein menscliheiles Empfinden, dem Leidenden die Hände entgegenzustrecken. Wenn wir aber die Juden aufnehmen wollen, so geschieht das unter der Voraussetzung, dass wir s c I b c r die Gegenden a u s w ii h 1 c n, wohin sic einzuwandern haben werden. Sie kommen zu uns, und schon bevor sic kommen, stellen sic Bedingungen. Gestellen Sic, das ist zu anspruchsvoll. Sic verbergen nicht, dass sic als Nationalität mit fertigen Forderungen nach Palästina kommen wollen. Wir, die wir cenug zu tun haben mit den Ansprüchen der verschiedenen Nationalitäten, wir haben nicht die geringste Lust, uns neue Sorgen zu schaffen. Aber man vcrsnricht ja, nur ganz beschränkte Privilegien zu verlangen. Versprechen und Halten sind zweierlei. Und dann, die Privilegien sind wie eine Diltc Kirschen. Sie stecken die Hand hinein, um eine Kirsche licrauszuziehcn, und Sie sehen den ganzen Inhalt der Diltc sich hinterdrein schleppen. Und dann: hätten wir auch alle Versicherungen der Weit, wir würden cs doch zurUckwelscn, in Unterhund, lungen clnzutrctcn. — Aber. Dr. Nordau hat gesagt, wenn cs sein muss, so werden die Zionisten eben warten. Wir werden sie nicht daran hindern, zu warten. Sic können uns ebensowenig daran hindern, zu denken, dass Sie unrecht haben. Sio können auch Ebbuzzla Tewfik beispielsweise nicht hindern, den Zionismus anzugreifen. Sic können die ottomanisehen Juden nicht hindern, entgegengesetzter Ansicht