Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 38. JUEDISCHE RUNDSCHAU No• 4. die Esra-Logc zu Lübeck Im U.O.U.. .. deren Ex- Präsident er war und die er mustergültig leitete, hatte er ins Leben gerufen; zwei Jahrzehnte wirkte er als Vorstandsmitglied der indischen Gemeinde in Lübeck, die er auch auf der Versammlung des Deutsch-Israelitischen Ocmcindcbundcs und auf den Judentagen in Berlin vertrat, und gross Ist die Zahl der jüdisch-gemeinnützigen Vereinigungen ausserhalb Lübecks, denen er ein eifriger Förderer war. Vor allem aber war Dr. Adler Zionlstl Bald nachdem er Hcrzls Weckruf vernommen hatte, war er in die Reihen des Zionismus cingctrcten. Mit flammender Begeisterung erfasste er die national• jüdischen Ideale und mit frischem Enthusiasmus arbeitete er an ihrer Verwirklichung mit. Wenn es auch nicht in seiner bescheiden-zurückhaltenden Art lag, ein Rufer im Streite, ein Vorkämpfer zu sein, so leistete er dem Zionismus doch grosse und bc* deutende Dienste in stiller Werbearbeit. Seinem Einflüsse ist cs nicht zum wenigsten zu danken, dass die deutsche Misrachi-Födcration, deren Vizepräsident er war, immer neuen Zufluss bekam, denn seinem, des strenggläubigen Juden Beispiel schlossen sich viele an, die aus religiösen Erwägungen ferngeblicbcn waren. Ihm verdanken wir aber auch, dass der Misraclti sich eng in die bestehende zionistische Organisation cinfügtc und seinen Mitgliedern vorschreibt, den zionistischen Ortsgruppen beizutreten, kurz, dass die Misrachi-Pödcration ihre besonderen religiösen Interessen den allgemein• zionistischen (Irundsätzen anglicdcrt. Auch als Mitglied des deutschen Zentralkomitees der zionistischen Organisation war Dr. Adler immer auf dem Posten, sein Einfluss w־ar stets darauf ge• richtet, Gegensätze auszuglcichcn, und ein cinhcitliches Vorgehen zu ermöglichen. Nicht unerwähnt darf cs bleiben, dass •Dr. Adler einer derjenigen war, deren Takt und Geschicklichkeit cs gelang, auf dem VfL Kongresse die Einigung zwischen den poli• tischen Zionisten und den Zione Zion herbeizuführen. Er war einer unserer Treuesten und Besten! Seine Augen leuchteten• sein Antlitz strahlte wie verklärt, wenn er von unseren zionlstl• sehen Idealen sprach, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele war er unser. Und nun mussten wir ihn hergeben - Vor etwas mehr als zwei Jahren, nachdem er sein 25jähriges Jubiläum als Arzt gefeiert hatte, musste •ei seine Praxis in Lübeck nicdcrlcgcn, weil er unter der Lau seines Berufes zusummcngchrnchcu war und ein schweres körperliches Leiden sich fühl• har machte. Er siedelte ii'iclt Nordrach im badischen Schwarzwald über, begleitet von seiner trefflichen Gattin, der ihm gleichgesinnten Lebensgefährtin, die ihn mit aufopfernder Sorgfalt umgab, und übernahm dort die Leitung der v. Rothschild'schcn Lungenheil• Stätte, wo er weniger tiuficihcnde Arbeitslast hatte und doch einen reichen Wirkungskreis ausiüllcn konnte. Bis zu seinem Tode hat er dort segensreich gewaltet und Im Fluge die Herzen aller gewonnen; bis zu seinem Tode ist er auch uns treu geblieben: Et hat für den Zionismus und für das Judentum auch in Nordrnch unentwegt und mit voller Hingebung gearbeitet. Nun ist er dahingegnngen, dieser edle Mensch, dieser treue, echte Jude. Wir werden sein Andenken in Ehren halten und ihm Dankbarkeit bewahren für das, was er uns und der Mitwelt geleistet hat. Er wird in unserer Erinnerung fortlcbcn und uns ein Vorbild selbstlosester Pflichterfüllung sein, und wenn man die Besten unseres Volkes nennt, wird man auch Dr. Ephraim Adler nennen! Die Bestattung erfolgte am 24. Januar in Lübeck. Die Jüdische Gemeinde, zahlreiche Ercundc, Patienten und Vcrclircr des Heimgegangenen hatten sich in der Synagoge zu einer Traucrfclcr zusammciigefunden. Deputationen waren entsandt von dein Vor* stände der Lübecker Gemeinde, vom Berliner Rabbinerseminar, von der Oross-Logo U. O.B. ü., von der Esra-Logc, der Kaiscr-Priedricli-Logc, der Hcnry-Joncs-Logc, der Stcinthal-Logc* dem Zionlstl* sehen Aktionskomitee, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, und zahlreichen Ortsgruppen, von der Lübecker Acrztoschaft und vielen anderen Korporationen. Herr Rabbiner Dr. Carlcbach hielt eine ergreifende Trauerrede, In der er die Verdienste des Verewigten als Jude und Mensch hervorhob und dem Schmerze über den allzu frühen Heimgang in tief zu Herzen gehenden Worten Ausdruck gab. Auch Herr Rabbiner Dr. Emanuel Carlcbach Cöln verlieh der Trauer über den unersetzlichen Verlust in einem erschütternden Nachruf ergreifende Worte. Von tiefem Eindruck in ihrer Schlichtheit waren die Abschiedsworte, die Herr Dr. Hildesheimer- Berlin dem toten Freunde darbrachtc. Nach der Trauerfeier begleitete ein schier endloser Zug von Leidtragenden den Sarg nach Moisling zum Friedhöfe; der Lübecker Gemeinde. In der Frledhofallcc sprachen die Herren Rabbiner Dr. Rosenack- Bremen, Dr. Ephrnlm Carlehach-Lclpzlg, Dr. Joseph Carlebach-Borlin. Namens der zionistischen Organisatlon brachte Herr Dr. K a I m u s Hamburg die Betcurung unvergänglicher Dankbarkeit zum Ausdruck für das, was der Tote dem Zionismus geleistet hat. Für den Mlsrachi sprach Herr Hermann Struck- Dr, Ephraim Bdler Berlin wehmütige Ahsehiedsworte und gab bekannt, dass der Mlsrachi eine Dr. Ephraim Adler• Stiftung zu Gunsten der Tachkenomi-Schulc bc• gründet habe. Als die Absehicdsworlc verklungen waren, wurde der Sarg ln die Gruft gesenkt. Dumpf fielen die Erdschollen darüber, und bald bedeckte ein Orabhügcl, was an Dr. Ephraim Adler sterblich war. Herzl bcgrllsstc auf dem VI. Kongress den Heim• gegangenen mit den Worten: ״Wir wissen, was wir an Ihnen gewonnen haben!" Wir wissen, was wir an ihm verloren-— L. Liberale Judenmission Von Edmund L i c 111 c n s t c t n.*) Mein politischer Standpunkt ist dem meiner Freunde in diesem Verein in vielen Dingen fast diametral cntgcgcnstchcnd. Mein politischer Stand• Punkt befindet sich so weit links, dass es mit einem Schein von Recht als befremdlich betrachtet werden kann, wenn ich in diesem Kreise hier mit Gegnern zu gemeinsamer Arbeit mich zusammenge* funden habe. Aber nur mit einem Schein von Recht! Wir in der allgemeinen Politik des deutschen Volkes Linksstehenden haben auf unsere Fahne ge• schrieben: bürgerliche und religiöse Freiheit! In dem Kampf für volle religiöse Freiheit laufen die Bc• Strebungen dieses Vereins mit den Bestrebungen meiner Freunde aus der Politik dort draussen in der Welt zusammen! Wir bewegen uns also auf einer Linie. Auch die Liberalen fordern dem Wort• laut nach etwas Aclmliches, allein zwischen dem Wort und der Tut gähnt bei Ihnen eine weite un• übcrbrückbarc Kluft. Dafür ein Beispiel aus aller• jüngster Zeit! Die Liberalen fordern Trennung von Staat und Kirche und Trennung von Kirche und Schule! Wie verhält sich zu dieser Forderung das Vorgehen einer Leuchte des Liberalismus,• das Vorgehen des Prof. L. Geiger, der in der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums" wörtlich geschrieben hat: ״Es soll jüdischen Kindern zur Pflicht gemacht werden, an Wcihnachtsfcicrlichkcitcn der Schule tcilzunchmcn." Warum diese Pflicht auferlegt werden soll, wird nur mit allgemeinen Phrasen ganz verschwommen *) Referat des Herrn Fabrikdirektors Lichtenstein über die Weihnachtsbetrachtungen der Allg. Zelt. d. J., erstattet auf der Protcstvcrsammlung des Neuen Jüdischen Qemcindevercins. begründet, ln Wirklichkeit soll den jüdischen Kindern dieser Gewissenszwang aufcrlcgt werden, weil mit der Mehrheit geschwommen werden soll, weil, mit einem Wort, allgemeine Vcrwaschcnhcit die Parole der Zukunft sein soll. Pflicht ist Zwang. Zwang aber ist der Todfeind der Freiheit. Die Liberalen stehen also im Kampfe um die religiöse Freiheit nicht auf unserer Seitei Perr Prof. Geiger, das liberale Mitglied des Rcprüscntantcnkallegiums, wirft mit geradezu rührender Naivität die Frage auf: Glaubt man etwa, cs schade, wenn ein jüdisches Kind bei solcher Feier etwas hört vom Christbaum oder Weihnachtstcmpcl?! Weil die Frage gestellt ist, sei sie beantwortet. Ja, cs schadet, denn zu religiösen Bingen findet ein Kind unmöglich die richtige Distanz. Dafür ein Beispiel: Ein!^׳*jähriges jüdisches Mädchen wohnte einer Weihnachtsfeier in der Schule bei und kam mit vor Aufregung geröteten Wangen mit den! begeisterten Jubelruf nach Hause: ״Papa, es war so schön, so erhebend, das ich mich hätte auf der Stelle taufen lassen können!" Gibt solch verbürgter Vorgang nicht zu denken?! Zeigt solch Ereignis nicht, wohin der Weg führt, auf den die Phrasen liberaler, gedankenloser Gleich• macherei notgedrungen führen müssen?I In dem ganzen Artikel des Herrn Prof. Geiger steht unendlieh viel, aber es steht nichts darin, nichts von d c m Rechte, das mit uns geboren! Und alles dies in einer Zeit, da der Antisemitismus siel! sogar in den Reihen der Sozialdemokratie bemerkbar macht, in einer Zeit, du ein sozialdemokratischcr Stadtverordneter cs wagen dar{, einem ihm widerstrebenden jüdischen Kollegen zuzurufen: ״Wandern Sic doch nach Palästina aus!" Aber weiter! Herr Geiger malmt: Mögen die Schulbehörden sich fragen, ob sie durch ihre Massnahmen nicht eine verderbliche und gefährliche Trennung unter den Kindern zarten Alters entstehen lassen. Gefährliche und verderbliche Trennung? — Ich halte diese Trennung so lange weder für gefährlich noch für verderblich, so lange das Wort nicht zur Wahrheit geworden, das schöne Wort: ein Hirt und eine Herde! Ja, ich meine, die Trennung, welche die Schulbcliördc markiert hat, ist das Gegenteil alles dessen, was man gefährlich und verderblich nennen kann. Diese bewusste Trennung ist besser als verwaschene Gleichmacherei! Eine Gleichmacherei aus Opportuniiätsgründen — und andere führt Herr Geiger nicht an I — eine solche GI c i c h tu a e h c r c i ist gefährlich und verderblich! Ich selbst stam! einst unter Jem Wcilmuchtshuum und fuhrt!: spater aucii meine Kinder duriir.ttr! Das war im Zeitalter der Gedankenlosigkeit! Mein guter Vater ging von dem Gesichtspunkt aus, die Kinder sollten nicht in die peinliche Lage kommen, auf die Spielgefährten aus anderen Konfcssinncn mit neiderfüllten Blicken zu schauen, wenn das ״Christkind ciiibeschcrte". icli selbst hielt an dieser Ansicht fest, denn die Kinderstube wirkt m allen Menschen machtvoll nach. Aber ich licss diese Ansicht fallen, uis mich der Antisemitismus mit seinen wilden Gehässigkeiten weckte’ Heute stehe ich auf dem Standpunkt: unsere Kinder sollen zuschcii können, wenn andere beschenkt werden, unser!' Kinder müssen ohne Neid danebenstehen können, wenn einer Freude Widerschein ans den Augen andersgläubiger Gefährten leuchtet, einer Freude, von der sic als Juden ausgeschlossen sind! Die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens -• darüber müssen wir uns klar sein! — leben wie alle Juden unter gewittcrschwcrcin politischen Himmel, und wenn die Gewitter auch nicht nur im Osten zur Entladung kommen, zuweilen beleuchtet ein fremdartiger Blitz doch grell auch die Situation, in der wir uns in Deutschland befinden! Und trotzdem will Herr Geiger sich und seine 'Glaubensgenossen entmannen und jede Trennung beseitigen, wenigstens sagt er: ״Wir wollen unserem Glauben treu bleiben, aber wir wollen die Kluft nicht vergrössern, die zwischen־ uns und unseren andersgläubigen Mitbürgern bestellt, und wollen nicht dulden, dass unnötige Scheidewände aufgeführt werden, dass unser Recht und das Recht unserer Kinder vcrkümmert wird." Wie heroisch das klingt! Aber welches Recht ist gemeint, dem die Verkümmerung droht? Das Recht, sich zwingen zu lassen! Die Pflicht, einen Gewissenszwang auf sich zu nehmen. Man könnte sich versucht fühlen, eine Satyre zu schreiben! Herrn Oeiger müssen allgemein menschliche Dinge in eigenartigem Lichte sich zeigen, schreibt er doch: ״Es erfahren fotzt durch Trennung beim Re* liglonsunterricht die Kinder schon im frühen Alter,